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mit der Bibel übereinkommt, besonders mit Iohannes, (Ioh. 1, 1 — 5. 18, wo es aber Böhm offenbar nicht fand.) „Der heilige Geist ist der heilige, wallende Freudenquell in dem ganzen Vater; ein lieblich sanftes und stilles Sausen aus allen Kräften des Vaters und des Sohnes." (Wie viel biblischer, natürlicher, als wenn man aus dem Geiste eine Person macht!) „Alle Dinge in der Welt sind nach dem Glcichniß dieser Dreiheit worden. In einem Holze, Kraut :c. sind drei Dinge: j) Die Kraft, daraus ein Leib wird; 2) ein Saft, das ist das Herz eines Dinges; 3) eine quellende Kraft, Geruch oder Geschmack, das ist der Geist eines Dinges, davon es wachst. So nun unter den Dreien Eins fehlt, so kann das Ding nicht bestehen." (Denken Sie dabei an das Biblische: Geist, See! und Leib, was keine bloßen Worte sind.) Sie werden nun genug von Böhm wissen, um zu ahnen, weß Geistes Kind er ist, daß zwar seine Darstellungen abschreckend genug sind, daß er sich auch verwirrt, wenn er tiefer in die Wahrheiten oder Anschauungen eindringen will, daß man aber sehr unrecht oder oberflächlich urtheilt, wenn man die genialischen Blicke in Natur und Menschheit nicht sieht, die sich offen blos in seinen Schriften finden. Sie werden zugleich ahnen, in wie weit man Böhm einen Schwärmer nennen kann. Er kann allerdings so heißen in dem Sinne, in dem man dieses Wort gewöhnlich nimmt. Es wäre dann aber auch kein Schimpfwort, da man Ieden, der etwas Höheres als Essen, Trinken und Sinnengenuß kennt und sucht, einen Schwärmer zu nennen pflegt. Indes hat doch Böhms Schwärmerei, wie alle, Etwas mit der Philosophie gemein, daß sie auch nach dem Absoluten strebt, ja in ihm lebt und webt. Nur wird es bei dem Schwärmer nicht erkannt. Er fühlt wohl seine Einheit mit ihm, aber es bleibt bei ihm blos subjectiv. Er ist sich des Göttlichen nicht mit Klarheit bewußt. Er kann es nicht entwickeln, sondern beruft sich auf Gefühle und Empfindungen des Göttlichen, die er keinem Andern mittheilen kann außer dem, der die nämlichen Anschauungen und Empfindungen hat. Und will er sie mittheilen aus innerem, unwiderstehlichem Drange wie Böhm, so geht es ihm, wie es diesem gegangen ist; er geht von einer ziemlich klaren Idee aus, trifft manches glücklich erläuternde Bild, verwickelt sich aber bald so, daß nur der gleich Organisirte ihm nachfühlen kann.

Nun genug, und vielleicht zu viel von diesem allerdings außerordentlichen Manne, den nur Flachköpfe für einen Narren, und nur Schwachköpfe für ein Vrakel erklären können.

Funfund zwanzigster Brief.

An die Gräfin D.

Tic sagen mir, Ihr Freund R. habe Ihnen Einiges aus Fenelon's Briefen vorgelesen, habe Sie zum Lesen des Thomas von Kempen ermuntert, Sie haben ihn gelesen und wieder gelesen und seyen durch ihn mehr als durch irgend eine Erbauungsschrift ergriffen und angezogen worden. In Ihrer Phantasie stehe nun das Bild eines echten Mystikers, wie Fenelon, Thomas und Mehrere waren; und Sie wünschten zu wissen, ob und in wiefern es ein bloßes Ideal oder Wahrheit sey. Liebe Freundin! ich kenne Ihre schöne und reiche Phantasie. Wie oft hat sie mir wohlgethan, wenn wir durch den schönen Park in W. wanderten, manche kleine Anhöhe bestiegen, in die so mannichfaltig schöne Ferne blickten, und Sie die ganze Gegend durch Ihren Blick, Ihren Aufblick von der schönen Erde zu dem schönern Himmel durch ein Paar sinnvolle, den Himmel mit der Erde verbindende Worte mit einem Regenbogen-Nimbus verklärten. Ich zweifle also gar nicht, daß Ihre Mystiker ätherisch schöne Ideale sind. Allein Sie wollen Wahrheit, und ich will Ihnen nur Wahrheit geben. Wenn mich der hohe, heilige Sinn dieser Menschen manchmal erwärmt, daß mir Andere — Sie nicht! Wie könnten Sie es? — wohl sagen möchten, wie Festus: „Paule! du rasest," so fühlen Sie gewiß mit mir, daß man ein Castrat an Sinn und Herz scyn muß, wenn man bei gewissen Darstellungen nicht warm wird. Die Wahrheit soll dabei nicht verlieren, sondern gewinnen.

In jedem Menschen, der zu einem Menschen heraufgebildet ward und sich nicht verbildet hat, liegt der Embryo zu einem Mystiker, d. h. er ist organisirt, einen inneren Menschen in sich zu beobachten , eine innere Stimme zu hören. Sie ist nicht das Gewissen, ob sie gleich oft durch das Gewissen spricht. In ihm ist eine Sehnsucht nach irgend etwas Höherem, Göttlichem, wenigstens Unvergänglichem, die sich besonders bei dem Verlust eines geliebten Wesens mächtig in ihm regt. Wenn er sich seiner innigsten Empfindung einigermaßen bewußt ist und sie durch Worte bezeichnen kann, so fühlt er, daß er einen Gott bedürfe, ihm so nahe wie einen Freund, oder einen Freund, so machtig wie Gott. Es muß ein Individuum, eine Person seyn. Wie könnte er sich nach einem Abstractum, nach dem Universum sehnen? das Universum bedürfen? Erziehung, Lage, Umstände, Geschäfte, Zerstreuung mehren oder mindern diese Anlage. Grobe Sinnlichkeit, sich aufbäumender Ehrgeitz, Ueinliche Eitelkeit oder drückende Nahrungssorgen können sie ersticken. Der Mensch fühlt indeß immer das Bedürfniß, aber er sucht es durch kleinliche Erdendinge zu befriedigen. „Die lebendige Quelle hat er verlassen und gräbt sich löcherige Brunnen in der Wüste, die kein Wasser haben." *) Das Bedürfniß nach etwas Höherem kann also erstickt, es kann wegvernünftelt, durch Zergliedern und kleinliches Begrübeln in seiner Totalität vernichtet werden; aber es war da, so gewiß Denkkraft und Fähigkeit zu lieben auch bei dem abgestumpftesten, zu Thiersinn herabgesunkenen Menschen da war. Lassen Sie uns nicht darüber streiten, ob es Prädestination oder eigene Schuld war. In den meisten Fällen war es Beides zugleich. Indeß drängt sich bei gar Manchen, auch aus

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