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Polybios annehmen dürfen, dafs er die alte Form der Annalen aufgegeben habe, so suchte auch Coelius (und das Verdienst dieser Neuerung gebührt vielleicht eher dem Coelius als jenem; Cicero versetzt beide in dieselbe Zeit) nach dem Vorbild der Griechen durch eingelegte Reden die Darstellung zu beleben und die verschiedenen Parteiansichten zu veranschaulichen, worin ihm die Späteren gleichfalls gefolgt sind.

Noch schärfer trat den Annalisten entgegen Sempronius Asellio, der in seiner Jugend unter Scipio vor Numantia als Kriegstribun diente, in höherem Alter in Historiae oder Rerum gestarum libri die Geschichte seiner Zeit, wir wissen nicht, von welchem Anfangs- und bis zu welchem Endpunkte, erzählte. Er 31 selbst spricht sich über diesen Gegensatz zu den Annalisten und die Grundsätze, die er befolgt, entschieden aus1. Indem so die Historiker den in den Annalen enthaltenen, für die Geschichte bedeutungslosen Stoff 2 beseitigten und sich auf einen kurzen Zeitraum beschränkten, wurde es ihnen möglich, die Ereignisse genauer zu erforschen, ausführlicher darzulegen, ihre Gründe und ihren Zusammenhang nachzuweisen und die Geschichte pragmatisch zu behandeln, wie es von Polybios, dem Zeitgenossen des Asellio, in noch weiterem Umfange und mit tieferer Einsicht geschehen ist. Doch scheint diese Art der Behandlung der Geschichte, da nur Cicero das Werk des Asellio erwähnt, und zwar nur um den Ausdruck in demselben zu tadeln, und die Grammatiker nur wenige Stellen daraus anführen, bei den Römern sehr wenig Anklang gefunden zu haben, so dafs seine nächsten Nachfolger, Claudius Quadrigarius und Valerius Antias, wieder zur Annalistik zurückkehrten. Nur L. Cornelius Sisenna, Prätor 676/78, durch Studien und Reisen gebildet, ging in seinen Historiae zwar auch bis auf die Urgeschichte zurück, wandte sich dann aber sogleich seiner Zeit zu und schilderte diese, besonders den Bundesgenossen- und Bürger

1 Gell. 5, 18, 8f.: annales libri tantummodo quod factum quoque anno gestum sit, ea demonstrabant ita, quasi qui diarium scribunt, quam Graeci épnusoida vocant. nobis non modo satis esse video, quod factum esset, id pronuntiare, sed etiam quo consilio quaque ratione gesta essent, demonstrare; nam neque alacriores ad rempublicam defendundam neque segniores ad rem perperam faciundam annales libri commovere quicquam possunt; . . id (die Erzählung in den Annalen) fabulas pueris est narrare, non historias scribere. 2 Vgl. Cato bei Gellius 2, 28, 6: non lubet scribere, quod in tabula apud pontificem maximum est, quotiens annona cara, quotiens lunae aut solis lumini caligo aut quid obstiterit.

