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seiner Lehre den Weisen und Klugen verborgen und nur den Unmündigen, den Kinderseelen offenbart worden sey. *) Und doch gab es Ausnahmen zu allen Zeiten. Unter den Fischern und Zöllnern gab es auch einen pharisäisch gelehrten Paulus, und in der Folge gab es Gerson's, Hugo's, Arnold's, Fenelon's, die ihre Gelehrsamkeit brauchten zu dem heiligen Zweck.

„Aber kann man denn mehr seyn als ein Christ?" fragte mich neulich ein Freund, der aller Mystik abhold ist und sie für blanke Schwärmerei halt. „Nein," antwortete ich ihm; „aber es gibt Grade im Christenthum." Man kann auch nicht mehr seyn als ein Mensch; aber es gibt Eskimaux und Newton's, Antonine und Nero's, Mazarins und Bern storfs, und Alle sind Menschen. Freilich gibt es redliche Christen, die keinen Sinn für Mystik haben. Ueberhaupt scheinen Anfänger im Christenthume noch nicht dazu zu taugen; aber doch ist der Keim dazu in ihnen, wenn sie nicht wie Thomas vom Schauen zum Glauben, sondern vom Glauben zum Schauen übergehen wollen. Doch, über den Glauben nächstens Mehr!

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Sieben und zwanzigster Brief. An denselben.

Eigentlich hätte ich Sie schon in meinem vorigen Briefe erinnern sollen, ihn gemeinschaftlich mit Ihrer trefflichen Gattin zu lesen, weil solche Weiber Manches durch ihr Herz verstehen, was uns trotz allem Verstande nicht gewiß werden kann, weil es dem Verstande nicht klar ist. — Wie? gäbe es für den feinsten Blumenduft eine Beschreibung, eine Zergliederung, ein Wort? Er kann nur eingesaugt, genossen, aber nicht beschrieben werden. — Indeß gehören Sie nicht zu den Mannern, die blos Verstand sind; sonst hätte ich keinen Brief über Mystik an Sie gerichtet. Aber Ihre Gattin kann doch vielleicht manche Taste in Ihnen berühren, die ohne Sie unberührt geblieben wäre. So ist's mit der Liebe, der eigentlichen Virtuosität der Weiber; so ist's auch mit dem Glauben, diesem unzertrennlichen Bruder oder Vater der Liebe. Auch diesen Brief lesen Sie also gemeinschaftlich mit ihr, da er Ihnen Zeugnisse der Mystiker darüber vorlegen soll. Ich nannte Glauben den Vater der Liebe, und ich wiederhole es. Ohne Glauben gäbe es keine Liebe, wenigstens keine zu Gott und zu Iesus. Ie erhabener ein Wesen ist, je mehr wir diese Erhabenheit fühlen, desto weniger wagen wir, sich ihm zu naheni. Seine Erhabenheit blendet wie Sonnenglanz am Sonnenmittag unsere Augen; sie wirft uns wohl ihm zu Füßen, aber nicht an sein Herz. Es muß uns zuvorkommen, sich uns nahen durch Liebe, ehe wir den Muth fassen, es zu lieben. Und wir müssen an seine Liebe glauben. Ohne diesen Glauben wirkt seine auch wärmste Liebe nicht auf uns. Sie eristirt für uns nicht. So läßt sich's denn zum voraus erwarten, daß den Mystikern der Glaube Alles gelten muß, weil ihnen nur durch ihn die Liebe möglich wurde, die sie ganz erfüllt. Ihr gänzliches Hingeben an Gott Obgullo») ihre Willenlosigkeit, ihr Absterben allem Ich, Mir, Mein, zeugt von dem vollendetsten Glauben. Wie stark drücken sie sich darüber aus! Clemens von Alexandrien sagt: „In ihn (Iesum) und durch ihn glauben, ist so viel, als einig und in das Eine gezogen werden, in ihm unzertrennlich vereinbart! Der Eremit Marcus nennt ihn ein solches eigenes, vor sich bestehendes Wesen und Leben in der Seele, und zwar der Dinge, die man hofft und erwartet." Die Mystiker machen einen großen Unterschied zwischen den Ausdrücken, Gott oder Iesus glauben, oder an Gott, an Christus glauben. Sie wollen lieber, daß man sage: in Gott, in Christus glauben, (was zwar lateinisch und griechisch, aber nicht deutsch ist). Ioseph Bona sagt: „Was die Wurzel dem Baume, der Grund einem Hause, ein Brunn (Quell) dem Bachlein ist, das ist der Glaube dem christlichen Leben und den übrigen Tugenden." Mehrere Mystiker nennen sogar IesllM einen iiäeui incaruataiu. Sie sehen, wie Alle mit der Sprache ringen, um es nur recht stark auszudrücken, was die Bibel auch mit dem Worte «,r<>'c»<»5 zu thun sucht, daß der Glaube etwas Wesentliches, Wirkliches, Lebendiges und Belebendes in dem Menschen sey, himmelweit verschieden von dem leeren, kalten, todten Fürwahrhalten, oder gar blos die christliche Religion Annehmen, wozu es manche unserer Eregeten fast in allen Bibelstellen herabwürdigen, verwässern möchten.

Was die Guyon über den leidenden Massive) und nackenden (nne) Glauben sagt, ist das Reinsie, Zarteste, Tiefste, was aus einem religiösen Gemüth fließen mag. „Man muß eine männliche Tugend haben, durch die man Kreuz und Krankung allen süßen Empsindungen vorzieht;" (wie ja auch kraftige Menschen körperliche Abhärtung allem weichlichen Wesen vorziehen). „Denn nackend muß man dem nackenden Iesus folgen, so daß, wenn er" (wohlverstanden: er, nicht wir) „uns seine tröstende Empsindung entzöge, man eben so vergnügt wäre und ihm mit der nämlichen Treue diente. Der nackte Glaube beraubt die Seele und leert sie aus von Allem, was sie im günstigen Glauben erhalten hatte. Er entstellt sie so, macht sie so nackt, daß sie sich selbst eben so unleidlich wird, wie sie sich vorher geliebt und bewundert hatte." — Sie verstehen ja wohl, daß das Alles aus dem Glauben fließen muß: Iesus führt, beraubt mich so, macht mich so nackt; es muß also gut und nöthig zu meiner Erziehung seyn. Sonst wäre es christlicher Stoicismus, fast ärger als der heidnische.

Alle Mystiker behaupten übrigens, Glaube sey eine Gabe Gottes; „eine Kraft, die über alle Natur ist, durch welche wir auf eine unbekannte, un« begreifliche Art mit Gott vereinigt werden, welche

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