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kunstvolle und verschlungene Argumentation auf den Verstand und den Willen zu wirken, wie es früher bei den Rednern der Fall war, sondern er mufste durch Zusammenfassen und Ordnen aller die Handlung hervorrufenden, sie begleitenden und vollendenden Momente ein allmählich sich gestaltendes, die Phantasie und das Gemüt befriedigendes Bild der gesamten Situation zu entwerfen oder die einzelne Erscheinung in ihrer Besonderheit und Bedeutung darzustellen, dem weniger Bedeutenden neben dem Wichtigen, dem Gewöhnlichen neben dem Aufserordentlichen und Erhabenen eine passende Stelle anzuweisen suchen. Daher die bewundernswürdige Mannigfaltigkeit der Livianischen Sätze und Perioden, die bald kurz abbrechen, bald eine reiche Fülle von Vorstellungen zusammenfassen, bald in scheinbarer Nachlässigkeit verlaufen, bald mit künstlerischer Berechnung zu Ende geführt werden, bisweilen durch harte Verbindungen und mangelhafte Ausführung oder zu grofse Anhäufung von Worten, Gliedern und Gedanken weniger übersichtlich erscheinen, in der Regel aber ruhig und klar sich entwickeln und durch regelmässige Gliederung der Sätze, durch Abwechslung der Verbindungen und zweckmäfsige Verwendung der Figuren eine ebenso grofse Gewandtheit und Herrschaft über die reichen Mittel der Sprache verraten, wie sie gewöhnlich ein vollständiges, scharf ausgeprägtes Bild des jedesmal darzustellenden Objektes gewähren. Auch in dieser Beziehung ist die Kunst und Fülle besonders in den Reden sichtbar; sie zeichnen sich aus durch den Reichtum und Wechsel der Formen und des Ausdrucks, in ihnen ist der Periodenbau am vollendetsten und kunstvollsten, und wenn sie die Konzinnität und den Rhythmus der Ciceronischen vermissen lassen, so ist nicht zu übersehen, Idafs die Reden des Livius einem wesentlich anderen Zwecke dienten, als die des öffentlichen Redners, und deshalb auch eine andere Gestalt erforderten.

Wenn sich demnach nicht verkennen läfst, dafs die eigen- 71 artige Sprache und Darstellung des Livius im grofsen und ganzen ausgezeichnet, ihrem Zwecke entsprechend, geistreich und geschmackvoll ist, so mufs doch auf der anderen Seite eingeräumt werden, dafs hier und da Härte und Dunkelheit, daneben auch Breite und Überladung, z. B. die Wiederholung derselben Worte, Formen und Endungen, die Häufung synonymer Ausdrücke unangenehm auffällt, oder Trockenheit und Dürftigkeit einen Kontrast zu dem sonst so grofsen Reichtum bildet: eine Erscheinung, die zum Teil ihren Grund in der Eile hat, welche

Livius immer weiter trieb und ihn verhinderte, die bereits beendigten Teile seines Werkes einer neuen Bearbeitung und Prüfung zu unterwerfen, zum Teil in der Gröfse der Aufgabe selbst und der Mangelhaftigkeit der früheren Darstellung und seiner Abhängigkeit von seinen Quellen. Wenn aber jene Mängel auf dem grofsen Gebiete verhältnismäfsig selten sichtbar werden, vor dem Glanze und der Schönheit, die in weit reicherem Masse sich über das Ganze verbreitet, in Schatten treten und nur hier und da den gleichmässigen und frischen Gang der Erzählung unterbrechen, so würde es nicht gerechtfertigt erscheinen, wenn man eben jener Mängel wegen dem Urteile und Lobe der alten. Kunstrichter ein geringeres Gewicht beilegen wollte als einzelnen Äufserungen des Tadels, dem auch Livius nicht entgangen ist. Von gar keinem Belang ist in dieser Hinsicht, was Sueton von Caligula (Kap. 34) berichtet: Vergilii ac T. Livi scripta et imagines paulum afuit quin ex omnibus bibliothecis amoveret, quorum alterum ut nullius ingenii minimaeque doctrinae, alterum ut verbosum in historia neglegentemque carpebat. Wichtiger ist, was Quintilian von einem ebenso kundigen als scharfen und bitteren Kritiker der Augusteischen Zeit, dessen Tadel jedoch auch Cicero, Caesar, Sallustius getroffen hat, berichtet: et in T. Livio, mirae facundiae viro, putat inesse Pollio Asinius quandam Patavinitatem. Wenn nun auch dieses Urteil sich nicht, wie man angenommen hat, auf andere Schriften, sondern auf das Geschichtswerk des Livius bezieht, so ist doch der Ausdruck so unbestimmt und allgemein, dafs sich schwerlich mit vollkommener Sicherheit wird bestimmen lassen, worauf sich 72 der Tadel des Asinius bezogen habe. Zwar weist der Zusammenhang der Stelle bei Quintilian deutlich darauf hin, dafs weder die politische Parteiansicht des Livius, noch die kleinstädtische, mehr der Schule als dem Leben angehörende Auffassung und Behandlung der Geschichte, sondern die Sprache, der Ausdruck, die Darstellungsform Gegenstand des Tadels gewesen sei; aber auch hier bleibt noch ein grofses Gebiet für Vermutungen. Es ist kaum anzunehmen, dafs Asinius gewisse orthographische Eigentümlichkeiten oder griechische und aus Gallien entlehnte Worte und Konstruktionen, die sehr wenig bezeichnend Patavinitas genannt würden, gemifsbilligt habe; weit wahrscheinlicher ist es, dafs dem feingebildeten Geschmack des in Rom geborenen, an den rein römischen Ausdruck gewöhnten Sprach

