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ihm nicht nur zu größerer Erleichterung, sondern es geht auch weit geschwinder fort, da es von seiner Mutter gehalten wird; weil es aber doch nur mit sachten Schritten fortgehen kann, so verursacht es, daß auch seine Mutter ihre Schritte nach den seinigen einrichten und langsam gehen muß, (bildlich ausgedrückt: Jesaj. 40, 11.) Wenn aber das Kind seine Mutter nicht bei der Hand halten, sondern vielmehr allein gehen will nach seinem Gutdünken, (wie das Zöglingsvolk Gottes, die Juden, so oft thaten), so fallt es, und anstatt fortzugehen, halt es sich auf und macht, daß seine Mutter sich auch aufhalten muß.

Wenn die Mutter sieht, daß ihr liebes Kind ihr zwar sanft und lieblich folgt, aber doch dabei müde wird und die Mutter aufhält, so nimmt sie dies liebe Kind und Herzchen auf ihre Arme. (Wem fällt nicht dabei Luc. 15, 11. ein?) Und alsdann wandelt das Kind vermittelst der großen Schritte seiner Mutter und geht eben so geschwind wie sie, indem das Kind mit der Mutter einerlei Vorsatz hat, (und ihre Kraft seine Kraft ist. Ies. 40, 21.) Da nun dieses Kind also getragen wird, so nimmt es auch zu gleicher Zeit seine Nahrung, indem es an den Brüsten seiner Mutter saugt. (Ein nur an wenigen Orten passendes Bild! Ein Kind, das schon eine Zeit lang hat laufen können, saugt nicht mehr; indes ist das Bild an sich biblisch. Ies. 66, l1.) So ist Gott mit seinen Führungen; wenn er sieht, daß es eine Seele gut macht, indem sie sich willig führen läßt, so macht es Gott eben so wie eine solche Mutter. Da er sieht, daß eine solche Seele seinen Rathschluß aufhält, daß ihre Schritte bei dem besten Willen zu langsam sind, so nimmt er sie auf seine Arme und trägt sie fort. (Wer erinnert sich nicht Lagen, Schicksale, Erweckungen, bei denen der Mensch in einer Woche weiter kam als sonst in Jahren? Es sind Zeiten, Lagen «., bei denen das Himmelreich Gewalt leidet, Matth. 11, 12.) Sie darf sich nur in Ruhe (offen für die ihr entgegen kommenden Eindrücke) halten, so schreitet sie dadurch weiter fort. Sie denkt nicht an ihr Gehen, ob ihr Gang richtig sey. Sie unterläßt ihr Untersuchen, ihr Forschen und ihre Sorgen; zugleich nimmt sie ihre Nahrung und wird durch diese Nahrung stark und wächst. Sollte man wohl glauben, daß das Kind sich selbst nährt und die Milch in sich saugt? Es regt sich ja nicht einmal, und man sieht nicht, daß es Etwas thut. Dennoch saugt es wahrhaftig. So ist eine Seele, die in aller Einfalt nur in ihrer so lieben Ruhe ist. Man sollte denken, sie thäte Nichts und sey müßig; es sey also ein Zeitverlust so zu handeln; allein mit diesem Urtheil betrügt man sich sehr. Auf diese Weise sindet die Seele ihre natürliche Nahrung; alle andere Weise, sich zu betragen, würde verursachen, daß sie diesen geheiligten Balsam verschüttete. Das Kind darf sich nicht viel bewegen, Etwas thun oder wirken, sich mit anderen Dingen beschäftigen, sonst würde es sich zu nähren unterlassen. (Allerdings gibt es eine solche Periode im Christenleben, wo der Christ blos empfängt und empfangen soll, wo er sich den Eindrücken, die ihm werden, ruhig überlassen soll, wie Jesus vor seinem dreißigsten Jahre. Jn dieser Zeit soll er blos wachsen und stark werden; aber er soll nicht immer ein solches Kind bleiben, 1. Kor. 3, 2. Ebr. 5, 12. 13., sondern zu einem Mann heranwachsen. Ephes. 4, 14. 15. Beide Perioden verwechseln, ist freilich nachtheilig für den Christengang. Das Kind soll eben so wenig Mann, wie der Mann Kind seyn wollen.)

Gott bedient sich zwar wohl der Treue und Lauterkeit der Tugend, denn er ist ein Gott der Reinheit. (Mich dünkt, er benutzt die lichte gute Seite an einem Menschen besonders dazu, um den Menschen anzutreiben, dies Eine Gute, diese Eine Tugend immer mehr in sich zu vollenden. Thut er das, so wird er erfahren, daß er diese Eine Tugend nicht in ihrem ganzen Umfange ausüben kann, wenn er sich nicht andere Tugenden aneignet, weil alle Tugenden in einem schönen, so wie alle Laster in einem häßlichen Zusammenhange stehen. Er wird z. B. nicht ganz, nicht immer wohlthätig seyn können, wenn er nicht sparsam, nicht sanftmüthig ist, seine Trägheit nicht überwindet.) Allein der Hauptrathschluß Gottes geht dahin, daß er als souverainer Oberherrscher in uns regiere. Er wird also oft mehr geehrt durch die Verlierung unserer selbst, als durch die Reinigkeit unserer Tugend, die uns in ruhiger Gelassenheit, Sicherheit erhalt, worin wir öfters glauben, als ob wir selbst Etwas wären. Solche Seelen genesen niemals von dieser Hochachtung gegen sich selbst, und sie erfahren es sehr wohl, wenn es ihnen durch Gottes Schicksale widerfährt, daß sie die böse Beschaffenheit ihrer Natur empsinden und in eine Schwachheit fallen, der sie nicht unterworfen zu seyn glaubten. (Petrus, David, Psalm 71, 20. 21. 11», 21. 119, 71. 107.) Sie verwirren sich aus Hoffahrt und Vertrauen auf sich selbst in tausenderlei Gedanken und Ueberlegungen. Anstatt sich durch die rechten Mittel herauszuziehen und zu Gott führen zu lassen, versenken sie sich immer mehr in sich. (Wirklich gibt es keinen verderblichern Fehler als den Wahn von Fehlerlosigkeit der Pharisäer, gegenüber dem Zöllner. Maria Magdalena hätte gewiß den Herrn nicht so warm und mit so vieler Demuth geliebt, wenn er ihr nicht so Viel zu vergeben gehabt, wie er selbst sagt, Luc. 7, 47. Saulus wäre kein Paulus geworden, wenn er nicht vorher ein Saulus gewesen wäre. Alles, was die Demuth mindert und uns zur Selbstbespiegelung, zur Selbstgefälligkeit führt; Alles, was unser Ich in unseren eigenen Augen erhöht, verunreinigt das Fundament alles Christensinns, und wenn es die wohlthätigste, großmüthigste, aufopferndste Handlung wäre.)

Das ist denn auch der Probirstein, durch dessen Bestreichung wir erkennen können, ob die Eindrücke, die uns durch Schicksale, Leiden oder Freuden, durch eine Tugend oder einen Fall, durch Freunde oder Feinde werden, reines Gold oder schlechtes Metall sind, ob sie zu den göttlichen Führungen oder zu den verführerischen Stimmen gehören, die uns durch ein: „Es stehet geschrieben" von Bibel und Gott abführen wollen. Wenn der tiefste Fall, das schwerste Leiden, die unerträglichste innere

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