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und sich davon tödtlich verwundet, woraus sie doch eine heilsame Arzenei und Erquickung nehmen könnte." (Geruch des Todes zum Tode, Geruch des Lebens zum Leben.) „Denn der geistliche Kuß übertrifft alles Fleischliche so unendlich, als das Licht die Finsterniß und das Leben den Tod. Der fleischliche Kuß ist irdisch und vergänglich, des Geistes Kuß ist himmlisch und göttlich." — „Das Wort und die Seele halten zwar eine geistliche Hochzeit ^ aber die Seele weiß von keiner leiblichen Ehe, noch von fleischlicher Vermischung, sondern sie ist wie ein Engel Gottes im Himmel," sagt Ambrosius, wie auch das Leben der echten Mystiker und Mystikerinnen zeigt, und wie Ieder weiß, der auch nur den kleinsten Vorschmack davon empfunden hat.

Allerdings sind diese Bilder von Ungeweihten gemißbraucht, diese heilige Empsindungen sind nachgeäfft, affectirt, herbeigeschwarmt und phantasirt worden, und der fromme, besonnene Franz von Sales hatte sehr recht, davor zu warnen, wie Boost sagt. Nach diesen hohen, süßen Empsindungen streben, darin seine Frömmigkeit setzen, könnte allerdings zu Hochmuth verleiten, wodurch das Fundament aller christlichen Frömmigkeit verunreinigt wird, wenn sie sich auch erstreben ließen. Aber einmal ist dies der Fall nicht. Alles Göttliche erscheint, wird gegeben; man erkennt es nur daran, daß es Kraft zum Wirken und Dulden, eine hohe Freudigkeit gibt, die man sich selbst nicht geben kann. Das nennen denn die Mystiker die Kinder dieser geistlichen Vermahlung, durch die sich's recht zeigt, daß es eine wahre Verbindung des Christen mit Christus sey. „Die geistliche Fruchtbarkeit," sagt Bernhard, „wird zwar nicht im Fleisch empfunden, sondern im Herzen, und zwar nur von denen, welche mit Paulo sagen können: Wir haben Christi Sinn, und der Geist gibt Zeugniß unserm Geiste, da nämlich die Früchte des Geistes Christi lebendig sich hervorthun als geistliche Kinder." Ich lernte zwei solche Mystikerinnen kennen, von denen ich schon einmal geredet habe, und erkannte sie blos an ihren Früchten. Beide litten sehr schwere körperliche Leiden und viele Iahre lang; aber in ihnen war nicht blos eine Sanftmuth, eine Geduld, eine Ergebung in den Willen Gottes, sondern auch eine Freudigkeit, die sich auf ihren blassen abgemagerten Gesichtern unverkennbar ausdrückte. Dabei waren sie so erleuchtet über die Natur und den Gang des innern Menschen, verstanden die Bibelstellen, die davon redeten, so gut durch sich selbst, wendeten sie so richtig an, wie sie unter hundert gelehrten Theologen schwerlich Einer ver-.

stehen und anwenden konnte. Die Ergebung in den ärgsten Schmerzen und schwersten Prüfungen, die Freudigkeit, wo Andere der Verzweiflung so nahe gewesen waren, war indeß so auffallend sichtbar, daß sie Weltleuten nicht entging, und daß man verwundert fragte, wie sie dazu gekommen waren. Uebrigens kannten sie das Wort Mystik und Mystiker nicht, hatten auch nie eine mystische Schrift gelesen, und drückten sich über das Meiste anders aus als die Mystiker. Ihre ganze Mystik war ihr innerer Mensch und die Bibel, ob sie gleich im Ganzen genommen auf gleiche Art waren geführt worden als die Mystiker. Demuth, Glaube und Liebe waren die Elemente ihres inneren Lebens wie bei diesen. Mich dünkt, hier wird doch Jeder gezwungen zu sagen: wo so auffallende Wirkungen sind, muß eine Ursache seyn. Aus Nichts entsteht Nichts; oder, wenn man das Schwärmerei nennen will, was diesen und ähnlichen Menschen diese stille Hingebung auch in die rauhen Wege Gottes, diese Sanftmuth, Geduld, diese Freudigkeit gab, so gebe uns Gott nur recht viele solche Schwärmer, und wir wollen zufrieden seyn, bis uns die kalte oder die consequent fortschließende Vernunft bessere Früchte zeigt. Und dann, wo wäre etwas Großes, Edles, was nicht gemißbraucht, nachgeäfft, affcctirt, yerbeigeschwarmt worden wäre? Soll man aber das Große, Edle verwerfen, weil es gemißbraucht oder nachgeäfft wird? Soll Frömmigkeit nichts mehr gelten, weil es Frömmelei, Empsindung verachtet werden, weil es Empsindelei gibt? Soll man auf Vernunft nichts mehr halten, weil Skepticismus und Sophisterei Manchen die Köpfe verrückt haben? Soll man die Weinreben ausrotten oder den Wein verbieten, den Gott wachsen läßt, zu erfreuen des Menschen Herz, weil Manche sich betrinken? Je größer, höher, bedeutender Etwas ist, je mehr kann es mißbraucht werden, je schädlicher wird es durch Mißbrauch; aber das zeugt gerade für seine hohe Bedeutung. Wein kann mehr mißbraucht werden als Wasser; Madera mehr als gemeiner Mosler; aber eben das zeigt von dem höhern Werth des Madera. Magnesia kann nicht so leicht schaden als China; aber eben darum ist China kräftiger als Magnesia. Man sollte sich schämen noch so Etwas gegen Mystik vorzubringen, was gegen alles Große gesagt werden kann.

Drei und dreißigster Brief.

An denselben.

vielleicht haben Sie Etwas davon gehört oder gelesen, daß eine gewisse Messiasidee unter den Iuden geherrscht, daß Jesus diese Idee zum Besten seiner Nation benutzt und sich zu Allem dem hergegeben habe, was sie von ihrem Messias erwartete, daß er sie aber eben dadurch zu der Idee eines geistigen Messias, eines nicht irdischen, sondern sittlichen, himmlischen Reichs zu erheben gesucht habe, das er unter ihnen stiften wollte. Man ging und geht so weit, es merken zu lassen, daß er blos zu diesem Zweck sie in dem Wahn gelassen habe, er thue Wunder, weil ihre alteren Schriften von Wundern sprächen, daß er sich manchmal, sogar absichtlich, das Ansehen gegeben habe, als thue er Wunder, die aber doch alle — ganz natürlich zugegangen seyen. So unrichtig das Meiste in

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