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General der Minoriten, und an Gerson, der schon im 4t). Iahre Kanzler der Universität Paris, Rathgeber in allen verwickelten Lagen seines Vaterlandes, dabei so wenig Fanatiker war, daß er eine besondere Schrift verfaßte, wie man wahre Erscheinungen von falschen unterscheiden könne, eine andere, über Prüfung der Geister, gegen den Aberglauben, und gegen das kopfhängerische Wesen einen Tractat. Dabei war er aber doch ein großer Kenner des innern Menschen, wie seine Schriften, sein Gespräch zwischen den fünf Sinnen und dem Gewissen, sein Alphabet der göttlichen Liebe und sein Hochzeitlied auf die Vermählung eines I'lieuloZi mit der "l'llcolo^ zeigen. Was haben Fenelon, die Guyon, Arnold, Arndt, Bonaventura geschrieben! Was hat Fenelon und Arndt gewirkt! Daß sie Alles der Gnade zuschrieben, war dies nicht das sicherste Verwahrungsmittel, ihr Gutes nicht durch Stolz, durch Einbildung auf sich selbst zu vergiften? Mußte es sie nicht in der Demuth erhalten, dieser Tugend, ohne die es keine Tugend und überhaupt nichts Gutes gibt? Und hatten sie nicht recht? Sind Naturanlagen, ist Erziehung, Umgang mit guten Menschen, Gelegenheit Gutes zu sehen, davon ergriffen zu werden, es auszuüben, nicht auch Gnade? „Alle Natur ist Gnade, alle Gnade ist Natur; Natur ist

nur frühere Gnade, Gnade spätere Natur," sagt ein frommer Mann mit Recht. Sie thaten darum nicht weniger Gutes, dienten darum nicht weniger eifrig ihren Brüdern, duldeten nicht weniger geduldig die Leiden, die ihnen aufgelegt wurden, die Verfolgung, die sie erfahren mußten. Diese stille Willenlosigkeit, um zu empfangen, dies innere Hören und nichts als Hören, An- und Aushören, diese Passivität, von der in ihren Schriften so oft geredet wird, scheint doch allerdings vorerst nöthig zu seyn, um zu der rechten Activität zu kommen. Iesus selbst wartete dreißig Iahre in innerer Passivität, bis er einen Wink bekam, außer sich zu wirken, ohnerachtet der großen Kräfte, die er in sich fühlte, und des hohen Berufs, den er kannte. Man muß sich dem Eindrucke einer großen Natur, der Einwirkung eines erhabenen Menschen oder Gegenstandes anfangs kindlich und ohne eigene Ein- oder Zwischenwirkung überlassen, wenn man die volle Kraft der Einwirkung empsinden will. So muß man sich auch der höhern Einwirkung willenlos hingeben, wenn man zu einer Thatigkeit, Aufopferung, Selbstverleugnung fähig werden soll, wie sie das Christenthum fordert. Christus und das Christenthum fordert nicht erst und gibt hernach; es gibt erst und fordert hernach. „Geliebt wardst du zuerst, damit du würdig würdest geliebt zu werden," sagt Augustin. Und er fordert Zurückhalten alles eigenen Willens, Selbstlosigkeit, damit der Mensch das Reingeistige, Göttliche empfangen und rein in sich aufnehmen könne. Bei dem Proceß des innern Lebens, der neuen Geburt soll der Mensch nicht die Rolle des Mannes spielen, sondern die Rolle des Weibes. Er soll nicht erzeugen, sondern empfangen, tragen, gebaren. Zur Unzeit thätig seyn verdirbt an der wahren Thätigkeit, schwächt sie wenigstens. Es gibt dann wohl Werke, aber es sind keine Werke in Gott gethan.

Die Mystiker behaupten, der Mensch solle keinen eigenen Willen haben; Gottes Wille solle ihr Wille seyn. Aber haben sie denn unrecht? Soll denn der Christ etwas Anderes? Soll er sich nicht verleugnen? Und hätte er das gethan, wenn er noch seinem eigenen Willen folgte, ohne Rücksicht zu nehmen auf Gottes Willen? Hat nicht Iesus in einer der schwersten Stunde seines Erdenlebens bei einem so natürlichen Gebet doch gesagt: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe?" — Alles soll bei dem Christen aus Liebe geschehen. Aber hat denn die Liebe einen andern Willen als des Geliebten Willen? Würde sich der Liebende frei fühlen, wenn er etwas Anderes wollte, als was der Geliebte will? Immer auf Gott blicken oder den Herrn, den Stellvertreter der Gottheit; ihm, ich möchte sagen, Alles an den Augen ansehen, was er will, jeden Wink befolgen in seinen Schicksalen, in der Natur, in seinem Innern, in der Bibel gegeben; das will er, das ist sein eigenster, innerster Wille. Nichts mehr und Nichts weniger, Unthätig oder thätig, hoch oder niedrig, verachtet oder gepriesen zu seyn, so wie der Geliebte will: — so ist ja jede Liebe. ,.Ie <!c,i« toute« ine« vertue a 1'envie «5e von« ^lilire," sagt ja sogar der frivole Voltaire.

Man hat Ihnen gesagt, daß doch die Mystiker diese Willenlosigkeit, diese Uneigennützigkeit der Liebe übertrieben, daß sie bei Darstellung derselben der Phantasie zu viel Spielraum gelassen hätten. Man hat Ihnen die bekannte Stelle aus Fenelon angeführt: „Wenn durch einen Fall, der unmöglich ist, Gott die Seelen der Gerechten im Augenblick ihres leiblichen Todes vernichten, oder sie seines Anblicks berauben und sie ewig in den Versuchungen und dem Elende dieses Lebens lassen wollte; wenn er sie sogar, ferne von sich, in allen Strafen der Hölle ewig schmachten lassen wollte, so würden doch die Seelen, die sich im Stande der reinen Liebe besinden, ihn nicht mit weniger Treue lieben und ihm dienen." Sie sind erinnert worden an so manche Spielereien, die sich in den Commentarien mancher Mystiker, eines Bernhard, Richard de St. Victore und Anderer sinden; an allzu üppige Phantasterei, die man in Rußbroch, Müller, Iohannes a Cr'üce liefet. , ,

Und wenn man nun dies Alles als übertrieben, als Mißbrauch der Phantasie zugibt; ist deswegen die ganze Mystik zu verwerfen? Verwirft man die Philosophie, weil es unter den Philosophen auch Sophisten, Skeptiker, grobe Idealisten gibt? Je kraftiger, eingreifender Etwas ist, desto mehr kann es mißbraucht werden; Wein mehr als Wasser, China mehr als Kreide, eine Sertus Empirikus-Vernunft mehr als ein bürgerlicher schlichter Menschenverstand. Soll man darum den Wein verdammen, die China verbieten, jeden hochspeculativen Kopf für einen Narren erklären?

Und dann erinnern Sie sich doch daran, daß auch Liebe zu Gott, zu Christus — Liebe ist, und nichts Anderes seyn soll, und daß man von Liebe nicht anders als unter sinnlichen Bildern reden kann, wie man ja auch sogar reine Verstands- oder Vernunftproducte durch die sinnlichen Ausdrücke: Begriff, dunkler, heller Begriff, Ansicht u. s. w. bezeichnet. Das Geistige hat nun einmal für uns sinnliche Menschen keinen eigentli-.

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