krieg bis zum Tode Sullas mit Sorgfalt, aber ohne Freimut und ohne den der Geschichte ziemenden Ernst in gesuchter, altertümlicher Sprache. Während in den Werken des unermüdlich thätigen Cornelius Nepos mehr die Sittengeschichte der Römer und das Leben einzelner Männer behandelt wurde, wählte C. Sallustius Crispus, nachdem er in dem Catilina und Jugurtha seinen Beruf zum Geschichtschreiber bewährt hatte, an Sisenna anknüpfend, die Zeit von Sullas Tode bis zum Jahr 687/67 zum Gegenstande seiner Historiae (5 Bücher), in denen er geistreich und künstlerisch, mit scharfer, eindringender Charakteristik der Verhältnisse und Personen, in kraftvollen Reden, dabei in gedrängter Kürze und gefeilter, altertümlich 32 gefärbter Sprache jene Zeit zur Anschauung brachte. Nicht lange vor Livius begann der Zeitgenosse desselben, C. Asinius Pollio, seine Historiae, vielleicht in 17 Büchern, von denen aber nur drei herausgegeben zu sein scheinen. Er behandelte in denselben, von dem Jahr 694/60 beginnend, den zweiten Bürgerkrieg in harter, gedrängter, wenig anlockender Sprache, aber wohl mit der seinem Charakter entsprechenden Schärfe, so dass sie Horaz 1 ein periculosae plenum opus aleae nennt. Ob dasselbe vollendet wurde, ist nicht sicher; wir kennen es nur aus wenigen Bruchstücken, wie auch von den Werken anderer Historiker aus der Zeit des Augustus nur Trümmer erhalten sind. Nicht mehr ist uns bekannt über des Clodius Licinus rerum Romanarum libri 2. Noch unter Augustus' Regierung wurde die zu freimütig geschriebene Geschichte des T. Labienus nach einem Senatsbeschlusse verbrannt; von da an verstummte für längere Zeit die unabhängige Geschichtschreibung 3.

Eine noch grössere Beschränkung des historischen Stoffes trat ein, als das Leben oder die Thaten einzelner Männer von anderen oder von ihnen selbst dargestellt wurden. So hatte schon C. Gracchus eine Schrift über das Tribunat seines Bruders Tiberius verfafst; dann veröffentlichten infolge der Parteikämpfe des 7. Jahrhunderts einzelne hervorragende Männer, teils um ihre Politik zu rechtfertigen, teils um ihre Verdienste zur Anerkennung zu bringen, Autobiographieen oder Memoiren, wie der berühmte M. Aemilius Scaurus, Konsul 639/115, dessen Schrift de vita sua libri tres noch Cicero lesenswert schien, sein Zeitgenosse P. Rutilius Rufus, der wegen ungerechter Verurteilung im Jahre 662/92 oder 663/91 in das Exil 2 29, 22, 10. 3 Tac. Ann. 1, 1.

1 Carm. 2, 1, 6.

ging und hier aufser einer wenig bekannten und selbst bezweifelten Geschichte wenigstens fünf Bücher de vita sua verfafste, und Q. Lutatius Catulus, dessen Schrift de consulatu et rebus gestis suis seinen Anteil an der Überwindung der Cimbern nachweisen sollte. Dem so gegebenen Beispiel folgend, hinterliefs L. Cornelius Sulla eine 22 Bücher enthaltende, wahrscheinlich lateinisch geschriebene Autobiographie, commentarii rerum gestarum, in der jedoch die Geschichte vielfach gefälscht, seine Gegner herabgewürdigt, seine eigenen Thaten als Fügungen der Götter oder der Fortuna hingestellt waren. Erst C. Iulius Caesar kehrte zu dieser Gattung der Geschichtschreibung zurück, wufste aber den Zweck der Selbstverteidigung so zu verbergen, dafs seine Kommentarien nur verfafst zu sein schienen, um seine grofsen Thaten einfach und schmucklos den Zeitgenossen darzulegen und ihr Andenken für die Nachwelt zu erhalten. In der nächsten Zeit gab der Tod ausgezeichneter 33 Männer, wie des jüngeren Cato, M. Brutus, M. Antonius u. a. Gelegenheit, ihre Verdienste zu preisen, sie anzuklagen oder zu verteidigen, und veranlasste so eine Reihe von Schriften, die den Cicero, Caesar, P. Volumnius, L. Calpurnius Bibulus, Q. Dellius, Tiro u. a. zu Verfassern hatten, während andere selbst wieder ihr Leben schilderten, z. B. Augustus, der seine Thaten bis zum Kriege mit den Kantabrern in 13 Büchern darstellte, M. Vipsanius Agrippa, der eine Autobiographie, und M. Valerius Messala, der eine Denkschrift über die Schlacht bei Philippi, vielleicht in griechischer Sprache, verfafste.

