Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

entworfen haben1; Geduld und Tapferkeit2, Mäfsigung im Glück und unerschütterliche Festigkeit im Unglück3, Grofsmut und Redlichkeit 4, Wahrhaftigkeit und Gehorsam gegen das Gesetz 5, Unbestechlichkeit und aufopfernde Vaterlandsliebe, das sind 16 nach ihm die wahrhaft römischen Tugenden. Daher stellt er auch den Römer, wie er ihn geschmückt mit allen Vorzügen im Glanze der Vorzeit anschaut und bewundert, über den gewöhnlichen Menschen"; die römische Mannhaftigkeit (virtus), Gerechtigkeit und Frömmigkeit ist ihm der Mafsstab für alle Tüchtigkeit und wahre Gröfse. Die sittliche Stimmung tritt dadurch bei Livius in die engste Verbindung mit dem Patriotismus, beide bedingen und heben sich gegenseitig. Auf der Tugend und Kraft des Volkes beruht die Festigkeit, Dauer und Gröfse des Staatess, dieser kann selbst im Unglück nicht erschüttert werden, er wird bleiben, auch wenn die einzelnen Männer, die ihn stützen, zu Grunde gehen. 10

So beruht die Überzeugung von der ewigen Dauer Roms und seiner Bestimmung zur Weltherrschaft zunächst auf dem Vertrauen des Volkes zu sich selbst und seiner Kraft; allein sie hat auch einen tieferen Grund, indem sie sich auf den Glauben an die Wahrhaftigkeit und die Macht der Götter stützt, welche die unter ihrer Leitung gegründete Stadt nicht sinken lassen können. 11 Wie Livius diesem Glauben huldigt 12, so fühlt er die hohe Bedeutung der Religiosität der alten Zeit und achtet, wenn auch bisweilen zwischen den Vorstellungen der früheren und den freieren Ansichten seiner Zeit schwankend, gleichsam mit heiliger Scheu die Volksreligion überhaupt. Diese war von An

4

6

1 26, 22, 14: eludant nunc anliqua mirantis: non equidem, si qua sit sapientium civitas, quam docti fingunt magis quam norunt, aut principes graviores temperantioresque a cupidine imperii aut multitudinem melius moratam censeam fieri posse; vgl. 45, 23, 10. 22, 12, 9: et facere et pati fortia Romanum est. 3 22, 33, 6; 30, 42, 20; 37, 54, 1. 4, 6, 12; 22, 61, 4. 9; 42, 47, 9. 5 3, 20, 5. 29, 3; 10, 9, 6; 22, 58, 8. 7, 40, 3; 26, 36, 10; 37, 36, 2. 71, 59, 4: quod viros, quod Romanos deceret; 7, 13, 9: ut viris ac Romanis dignum sit, pugnaturos; 22, 14, 11: vir ac vere Romanus usw. 8 Pr. 9. 9 26, 41, 12: in hac ruina rerum stetit una integra et immobilis virtus populi Romani. 10 28, 28, 11, wo Scipio sagt: ne istuc Iuppiter optimus maximus siril, urbem auspicato deis auctoribus in aeternum conditam huic fragili et mortali corpori aequalem esse. 111, 16, 7: caelestes ita velle, ut mea Roma caput orbis terrarum sit; proinde rem militarem colant sciantque et ita posteris tradant, nullas opes humanas armis Romanis resistere posse. 12 1, 55, 3; 5, 54, 7; 9, 19, 9.

[ocr errors]

