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hatte, so wäre dies ja kein großes Unglück. Wenn ihre Warnungen ihn beleidigten, so sey das ein Zeichen, daß sie den rechten Fleck getroffen hätten. Er müsse mehr als ein Anderer gedemüthigt werden, in dem Maß, wie er durch seinen Stand mehr über Andere erhaben sey. Auch wurde er mehr als hinlänglich gedemüthigt. Bekanntlich verfolgte ihn der Neid Bossuet's und dessen despotische Forderung, die Schriften seiner Freundin Guyon gegen eigene Ueberzeugung zu verdammen. Was natürlich Fenelon nicht thun konnte, erbitterte diesen ehrgeizigen Mann aufs äußerste. Er brachte es durch seine Intriguen so weit, daß Fenelon's Lehre, besonders von der reinen Liebe zu Gott, durch eine päpstliche Bulle verdammt, er zur Bekanntmachung derselben angewiesen! und in seine Diöces verwiesen wurde. Er machte sie von der Kanzel bekannt und ermahnte seine Diöcesanen, ihr pünctlich Folge zu leisten. Aus seinem Exil schrieb er an seine Freunde: „Lasset uns Alle in unserem einzigen Mittelpuncte (cunti.e) bleiben, wo wir uns immer sinden, und wo wir Alle Eins sind. Wir sind einander sehr nahe, ohne uns zu sehen, statt daß Leute, die sich zu jeder Stunde sehen, in einem und eben demselben Zimmer sich sehr ferne sind. Gott vereinigt Alles und vernichtet die größte Entfernung in Hinsicht auf Herzen, die in ihm vereinigt sind. D! wie schön ist's, nur Eins zu seyn! Ich will Nichts kennen als Einheit. Alles, was man darüber hinaus rechnet, kommt von der Trennung. Pfui der Freunde! Ihrer sind mehrere, also lieben sie sich nicht." (Ihnen brauche ich ja nicht zu sagen, daß nicht von der Zahl der Personen, sondern von dem Sinn die Rede ist.) „Das Ich liebt sich zu sehr, um das Ihn oder Sie zu lieben. Lassen Sie uns denn Alle Eins seyn, um nichts zu seyn, als in unserem gemeinschaftlichen Mittelpunct, wo Alles ohne Unterschied Eins ist. Dort gebe ich Ihnen ein renclex von«, wo wir zusammen wohnen werden. In diesem untheilbaren Puncte haben sich China und Kanada vereinigt." Niemand war dem göttlichen Willen mehr unterworfen als Fenelon, wo er ihn wirklich zu erkennen glaubte. Als echter Katholik unterwarf er sich kindlich den Aussprüchen des Papstes, die seine Schrift über die Maximen der Heiligen und die daraus gezogenen Satze verdammt hatten. „Wir trösten uns," sagt er öffentlich seiner Gemeinde, „über das, was uns demüthigt, damit der Dienst des Worts, den wir von dem Herrn empfangen haben zu unserer Heiligung, dadurch nicht geschwächt werde, und ohnerachtet der Demüthigung des Hirten die Heerde wachse in der Gnade vor Gott." Als

man ihn ohnerachtet dieser Offenheit beschuldigte, daß er aus Politik oder Schwache gehandelt habe, erklärt er öffentlich: Meine Unterwerfung ist kein politischer Zug, auch kein ehrfurchtsvolles Schweigen , sondern ein innerer Act des Gehorsams, Gott allein gebracht. Nach katholischen Grundsätzen habe ich das Urtheil meiner Vorgesetzten als ein Echo des göttlichen Willens angesehen. Ich habe mich nicht aufgehalten bei den Leidenschaften, Vorurtheilen und Streitigkeiten, die meiner Verdammung vorausgingen. Ich hörte mitten in diesem Wirrwarr wie Hiob Gottes Stimme, die mir sagte: „Wer ist's, der unbedachtsame Reden unter weise Sprüche mischt?" Und ich antwortete aus meines Herzens Grund: „Habe ich unbedachtsam geredet, so kann ich nur meine Hand auf den Mund legen und schweigen." Aber er war nichts weniger als stoisch gleichgültig. Niemand konnte empsindlicher bei dem Verluste seiner Freunde seyn als er, bitterlich weinte er bei ihrem Tode; auch verbarg er seine Thränen nicht, suchte sie nicht zurückzuhalten durch eine gewisse philosophische Kraft. Wie schön war's, diesen großen Mann zum Kinde werden zu sehen durch die Zärtlichkeit der Freundschaft! Aber dabei tröstete er doch sich und die Freunde, die mit ihm weinten. „Er ist nicht entfernt von uns," schrieb er, „in

dem er unsichtbar ward. Er sieht uns, er liebt uns, er fühlt unsere Bedürfnisse. Glücklich im Hafen angekommen, bittet er für uns, die wir noch dem Schiffbruch ausgesetzt sind." Er liebte eine gesunde, mit ihren Grenzen bekannte Philosophie und machte seinen Zögling, den Herzog von Bourgogne, besonders mit den alten Philosophen bekannt. „Die Logik," schrieb er ihm, „ist die Untersuchung der Wahrheit; Sie werden dadurch lernen sie erkennen. Sie hat sichere Kennzeichen für aufmerksame Seelen." — „Auf den Flügeln der Metaphysik werden Sie sich erheben bis zur Betrachtung Gottes selbst, seiner unendlichen Eigenschaften, den Zügen von Aehnlichkeit, die er uns gewürdigt hat zu geben, zu der Freiheit, Geistigkeit, Unsterblichkeit unserer Seele." — „Wir werden die verschiedenen Weltsysteme untersuchen, die Spielereien des menschlichen Verstandes, und manchmal die Proben seiner stolzen, selbst ausschweifenden Neugierde. Um sie zu verstehen, werden Sie indeß Mathematik nöthig haben." Er machte seinen Zögling bekannt mit den Handlungen der be-rühmtesten Philosophen des Alterthums, die er genau kannte; aber er kannte die Grenzen der Vernunft. „O Vater der Barmherzigkeit!" sagt er, „ich denke nicht mehr daran, über die Gnade zu Philosophiren, sondern mich ihr im Stillen zu überlassen. Sie thut Alles in dem Menschen; aber sie thut Alles mit ihm und durch ihn. Mit ihr muß ich also handeln und mich zurückhalten, mit ihr leiden, warten und widerstehen, mit ihr glauben, hoffen und lieben. Wenn ich allen diesen Eindrücken folge, so wird sie Alles thun in mir, ich werde Alles thun durch sie. Sie beruhigt das Herz, aber man rettet den Menschen nicht, wenn man ihn nicht zum Handeln bringt. Also ist es an mir, ohne einen Augenblick zu verlieren, zu arbeiten, um nicht die Gnade zu hindern, die mich ohne Unterlaß antreibt. Alles Gute kommt von ihr, alles Böse von mir. Thue ich Gutes, so ist sie's, die mich dazu ermuntert; thue ich Böses, so habe ich ihr widerstanden. Gott bewahre mich dafür, daß ich mehr wissen wollte. Alles Uebrige würde nur dazu dienen, in mir eine anmaßende Neugierde zu erregen. O mein Gott! halte mich immer auf der Stufe der Unmündigen, denen du die Geheimnisse deines Reichs offenbarst, indem du sie den Weisen und Klugen verbirgst." — So weit entfernt war Fenelon durch seine tiefen philosophischen Kenntnisse Etwas an der Religion modeln zu wollen, was bei unfern Philosophen an der Tagesordnung ist. Er kannte die Grenzen der Vernunft besser. So weit war er entfernt den Menschen zu einer passiven Maschine der

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