Unter den von Livius benutzten Quellen nimmt die Universalgeschichte des Polybios (das von Silenos, gleichfalls einem Griechen, geschriebene Werk 1 kennt er nur aus Coelius) eine hervorragende Stelle ein. Polybios, schon unter seinem Vater Lykortas in politischen und militärischen Verhältnissen thätig, dann selbständig in dieselben eingreifend, war 587/167 unter den 1000 aus Griechenland weggeführten Achäern nach Rom gekommen und hier 17 Jahre zurückgehalten worden. Er hatte diese Zeit benutzt, um den Charakter der Römer, ihre Geschichte, Verfassung, Sitten und Einrichtungen kennen zu lernen, hatte alsdann den jüngeren Scipio auf seinem Feldzuge gegen Karthago begleitet und später weite Reisen in die östlichen Reiche und die wenig bekannten Gegenden des westlichen Europa unternommen. So vorbereitet schrieb er sein grofses universal

1 26, 49, 3. T. Liv. I. 1. 8. Aufl.

3

historisches Werk in 40 Büchern, von denen die beiden ersten als Einleitung eine gedrängte Übersicht der älteren Geschichte Roms und Karthagos und der achäischen Verhältnisse enthielten, die übrigen die Zeit vom Beginne des zweiten punischen Krieges bis zur Zerstörung Karthagos und Korinths so erzählten, dafs es klar wurde, wie durch die frühere und damalige Lage der Staaten, durch ihre Beziehungen zu einander, durch ihre Verfassung und ihre Mittel die Herrschaft der Römer über die das Mittelmeer umwohnenden Völker herbeigeführt werden musste. Infolge gründlicher Untersuchung der Quellen mit den politischen, militärischen, finanziellen und geographischen Verhältnissen der Staaten im weitesten Umfange vertraut und seiner Aufgabe sich deutlich bewufst, war er imstande, den reichen Stoff künstlerisch zu ordnen und so zu gruppieren, dafs die Kausalverbindung der einzelnen Ereignisse unter sich und ihr Zusammenhang mit dem 34 letzten Erfolge zur Anschauung kam. Wahrheitsliebend, unparteiisch, sicher urteilend, dabei einfach, klar, schmucklos im Ausdruck, bisweilen wohl trocken und bei der Neigung zu lehrhaften Reflexionen weitschweifig, hat Polybios ein Werk geschaffen, welches nicht allein dem praktischen Staatsmanne, denn auch in diesem Sinne sollte es pragmatisch sein, durch die Nachweisung der Gründe und Folgen des Geschehenen ein sicherer Führer sein konnte, sondern auch dem Geschichtsforscher und Geschichtsfreunde einen reichen Stoff in der besten Ordnung darbot. Es ist daher nicht zu verwundern, dafs Livius den Polybios fast für den ganzen Zeitraum, den dieser behandelt, mehr benutzt hat als die römischen Historiker.

Dass Livius für die spätere Zeit nicht alle Geschichtschreiber verglichen hat, deutet er selbst zuweilen an 1, auch geht es daraus hervor, dafs er gerade dort, wo er seine Quellen genauer angiebt, nur wenige nennt 2; es wäre auffallend, wenn er die seine Erzählung bestätigenden oder von ihr abweichenden Angaben nur bei den Annalisten, die er mit Namen nennt, gefunden hätte, wie es auch nicht zu glauben ist, dafs er den Cassius Hemina, Sempronius Tuditanus, Fannius, Gellius, Vennonius u. a. benutzt haben sollte, ohne je ihres Namens Erwähnung

132, 6, 8: ceteri Graeci Latinique auctores, quorum_quidem ego legi annales, eine Beschränkung, die auch an anderen Stellen, wie 4, 20, 5: omnis ante me auctores secutus; 7, 21, 6: per omnium annalium monumenta; 3, 23, 7; 8, 6, 3; 10, 30, 7; 21, 38, 6; 22, 31, 8: omnium prope annales; 30, 3, 6; 42, 11, 1 u. a. hinzuzudenken ist. 2 4, 23, 1 f.; 39, 52, 1; vgl. 39, 50, 10.

