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1724

Schriften von Jacob Böhme (§. 552 a.) und andern Geiftesverwandten führten ihn zum Glauben, „des Umgangs mit Geistern gewürdigt zu sein, zu denen er, wahrs ldheinlic in magnetischen Zuständen, bald in den Himmel, bald in die Hölle verzüđt wurde.“ Das dort im Geist Erschaute (Visionen) gab er der Welt sinnreich fund, ebe er sich durch eine vom Herrn selbst ausgebende Offenbarung berufen fühlte, „zur Rettung aus dem Verfalle des Christenthums feit der Synode von Nicäa, die Kirche des neuen Jerusalem zu gründen, als das dritte Testament und die geistige Wiederkunft Chrifti.“ In Schweden sind seine Ansichten weit verbreitet, in Würtemberg fand der nordische Seher einige eifrige Anhänger, in England und Nordamerika bilbeten fich einzelne Kirchengemeinschaften nach seinen Grundsäßen, die auf einen „pbantastischen Rationalismus“ hinausgehen, daher einige seiner Anhänger sich zu den „geheimnisvollen Erscheinungen der Natur und des Geisterlebens“ hinneigten, andere das Christenthum als Vernunftreligion auffaßten.

3n der katholischen Kirche suditen neu e Orden durch Erwedung der alten Ascetit und des strengen Confessionseifers der religiösen Erschlaffung und Sleichgültigkeit (Indifferentismus) entgegen zu wirken. Der von dem französischen Abt la Rancé (+ 1700) in dem Kloster La Trappe gegründete TrappistenOrden war eine Wiederherstellung des ursprünglichen Ciftercienferordens (8. 321) mit erhöhter Enthaltsamkeit, denn selbst der Trost des Gespräche und der Wissenschaft war ihnen versagt. - Für das in Frantreich verwahrloste Voltsídulwesen gründete de la Salle die Brüder der driftlichen Soulen (Ignoranting) vornehmlich zur Bildung fünftiger Lehrer. Durch den Neapolitaner Liguori († 1787), „dem der Wide des Papstes der Wille Gottes war," bildete fid die Congregation vom allerheiligsten Erlöser (Redemtoristen, Liguoria- 1732. ner) „als eine befreundete Abart der Iesuiten, später ihre Zuflucht und Hoffnung." Zu den Vereinen ohne Gelübde gesellten sich Geschwisterschaften zur Anbetung des Herzens Jefu und Maria's, „eine finnliche Verehrungsweise, welche von den Jesuiten auf Anregung liebeschwärmender Nonnen empfohlen, und endlich, in Rom 1765. zugestanden, in einzelnen Ortschaften eingeführt wurde.“

S. 656. c) Deutsde Fürsten böfe. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Deutschland in einem Zustande tiefer Erniedrigung. Eine Menge fleiner Höfe, die in äußerer Bracht und verschwenderischem Aufwand den glänzenden Königssig in Versailles nachahmten, übten auf das öffentliche Leben, auf Sitten und Ansichten, auf Charakter und Bildung einen traurigen Einfluß. Bei der Ohnmacht des Kaisers und dem geringen Ansehen der Reichstage und Reichegerichte erlangten die zahllosen Fürsten und reichsunmittelbaren Standesherren eine völlig selbständige Stellung und übten die Rechte der Landeshoheit fast ohne alle Beschränkung. Eitel und eifersüchtig suchte immer Einer den Andern an Pracht der Hofhaltung, an verschwen= derijden Festlichkeiten, an tostspieligen Bauten, Gartenanlagen und Kunstwerken zu überbieten. Die Residenzstädte und fürstlichen Lustorte mehrten sich mit jedem Fabr; jeber Fürft hielt eine größere oder kleinere Anzahl gemietheter, durch verschmigte Berber zusammengetriebener Truppen und Sdaaren von Lafaien, Hofbedienten, Staðbursden, Kammerdienern und Gesinde aller Art; ein Heer von Hofräthen, Be= amten und Schreibern füŲte die Hauptstädte und nährte sich vom Mark des Landes; M ätressen und Günstlinge, Schauspielerinnen und Sängerinnen umschwärmten die Fürstenhöfe, übten den unheilvollsten Einfluß auf die Regierung und bereicherten fid durch Stellen- Handel und durch Verkauf von Gunst und Protection. Während an den Höfen und in den Palästen der Edelleute ein verschwenderisches Fest das andere drängte, robe Sinnenlust und äußerer Glanz die Hülføquellen des Landes erschöpften, wurde der Bürger und Bauer durch Steuerdrud, durch Abgaben und Leiftungen, durch Zölle und Sporteln in Armuth gestürzt, und durch gewissenlose

