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ein einnehmendes und krankheitheilendes Lied. Er weiß dadurch die Menschen zahm zu machen, die Thiere, die sich unter Allen am schwersten zahm machen lassen. Diejenigen, die sonst wie todt waren, haben sein Lied gehört und sind wieder aufgelebt. Dies Lied hat die Welt so fein ausgeschmückt und die Elemente in Harmonie gebracht;" (nämlich in dem Mikrokosmos, dem Menschen) „die Menschen hat der Herr nach seinem Bilde zu einem guten Instrument gemacht, das durch seinen Odem ertönt. Ja, das himmlische Wort, die überirdische Weisheit ist selbst Gottes heiliges Instrument." (Der wahre Sinn von Logos.) „Was soll aber dies göttliche Werkzeug, das Wort und dieser neue Gesang? Der Blinden Augen öffnen und der Tauben Ohr, die unverständigen Menschen von Gott unterrichten, der Verwesung ein Ende machen, die unbehutsamen Kinder wieder aussöhnen mit dem Vater. Dieser heilsame Gesang ist eben nicht so neu. Die Arkadier mögen von ihrem Alterthume sagen, was sie wollen; es war doch Keiner, ehe die Welt war, aber wir sind's" (als innig verbunden, Eins mit dem Worte, Glieder an ihm, dem Haupt, Reben an ihm, dem Weinstock). —

„Das Wort Gottes ist Mensch worden, damit du vom Menschen lernst, wie derMensch einst Gott werden möge." (Gerade wie Augustin: „Der Mensch ist, was seine Liebe ist. Liebst du Erde, so bist du Erde, liebst du aber Gott, — was soll ich sagen? so bist du Gott"). „Wir tragen das Bild Gottes in diesem lebendigen und beweglichen Menschenbild, das Bild, das allezeit bei uns ist, mit uns zu Rathe geht, sich mit uns unterhalt, bei uns wohnt und mit uns leidet?c." *) Auch Justin der Märtyrer sprach in diesem Geist und im Geist der Bibel von diesem Logos, dem Sprecher Gottes, dem Grundprincip aller Mystik; und Polykarp, der zugleich mit ihm lebte und zugleich mit ihm starb, schrieb mit einer solchen Warme für und vom Christenthum, wie ein schulgerechter, kaltdogmatischer, oder spitz- und scharfsinniger, theologischer Raisonneur nie schreiben kann und wird. Sie erinnern sich vielleicht, in welcher Zeit Origenes lebte, welche unselige Folgen für Sittlichkeit der Wahn hatte: der Mensch könne mehr als seine Pflicht thun, durch sein höheres Verdienst könne er einem andern Sündhaften helfen, kirchliche Strafen könnten also um eines solchen fremden Verdienstes willen erlassen werden, und daß man am Ende wähnte, auch bei göttlichen Strafen finde eine solche Stellvertretung statt. Die wahre Mystik arbeitet mehr

*) Aus der Ermahnung an die Heiden.

als irgend eine andere Lehre diesem schädlichen Wahn entgegen, indem sie jedem Menschen ein Ziel von Vollkommenheit setzt, nach dem er immer zu streben hat, ob er es gleich auf der Erde nicht erreichen wird. Und in Origenes Schriften ist viel acht Mystisches, obgleich mit unachter Mystik vermischt, wozu ihn sein Witz, sein Scharfsinn und seine Gelehrsamkeit verleiteten. Jndeß sindet sich bei ihm das Wesentliche der Mystik. „Schon die Philosophen, sagt er, *) haben das höchste Ziel, wornach alle Creatur strebt, darin gesetzt, daß sie Gott so viel möglich ahnlich werde. Sie haben das aus den göttlichen Büchern. Moses sagt: „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde :c. zum Bild (iingFinem) gleich von Anfang, und zu seiner Achnlichkeit («inlilnuäineui) am Ende der Dinge zukommen." Johannes sagt auch davon: „Kindlein, wir wissen noch nicht, was wir werden sollen, wenn es aber offenbaret wird, dann werden wir ihm gleich seyn." (1. Ioh. 3, 2.) Hierher gehört auch Ioh. 17. „Es fragen Einige, ob das nicht gegen die Natur Gottes sey, sich mit einem materiellen Wesen, wenn es auch noch so gereinigt und fein wäre zu vereinigen oder es sich ähnlich zu machen? Wenn es heißt: Gott werde seyn Alles in Allem, so ist das nicht auf unvernünftige Thiere, auf Stein u. s.w. zu beziehen, sondern auf die von aller Sünde gereinigten Seelen. Was diese verstehen, empsinden, denken, ist Alles von Gott; alle ihre Bewegung, Maß und Ziel wird Gott seyn. So wird Alles auf den ersten Zustand wieder zurückgeführt werden, in dem die Creatur war, da sie den Baum der Erkenntniß Gutes und Böses nicht bedurfte. Einige aber meinen, dieser Zustand werde alsdann erst dauern, wenn kein körperliches Wesen mehr den Creaturen anhängt, weil dies an der höchsten Herrlichkeit hinderlich sey. Ich denke aber, in den geistigen Leibern können nicht allein heilige Seelen wohnen, sondern auch die Creatur, die vom Dienste des vergänglichen Wesens befreiet ist. „Daß manche geheime (mystische) Vorstellungen in der Schrift seyen, wissen auch die Einfältigen," (oft besser als die Gelehrten). „So ist's nicht nur mit den Propheten, sondern auch im neuen Testament. Was für Geheimnisse schreibt Johannes? (z. B. nur, im 1. Brief 4; 7, 8.) Und selbst die Briefe der Apostel sind nicht leer davon. Dazu muß denn ein Schlüssel seyn. Ich glaube der Weg ist dieser: Gleichwie der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, so ist es auch

') In seiner Schrift über die ersten Gründe der Dinge, in dem Capitel von dem Ende der Welt.

mit dem Sinn der Schrift. Die Einfältigen, (die nicht tiefer dringen) begnügen sich an dem Leib, d. i. an dem in die Augen fallenden historischen Verstande. (Alle wahre Mystiker haben diesen auch als Grund behandelt, auf den jede höhere Wahrheit gebaut werden muß); die weiter gekommen sind, wissen sich schon an der Seele der Schrift zu erbauen. Die Vollkommenen dringen bis auf den Geist durch." (Wir werden sehen, nach welchen Grundsätzen verfahren werden muß, um diese Seele zu sinden.)

Genug für heute, und vielleicht schon zu viel! doch, Sie müssen nächstens noch mehr lesen, wenn Sie sich aus der innern Kirchengeschichte überzeugen wollen, wie und wo, durch was Mystiker entstanden sind.

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