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6 der Rhetorik. Dies geht sowohl aus der ganzen Darstellungsform in seinem Geschichtswerke, besonders in den Reden, als auch aus Stellen bei anderen Schriftstellern hervor, in welchen von ihm gegebene Regeln und Anweisungen über rhetorische Verhältnisse angeführt werden 1. Dafs Livius auch später diesen Studien nicht fremd geworden sei, zeigt die Stelle aus einer Zuschrift von ihm an seinen Sohn bei Quintilian 10, 1, 39: fuit igitur brevitas illa tutissima, quae est apud Livium in epistula ad filium scripta, legendos Demosthenen atque Ciceronem, tum ita, ut quisque esset Demostheni et Ciceroni simillimus; dagegen läfst sich nicht mit Sicherheit behaupten, dafs er selbst einmal als Lehrer der Rhetorik und Philosophie thätig gewesen sei. Am meisten und längsten hat ihn natürlich seine Geschichte des römischen Volkes beschäftigt, welcher er mit immer gleicher Hingebung seine Zeit und Kraft widmete.

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Das Werk beginnt mit der Ankunft des Aeneas in Italien und reichte wahrscheinlich bis zum Tode des Drusus, 745 d. St. 9 v. Chr.; denn dies ist das letzte Ereignis, welches aus demselben erwähnt wird, und es liegt kein bestimmter Beweis vor, dafs Livius über diesen Zeitpunkt hinausgegangen. Zwar hat man daraus, dafs das Kompendium des Florus bis zum Tode des Augustus reicht, schliefsen wollen, dafs auch die Geschichte des Livius erst hier aufgehört habe; allein es ist nicht zu übersehen, dafs Florus fast in jedem Abschnitte neben Livius andere Quellen benutzte, also die wenigen Thatsachen, welche er nach dem Tode des Drusus hinzugefügt hat, aus diesen entlehnen konnte, sich auch in der Stelle nichts findet, was darauf hinführte, dass es aus Livius genommen sei. Dagegen ist zu bezweifeln, dafs Livius die Geschichte nur bis zum Tode des Drusus habe fortführen wollen, da dies Ereignis nicht so bedeutend ist, dafs es als würdiger Schlufspunkt eines so grofsen Werkes betrachtet

merare possis quam historiae, et ex professo philosophiam continentis libros, wo ihm die nächste Stelle neben Cicero, nach dessen Muster vielleicht diese Schriften verfafst waren, und neben Asinius Pollio eingeräumt wird.

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1 z. B. Quint. 2, 5, 20: Cicero et iucundus incipientibus quoque et apertus est satis nec prodesse tantum sed etiam amari potest, tum quemadmodum Livius praecipit ut quisque erit Ciceroni simillimus; vgl. 8, 2, 18; Seneca contr. 9, 2 (25), 26, p. 410, 21 K: Livius de oraloribus, qui verba antiqua et sordida consectantur et orationis obscuritatem severitatem putant, aiebat Miltiaden rhetorem eleganter dixisse: ἐπὶ τὸ λεξικὸν τὸ δεξιὸν Hertz, Madvig; τῶν λέξεων Haase, Haupt) paivor tai; vgl. 9, 1 (24), 14, p. 399, 4 K.

werden könnte; vielmehr scheint er durch den Tod oder andere Verhältnisse gehindert worden zu sein, sein Werk abzuschliefsen. Als Ziel hatte er sich allerdings wohl den Tod des 7 Augustus gesetzt, ein Ereignis, welches auch Tacitus als so wichtig betrachtete, dafs er seine Annalen mit demselben begann, das Livius aber um so lieber als den Schlufsstein seiner Geschichte wählen mochte, je mehr er Augustus als den Begründer der neuen Ordnung der Dinge und als seinen Freund und Beschützer achtete und seine Verdienste um den Staat anerkannte. Auch die Zahl der Bücher würde so mehr abgerundet, vielleicht bis auf 150 gestiegen sein, während sich jetzt nur Spuren von 142 volumina oder libri finden. Indes ist schon diese Zahl so bedeutend, dafs sie kaum in einer anderen Schrift des Altertums erreicht wird, und die Bemerkung Martials Ep. 14, 190:

pellibus exiguis artatur Livius ingens,

quem mea non totum bibliotheca capit vollkommen gerechtfertigt erscheint.