dou

Amtleute, Advokaten und Richter zur Verzweiflung gebracht. „Man begnügte sich nicht, den landständen die Disposition über die Landessteuern zu entziehen, es sollte zugleich jeder Versuch eines geseblichen Widerstandes gegen die Uebergriffe der Herr: schaftsgelüste unmöglich gemacht werden.“ Ueberall herrschte Willkür und Bebrüdung des Schwachen durch den Starfen. Die deutsche Treue und Biederkeit wurde in den höhern Kreisen mißachtet und französischem Wiß und französischer Leichtfertigkeit nachgestellt; das deutsche Voltsthum entwich ganz und gar, und französische Sprace, Literatur, Sitten und Moden herrschten in unbestrittener Geltung. Wer für fein und gebildet angesehen werden wollte, mußte französisch sprechen. Natur, Freiheit und Männerwürde waren unbekannte Dinge. Wie Alongeperrüđe, Reifrod , gepus derte Haare und die ganze abgeschmadte Tracht die Menschengestalt zum Untennt:

lichen entstellte, so wurde der Charakter und der Werth des Mannes nur nach Rang, Pfalz. Orden und Titel beurtheilt. - In der Pfalz herrschte von 1716—1742 Kurfürft

Karl Philipp, der Bruder und Nachfolger Johann Wilhelm8 (1690—1716), des harten Bedrückers der pfälzischen Protestanten. Karl Philipp „suchte seine Ehre und Vergnügungen im Prunken und in Festen, verfolgte die Reformirten, errichtete Bauwerke, stellte große Jagden an, ward angestaunt und verehrt vom hohen Adel, der bei ihm Bewirthung und Zeitvertreib fand; denn er bewirthete diesen mit be wunderungswürdiger Kaltblütigkeit, während der Bauer vor seinen Augen unter: ging.“ Auf ihn folgte Karl Theodor (1742–1799), ein eifriger Zögling der

Jesuiten, denen er sein ganzes Leben hindurch folgsam blieb. Wollüstig, leichtsinnig und kunstliebend, führte er in Mannheim und Schwegingen ein genußreiches und üppiges Leben; und so unwürdig er auch war, die Pfälzer betrachten seine Regie:

