Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

Fünfund zwanzigster Brief.

An die Gräfin D.

Vie sagen mir, Ihr Freund R. habe Ihnen Einiges aus Fenelon's Briefen vorgelesen, habe Sie zum Lesen des Thomas von Kempen ermuntert, Sie haben ihn gelesen und wieder gelesen und seyen durch ihn mehr als durch irgend eine Erbauungsschrift ergriffen und angezogen worden. In Ihrer Phantasie stehe nun das Bild eines echten Mystikers, wie Fenelon, Thomas und Mehrere waren; und Sie wünschten zu wissen, ob und in wiefern es ein bloßes Ideal oder Wahrheit sey. Liebe Freundin! ich kenne Ihre schöne und reiche Phantasie. Wie oft hat sie mir wohlgethan, wenn wir durch den schönen Park in W. wanderten, manche kleine Anhöhe bestiegen, in die so mannichfaltig schöne Ferne blickten, und Sie die ganze Gegend durch Ihren Blick, Ihren Aufblick

30N der schönen Erde zu dem schönern Himmel durch ein Paar sinnvolle, den Himmel mit der Erde verbindende Worte mit einem Regenbogen-Nimbus verklärten. Ich zweifle also gar nicht, daß Ihre Mystiker ätherisch schöne Ideale sind. Allein Sie wollen Wahrheit, und ich will Ihnen nur Wahrheit geben. Wenn mich der hohe, heilige Sinn dieser Menschen manchmal erwärmt, daß mir Andere — Sie nicht! Wie könnten Sie es? — wohl sagen möchten, wie Festus: „Paule! du rasest," so fühlen Sie gewiß mit mir, daß man ein Castrat an Sinn und Herz seyn muß, wenn man bei gewissen Darstellungen nicht warm wird. Die Wahrheit soll dabei nicht verlieren, sondern gewinnen.

In jedem Menschen, der zu einem Menschen heraufgebildet ward und sich nicht verbildet hat, liegt der Embryo zu einem Mystiker, d. h. er ist organisirt, einen inneren Menschen in sich zu beobachten , eine innere Stimme zu hören. Sie ist nicht das Gewissen, ob sie gleich oft durch das Gewissen spricht. In ihm ist eine Sehnsucht nach irgend etwas Höherem, Göttlichem, wenigstens Unvergänglichem, die sich besonders bei dem Verlust eines geliebten Wesens mächtig in ihm regt. Wenn er sich seiner innigsten Empsindung einigermaßen bewußt ist und sie durch Worte bezeichnen kann, so fühlt er, daß er einen Gott bedürfe, ihm so nahe wie einen Freund, oder einen Freund, so machtig wie Gott. Es muß ein Individuum, eine Person seyn. Wie könnte er sich nach einem Abstractum, nach dem Universum sehnen? das Universum bedürfen? Erziehung, Lage, Umstände, Geschäfte, Zerstreuung mehren oder mindern diese Anlage. Grobe Sinnlichkeit, sich aufbäumender Ehrgeitz, kleinliche Eitelkeit oder drückende Nahrungssorgen können sie ersticken. Der Mensch fühlt indeß immer das Bedürfniß, aber er sucht es durch kleinliche Erdendinge zu befriedigen. „Die lebendige Quelle hat er verlassen und gräbt sich löcherige Brunnen in der Wüste, die kein Wasser haben." *) Das Bedürfniß nach etwas Höherem kann also erstickt, es kann wegvernünftelt, durch Zergliedern und kleinliches Begrübeln in seiner Totalität vernichtet werden; aber es war da, so gewiß Denkkraft und Fähigkeit zu lieben auch bei dem abgestumpftesten, zu Thiersinn herabgesunkenen Menschen da war. Lassen Sie uns nicht darüber streiten, ob es Prädestination oder eigene Schuld war. In den meisten Fällen war es Beides zugleich. Indeß drängt sich bei gar Manchen, auch aus

[ocr errors]

den niedrigsten Ständen, doch der Trieb hervor, wie der Trieb nach Reisen, nach wissenschaftlicher Bildung sich bei Cook, Franklin, bei dem armen Schuhmacherknaben Cranch und bei Andern hervordrangte. Und nun wird der Mensch geleitet zu tieferer Beobachtung seines Innern. Er horcht leise auf die Stimme, die in seinem Innern redet. Er bemerkt den Contrast zwischen seinem Gewissen und seinem Wandel, seinem Sinn. Es entgeht seinem Forscherblick nicht, was er seyn sollte und was er ist, und daß es nicht so bleiben darf. So weit waren die edlen Heiden, die sich nach Etwas sehnten, was sie selbst nicht kannten. Wird aber der Christ bekannt mit dem Evangelium von Jesus, wird er ergriffen von der Himmelswahrheit: der in sich zerrissenen, mit sich selbst zerfallenen Menschheit soll geholfen werden; kein Opfer war dem Allmächtigen zu groß, um ihr zu helfen; Gott gab das Geliebteste, Nächste hin, um ihr zu helfen; dieser Geliebte gab sein Leben auf die schauerlichste Art hin, um ihr zu helfen; nun wird Niemand verloren, der sein Vertrauen auf ihn setzt; Alles wird gerettet, Alles glücklich; — glaubt er dies, wie er glaubt, daß sein Vater Vater sey; nimmt er das Himmelswort an, wie er eine Lebensarzenei genießt, ohne zu wissen, wie sie ihn belebe, dann wird sein ganzes

Wesen aufgeregt zu Dankbarkeit und Liebe. Er sehnt sich nach Nähe Gottes, Nähe Jesus, wie sich der Liebende nach Nahe des Geliebten sehnt. Er nahet sich zu Gott, und so nahet sich Gott zu ihm. Er betet, und sein Gebet wird erhört. Sein Glaube wird gestärkt durch diese Erhörung und seine Liebe. Ietzt gibt er sich Gott und Jesus ganz hin. Er bedarf keiner Tugend. Tugend ist Kampf und Sieg; aber in ihm ist kein Kampf. Er will Eins und ist Eins. Er will nur, was der will, der ihn so hoch geliebt hat. An Belohnung denkt er nicht. Wie könnte cer Liebende das, da ihm sein Leben so natürlich, wie das Athmen ist? Und doch wird er — zwar nicht belohnt; das setzt ja Verdienst und Erwarten von Belohnung voraus — er wird selig und immer seliger, ohne daran zu denken oder es zu wollen. Er ist schon selig, weil er liebt und weiß, daß er geliebt wird. Gibt es denn eine höhere Erdenseligkeit? Alles geht bei ihm nur dahin, zu thun, was der will, der Allmächtige, der ihn, den Niedrigen geliebt — geliebt, dessen Liebe er in seinem Innersten erfahren hat.

Mit verklärten Augen der Liebe blickt er nun auf sein Inneres und auf die Natur, mit erleuchteten Augen in die Bibel. Er sieht darin, was er vorher nicht sah, versteht, was er vorher

« ZurückWeiter »