Wir besitzen von dem gröfsten Geschichtswerke der Römer nur noch Bruchstücke, nämlich nur 35 von den 142 Büchern, und von diesen das 41. und 43. unvollständig; die Bücher 11-20 und 46-142 sind uns durch die Ungunst des Schicksals, wann und wie ist unbekannt, entrissen worden. Bis in das siebente Jahrh. n. Chr. finden sich einzelne Anführungen aus Büchern, die jetzt nicht mehr existieren; aber schon im Mittelalter scheint man keine anderen als die auch uns erhaltenen gekannt zu haben. Die Hoffnung, dafs hier oder dort die fehlenden Bücher sich finden würden, ist oft angeregt, aber bis jetzt immer getäuscht worden, und es lässt sich wohl kaum erwarten, dafs wir je in den Besitz des ganzen Werkes kommen werden, wenn auch kleinere Stücke, wie es namentlich 1772 und mehrfach in den letzten Jahren geschehen ist, entdeckt werden mögen. Einen dürftigen Ersatz für den unersetzlichen Verlust bieten die Periochae, welche lange, aber ohne Grund, dem Florus, wahrscheinlich weil dessen Werk Epitomae de T. Livio betitelt war, beigelegt wurden. Diese Periochae sind in späterer Zeit abgefafste Inhaltsangaben, in welche für rhetorische Zwecke angelegte Verzeichnisse von hervorragenden Tugenden und Lastern verwebt sind, und erstrecken sich (von den Büchern 136 und 137 fehlen jetzt die Periochae) bis zum 142. Buche. Ein zweiter Auszug, mehr chronologischer Art, der von Iulius Obsequens bei der Aufzählung der Prodigia und von Cassiodor für seine

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Liste der Konsuln benutzt worden zu sein scheint, ist verloren

gegangen.

Über den Titel des Werkes ist man lange in Zweifel gewesen. Es könnte scheinen, als ob Livius dasselbe Annales genannt habe, da er 43, 13, 2 sagt: quaedam religio tenet, quae illi prudentissimi viri publice suscipienda censuerint, ea pro indignis habere, quae in meos annales referam; aber da er vorher von Annalen (in annales referri) spricht, so giebt er durch diese Bezeichnung nur die Klasse der Schriften an, welcher er die seinige zuzählt, ohne über den Namen selbst etwas zu be-stimmen. Ebensowenig beweisen die Worte bei Plinius N. H. Pr. 16: T. Livium .. in historiarum suarum, quas repetit ab origine urbis, quodam volumine sic orsum, dafs die seit Sigonius gewöhnliche Bezeichnung: historiarum ab urbe condita libri die richtige sei, vielmehr macht es der Zusatz: quas repetit ab origine urbis wahrscheinlich, dafs der Titel anders gelautet hat. Nach einer Stelle bei Servius zu Verg. Aen. 1, 373: inter historiam et annales hoc interest: historia est eorum temporum, quae vel vidimus vel videre potuimus . .; annales vero sunt eorum temporum, quae aetas nostra non vidit, unde Livius ex annalibus et historia constat würde weder Annales noch Historiae als ein passender Titel für das Werk des Livius gelten können, ebensowenig wenn man an dem von Servius angegebenen Unterschiede beider Bezeichnungen nicht festhalten und unter Annales die der Chronik folgende Darstellung nach Jahren, unter Historiae die pragmatische Geschichte verstehen will. Livius selbst zählt an mehreren Stellen nur nach Büchern 1; die ältesten und zuverlässigsten Handschriften, die Veroneser vielleicht aus dem 4. Jahrhundert, die Wiener aus dem 6. oder 7., der Puteaneus gleichfalls aus dem 6. oder 7. Jahrhundert, die Bücher aus der Rezension der Nicomachi (Flavianus und Dexter) und des Victorianus, welche im Anfange des 5. Jahrhunderts vorgenommen wurde, der Bamberger Codex der 4. Dekade haben übereinstimmend unter vielen Büchern die Unterschrift: Titi Livi ab urbe condita liber 1. II u. s. w.; ebenso wird das Werk in der Überschrift der ältesten Handschrift der Periochae und des Eutropius (näml. Eutropi breviarium (T. Livi) ab urbe condita) bezeichnet; in gleicher Weise endlich werden die einzelnen Bücher von Priscian und anderen Grammatikern an vielen Stellen citiert. Da nun andererseits kein Zeugnis entgegensteht, vielmehr der Eingang des

1 6, 1, 1; 10, 31, 10; 31, 1, 4.

6. Buches: quae ab condita urbe .. Romani.. gessere, der Anfang der Präfatio und 31, 1, 4 für jene Überschrift zu sprechen scheint, so ist wohl nicht zu bezweifeln, dafs Livius selbst für sein Geschichtswerk den in den Handschriften erhaltenen Titel gewählt hat, wie die gleiche Bezeichnung vielleicht schon vor 9 ihm Sisenna, eine ähnliche später der ältere Plinius (a fine Aufidii Bassi) und Tacitus (ab excessu divi Augusti) anwandte 2. Einzelne Teile der livianischen Geschichte hatten wohl besondere Titel; wenigstens steht es durch mehrere Zeugnisse fest, dafs die Bücher 109-116 civilis belli libri octo genannt wurden, und in gleicher Weise mögen andere Abschnitte bezeichnet worden sein, wie man aus 10, 31, 10: supersunt etiam nunc. Samnitium bella, quae continua per quartum iam volumen . . agimus 3, vielleicht auch aus dem Titel des Werkes von Florus Epitomae de Tito Livio bellorum omnium annorum DCC libri II schliefsen kann, während Unterschriften in jüngeren Handschriften dafür schwerlich einen sicheren Beweis geben können und aus dem Zeugnisse des Johannes Sarisberiensis 4, welcher den Livius scriptorem belli Punici nennt, nichts weiter folgt, als dafs er gerade die diesen Krieg enthaltenden Bücher benutzt habe.