rung, womit ihr selbständiges Staatsleben zu Ende ging, und aus der noch viele " Denkmäler erhalten sind, dennoch als das goldene Zeitalter. – Würtemberg wurde tung, seine üppigen Feste und seine Wollust. Von seinem Despotismus hatte befonders der Dichter Dan. Schubart zu leiden, der seinen Freimuth durch zehnjährige Þaft auf dem Asberg unter der strengen Zucht eines engherzigen, pietistisch beschränkten Commandanten büßte, und dem Landschaftsconsulenten Johann Jacob Moser jog jein unparteiischer Rechtssinn in einem Streite zwischen dem Herzog und den Landständen eine fünfjährige Festungsstrafe auf Hohentwiel zu, wo er seine Gedanken und Gefühle mittelst einer lidtscheere auf die Wände feines Gemaches und auf die weißen Stellen seiner Bibel eingrub; Schiller entging vielleicht einem ähnlichen Sdhidjal durch die Flucht. — In Bayern folgte auf Marimilian Emanuel Bayern. (1679 – 1726), der durch seinen Bund mit Frankreich sein Land ins Verderben stürzte (S. 632), sein Sohn farl Albert (1726–1745, vergl. g. 658), der nicht minder durch seine Eitelkeit und Pradhtliebe, wie durch den unglüdlichen Ber: such, mit Hülfe der Franzosen die österreichischen Länder an sich zu reißen, das idredlichste Elend über sein Volk brachte. In Bayern herrschte am Bofe wie im Land Robbeit, Unwissenheit und Aberglauben in unglaublichem Grade. Jagdhunde, Pferde und Kirchenfeste verursachten hier einen eben so großen Aufwand wie an= derwärts Opern und Hoffeste, und zehrten am Wohlstande des Landes. Unter Mas fimilian Joseph (1745—1777) erlebte Bayern bessere Zeiten, wenn schon auch seine Kräfte nicht hinreichten, die Wunden zu heilen und die tiefen Mißstände zu heben. Er ließ Justiz und Gerichtswesen bessern und die Strafgeseße schärfen, weil die Zahl der Verbrecher und Landstreicher zu einer erschredlichen Höhe gestiegen war; er hob die Universität Ingolstadt aus dem Zustande der Barbarei und Robheit, in die sie seine Vorgänger hatten gerathen lassen; aber die Jesuiten blieben nach wie vor im Alleinbesiß der akademischen Stellen und waren bei Hofe einflußreiche Beichtväter und Prinzenerzieher; er beförderte Künste und Wissenschaften, allein in dem von Geistlichen und Mönchen geleiteten und von der Nacht des Uberglaubens bededten Lande blieb die Volksbildung stets zurüd und die Wissendaft ohne praktijden Einfluß. Die Finanzunternehmungen des wohlmeinenden Kurfürsten wurden unter den Händen bartherziger und eigennüßiger Amtleute eine Quelle neuer Bedrüdungen, und was halfen alle Wünsdie zur Hebung und Besser= stellung des Bauernstandes, wenn er das Jagdwesen und den Wildstand unverän= Dert fortbestehen ließ, damit er selbst und der rohe Landadel ihrer gewohnten Jagd luft leben könnten? Auf ihn solgte Karl Theodor von der Rheinpfalz (1777 -1799), dessen maßlose Versd) wendung und vorsägliche oder unvorsichtige Mißgriffe Bayern in einen traurigen Zustand versekten; am Ende seiner Regierung „war das Land erschöpft und ohne Credit, das Heer in der elenbesten Verfassung, die Stellen in der Armee wie im Civildienst durch Gunst verliehen oder verkauft, der größte Theil des Adels arm, der begüterte meist tief verschuldet, die Geistlichkeit unwissend, die Religion ein todtes Formenwesen, der Unterricht vernachlässigt, die Städte durch Magistrate niedergehalten, die jede freie Regung und Bewegung in Handel und Verkehr hemmten, das Landvoll unwissend und roh und durch die Besteálidfeit der Beamten tief entsittlicht, in der Verwaltung die Herrschaft (dran= tenloser Polizeiwillkür." — Rein deutsches Land hat wohl so viele Leiden und Drangfale aufzuweisen als das Kurfürstenthum Sachsen unter Friedrich August II., Samsen. bem Starten (1694-1733), dem Bruder Joh. George IV. (8. 495), und seinem Sohn Friedrich August III. (1733—1763). Fener, ein leichtsinniger, gottvergessener Fürst, opferte seiner Sinnenlust, seiner Brad)tliebe und seiner Eitelkeit den Glauben seiner Väter, die Liebe seiner Unterthanen und den Wohlstand seines Pandes. In furzsichtiger Verblendung dersderzte er durch seinen unbesonnenen, aus politischen Beweggrunden unternommenen Uebertritt zur katholischen Kirche die fichere Stellung Kursachsens als Haupt des protestantischen Deutschlands, um die Beber, Geschichte. U. 9. Aufl.

Würtem:

berg.

vor allen Ländern von seinen Regenten iQwer heimgesucht. Eberhard Ludwig
(1693– 1733) war ein versdwenderischer sittenloser Fürst, unter dem ein laster-
haftes Weib (von Grävenit) einen verderbliden Einfluß auf die Regierung übte,
Hof- und Ministerstellen ihren Günstlingen verlieh und mit Aemtern und Würden
einen schmähliden Handel trieb. Das treue, biedere Volt wurde jo bedrüdt, daß
sich Tausende durch Auswanderung nach Amerika der einheimischen Noth ents
zogen und sich in der Fremde eine neue Heimath gründeten. Unter seinem Nachfol-
ger, Karl Alerander (1733—1737), der in Desterreich zur katholisden Kirde
übergetreten war und aus dem verwildernden Kriegsdienste und dem wüsten Lager:
Leben des Kaiserstaats lasterhafte Sitten heimbrachte, zog die Gräveniß mit ihren
Schätzen aus dem Lande, um dem Hofjuden Süß Oppenheimer Plaß zu maden,
der Kirchen - und Staatsämter an die Meistbietenden verkaufte und durch die auge
gesuchtesten Erpressungen dem Herzog Geld für seine Hoffeste, Opern, Theater und
Sängerinnen, sich selbst aber unermeßliche Reichthümer verschaffte. Der plößlide,
in Folge sdwelgerischer Feste eingetretene Tod Karl Alexanders befreite das Land
von dem Juden wie ron einer zur Katholisirung des protestantischen Volfes angeleg-
ten Verschwörung. Unter der vormundschaftlichen Regierung (1737-1744),
die nunmehr folgte, wurde zwar Süß mit dem Strange hingerichtet; aber als Karl
Eugen (1744—1793) selbst die Regierung antrat, wurde das Elend des Landes grè-
ßer als zuvor. Kriegliebend, genußfüchtig und despotisch, wurde Karl Eugen, der alle
Gaben zu einem guten Regenten besaß, hätte ihn nid)t Sinnlichkeit, Leidenschaft und
böjer Nath auf Abwege geführt, zum Flud des Volfes, das er durch Steuern, Hemter:
verkauf und verderbliche Finanzkünste zur Verzweiflung brachte. Seine Kunstliebe,
die ihn zum Bau der Luftschlösser Ludwigsburg, Solitüde, Hohenbeim u. d.
und zur Beförderung von Opern, Balleten, Conzerten und dergleichen führte, war
dem Wohlstande des Landes nicht minder verderblic als seine schwelgerische Hofhal:

