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und nur mit seinen eigenen Kräften die Last eines Krieges gegen die überwiegende Majorität der deutschen Nation führen müssen. Und auch König Ferdinand konnte dem Bruder nur den Rath ertheilen, die Vereinbarung ohne Weiteres anzunehmen: er suchte den Kaiser durch eine in brüderlichem Tone gehaltene Zusdrift vertraulichen Meinungsaus: tausches dafür zu gewinnen25). Wenn er dem Bruder dabei vorredete, daß auch seine Neigung ihn lieber zu einem energischen Kriege gegen den Aufstand treibe, so segte er doch auch sofort hinzu, wie unmöglich in diesem Augenblicke ein solcher Krieg sei; auch er beschwor den Bruder, einstweilen der Nothwendigkeit nachzugeben und die vorgelegten Bedingungen anzunehmen; es werde sich ja leicht, wenn man erst die französische Macht besiegt habe, Gelegenheit bieten, auch in Deutschland das augenbliglich Aufgegebene wieder einzubringen und die aufgeschobene Rache an dem treulosen Fürsten später nachzuholen.

Aber Alles hat auf den Kaiser keinen Eindruck gemacyt. In seis ner Rücäußerung hatte er eine Reihe von Bedenken vorzubringen, aber alle einzelnen Einwendungen überwog bei weitem der prinzipielle Anstoß, den er an jenen religiösen Vorschlägen finden mußte 25). Er gab wohl zu, daß er augenblicklich weder die Mittel noch die Neigung habe, die Protestanten mit Krieg zu überziehen, aber er wollte sich nicht die Verpflichtung auflegen lassen, für immer auf dies letzte Ausfunftsmittel zu verzichten. „Rein Stand würde," rief er aus, „sich von seinem Glauben trennen, das Interim würde zu Boden fallen, alle religiöse Vergleichshandlung würde unnüß sein, wenn nicht ein Zwang in Aussicht stände.“ Ueberhaupt machte er den rechtlichen Gesichtspunkt geltend, daß er einen Reichstagsschluß nicht einseitig umstoßen dürfe; er trug darauf an, die Frage auf den nächsten Reichstag zu verschieben; er wollte sich gerne dazu verpflichten, genau das zu befolgen, was man dort auf ordnungsmäßigem Wege (d. h. durch Uebereinkunft res Kaisers und aller Stände) an den bestehenden Ordnungen ändern werde. Karl war damals entschlossen, nicht weiter nachzugeben, sondern in etwa drei Wochen schon die Protestanten mit Gewalt zu überfallen. Und wir lernen sein Verhalten genau kennen in der dreifachen Alternative, die er dem Bruder zur Begutachtung und Beschlußnahme vorlegte: entweder würden die Stände sich jenen Aenderungen des vorgeschlagenen Vertrages fügen und so des Kaisers Auš

25) Ferdinand 22. Juni. ebd. 279. 287. 26) Karl 30. Juni. ebd. 312 fi.

kunft billigen ; oder es sollten Karl und Ferdinand die Verhandlungen abs brechen und sofort zu den Waffen greifen; oder er wollte auch dem Könige es gestatten, den Passauer Vertrag, wie ihn die Stände vereinbart, auf Grund der allgemeinen Vollmacht, die ihm ertheilt war, anzunehmen, aber dabei behielt Karl sich vor, seinerseits nicht an den Vertrag gebunden zu sein: wenn Ferdinand und Mar ihm sofort diesen geheimen Protest gegen den Vertrag beglaubigen würden, wollte er Deutschland ihnen überlassen, wollte er eine bessere Gelegenheit abwarten, dieses schändliche Machwerk durch seine Thätigkeit zu zerreißen. Es war ein Ausweg, dieser kaiserlichen Politik würdig, ein gewissenloses Spiel mit Verträgen, das neuen unheilvollen Krieg über Deutschland hereingezogen hätte.

König Ferdinand wurde durch diese Antwort des faiserlichen Bruders auf8 heftigste erschreckt. Die kaiserlichen Agenten in Pasjau selbst, wie sehr sie auch die Heiligkeit dieser Pläne des Raisers preisen mochten, fanden die Sache höchst gefährlich und bedenklici 27): da der