Der Umfang des Werkes läfst vermuten, dafs Livius einen grofsen Teil seiner Lebenszeit demselben gewidmet hat. Schon deshalb ist es nicht wahrscheinlich, dafs, wie Niebuhr Vortr. über röm. Gesch. I 45 annimmt, die erste Dekade nicht vor 745/9 herausgegeben worden sei. Er bezieht nämlich die Worte 9,36, 1: silva erat Ciminia magis tum invia atque horrenda, quam nuper fuere Germanici saltus auf die Feldzüge des Drusus (742/12 bis 745/9), durch welche die germanischen Gebirge zugänglich gemacht wurden. Allein schon der Zusatz a. a. O.: nulli ad eam diem ne mercatorum quidem adita deutet auf eine nur allgemeine Kenntnis der Wälder Germaniens hin, wie sie bereits durch die Nachrichten Cäsars 5 gegeben und wahrscheinlich durch Agrippa, der 716/38 über den Rhein ging, durch C. Carinas 6 und durch die Kriege mit den Germanien benachbarten Völkern in Pannonien und auf den Alpen vielfach erweitert war. Dionysios von Halikarnassos, welcher 747/7 seine Geschichte herausgab, scheint

1 Non. p. 127 iuxtim. 2 Vgl. Herodian τῆς μετὰ Μάρκον βασιλείας ἱστορία, Quint. Smyrn. τὰ μεθ ̓ Ὅμηρον. 3 Vgl. 31, 1, 1. 5 BG. 6, 24 f.; vgl. Flor. 1, 44, p. 72, 12 0. J.

4 Polycraticus III 10.
6 Dio Cass. 51, 21.

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die des Livius nicht gekannt zu haben; wenigstens erwähnt er dieselbe nicht. Die Andeutungen aber, dafs Livius im 8.-10. Buche Dionysios benutzt habe, sind so wenig sicher, dafs sie bestimmtere Angaben nicht zweifelhaft machen können. Es heifst nämlich bei Livius 1, 19, 3: bis deinde post Numae regnum (Ianus) clausus fuit, semel.. post Punicum primum perfectum bellum, iterum, quod nostrae aetati dii dederunt ut videremus, post bellum Actiacum ab imperatore Caesare Augusto pace terra 10 marique parta, wie Livius, weil er hier blofs die erste durch Octavianus im J. 725/29 erfolgte Schliefsung des Ianus berührt, nur vor 729/25 schreiben konnte, da in diesem Jahre der Ianus zum vierten Male, von Augustus zum zweiten Male geschlossen wurde, was er, wenn es schon eingetreten gewesen wäre, nicht hätte übergehen können. Dagegen weist der Titel Augustus, der hier und an anderen Stellen dem Octavianus beigelegt wird, darauf hin, dafs Livius erst nach 727/27, wo jener Augustus cognominatus est 1, also in seinem 33. oder 34. Jahre das Werk begonnen hat, wenn man nicht etwa annehmen will, dafs diese Bezeichnung erst nachträglich eingefügt sei. Aber auf dieselbe Zeit führt 4, 20, 7, wo Augustus als Hersteller des Tempels des Iuppiter Feretrius, welchen er wahrscheinlich 723/31 neu gebaut hat, und als templorum omnium conditor ac restitutor gepriesen wird, ein Verdienst, das sich Augustus schon 726/28 erwarb 2. Damit stimmt ferner überein, dafs Livius, als er diesen Teil bearbeitete, die Bürgerkriege in frischem Andenken hatte 3 und deren Folgen noch keineswegs verwischt waren 4. Das neunte Buch mufs vor 734/20 geschrieben sein, weil Livius sonst 9, 18, 9 nicht verfehlt haben würde, den Gegnern der Römer die Auslieferung der römischen Fahnen durch die Parther 5, welche in dem genannten Jahre erfolgte, entgegenzuhalten. An der dritten Dekade mag er im vierten Jahrzehnt des 8. Jahrhunderts gearbeitet haben; wenigstens scheint 28, 12, 12: (Hispania) prima Romanis inita provinciarum, quae quidem continentis sint, postrema omnium nostra demum aetate ductu auspicioque Augusti Caesaris perdomita est nicht allein auf den Krieg des Augustus 727/27-729/25, sondern auch auf den Sieg des Agrippa über die Cantabrer im Jahre 735/19 bezogen werden zu müssen, dessen Bedeutung man so hoch anschlug, dafs Agrippa der Triumph zuerkannt werden sollte 6. Das 59. Buch ist nach

1 Periocha 134. 7, 40, 2; 9, 19, 15. riocha 141. 6 Dio

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2 Mon. Ancyr. IV 17; Dio Cass. 53, 2.

2, 44, 7; 3, 66, 1 f.; 6, 12, 5; 7, 25, 9. Cass. 54, 11; vgl. 53, 25; Tac. Ann. 4, 5.

3 Pr. 4;

5 Pe

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