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ich kaum zu denken wage, das unaussprechlichste Geheimniß, aller Seelen Seele, der zarte flüchtige Geist, den kein gemeiner Trieb, kein roher, selbstiger Gedanke je erreichte, die Liebe, ist er (ihr Ge» liebter) weit entfernt zu kennen. Die Liebe ist nicht von dieser Welt. Ihr schwächlich Abbild kann mir nicht genügen. Das Ideal steht allzu groß vor mir." In ihren heiligsten Momenten schwebt ihnen eine solche Liebe vor. Es ist richtig, was Villers irgendwo sagt: „Bei einem großen Theil der deutschen Dichter hat die Liebe nichts Sinnliches, obgleich manche der ersten nicht rein davon sind. Aber sie sindet sich darum weit seltener im Leben, und ob sie auch im Leben der reinsten Dichter so rein war, ist noch die Frage. Indeß ist es schon immer gut, daß sie für eine solche Liebe nur Sinn haben, sie sich nur idealisiren können. Die Franzosen kennen sie nicht einmal. All' ihre Liebe, auch bei ihren besten Dichtern, ist mit verfeinerter Sinnlichkeit durchmischt. Nur bei edlen, weiblichen Wesen habe ich eine so reine Liebe ohne alle Sinnlichkeit gefunden; und darum ist es mir der höchste Grad von sittlicher Versunkenheit oder vielmehr ihre schwerste Strafe, wenn Iemand allen Glauben an weibliche Tugend verloren hat. Von einer solchen reinen, sinnlichkeitslosen Liebe, die unsern besten Dichtern doch noch als Ideal vorschwebt, die sich auch bei edlen Weibern noch sindet, reden unsere alten Mystiker, und wenden sie auf die Liebe zu Gott und Jesus an. Sie reden von einem Kuß, von Bräutigam, von Zusammenfließen mit dem Geliebten, — nicht darum, als ob sie unrein wären, sondern weil sie rein waren, nichts Unreines dabei ahneten, weil sie es sich gar nicht als möglich dachten, daß man etwas Unreines dabei denken könne, Sie verunreinigten das Heilige, Göttliche nicht durch die Bilder von irdischer Liebe zu Menschen. Es setzte die Reinheit ihrer Erdenliebe voraus. Nie hätten sie gewagt solche Bilder zu brauchen für das, was ihnen so heilig war, was sie auch Andern als heilig geben wollten, wenn sie etwas Unreines in sich gefühlt hätten. So aber gingen sie ruhig von menschlicher Liebe aus, brauchten Bilder von menschlicher Liebe. Und wie konnten sie anders? Woher anders konnten sie ihre Bilder nehmen? Nur von dem Menschen kann der Mensch emporsteigen zu Christus und Gott. Wer keine Eltern, Kinder, Gatten, Gattin, Freunde geliebt hat, dem fehlt aller Sinn für die Liebe zu Gott." Wer Menschen nicht liebt, die er sieht, wie will der Gott lieben, den er nicht sieht? Mußte sich Gott ja für Menschen vermenschlichen, um geliebt werden zu können von Menschen! Nur der, der selbst unrein ist, kann

Geschlechtstrieb in diesen Bildern sinden, der bei mancher Liebe vielleicht mitwirkt, aber dem Menschen unbewußt, gereinigt, vergottet, wie der deutsche Theologe sagt, und eben darum nicht unrein. Ach! daß unser Zeitalter so unrein, so grobsinnlich ist, daß man von der reinsten, heiligsten Liebe zu Menschen nicht mit Wärme reden, von ihr nicht einmal mehr Bilder für die höchste Liebe brauchen darf, ohne unreine Phantasien zu wekken! Es gibt allerdings Momente, Perioden, Situationen in dem Christengange, für die man keine passenderen Bilder, Sachbilder finden kann, als Kuß, Vereinigung, Zusammenfließen in inniger Liebe mit dem Geliebten, Schmachten nach ihm. Der, der davon Nichts erfuhr, der geistige c^1id«l3li«, der zum geistigen Mönch Organisirte, oder geistig Verschnittene, durch eigene Schuld, kann freilich nichts davon sagen; er muß aber nicht absprechen, so wenig der Greis, der Selbstbeflekker über das Entzücken liebender Menschen absprechen kann.

Welches Geheimniß der Liebe, und welches Licht liegt in dem Sachbilde der Wiedergeburt! Zeugung, Mann, Weib, Same des Mannes, Hingebung des Werks, Befruchtung, Schwangerschaft, Gefühl inneren Lebens, Geburtsschmer;en, Geburt — wie offenbart sich darin der ganze Christengang! O! daß man vor Unreinen nicht mehr davon reden darf! Was Fr. Leop. Stolberg einmal, mich dünkt im deutschen Museum, über Erzeugen und Gebaren von Geistesproducten sagt, ist Sachbild von der Entstehung, dem Gange des religiösen, besonders des Christensinns. Der Geist ist der Vater, der Mensch die Mutter; thätig bei süßer Zeugung der Vater, hingebend in süßer Empfängnis» die Mutter. Es muß nun geboren, mit Schmerzen geboren werden, was einmal angeschwangert war.

So gibt's Menschen, die Andere geistig schwängern (Männer), und Menschen, die geistig empfangen, die den geistigen Embryo in sich tragen und zu seiner Zeit gebaren müssen (Weiber).

Doch genug und vielleicht schon zu Viel von dem heiligen Geheimniß der Liebe. Ich hätte noch Viel darüber zu sagen, und die alten Mystiker haben Mehr darüber gesagt; aber die Welt konnte es nicht tragen, und sie kann's jetzt noch weniger. Wird nur bewirkt, daß Menschen nicht vornehm und hochgelehrt absprechen über Dinge, wovon sie Nichts verstehen.

Um indeß auch den Schein von Frivolität von mir abzulehnen, und Sie auch bei Anderen außer Verlegenheit zu setzen, mache ich Sie noch auf die bedeutende Stelle in einem Briefe Paulus aufmerksam, wovon der tiefe Sinn meist übersehen oder verwassert wird.

„Ihr Männer! liebet Eure Weiber", schreibt er, *) „gleichwie Christus auch geliebt hat die Gemeinde, und hat sich selbst für sie gegeben," u. s. w. „Also sollen auch die Männer ihre Weiber lieben als ihre eigenen Leiber. Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst; denn Niemand hat jemals sein eigen Fleisch gehasset, er nährt und pflegt es, gleich wie Christus die Gemeinde; denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleische und von seinem Gebeine, (wie Mann und Weib es sind. Nicht? davon war ja der Uebergang auf Christus und die Gemeinde.) Das Geheimniß ist groß; ich sage aber: von Christo und der Gemeinde. Hier sehen Sie Aehnlichkeit zwischen der Verbindung von Mann und Weib, und Christus mit der Christengemeinde. Und daß man nicht denke, es sey die flache, moralische Aehnlichkeit von wechselseitiger Liebe, so nennt Paulus diese Verbindung ein Geheimniß und ein großes Geheimniß; also im wörtlichsten Sinne eine mystische Verbindung. Paulus meint also auch, die Sinnlichkeit habe Nichts damit zu

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