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Eigenliebe, auf der Auslöschung dieses Ich, das der alte Mensch ist, der ausgezogen werden muß, damit der neue Mensch uns belebe und bekleide. Wir sind umgeben von diesem brüllenden Löwen der Eigenliebe und sind dann leer von dem Geiste Jesus Christus. Wie könnt' er in uns herrschen, er, der Nichts will, als ein demüthiges, hingegebenes Leben, Nichts als kindliche Einfalt? Wir schätzen uns selbst; wir glauben Etwas zu seyn, und wir sind Nichts. Wir nennen uns Kinder Jesus Christus: aber folgen wir auch seinem Beispiel und seinen Lehren? „Nichts ist so gut," sagt Fenelon, „uns mit Gott zu vereinigen, als die Kenntniß unseres Elends und seiner Güte. Die Erfahrung, wie wenig wir sind, hindert uns, uns auf uns selbst zu stützen, und treibt uns um so starker, uns dem Busen Gottes hinzugeben, wo Alles vergeht, auch unser Elend, wie alles Uebrige; damit Gott das bleibe, was er in sich und für sich ist, und wir, versenkt (»Kimes) in ihm selbst, für ihn selbst, äußerlich nur bestehen durch die Zufälligkeiten, die von der Menschheit unzertrennlich sind." — „Jch beschwöre Sie," schreibt er an einen weitgekommenen Christen, „sich Gott zu überlassen, ohne Ausnahme für Alles, was er erlauben könnte, daß es Ihnen begegne. Das sind Dinge, die er zuläßt, damit wir uns selbst verlieren ohne Rettung. Aber Treue und Festigkeit, um kein Mittel zu suchen außer Gott und sich nicht zu berauben seiner Gemeinschaft." — Sie sind sein; ob er Sie in den Koth wirft oder auf einen Thron erhebt, das ist nicht mehr Ihre Sache. Ihre einzige Sache ist, sich zu vergessen, sich nicht mehr anzusehen, wenn man Sie in den Abgrund stürzte oder auf einen Thron erhöbe. Sie gehören sich nicht mehr an. Gott allein ist, das ist genug." — „Die Liebe allein lehrt den Weg zum Nichts. Augustin sagt mit Recht: meine Liebe ist mein Gewicht; denn je mehr man eine Wage beschwert, je mehr senkt sie sich. So auch: je mehr Liebe im Herzen ist, desto mehr sind wir niedergebeugt und wie verstrickt in unser Nichts. So auch erhebt sich die Seite der Wage nur darum, weil sie leicht und leer ist, so erhebt sich das Herz nur dann, wenn es leicht und leer ist von Liebe. Aber einen so hohen Schwung sich diese Seite der Wage geben mag, sie kann nicht hoch steigen, statt daß die andere sich bald auf einen festen Boden senkt und ihre Ruhe in ihrer Erniedrigung sindet während dessen die erste«, die in der Luft bleibt, keine Stütze hat, so daß man sie leicht bewegen kann." —

„Ich wünschte, wir wären so klein, daß man uns nur durch ein Mikroskop sehen könnte." In dieser Art reden alle Mystiker. Auf die tiefste Demuth, auf Vernichtung seines Ich, alles eigenen Willens, auf gänzliches Hingeben an Gott geht Alles bei ihnen. Und wer wahre, tiefe Liebe empfunden hat, dem kann es nicht fremd seyn. Alle gute Schriftsteller von Abälard und Heloise an bis auf Jean Paul haben Liebe so dargestellt. Doch ich breche heute ab. Sie haben viel von Mystikern gelesen. Und nun fragen Sie sich, wenn manche Aussprüche von Jesus, Paulus und Johannes nicht in der Bibel, sondern in einem andern Buche ständen: ob man die Verfasser nicht für Mystiker erklären würde? Leben Sie wohl!

Zehnter Brief.

An denselben.

^ch fahre fort, Ihnen die Grundanschauungen der Mystiker etwas genauer zu entwickeln. Eine ihrer Grundanschauungen ist Übereinstimmung der Naturgesetze, des Naturgangs mit der Führung des Menschen und des Menschengeschlechts nach allen Seiten hin. Lassen Sie uns die Analogien etwas einzeln betrachten.

1) Alles in der Natur hat Physiognomie, d. h. alles Innere hat ein Aeußeres, woran es dem Kenner erkennbar, sichtbar wird. Der Geologe sieht an der Form, dem Zug, der Physiognomie der Berge, an den Pflanzen, die darauf wachsen, kurz an dem Aeußeren, was ihr Inneres enthalt, ob sie edles Erz verbergen, oder ob man Nichts dergleichen erwarten kann. Von der Auster an durch alle Stufen der Wesen durch bis zum Menschen herauf wird das Innere des Geschöpfs durch sein Aeußeres, durch seine Form, seinen Bau, seine Augen, durch sein ganzes Gesicht offenbart. Wer wird Goldminen in der Lüneburger Haide suchen? Wer kann bei dem Anblick der Auster denken, daß sie ein freibewegliches, vogelartiges Wesen sey? Wem kann es beim Anblick des Schafs einfallen, daß vielleicht in ihm die Grausamkeit des Tigers wohne? Wer sucht in Voltaire's Kopf einen Apostel, oder in Fenelons Gesicht einen Nero? Das Gesicht eines edlen Menschen ist Abdruck seines edlen, wie das Gesicht des gemeinen Menschen Abdruck seines gemeinen Sinnes ist. Sie mißverstehen mich ja nicht, wenn ich sage: der Mensch Jesus ist die Physiognomie Gottes für Menschen. So wie nun das Aeußere des einzelnen Wesens Abdruck seines Innern ist, so ist die sichtbare Natur im Ganzen Abdruck der innern, unsichtbaren. Auch kann es nicht anders seyn. Das Innere muß ins Aeußere treten; das Aeußere muß das Innere offenbaren; Gott muß sich offenbaren im Fleisch, wenn er dem Menschen, der nur durch Fleisch, durch die Sinne Geist und Gott erkennen kann, erkennbar werden soll. Verachtet der Mensch solche Offenbarung; setzt, demonstrirt, schafft er sich einen Gott, so ist er ein Götzendiener und gefährlicher als jeder Andere, weil er

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