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Mystik ist kein eigentliches Wissen, keine Theorie, keine Vernunftspeculation. Alles muß bei dem echten Mystiker Erfahrung seyn, Erfahrung von Glaube und Liebe. „Ueberall redet die Liebe," sagt der heilige Bernard, *) „und wenn Iemand von dem, was geredet wird, Kenntniß haben will, so liebe er, sonst versteht er Nichts." Und gilt dies nicht von aller Liebe? „Diese Weisheit," sagt Bonaventura, **) ist darin von allen andern Wissenschaften verschieden, daß man in ihr erst den Gebrauch in sich kennen muß, ehe man die Worte versteht. Die Praxis geht vor der Theorie her." — „Um menschliche Dinge zu lieben, muß man sie erst kennen", sagt Pascal; „aber um göttliche Dinge kennen zu lernen, muß man sie erst lieben." Und wie wahr ist es, so sonderbar es auch lauten mag! Nur Liebe öffnet den feinen Sinn, durch den das eigentlich — Göttliche in einem Wesen, in der Natur, in dem Menschen und in Gott erkannt wird. Mit welch anderem Auge sieht der Mensch die Natur und die Menschen an, wenn er liebt! Alle Romane sind ja voll von den Veränderungen des Blicks, die die Liebe schafft. Nur das Ge

») In der 79. Predigt über das Hohelied.

") In der Vorrede zu seiner mystischen Theologie.

meine, Zerglicderbare erkennt der Verstand. Das Höhere, Göttliche wird nur durch das Gemüth erfaßt , und es hat seine wahre Genialitat, wenn der Mensch liebt. Es geht nicht an, daß man durch den Verstand empfinde, aber man kann denken durch das Herz. Alle darum, die nicht von Erfahrung ausgehen und lehren wollen, was sie nicht erfahren haben, zeigen, daß ihnen Gott eigentlich fremd ist, daß sie ihn eigentlich in seiner Göttlichkeit noch nicht erkannt haben. Nur der, der lieb hat, ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht lieb hat, kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. *) Wer dies Wort Iohannes versteht, dem brauche ich Nichts weiter zu sagen. Es enthält die tiefste Mystik, die je in Worten ausgedrückt ward. Was ich indeß sagte, daß Gelehrte in der Regel weniger zu wahrer Mystik fähig seyen, leidet Ausnahmen; auch sagte ich nicht: ganz unfähig, sondern nur: weniger fähig. Daß Iesus seine Schüler nicht unter den jüdischen Gelehrten wählte, sondern unter der geringern Menschenelafse, das hatte seine Ursache offenbar darin, daß er in dieser mehr kindlichen Sinn fand als in der gelehrten Classe. Pries er ja darum seinen Vater, daß der Geist

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seiner Lehre den Weisen und Klugen verborgen und nur den Unmündigen, den Kinderseelen offenbart worden sey. *) Und doch gab es Ausnahmen zu allen Zeiten. Unter den Fischern und Zöllnern gab es auch einen pharisäisch gelehrten Paulus, und in der Folge gab es Gerson's, Hugo's, Arnold's, Fenelon's, die ihre Gelehrsamkeit brauchten zu dem heiligen Zweck.

„Aber kann man denn mehr seyn als ein Christ?" fragte mich neulich ein Freund, der aller Mystik »bhold ist und sie für blanke Schwärmerei hält. „Nein," antwortete ich ihm; „aber es gibt Grade im Christenthum." Man kann auch nicht mehr seyn als ein Mensch; aber es gibt Eskimaux und New ton's, Antonine und Nero's, Ma zarins und Bernstorfs, und Alle sind Menschen. Freilich gibt es «dliche Christen, die keinen Sinn für Mystik haben. Ueberhaupt scheinen Anfänger im Cyristenthume noch nicht dazu zu taugen; aber doch ist der Keim dazu in ihnen, wenn sie nicht wie Thomas vom Schauen zum Glauben, sondern vom Glauben zum Schauen übergehen wollen. Doch, über den Glauben nächstens Mehr!

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Sieben und zwanzigster Brief. An denselben.

Eigentlich hätte ich Sie schon in meinem vorigen Briefe erinnern sollen, ihn gemeinschaftlich mit Ihrer trefflichen Gattin zu lesen, weil solche Weiber Manches durch ihr Herz verstehen, was uns trotz allem Verstande nicht gewiß werden kann, weil es dem Verstande nicht klar ist. — Wie? gäbe es für den feinsten Blumenduft eine Beschreibung, eine Zergliederung, ein Wort? Er kann nur eingesaugt, genossen, aber nicht beschrieben werden. — Indeß gehören Sie nicht zu den Mannern, die blos Verstand sind; sonst hätte ich keinen Brief über Mystik an Sie gerichtet. Aber Ihre Gattin kann doch vielleicht manche Taste in Ihnen berühren, die ohne Sie unberührt geblieben wäre. So ist's mit der Liebe, der eigentlichen Virtuosität der Weiber; so ist's auch mit dem Glauben, diesem unzertrenulichen Bruder oder Vater der Liebe. Auch diesen Brief lesen Sie also gemeinschaftlich mit ihr, da er Ihnen Zeugnisse der Mystiker darüber vorlegen soll. Ich nannte Glauben den Vater der Liebe, und ich wiederhole es. Ohne Glauben gäbe es keine Liebe, wenigstens keine zu Gott und zu Iesus. Je erhabener ein Wesen ist, je mehr wir diese Erhabenheit fühlen, desto weniger wagen wir, sich ihm zu nähern. Seine Erhabenheit blendet wie Sonnenglanz am Sonnenmittag unsere Augen; sie wirft uns wohl ihm zu Füßen, aber nicht an sein Herz. Es muß uns zuvorkommen, sich uns nahen durch Liebe, ehe wir den Muth fassen, es zu lieben. Und wir müssen an seine Liebe glauben. Ohne diesen Glauben wirkt seine auch wärmste Liebe nicht auf uns. Sie eristirt für uns nicht. So läßt sich's denn zum voraus erwarten, daß den Mystikern der Glaube Alles gelten muß, weil ihnen nur durch ihn die Liebe möglich wurde, die sie ganz erfüllt. Ihr gänzliches Hingeben an Gott ObÄnclou) ihre Willenlosigk«it, ihr Absterben allem Ich, Mir, Mein, zeugt von dem vollendetsten Glauben. Wie stark drücken sie sich darüber aus! Clemens von Alexandrieu sagt:

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