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leere Würde eines polnischen Wahlkönig zu erlangen. Ueber Opern und Conzerten, über Festlichkeiten und Lustschwelgereien, über Mätressen und Jagden über: sab der gewissenlose Fürst die Thränen seines Landes während des schwedischen Kriegs und die Leiden des gedrüđten dwerbesteuerten Volfs (vergl. 88. 643. 645. 651). Nicht besser war der Zustand Sachsen8 unter Friedrich August III., der sich ganz der Leitung des hoffärtigen, schwelgerischen und despotischen Grafen Brühl überließ (vgl. 88. 652. 658. – Nach einer fünfjährigen Zwischenregierung (1763-1768) fam Friedrich August IV. auf den Thron, den er 59 Jahre lang (1768-1827) mit Ehren besaß. Unter ihm erlebte Sadjen glüdliche und glänzende Zeiten und manche Wunde konnte vernarben; aber nach einigen Jahr: zehnten trafen die Schläge des Unglüds mit neuer Gewalt Haupt und Glieder, Land und Volt. An dem Aufschwung, den zu seiner Zeit Kunst, literatur und Wissenschaft in Deutsdhland nahm, hatte Sachsen und Thüringen keinen geringen An: theil; das Schulwesen erfuhr große Verbesserungen, die Rechtspflege wurde muster: haft gehandhabt und die Friedenszeit in den 70er und 80er Jahren wirkte wohlthätig auf Handel, Gewerbsamkeit und Ackerbau; die regsamen, häuslichen und

sparsamen Bewohner der Städte und Dörfer gelangten wieder zu Glüd, Woht: þanno: stand und Zufriedenheit. - Während dieser Friedenszeit nahm auch in Hannover

der materielle Wohlstand zu. Die Abhängigkeit von England gereichte dem Lande nicht zum Nachtheil, indem die englischen Könige ihr deutsches Stammland stets mit einiger Vorliebe behandelten und ihm von ihrem Ueberfluß mandes zuwendeten. Die unter Georg II. gegründete Universität Göttingen (1737) war eine weithin strahlende Leuchte in Norddeutschland. - Für das Aufblühen der Kunst und Literatur, für das Wachathum der Bildung und Wissenschaft waren die deutschen Residenzstädte und die zahlreichen Fürstenhöfe, namentlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, höchst förderlid); wäre nur dieser bobe Bildungsgrad und diese Literaturblüthe ein genügender Ersat gewesen für die Verarmung des Volks, für die Abnahme der Charakterstärke, der Thatfraft und der männlichen Tugend und für den Untergang aller politischen Freiheit, alles öffentlichen Lebens, aller praktischen Volksthätigkeit, alles vaterländischen Gemeinsinnes.

ver.

3. Der österreichische Erbfolgelrieg 1740–1748. §. 657. Sar18 VI. Türkenkriege. Naiser Karl VI. war ein gut: müthiger, aber in keiner Weise bedeutender Fürst, der die im Anfange feiner Regierung errungene Vergrößerung der österreichischen Monarchie in seinen spätern Jahren durch nachtheilige Friedensschlüsse und Verträge theilweise

wieder einbüßte. Raum war der spanische Erbfolgekrieg zu Ende, so brad 1714. die Pforte den Carlowiger Frieden (8. 620) und entriß, im Einver:

ständniß mit den über den religiösen und materiellen Druck der venetianischen Herrschaft empörten Griechen, jenem reichen und harten Handelsstaate den Peloponnes (Morea) wieder. Desterreich, zur Gewährleistung jenes Friedens verpflichtet und für seine eigenen Erwerbungen besorgt, schloß mit den Bemes

tianern ein Bündniß. Dies benugten die durch das Waffenglück in Griechenland 1716. übermüthigen Osmanen zur Kriegserklärung an Desterreich. Aber aus diesmal

behielten die kaiserlichen Heere die Oberhand. Eugens glänzende Siege bei Bes

terwardein und Belgrad zwangen die Pforte zu dem nachtheiligen *17i8." Frieden von Passarow iß, worin sie zwar im Besit des eroberten Per