1 8, 1, 3.

kenners, der aus Grundsatz an der früheren festen Norm des Sprachgebrauches, an der nüchternen Korrektheit des sermo urbanus1, sowie an der Einfachheit und Strenge in der Verbindung der Sätze und Gedanken festhielt, teils einzelne Worte, teils die freiere Behandlung der Sprache überhaupt, teils eine gewisse Färbung der Rede, welche auch der längere Aufenthalt in der Hauptstadt, in der bereits die feine nationale Sprache und Sitte zu verschwinden begann, bei Livius nicht hatte verwischen können, als provinzielle Eigentümlichkeit erschienen und diese als der echt römischen Darstellungsform fremd mit dem Ausdruck Patavinitas bezeichnet sei. Je weniger übrigens die Alten selbst an dieser Patavinitas Anstofs genommen haben 2, und je weniger es ihnen gelungen ist, diese Eigentümlichkeit genauer zu bezeichnen, um so bedenklicher mufs es erscheinen, jetzt einzelnes ermitteln zu wollen, worauf sich der Tadel des Asinius bezogen habe, da es uns selbst bei dem gründlichsten Studium der Sprache nicht gelingen wird, die feinen Unterschiede des sermo urbanus und peregrinus und einzelne Anklänge an diesen, die nur geborene Römer finden konnten, wahrzunehmen, und um so ungerechter würde es sein, wegen der Äufserung eines wenn auch hochgebildeten, doch in seinem Alter mifslaunigen und unzufriedenen Mannes, dem überhaupt die ganze Lebensrichtung seiner Zeit nicht gefiel 3, ganze Klassen von Ausdrucksweisen, die ein schöpferischer Geist dem Charakter der lateinischen Sprache gemäfs bildete, als Provinzialismen zu bezeichnen oder die ganze Sprache des Livius als unrömisch zu verdächtigen, ohne zu bedenken, dafs jeder bedeutende und geistreiche Schriftsteller die für seine Individualität und seinen Zweck passende Sprach- und Darstellungsform selbständig sich wählen kann und darf und deshalb, weil er sich nicht einem fremden Vorbilde streng anschliefst, noch nicht aufhört in seinem Kreise ausgezeichnet und mustergültig zu sein.

Übrigens hat der Tadel des Asinius die Anerkennung des 73 Livius nicht zu verhindern vermocht; ebensowenig ist das eingetreten, was dieser selbst beim Beginne seines Werkes 4 als

1 s. Cic. Brut. 171. 2 Tacitus Agr. 10 rechnet den Livius sogar zu den veteres, Velleius Paterculus steht dieser Ansicht wenigstens nicht entgegen (s. 1, 17, 2: ut Livium quoque priorum aetati adstruas; vgl. 2, 36, 3), und Quintilian 1, 5, 56: Pollio reprehendit in Livio Patavinitatem, licet omnia Italica pro Romanis habeam weist die eine Seite des Vorwurfs zurück. 3 s. Gell. 10, 26; vgl. 1, 22, 19.

