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nicht verstand. Sein Inneres erklart ihm die Bibel, die Bibel macht ihm sein Inneres verständlicher. Ihm entgeht sie nicht, die Ähnlichkeit zwischen Bibel, Natur und seinem Innern, in Gang, Fortgang, Stufenfolge und Entwickelung. Alle drei sind ihm Zeugen für Eins. Mit ganz andern Augen sieht er jetzt auf die Natur. Der Käfer ist ihm nicht ein gewöhnliches Insect, sondern Abdruck der lebenden Gottheit in tiefer Erniedrigung, die Blume keine gewöhnliche Blume, sondern Duft des Freudenschöpfers, der unsere Sinne und sie zu wohlthätiger Berührung unserer Sinne schuf. In der Natur wie in seinem Innern wird erzeugt, geboren, es wächst und reift. Kommen auch Stunden, Tage, Zeiten, wo sein Inneres mit einem Schleier verhüllt ist, und die Natur und die Bibel, wo sich Gott ferne hält, als wäre er nicht, wenigstens für ihn nicht da, er schweigt und hält sich still. Auch der nackte, auf Nichts sich stützende Glaube muß geübt werden, wär' es ja sonst kein Glaube! Er weiß ja, was ihm ehemals ward, und wartet, ob es ihm nicht wieder werden wird. Und wird es nicht, dennoch bleibt er stets an Gott. Ruft ihm auch das Nächste in oder außer ihm zu: „Verlaß Gott und stirb," er verläßt Gott nicht. Wie könnte er verlassen den, den er so liebt? „Und wenn ihm gleich Leib und Seele verschmachten sollte, so bleibt doch Gott seines Herzens Trost und sein Theil."

Und dies wäre Schwärmerei? Nein, so sagen Sie nicht; so sagen nur die, die reine, echte Liebe nicht kennen. Diese sollten Heloisens, Klotildens, Linnens Geschichte lesen, wenn sie auch die Geschichte der Guyon, Bourignon, Fenelons nicht lesen mögen. Hier würde dem Menschen alle Freiheit genommen? Dem Liebenden? Will er denn eine andere Freiheit, als dem zu gefallen, für den, in dem er lebt, und ganz zu leben mit allen Trieben seines Wesens sich sehnt? Den er— liebt? Hat denn je die Liebe etwas Anderes gewollt?

Wie? Er ließe seine Kräfte ungebraucht? Ja, wenn es der will, dessen Wille sein Wille ist! Ließ ja auch Jesus seine großen Kräfte dreißig Jahre lang ungebraucht, bis ihm sein Vater winkte, daß er wirken solle. Aber wie wirkte er hernach! Es war ihm nicht Last, nicht Pflicht, sondern Speise, Genuß, zu thun jeden Willen seines Vaters; und so ist jeder Mystiker. Soll er Kräfte ungebraucht lassen, oder sie bis zur höchsten Anstrengung brauchen, soll er reden oder schweigen, mit zerschmetternden Donnerworten der Ruchlosigkeit widerstehen wie Elias, oder sich schweigend von ihr kreuzigen lassen; er begibt sich in Alles hinein. Will er ja nur Eins und thut nur Eins, dem zu leben, zu dulden, zu verleugnen, zu tragen, zu schweigen oder zu reden, zu wirken, zu leben, der für ihn gelebt hat und gestorben ist.

Fühlen Sie nun, wie man ein Mystiker werden kann? Hätten wir doch viele solche. Es stände besser mit den Kirchen der Theologie, der Religion, der Menschheit.

„Aber sind es nicht Ideale?" sagen Sie. Gewiß nicht. Wollen wir auch nicht von einer Guyon, Bourignon, von einem Gerson, Tauler, Arndt und ähnlichen Personen reden, so muß ich Ihnen doch sagen, daß ich einige vollendete Mystiker und Mystikerinnen kenne, die es waren, ohne den Namen je gehört zu haben; die eine Reihe von Jahren, eine 32 Iahre lang, die größten Schmerzen duldeten und sich zu einer Heiterkeit erhoben hatten, die durch Nichts zu stören war; — ungebildete Personen, die durch innere Anschauungen zu einer Art und einem Grade von religiöser Bildung gekommen waren, so daß im Allgemeinen weit höher gebildete Menschen sie mit Vergnügen sprechen hörten, und daß selbst Geistliche von ihnen lernten. Ihre Hingebung unter Gottes Willen war so groß, daß die Eine, die den Kopf nicht vom Bette heben konnte, ohne ohnmächtig zu werden, in großer Gefahr war zu verbrennen, und dabei so ruhig blieb, als ob sie wie Daniel im feurigen Ofen wäre; daß sie repanirt werden sollte, und sich's ruhig gefallen ließ, eben so ruhig aber auch hörte, daß man es doch nicht wagen wolle, weil die Sachverständigen fürchteten, sie möchte unter der Operation sterben. Noch sehe ich die Verklärung auf ihrem abgemagerten Gesichte, als sie mir sechzehn Iahre vor ihrem Tode sagte, daß sie nun auch ihren letzten Feind, den Wunsch nach dem Tode, überwunden habe.

So Etwas muß man gesehen und erfahren haben, um zu wissen, was wahre Mystik oder gänzliche Hingebung an Gott aus Liebe zu ihm vermag und ist. Früchte zeugen von dem Baum.

Und nun darf ich doch sagen: Möchten Sie eine wahre Mystikerin seyn!

Sechs und zwanzigster Brief.

An den Herrn Präsidenten von S.

Vie merkten wohl, sagten Sie, daß nicht alle Menschen zur Mystik fähig seyen; und das mag wohl wahr seyn, ob ich gleich nicht entscheiden will, ob sie sich nicht dazu unfähig gemacht haben und wieder fähig dazu werden könnten. Sind doch nicht alle Menschen fähig zu tiefem Gefühle, zu kindlichem Glauben, zu echter, reiner Liebe! Wie sollten sie es denn seyn zu dem tiefsten Gefühl, zu dem kindlichsten Glauben, zu der geistigsten, innigsten, erhabensten Liebe? Auch knüpft die Bibel das Schauen Gottes, das Gefühl seiner Nähe, seiner Berührung, das Wesentliche der Mystik an gewisse Bedingungen an, die nichts weniger als Kenntnisse sind, sondern weit mehr als diese. „Wer wird stehen an der heiligen

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