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geht übrigens Böhm oder seinen Schriften, wie es Iean Paul und seinen Schriften, besonders bei den Damen geht. Manche sagen, sie verstehen Alles, was er geschrieben hat, und sie haben sicher unrecht. Viele seiner Bilder verstehen sie gewiß nicht. Andere sagen, er sey für sie gar nicht zu lesen, und sie haben eben so unrecht. Seine Clotilden und Lianen bis auf Theode herab verstehen sie gewiß. Sie berühren das Beste, was in ihnen lebt, und beleben es noch mehr. Außerdem sind so viele Sentenzen aus dem Innersten, Allerheiligsten des Menschen durch ein treffendes, populäres Bild verklärt, die sicher ein weibliches Gemüth am meisten ansprechen. So würde gewiß gar Vieles in Böhm's Schriften die religiösen Gemüther ansprechen, wenn seine Sprache, ich möchte sagen, seine Poesie nicht allzu abschreckend wäre, weil sie aus den alchymistischen Schriften zusammengestoppelt war, die er in seiner Iugend fleißig gelesen hatte, und sich nicht anders auszudrücken wußte.

Ich gestehe es, auch mich hätten seine Schriften angeekelt, wenn mich nicht meine Prediger-, oder vielmehr Seelsorgerspflicht zu ihrem Lesen genöthigt hätte. Ich stand nämlich als Prediger an einer Gemeinde, in der sich viele Böhmisten fanden. Sie besuchten keine Kirche, nahmen keinen Theil am Abendmahl. Aber bei genauerer Bekanntschaft fand ich an ihnen sehr redliche, sittliche und wohl unterrichtete Manner. Jch fragte nach der Ursache, warum sie keine Kirche besuchten; sie antworteten mir, sie erbauten sich jeden Sonnund Feiertag an Böhms Schriften. In dem ,.dreifachen Leben des Menschen" gebe Böhm mehr Licht über den inwendigen Menschen, als sie in einer Predigt sinden würden, die für so Viele, in den Wegen des Herrn noch so ganz Unerfahrene gehalten werden müßte. Die „Menschwerdung Christi" sey eine ganz andere Weihnachtsprcdigt, als man auf den Kanzeln vortragen könne u. f. w. Ich konnte Nichts für und Nichts gegen die Schriften sagen, weil ich sie — nicht kannte, bat also, mir eine oder die andere zu geben. Man gab mir den „Weg zu Christo", und ich fand ohnerachtet des wunderlichen Styls gar manche nicht gemeine Wahrheit. Ich las nun mehrere seiner Schriften, ließ mir mit kindlicher Einfalt manches Bild, erklären und ließ gelten, was mir Wahrheit schien, wenn ich es auch zuerst in Böhms Schriften gefunden hatte. Die Böhmisten singen nun an mich zu schätzen, besonders weil ich ihnen nicht von den Theologen zu seyn schien, „die sich mit Händen und Füßen dawider legen, ja mit Verfolgung und Schmähen, daß man nicht solle forschen vom tiefen Grunde;" „deren Hoffahrt dir das Suchen verbeut, auf daß du nicht sindest, und sie dagegen in ihrem gekrönten Hütlein mögen als eine stolze Frau über den Wundern schweben." Besonders sprach es mich an, was Böhm von dem Blick des Menschen in sich selbst sagt: „Nur wenn du dich selbst recht erkennst, erkennst du auch Gott und die Natur recht, denn du bist Gottes Gleichniß, Bild, Wesen und Eigenthum; wie du bist, ist auch die ewige Geburt in Gott. — Der Mensch ist der Mikrokosmus, eine kleine Welt aus der großen, und hat der ganzen großen Welt Eigenschaft in sich." Ietzt gingen mir die Leute in die Kirche; ich bemühte mich manchmal in ihrer Sprache zu reden, popularisirte es aber gleich durch Ausdrücke und Bilder der Bibel, was sich recht gut thun läßt; und so waren sie gewonnen.

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Doch ich sollte und wollte Ihnen ja nicht von Böhmisten, sondern von Böhm selbst reden. Weil nun das Leben der Mystiker und Theosophen, wie auch mancher anderer Schriftsteller der beste Commentar zu ihren Schriften ist, so mache ich Sie vor Allem mit den Hauptumständen seines Lebens bekannt. Sein Vater war ein Hirt, und er mußte ihm früh das Vieh hüten helfen. Einst bestieg er einen Berg und fand auf dem Gipfel ein Loch, trat hinein und erblickte einen großen Topf mit Geld, worüber er, — man weiß nicht, durch welche Combination seiner sehr lebhaften Phantasie, — so erschrak, daß er eilig davon lief, in der Folge aber den Topf nicht mehr fand. Indeß machte der Umstand wenig, oder doch keinen bleibenden Eindruck auf ihn, obgleich seine blinden AnHanger darin eine Vorbedeutung des Schauens, des geistlichen Seelenschatzes und der himmlischen Pforte des Paradieses (das Loch?) fanden. Einen tiefern Eindruck auf ihn machte aber ein fremder Mann, der seinen unverdorbenen Sinn vermuthlich auf seinem Gesichte las und ihn zur Frömmigkeit ermahnte. Nachdem er sich verheirathet hatte, las er viele theologische, aber auch chemisch'mystische Schriften, wie man auch an seiner Schreibart merkt. Ohne Zweifel hat er auch manche theologische Streitschrift gelesen, — wie sie das sechzehnte Jahrhundert hervorbrachte. (Er wurde t575 geboren.) Die Bitterkeit, mit der manche geschrieben waren, krankte seinen frommen Sinn so tief, daß sich Zweifel über Zweifel in ihm regten. Priester der Religion der Liebe und so viel Haß! — Das verwirrte ihn ganz und machte ihn höchst unglücklich. Aber er war fromm; er wandte sich also zu Gott und betete inbrünstig und anhaltend, daß ihn doch Gott erleuchten möge. Wirklich bekam er Licht und Ruhe. Er sing an eine wunderbare Verknüpfung aller Dinge zu ahnen, eine Einheit in der Mannichfaltigkeit, eine Harmonie in den tausendfachen Lauten der Schöpfung. Er selbst spricht mit großem Entzücken von dieser Erleuchtung, verschloß sie aber noch in sich, bis ihm nach und nach immer ein neuer Zusammenhang der Dinge klar wurde. Dies Letztere geschah im Jahre 4610. Nun konnte er das innerlich Angeschaute nicht mehr in sich behalten; er schrieb nieder, was sich in seinem Gemüth bewegte. So entstand die Aurora, sein erstes, aber ohne Zweifel auch sein genialischestes Werk. Allein ihm siel es gar nicht ein, es bekannt zu machen. Er mußte nur ergießen, was in ihm war. Ein Adlicher aus der Nachbarschaft, der ihn besuchte, fand das Manuscript auf dem Tische, bat sich's zum Lesen aus und ließ es durch einige Copisten schnell abschreiben. Dadurch kam es in mehrere Hände und auch in die Hand eines geistlichen Zeloten in Görlitz, Namens Richter. Dieser canzelte den in der Kirche gegenwartigen Böhm tüchtig ab und nannte dabei seinen Namen. Ruhig ging Böhm nach der Kirche zu dem Prediger in's Haus und fragte ihn sanft, was er ihm doch zu Leid gethan habe, erhielt aber die gröbste Antwort. Da die Predigt ein ärgerliches Aufsehen gemacht

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