Fürstenbund die Vorschläge der vermittelnden Fürsten rundweg angenommen, so bleibe dem Kaiser keine Aussicht auf Hülfe des Reiches, ja, die größten Gefahren würden dem Kaiser entstehen. Und Ferdinand eilte ichleunigst zu dem Bruder nach Villach. Er hat dort persönlich ihn zu bewegen gesucht, von diesem prinzipiellen Widerstande abzulassen; er hat ihn auf die Gefahren der habsburgischen Stellung aufmerksam gemacht; er hat in den lebendigsten und dringendsten Vorstellungen auf das sichere Unheil hingewiesen, das seine Regierung in Ungarn durch den immer bedrohlicher aufsteigenden Türkenanfall treffen werde. Aber auch diese Zureden haben die prinzipiele Abneigung des Kaisers vor dem Religionsfrieden nicht zu überwinden vermocht. Er gab nur das Eine nach, daß er einstweilen, für diesen Moment die Protestanten nicht bedrängen werde; er kam dabei auf die Behauptung zurück, daß sobald als möglich ein Reichstag zusammentreten folle, dem man ebensowohl das Verfahren in religiöser Hinsicht als die Erledigung ter Reichsbeschwerden vorbehalten könne; und bis zu diesem Reichtstage verpflichtete er sich, keinen Schritt gegen die Gegner zu thun 28).

Das war die äußerste Grenze, bis zu der die Nadygiebigkeit des Haijers gehen konnte. Wie wir in seinem Verhalten vor dem Schmalfaldener Kriege es beobachtet haben, so hat er auch hier eine momen

27) Rye und Seld. 6. Juli. ebd. 349 .

29) Verabredung zwischen Ferdinand und Karl. ebd. 358; Karl an Maria 16. Juli. ebd. 377.

tane Nachgiebigkeit zugestanden, aber an den Grundsäten seiner kaiserlichen Stellung, wie sie seine Seele erfüllten, hat er unerschütterlich festgehalten.

Ferdinand sah ein, daß weiter Nichts zu erreichen war; er kehrte sofort nach Passau zurück, und es gelang ihm hier, die Vermittler alle zu diesen vom Naiser abgeänderten Vertragsartikeln zu bewegen. Am 16. Juli durfte das Resultat seiner Anstrengungen verkündet werden. Ferdinand war da im Stande einen Bevollmächtigten zu Kurfürst Moriß und seinen Verbündeten in ihr Lager zu senden. Aber auch hier gab es Bedenken, ob man sich bei diesen Zugeständnissen eines begränzten Friedens beruhigen sollte. Endlich, nach tagelangen Berathungen, vielleicht auch durch eine eben vor Frankfurt erlittene Niederlage herabgestimmt, nahm Moriß am 2. August den Vertrag an, so wie Karl und Ferdinand ihn aufgeseßt hatten 29).

Auch in dem Bunde der Fürsten war man nicht algemein mit diesem Abschlusse zufrieden. Der Markgraf Albrecht wies ihn zurück, er stellte dem Kaiser seine besonderen Bedingungen, die aber so maßlos erschienen, daß man ohne weiteres sie abwies 30). Morig tagegen ver: sprach Ferdinand sofortigen Zuzug zum Türkenkriege. Als Morig und Ferdinand fich persönlich in Passau begegnet waren, war beiden die Nothwendigkeit klar geworden, daß man Deutschland wirklich beruhigen müsse und daß man den Dsten des Reiches gegen den Türken zu schüßen verpflichtet sei. Die Rücksicht auf das Wohl der Nation war es, in der beide Fürsten sich vereinigten, und die zuletzt den Fürstenbund zur Annahme auch dieses beschränkten Friedens bewog. Es war immerhin eine große Errungenschaft, daß man diesen Kaiser, der die alte Naiser: gewalt in neuer Macht herzustellen mit Glück versucht hatte, zu einem zeitweiligen Verzicht auf seine Errungenschaften gezwungen, daß man für die nächste Zeit Frieden in der Nation und Toleranz der beiden Religionen sogar diesem Kaiser abgerungen hatte.

Aber als man glaubte zu Ende zu sein, entstand plötzlich nochmals ein Hinderniß. Wie Karl niemals diesem Passauer Vertrage geneigt war, so sprach er jegt plötzlich dem Bruder die Absicht aus, schließlich den Vertrag doch nicht zu ratifiziren: er meinte, die Gelegenheit sei günstig, über das Heer des Fürstenbundes herzufallen, die aufgeschobene Strafe sofort an Moritz zu vollziehen 31). Hatte er doch auch zuleşt,

29) Heinrich von Plauen 2. August 1552. eod. 409.
30, Voigt I. 326. ff.
31) Ueber dies lette Intermezzo die Akten bei Lanz 424. 437. 439. 456. 480.

als er in Villach den Bruder entlassen, ihm noch einmal von einem geheimen Proteste gegen alle Concessionen an die Gegner geredet; – und wir sind in der That nicht im Stande, mit Sicherheit anzugeben, ob nicht nachher noch ein solcher Protest aufgerichtet worden ist, oder ob es bei dieser Leußerung geblieben 32).