zu thun. Ebensowenig wird er alle für einen Zeitraum gebrauchten Annalisten, schon bevor die Ausführung begann, vollständig durchgearbeitet und das Aufzunehmende sich aufgezeichnet haben. Ein solches Verfahren wäre von dem gewöhnlichen Brauch ganz verschieden gewesen: die Abweichung der Quellen von einander trat ihm als etwas Neues entgegen. Selbst ein Werk wie die Origines Catos scheint er erst von der 4. Dekade an, wo dieser selbst handelnd auftritt, verglichen zu haben1. Durch Ausdrücke ferner wie tradunt, traditur, tradiderunt, me- 35 moria traditum oder proditum est u. a.2 oder durch fama est 3 wird nur die historische Überlieferung bezeichnet, die sich auf die gerade benutzten Gewährsmänner stützt, wobei auch ein quidam oder alii tradidere mit unterläuft, wenn nur ein Autor gemeint ist. In derselben Weise wird ferunt, fertur, dicitur u. a. oft gebraucht, nicht um etwas als Sage zu bezeichnen, sondern um mitten unter historischen Thatsachen einzelnes hervorzuheben, besonders kurze Äufserungen, oder um Reden einzuführen, die sich der Form nach wenigstens bei einzelnen oder mehreren Annalisten fanden 5.

Die Sage von der Gründung der Stadt, welche viele Annalisten mit grofser Ausführlichkeit und durch spätere, von Griechen erfundene Fabeln entstellt erzählten, hat Livius nach Piso, Tubero und anderen (vielleicht auch hier und dort in direktem Anschlufs an den Dichter Ennius) kurz und einfach dargestellt; ebenso die Geschichte der Könige. Für die erste Zeit der Republik hatte er nach manchen Andeutungen zunächst Fabius erwählt; aber die Verwirrung in der Chronologie 6, wohl auch die Dürftigkeit der Nachrichten, bewog ihn bald, sich den jüngeren Annalisten zuzuwenden. Der gröfsere Teil des Erzählten, u. a. die Geschichte der Fabier, wird mittelbar auf Fabius zurückzuführen sein; im ganzen aber, so scheint es, folgt Livius auch

1 34, 5, 8; 36, 17, 1. 18, 1. 21, 5; 45, 25, 2; Periocha 49. 2 2, 7, 2. 8, 8. 40, 10; 3, 39, 2. 70, 14; 4, 12, 7. 37, 1; 5, 31, 3; 8, 10, 8. 26, 6; 44, 13, 12; 45, 40, 2 u. a. 32, 32, 3: ea frequentior fama est, quam cuius Piso auctor est; 21, 46, 10: et plures tradidere auctores et fama obtinuit; 23, 12, 2: fama tenuit, quae propior vero est; vgl. 1, 1, 6; 7, 6, 6; 8, 20, 6; 23, 12, 2; 25, 17, 4; 40, 58, 3 u. a. 48, 39, 16; vgl. 8, 40, 3; 37, 34, 6; 45, 3, 3. 5 4, 24, 8: quam rem ipsum ingenti animo tulisse ferunt; vgl. 4, 29, 3. 56, 3; 5, 13, 7; 6, 8, 3; 7, 6, 3; 26, 4, 10; 30, 44, 3. 4; 10, 19, 7: dicitur Appius . precatus esse; 1, 48, 5: creditur satis constat; 1, 48, 7: traditur .. fertur; 2, 41, 10-11: constat sunt qui ferant.. invenio apud quosdam idque propius fidem est; 3, 57, 10: sunt qui scribant u. v. a.

6 2, 21, 4. 7 2, 19, 1. 20, 1.

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