1717.

wiesenen, in Rondte mit Hülfe "hoe ausgebildeten

loponnefes blieb, aber an Desterreich Temesvar, die Walachei bis zur Aluta und Belgrad nebst einem beträchtlichen Stücke von Bosnien und Serbien abtreten mußte, so daß jekt Nissa, Widdin, Nikopoli und Sophia die Grenzfestungen des osmanischen Reichs gegen Ungarn bildeten.

Der Sultan überzeugte sich, daß das türkische Kriegswesen dem durch neue Erfindungen stets verbesserten und ausgebildeten europäischen nicht mehr gewachsen wäre, und suchte mit Hülfe des tapfern, aus Frankreich und Desterreich verwiesenen, in Konstantinopel zum Islam übergetretenen Abenteurer: Bonneval (Ahmet Pasda) þeerwesen und Artillerie nad europäischem Muster umzugestalten. Aber diese Neuerung, verbunden mit einer Verkaufssteuer (Accis), erzeugte einen gefährlichen Aufstand der Janitscharen, durch den die Abschaffung aler Neuerungen und somit der Fortbestand der Unordnung und Kraftlosigkeit er: zwungen wurde.

Mittlerweile gerieth aber auch in Desterreich seit Eugen8 Tode das Militärwesen in so schnellen Verfall, daß bei dem Türkenkrieg, den der Qaiser kurz vor seinem Tod als Rußlands Verbündeter zu führen hatte (§. 650), den Osmanen der Sieg verblieb, indeß die Russen unter Münnichs Leitung fühne und erfolgreiche Streifzüge in das türkische Gebiet machten. Aber noch schimpflicher und unheilvoler als die Verluste im Felde war für Desterreich das Benehmen seiner Anführer Neipperg und Wallis, die über die Mißgeschide so sehr den Kopf verloren, daß sie zur Ueberraschung

Ima der Türken und zum Verdruß der Russen in aller Eile den Frieden von 10,

10. Sept. Belgrad abschlossen, worin Alles, was Desterreich durch Eugens Tapferkeit in Bassarowiß errungen hatte, wieder an die Türken zurückgegeben wurde.

Der Kaiser fühlte das Schmachvolle dieses Friedensschlusses; er erließ an alle Şöje ein Rechtfertigungsschreiben, worin er die Schuld auf seine Generale dob, die ihre Boll. macht überschritten hätten und die darum auch in Haft kamen. Da fie aber der hohen Aristokratie angehörten und vermuthlich im Auftrage ber Thronerbin Maria Theresia bandelten, die bei dem bevorstehenden Hingang ihres Vaters und den vorauszusehenden Ibronfämpfen in keinen Krieg mit den Türken verwidelt sein wollte, so wurden sie bald wieder in Freiheit gesegt und mit Aemtern und Ehren bedacht. Aein ihre Unfähigkeit jog dem Staate neue Verluste zu.

S. 658. Die pragmatische Sanction. Da farl VI. keine männlichen Erben hatte, so war es seine angelegentlichste Sorge, seiner einzigen, an den Herzog Franz Stephan von Lothringen (Toscana, §. 652) vermählten Tochter Maria Theresia die Nachfolge in den österreichischen Erblanden zu sichern. Statt aber, wie ihm Eugen gerathen, das Heerwesen in folden Stand zu segen, daß seine Tochter damit jeden Angriff hätte zurückídlagen können, erkaufte er durch große Opfer von allen Höfen die Anerkenmung des unter dem Namen der pragmatischen Sanction bekannten Hausgesekes, wodurch die österreichischen Erblande ungetheilt bleiben und, falls der Mannsstamm aussterbe, auf die weibliche Linie übergehen sollten, und septe sein Vertrauen auf diplomatische Eide. Raum hatte nun der Kaiser seine · Augen geschlossen, so erhob Karl Albrecht (Albert) Kurfürst von Bayern,

1739.

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