Ferdinands Bestürzung bei diesen Erklärungen seines faiserlichen Bruders war auf's höchste gestiegen. In flehenden Briefen, in demüthigen Bitten bestürmte er den Sinn Karl8, ihn nicht einem sicheren Ruine preiszugeben. Und Karl selbst mußte zulegt einsehen, welche Gefahren ihm ein solches unerwartetes Vorgehen bringen könne: er faßte den Beschluß, zunächst die gesammelte Heeresmacht gegen Frankreich ins Feld zu führen, er entließ den Landgrafen von Hessen aus seiner Haft und gab auch Johann Friedrich gegen das Verspreche! friedlichen Verhaltens zu Morik frei; er war geneigt, in einigen Punkten den Deutschen zu Gefallen zu sein, einzelne Abänderungen in jeiner Regierung zu treffen; er gewann es sogar über sich, als er in Augsburg einige Tage verweilte, ein Paar lutherische Prediger zu dulden: er hat am 15. August den Passauer Vertrag unterschrieben.

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32) Die erste Notiz von einem Proteste Karl'8 gegen den Passauer Vertrag theilte G ad ard mit (Correspondance de Philippe II. Rapport à Mr. le ministre de l'interieur p. 190 ff.) Darnad, ist die Sache folgende: Am 3. November 1568 äußerte Granvella an Philipp, der Kaiser habe, seine Nachgiebigkeit an Ferdinand bereuend, in den Niederlanden durch ein ausführliches Document den Vertrag zurücgenommen; dies deutsche Aktenstüď jei von ihm eigen= händig unterschrieben, durch Seld gegengezeidynet, aber nicht untersiegelt; denn Ferdinand habe dem sofort widersproden und einen solchen Sdritt als den Ruin seiner deutschen Herrschaft bezeichnet; und in Folge davon sei die Publikation unterblieben. Auf Philipp’s weitere Nachfragen (12. März 1569) ward ießt der Befehl ertheilt, in den Niederlanden nach diesem Documente zu suchen (Granvella. 22. April 1569); – aber ob man es gefunden und wie es sich weiter damit verhalten, darüber ist auch mir keine Notiz aufzutreiben möglich gewesen. (Von den beiden Schreiben vom 3. November 1568 und 12. März 1569 findet sich ießt ein Abdrud bei Döllinger 647 und 649.) Id gestehe, der Vorgang, wie Granvella ihn erzählt, ist sehr wahrscheinlich, aber ich möchte ihn doch noch nicht als ein sider geste Utes Faftum behaupten. Daß Karl schon vorher die Idee geäußert, in folder Weise fich zu helfen, beweisen die oben berührten Stellen bei Lanz III. 326 und 360.

Dieser Passauer Vertrag ist noch nicht der dauernde Rechtsboden für Deutschlands Entwicklung gewesen, er ist noch nicht als die reife Frucht der Bestrebungen unserer Nation in der Reformationsepoche anzusehen; aber wenn man in Passau auch nicht das Höchste erreicht hat, so hat man doch einen großen Schritt vorwärts gethan auf der Bahn, die zu der definitiven Lösung der Frage hinführen mußte.

Wir konnten verfolgen, wie die Entwickelung der religiösen Frage in unserer Nation immer bestimmter den Charakter annahm, als ob Selbständigkeit der einzelnen Staaten in der Religion, und als ob religiöse Toleranz das Endresultat der Entwickelung sein werde. Und wenn die kühne Politik des spanischen Habsburgers für eine Zeitlang diese Entwickelung durchbrochen und ihre eigenthümlichen Gesepe starrer Religionseinheit und straffen Religionszwanges der Nation auferlegt hatte, so waren jetzt diese Ergebnisse der kaiserlichen Politik durch die Sæläge des Aufstandes zertrümmert und in dem Passauer Vertrage zu Grabe getragen. Das gerade ist, wie ich meine, die Bedeutung dieses Passauer Vertrages, daß die Zwangsgesege, die Kaiser Karl nadi seinem Siege über die Protestanten erlassen, wieder aufgehoben, ja daß überhaupt die Wirksamkeit der kaiserlichen Politik von der deutschen Nation entfernt worden ist.

Wenn der Passauer Vertrag die einstweilige Gleichbereditigung der römischen und der lutherischen Religion ausspracy, so stellte er damit das Gesep einstweiliger Toleranz für diese gleichberechtigten Religionen auf. Und es war nicht ein Machtgebot höheren Willens, das diese Bestimmungen dictirt hatte, nein, es war das Bedürfniß der Nation

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