4 Pr. 3.

Befürchtung ausspricht: si in tanta scriptorum turba mea fama in obscuro sit u. s. w. Vielmehr sind, vorzüglich durch ihn, wie es scheint, verdunkelt, alle Werke der Annalisten und Geschichtschreiber, in welchen die frühere Zeit Roms erzählt war, untergegangen; das seinige ist von den geistreichsten Schriftstellern der Folgezeit 1 anerkannt und bewundert, in Prosa und Versen 2 verarbeitet und in vielen Auszügen (Florus, Eutropius) 3 bis zum Untergang der römischen Litteratur (Cassiodorus, Orosius) erhalten worden und die Quelle gewesen, aus der die Kunde der Vorzeit geschöpft wurde. Bei seinen Zeitgenossen fand seine Auffassung und Darstellung der Geschichte so grofsen Beifall, dafs noch bei seinen Lebzeiten sein Name bis an das Ende des Reiches gefeiert wurde 4; aus ihm entnahmen nun die Römer ihre Kenntnis und ihre Ansicht von der republikanischen Zeit, sie fafsten die Thaten und Charaktere derselben in der Gestalt und den Umrissen auf, in denen er sie dargestellt hatte, und wurden durch ihn mit Bewunderung und Begeisterung für dieselbe erfüllt. Ebenso ist Livius im Mittelalter und in den folgenden Jahrhunderten betrachtet und gefeiert worden, und wenn auch er den höheren Anforderungen an die Geschichtschreibung, welche die neueste Zeit stellt, nicht genügt, so wird sein grofsartiges Werk, dem kaum ein anderes im Altertum und in der neueren Zeit an die Seite gestellt werden kann, doch immer die reichste Quelle für die ältere römische Geschichte bleiben, und sein edler Sinn, seine musterhafte Darstellung wird ihm die erste oder doch eine der ersten Stellen unter den Historikern der Römer auch in Zukunft sichern.

1 s. S. 67.

2 Avienus (im 4. Jahrhundert) totum Vergilium et Livium iambis scripsit. 3 4 vgl. Plin. Ep. 6, 20, 5. S. S. 11.

T. LIVI

AB VRBE CONDITA

LIBER I.

PRAEFATIO.

Facturusne operae pretium sim, si a primordio urbis res populi Romani perscripserim, nec satis scio nec, si sciam, dicere ausim, quippe qui cum veterem tum vulgatam esse rem videam, 2

In der Vorrede entwickelt Livius zunächst § 1-5 die Gründe, welche ihn bestimmt haben, die Geschichte des römischen Volkes zu schreiben.

1. facturusne.. sim] Quint. inst. or. 9, 4, 74 sagt: T. Livius hexametri exordio coepit: 'facturusne operae pretium sim', nam ita edidit, estque melius quam quo modo emendatur, näml.: facturusne sim operae pretium, was sich in allen Handschriften erhalten hat. Obgleich die Alten Verse in der Prosa nicht gestatten, so wird doch der vorliegende von Quintilian wegen der passenden Wortstellung gebilligt. Vielleicht hat Liv. aus diesem Grunde, wenn er anders den Vers bemerkte, eine Veränderung nicht vornehmen wollen. Ähnliche Hexameter, wie 2, 49, 4 viribu(s) Veienti populo pestem minitantes; 4, 57, 7: (Volscis intra) moenia conpulsis nec dependentibus agros; 22, 50, 10: haec ubi dicta dedit, stringit gladium cuneoque facto per medios u. a. haben wohl keinen anderen Grund, oder sie sind Livius entgangen; viele, die aus Teilen verschiedener Gedanken zusammengesetzt werden müssen, wie § 8: haud.. ad illa; 7, 11, 6: porta.. urbis u.a., sind nicht als Verse zu betrachten. facturusne operae pre

tium sim] ob ich etwas, das der Mühe lohnt, d. h. etwas von Bedeutung, etwas 'Verdienstliches' thun werde. So findet sich operae pretium facere auch 25, 19, 11. 30, 3; 43, 21, 5 (anders 27, 17, 14); in demselben Sinne operae pretium est (3, 26, 7) und das häufige operae est (s. zu 24, 6). a primordio urbis] mit Nachdruck vorangestellt, wie bei Sall. Hist. 1, 6, weil Livius die ganze Geschichte Roms (31, 1, 2: res omnis Romanas) darstellen will, nicht wie andere, z. B. Sallust und Cäsar, nur Teile derselben, etwa blofs die neuere Zeit. - primordio] der Singular ist selten (vgl. § 7), findet sich aber auch bei den späteren Historikern zuweilen. perscripserim] stellvertretender Conj. Fut. exacti.-ausim] altertümliche Form statt ausus sim; s. Einl. 64. Dieselbe findet sich häufiger bei den Dichtern, bisweilen auch bei Tacitus, ganz vereinzelt bei Cicero (Brut. 18); sie steht nur in potentialem Sinne und bei Prosaikern meist nur in negativen Sätzen (bei Livius ist 6, 40, 5 die einzige Ausnahme).

2. quippe qui] s. zu 49, 3. veterem..vulgatam] allitterierend, wie Plaut. Epid. 3, 2, 14: vetera et volgata verba. rem] vertritt oft die Stelle eines neutralen Be

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