fang an eigentümlich ausgebildet, hatte, wenn sie auch weniger das Gemüt erhob, doch das ganze Leben und alle Verhältnisse und Richtungen desselben so durchdrungen und erfüllt, war eine so bedeutende Stütze des Staates geworden, dass, wer ein treues Bild der Vergangenheit geben wollte, diese Seite derselben in ibrer vollen Bedeutung auffassen musste. Livius vor allen fühlte 17 sich schon durch die Stimmung seines Gemütes und durch die Bewunderung, welche er für die frühere Zeit hegte, hierzu aufgefordert; er war in der trostlosen Verwirrung des Staates, die er als Jüngling gesehen hatte, und bei der Irreligiosität und dem Abfall von den alten Göttern, die er an seinen Zeitgenossen so oft tadelt1, zu der Überzeugung gekommen, dafs nur durch eine Regeneration des Volksglaubens, welche auch Augustus erstrebte und Horatius2 für unumgänglich notwendig erklärte, eine glücklichere Zukunft begründet werden könne. Diese Ansicht mochte ihm um so näher liegen, da er, wie sich aus einigen Andeutungen zu ergeben scheint, mit Verwerfung sowohl des epikureischen als des akademischen Systems, welches 10, 40, 10 als eine doctrina deos spernens bezeichnet wird, der stoischen Philosophie sich angeschlossen hatte, welche am leichtesten an die Volksreligion, besonders die römische, sich accommodieren und dieselbe nach ihren Grundsätzen umdeuten konnte. Daher erkennt Livius in dem religiösen Elemente eine der bedeutendsten Seiten des römischen Charakters und in den zum Teil künstlichen, abgemessenen und oft gemifsbrauchten Formen die äufseren Erscheinungen eines innerlichen Bedürfnisses und die für ein geordnetes Leben notwendigen Bestimmungen 3. Mit der Einsetzung des Kultus beginnt Romulus die Ordnung des Staates, durch die weitere Entwickelung desselben giebt Numa dem ganzen Leben eine andere Richtung; die religiösen Motive sind fast in allen Reden, die in entscheidenden Momenten gehalten werden, als die wichtigsten dargestellt, bei ihnen verweilt Livius am liebsten und längsten4; die religiöse Gesinnung ist das, was er an seinen Helden am meisten preist, den Mangel derselben trifft der stärkste Tadel 5.

Da das ganze Leben des Einzelnen und des Staates von dem Willen der Götter abhing 6, dieser sich in vielfachen Erschei

6, 1.

1 3, 20, 5; 8, 11, 1; 10, 40, 10; 39, 15, 3 u. a.
4 4, 2, 7; 5, 51, 4. 52,
5 5, 38, 1; 21, 63, 7; 22, 9, 7 u. a.

3 1, 19, 4. 21, 1.

29, 18, 2 u. s. w.

[blocks in formation]

cum rerum humanarum maximum momentum sit, quam propitiis rem, quam adversis agant dis.

T. Liv. I. 1. 8. Aufl.

2

nungen offenbarte und durch die genaue Beobachtung und Sühnung derselben der glückliche Erfolg der Unternehmungen, ja das Heil des Staates bedingt schien, so war bereits in früher Zeit (505/249) die amtliche Aufzeichnung der Prodigien den Pontifices 1 übertragen worden, und der spätere Geschichtschreiber durfte die seit jener Zeit aufgezeichneten (aus der früheren werden auch von Livius nur einzelne erwähnt) nicht unbeachtet lassen, weil sich in der Sorge um diese Wunder der religiöse Volksgeist ebenso geltend machte, als die Politik sie für 18 ihre Zwecke benutzte. Mit Unrecht ist daher Livius deshalb, weil er so viele Prodigien berichtet, der Vorwurf der Leichtgläubigkeit und des Aberglaubens gemacht worden. Allerdings erscheinen sie bei ihm mehr als etwas Äufserliches, er hat sie oft nicht so in die Geschichte verwebt, dafs sie auf den Leser die Wirkung hervorbringen, die sie in der früheren Zeit selbst gehabt haben müssen; er läfst vielmehr nur aus der grofsen Zahl und der Art der Wundererscheinungen die ängstliche, beklommene Stimmung der Zeitgenossen erkennen; aber er sah ein, dafs er sie nicht übergehen dürfe, wenn er das, was die Vorzeit bewegte, treu schildern wollte. Und dafs es nicht Aberglaube war, der ihn zur Aufnahme dieser Erscheinungen bestimmte, spricht er selbst 43, 13, 2 aus: ceterum et mihi vetustas res scribenti nescio quo pacto anticus fit animus, et quaedam religio tenet, quae illi prudentissimi viri publice suscipienda censuerint, ea pro indignis habere, quae in meos annales referam. Wenn sich ihm diese Bemerkung auch erst ziemlich spät aufgedrängt hat, so zeigt sie doch, in welchem Sinne er, wenn auch früher mit weniger klarem Bewusstsein und nicht ohne Schwanken in seiner Ansicht, im allgemeinen die Prodigien auffafste, und dafs er sie an und für sich wohl zu würdigen wufste. Daher urteilt er an manchen Stellen freier, sucht zu erklären, warum in gewissen Zeiten so viele Prodigien gemeldet werden 2, unterscheidet die abergläubische Wundersucht und religiöse Schwärmerei von dem einfachen Glauben 3, tadelt es namentlich, dafs in gewöhnlichen Erscheinungen Anzeichen des göttlichen Willens gefunden werden 4, und macht kein Hehl daraus, dafs höher stehende Geister

