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dargestellt wird, reden und schreiben kann, da doch diese Liebe als erstes und vornehmstes Gebot auch in der Bibel dargestellt wird. Aber das mag man eben nicht, daß sie warm und lebendig, daß sie wirklich von ihr, als von Liebe reden. Die Liebe zu Gott oder Christus soll — nicht eigentlich Liebe, sondern, wie Reinhard will, das Bestreben seyn, Gott zu achten (als ob Achtung Liebe wäre!) und sein Gesetz zu erfüllen, weil es schon an sich vernünftig und recht ist, dies zu thun; es soll keine pathologische, sondern eine Liebe aus Grundsätzen seyn. Bei der wahren Liebe zu Gott soll eine kalte, uninteressirte, eine schwärmerische, mystische und eine eigennützige Liebe Statt sinden; die Begeisterung des Wohlwollens gegen Gott soll durch die Betrachtung, daß es schon an sich vernünftig und recht sey, mit steter Hinsicht auf Gott zu handeln, geregelt und vor Schwärmerei bewahrt werden. Ia, der sonst so christliche Mann behauptet, daß die Liebe in eben dem Grade in Schwärmerei ausarte, in welchem sie wohlwollend sey; denn sie sey dann von der Vollkommenheit ihres Objects allzulebhaft gerührt, und lebe ganz in ihm. (Ich will die 43. Seite des 4. Bandes, 4. Auflage, der Reinhardischen Moral anführen, weil Sie mir sonst nicht glauben möchten,) Denken Sie, welches Unglück es wäre, wenn viele

Menschen in die Schwärmerei versielen, von der Vollkommenheit Gottes oder Jesus allzulebhaft gerührt zu seyn und in ihm ganz zu leben!! —

Und warum meidet man es so sehr, in der Bibel Liebe, eigentliche Liebe zu sinden? Warum soll Liebe hier durchaus nicht Liebe seyn? Weil man sie sich durchaus nicht ohne Sinnlichkeit denkt, denken kann, oder um Anderer willen zu denken wagt. Das Letzte war offenbar der Fall bei Reinhard, der, wie Jeder weiß, der ihn kannte, gewiß rein und ohne Sinnlichkeit zu lieben fähig war. Aber die Mystiker sprechen von Liebe zu Gott und Christus, nicht wie man von kalter Achtung, vom Bestreben seine Gebote zu halten, von irgend einer äußern Handlungsart, sondern wie man von Liebe, von der innigsten tiefsten Empsindung spricht. Das soll denn durchaus Sinnlichkeit, oder wenigstens mit Sinnlichkeit vermischt seyn. Wagt ja doch ein neuer Schriftsteller zu sagen, wenn man die Geschichte nachschlage, sinde man, daß die Mystik immer mit der Sinnlichkeit, und oft mit einer sehr rohen, gleichen Schritt hielt. W 0 und bei Wem sindet man dies? Auch bei Gerson, Tauler, Kempis, Fenelon? Ob wohl der absprechende Mann je die Schriften dieser Leute, oder auch nur Etwas von ihnen, nur Fenelons Aufsatz über die reine Liebe gelesen hat? Ia, die Mystiker reden von Liebe, als Liebe, weil sie von Vereinigung mit Gott und Christus, mit Gott durch Christus reden, weil dies das hohe Ziel ist, das sie zu erreichen suchen, und worauf sie Andere weisen. Nichts ist also natürlicher, als daß sie ihre Empsindungen gegen den Heiland mit ihrer Ebbe und Fluth, ihren Modisicationen, mit ihrem Schmerz und ihrer Wonne, durch ahnliche Nuancen bei der Liebe zu Menschen bezeichnen. Bräutigam, Braut, Sehnsucht, Schmachten nach Nähe, Vereinigung sind die natürlichsten Ausdrücke von ahnlichen Nuancen der Liebe zu Jesus und zu Gott. Kein Prophet, kein Apostel, kein heiliger Mann hat Etwas davon äußern können, ohne diese Bilder, die nicht Phantasiegeburten, sondern Sachbilder, Physiognomien des innern, geistigen Lebens und Strebens sind. Sich an diese Bilder hangen, an ihnen kritteln, darüber fromm die Achseln zucken, oder frech spötteln, weil sie manchmal auch von Unreinen gebraucht, etwas Unreines bezeichnet haben, zeigt klar, daß man von der Sache nichts wisse, sich kaum etwas Anderes als etwas Unreines dabei denken könne, zeigt also, wovon das Innere voll ist. Solche Menschen würden auch die Liebe einer Clotilde und Liane, *) für wollüstige Begierden halten, weil sie — nicht anders lieben können.

Ich muß abbrechen, um mich nicht allzusehr zu ereifern über die Absprecher des Heiligsten im Menschen, weil sie nichts davon verstehen.

<) Zwei bekannte Heldinnen in den Romanen von Jean Paul.

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Dreizehnter Brief.

An denselben.

^)ch muß mit Ihnen noch einmal von der mystischen, reinen Liebe zu Gott und Christus reden, und warum sie so gelästert wird von manchen Scheinfrommen und Scheinweisen unserer Zeit, warum auch edle, treffliche Männer sie scheuen. Eine Hauptursache, warum man sie für Herabwürdigung des Heiligen hält, liegt darin, daß man überhaupt so wenig reine Liebe, d. h. Liebe ohne Sinnlichkeit sindet. Nur manche unserer Dichter, Klo pflock, Schiller, besingen eine solche Liebe oder stellen sie dar, wie Jean Paul in seiner Clotilde und Liane. „Die Liebe", läßt Frau von Fouque ihre Charlotte *) sagen, „die Liebe, die ich meine, die

*) In den Dornen und Blüthen des Lebens.

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