1 Gell. 2, 28, 6. 2 21, 62, 1: multa ea hieme prodigia facta aut, quod evenire solet motis semel in religionem animis, multa nuntiata et temere credita sunt; 24, 10, 6: quae (prodigia) quo magis credebant simplices ac religiosi homines, eo plura nuntiabantur; vgl. 24, 44, 8; 27, 37, 2; 28, 11, 1; 29, 14, 2. ,3 4, 30, 9; 5, 21, 9; 7, 3, 3; 25, 1, 6. 4 27, 23, 2: Cumis adeo minimis etiam rebus

auffallende Erscheinungen, um auf die Menge zu wirken, als Wunder darstellen 1. Dafs Livius selbst, vielleicht nach der 19 Lehre der Stoiker, geglaubt habe, der Wille der Gottheit könne aus solchen äufseren Zeichen erkannt werden, läfst sich aus den Äufserungen desselben über den Unglauben seiner Zeit 2, sowie aus den Stellen, wo er die Bestätigung von Wunderzeichen erwähnt oder von Orakelsprüchen, allerdings abnehmen; doch erkennt er, wie aus den oben angeführten Stellen 5 hervorgeht, nur ungewöhnliche Erscheinungen als vorbedeutend an und läfst neben den äufseren Zeichen eine gewisse Vorahnung des Zukünftigen gelten 6.

Mit der Angabe der Prodigien ist eng verbunden die Erwähnung der Sühnungsmittel des in denselben sich offenbarenden Zornes der Götter; deshalb berichtet Livius in gleicher Weise die Sühnopfer, Supplikationen, Lektisternien, die Gelobung von Spielen und Tempeln u. a. Die Götter selbst erscheinen bei ihm als wirksame Mächte, die den Staat und den Einzelnen, wenn er es verdient, schützen und segnen und als Zeugen alles dessen, was der Mensch thut, den, welcher sie nicht achtet, verblenden", die, wenn sie auch nicht unmittelbar selbst eingreifen, doch Gelegenheit geben, ihn zu bestrafen, und die Verletzung heiliger Gesetze rächen 10. Allein von den einzelnen Göttern, die ihm deshalb überall als dieselben erscheinen 11, unterscheidet er nach der Ansicht der Stoiker 12 das in ihnen und durch sie Thätige, alles Beherrschende und Leitende, was er bald numen, bald fatum (fata) oder necessitas, bald fors oder fortuna nennt. So ist es das numen, welches in allen menschlichen Dingen waltet 13, welches Rom schützt 14, welches zürnt 15 und das Böse straft 16, mures in aede lovis aurum rosisse; vgl.

prava religio inserit deos 28, 11, 7; 40, 2, 3 u. a.

5

2

1 1, 19, 5; 8, 6, 3; 26, 19, 4; 26, 45, 9: hoc cura ac ratione compertum in prodigium ac deos vertens. z. B. 10, 40, 4; 43, 13, 1: eadem neglegentia, qua nihil deos portendere vulgo nunc credant. 1, 39, 1; 27, 23, 4; 41, 18, 14: super tam evidentem tristis ominis eventum. 4 8, 24, 1; vgl. 26, 6, 16. S. S. 18 Anm. 2. 6 25, 35, 3: maestum quoddam silentium erat et tacita divinatio, qualis iam praesagientibus animis inminentis mali esse solet; vgl. 26, 20, 5. 41, 19; 45, 1, 4. 8 9, 9, 10. 5, 11, 7. 9 4, 28, 4; 27, 16, 4. 10 21, 10, 9; 30, 42, 21; 42, 28, 12 u. s. w. 11 28, 12, 3; 42, 3, 9: 12 Seneca de ben. tamquam non idem ubique di immortales sint. 4, 8, 3: sic nunc naturam voca, fatum, fortunam, omnia eiusdem dei nomina sunt varie utentis sua potestate. 13 1, 21, 1: cum interesse rebus humanis caeleste numen videretur. 14 10, 36, 12: numen

7

etiam deorum respexisse nomen Romanum visum. motique ira numinis. 16 1, 23, 4.

15 2, 42, 10:

welches verehrt oder vernachlässigt 1 und durch die Götter gerächt wird 2. Das fatum ist das Ewige und Unveränderliche, eine unergründliche Macht, der die Götter und Menschen unterliegen 3, gegen welche alle menschliche Vorsicht nichts vermag4. 20 Durch die einzelnen Äufserungen desselben treten die wichtigsten Momente ein: nach dem fatum mufs Aeneas nach Italien kommen 5, Rom gegründet werden, Fabius das Völkerrecht verletzen, Rom in wichtigen Kriegen den Sieg davon tragen 8, in grofsen Schlachten unterliegen 9. In ähnlicher Weise wie das fatum neben und über den Göttern steht 10, erscheint neben denselben, zuweilen ihnen gleichgestellt, die fortuna 11 (casus, fors), als das Unstäte und Wechselnde, als die dunkle Macht, auf welche die Wechselfälle des menschlichen Lebens zurückgeführt werden, wo sich die tiefer liegenden Gründe dem Auge entziehen 12, welcher der Mensch nicht entgehen kann 13, die alles Menschliche ungewifs macht 14. Allein ungeachtet dieser Mächte ist der Mensch frei, Tugend und Schuld ist sein Werk: nur der Erfolg und die Strafe sind der höheren Macht anheimgegeben 15. Jene höchste göttliche Macht setzt aber dem Menschen Schranken, mahnt ihn an seine Schwäche, hält ihn ab von Übermut oder straft denselben; und je höher der Einzelne sich erhebt, um so mehr hat er sie zu fürchten 16, je tüchtiger und tugendhafter er ist, um so sicherer darf er auf ihren Beistand hoffen 17. 1 5, 51, 4. 52, 1. 2 7, 6, 11: vindicasse ipsos (deos) suum numen; 39, 16, 11. 5, 32, 7: deorum monita ingruente fato spreta; 9, 4, 16: pareatur necessitati, quam ne dii quidem superant; 25, 6, 6. 41, 42, 2: nec rupit tamen (Servius) fati necessitatem humanis consiliis; 8, 24, 11; 25, 16, 4: nulla providentia fatum imminens moveri potuit. 5 5, 32, 7; 5, 36, 6: iam urgentibus Romanam urbem fatis. 8 5, 22, 8; 9, 22, 5; 26, 41, 9. 9 22, 43, 9 u. s. w. 10 12, 44, 12: cetera. . fata et deos gesturos; 5, 16, 8. 11 5, 11, 14: non fortunam aut quemquam deorum; 6, 9, 3: diis cordi fuisse; ebend. § 4: eo vim Camilli ab Antio fortuna avertit; 45, 8, 5: sive errore humano, seu casu, seu necessitate. 12 4, 57, 8; 5, 19, 3; 8, 29, 8; 9, 17, 3: fortuna per omnia humana, maxime in res bellicas potens; 44, 40, 3 u. a. 13 5, 37, 1: adeo obcaecat animos fortuna, ubi vim suam ingruentem refringi non vult. 14 30, 31, 6 u. s. w. 25, 6, 6: si non deum ira nec fato, cuius lege immobilis rerum humanarum ordo seritur, sed culpa periimus ad Cannas, cuius tandem ea culpa fuit?; 37, 45, 11: Romani ex iis, quae in deum inmortalium potestate erant, ea habemus, quae dii dederunt; animos, qui nostrae mentis sunt, eosdem in omni fortuna gessimus gerimusque; 45, 8, 6. 23, 1; vgl. Ćic. d. n. d. 3, 86. 16 9, 17, 5; 10, 13, 6: et fortunam ipsam vereri, ne cui deorum nimia iam in se et constantior, quam velint humanae res, videatur; 45, 41, 8. 17 38, 51, 9: (diis) gratiam agam, quod mihi et hoc die et saepe

3

1, 1, 4.

6

13

1, 4, 1.

7

« ZurückWeiter »