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tyun, ob er gleich ein sinnliches Bild braucht. Die Sünde der Mystiker ruht auch auf ihm und auch auf den Propheten, besonders Ieremias und Ezechiel, welche Abgötterei als Ehebruch und unter Bildern darstellen, die noch grobsinnlicher als die der Mystiker sind. O! die unreinen, sinnlichen Propheten! Leben Sie wohl.

Vierzehnter Brief.

An denselben.

N5enn man Menschen, besonders Schriftsteller, recht kennen lernen will, so muß man nicht blos, nicht einmal hauptsächlich, auf ihre Schriften, sondern auf ihr Leben sehen. Man kann wie ein Engel schreiben und wie ein Teufel leben; und umgewendet, man kann durch seine Schriften den Schein von gewöhnlicher Verkehrtheit geben und engelrein seyn, wie es Menschen seyn können. Das reine Wesen sagt und thut Dinge, die das unreine, und doch noch nicht ganz schamlos gewordene nie zu sagen und zu thun wagen würde, eben weil es sich dabei unreiner Nebenideen und Vorspiegelungen bewußt ist. Sehr richtig läßt Baggesen in der Parthenais seine treffliche Daphne von der gezierten Ueberdelicatesse der Unreinen, die Mücken durchseigen und Kameele verschlucken, und von der unschuldigen Kindlichkeit der Reinen sagen:

Weh' dem Mädchen, deß Würde dadurch in etwas Gefahr lief,
Daß ein Mann, wie solcher auch sey, durch leidigen Zufall
Solches allein antraf! Ist aber der Mann ein vertrauter
Freund des Hauses, durch Sitten bekannt, ein Mu-
ster der Brüder,
Könnte nur niedrige Tücke daraus Unschickliches folgern.
Wie das Geleit' auch übrigens scheint, was Vater und Mutter
Schicklich erklärt, wenn immer nichtMod', ist's doch Sitte.
Denn was die Besseren wollen und thun, ist eben das Gute,
Nicht was die Mode befiehlt, die wohl oft von dem Schlechtesten herkommt,
Immer der Sonn' entzogen, von West gen Osten aus Frankreichs Pfuhl.

Ein aufgeklärter Prediger, — so wurde mir neulich erzählt, — fragte nach der Einführung eines neuen, verbesserten Gesangbuchs einen Bauer, wie es ihm gefalle. „Ia," sagte der Bauer, „es ist Schönes darin, aber Manches in den alten Liedern gefällt mir doch besser!"— Zum Exempcl! — „Ei! da steht in unserm alten Gesangbuche: Gott der Vater wohn' uns bei; und in dem neuen: Gott der Vater steh' uns bei. Das ist nicht so gut." — Aber warum? das Letztere ist doch richtiger! — „Ja, aber wenn Einer bei mir steht, so kann er gleich wieder weggehen; wenn er aber bei mir wohnt, so bleibt er." — Dem Pfarrer siel diese Antwort auf. Sie setzt' ihn in Verlegenheit. „Aber bei dem Ausdrucke beiwohnen kann Einem auch etwas Unreines einfallen." — „Das müßt' aber doch auch ein geiler Bock seyn," sprach der Bauer mit Unwillen, „der bei einem so frommen Liede an so Etwas denken könnte." So sind Stellen aus dem sogenannten hohen Liede manchmal von Mystikern gebraucht und auf die höhere Liebe zu Christus angewendet worden, und nicht ganz mit Unrecht. Zwar hat man auch viele Spielereien manchmal bis zum Lacherlichen und Aergerlichen damit getrieben, wie besonders das Beispiel von dem bekannten Friedrich Adolph Lampe, der übrigens kein Mystiker war, zeigte. Zwar ist offenbar in den Liedern selbst von einer reinen, jungfräulichen Liebe zwischen Salomo und einer Sulamith die Rede. Aber Liebe ist und bleibt Liebe. Der Gegenstand kann daran modisiciren; aber die Hauptempsindung bleibt. Insofern also das Sinnliche beseitigt, geistiger Genuß, geistige Sehnsucht, geistige Vereinigung der sinnlichen untergeschoben wird, ist es kein unpassendes Bild für die Gesinnungen, Herzenszustände und Situationen des liebenden Christen in Hinsicht auf Christus. Eigentlich kann ja auch bei einem Wesen, das man nie sah, nie auf Erden zu sehen hoffen kann, von grober Sinnlichkeit nicht die Rede seyn; noch weit weniger, als von einem Phantasieehebruch, den wohl neuere Dichter cun ainuie ausmalen.

Doch, ich komme wieder zu dem Leben der bekannten Mystiker, das eigentlich der wahre Commentar ihrer Schriften ist. Wo sindet sich irgend eine Spur von Hang zu grober Sinnlichkeit in dem Leben Tauler's, Kempis,-Fenelon's, in dem Leben einer Schurmann, Bourignon, Guyon, oder irgend eines bekannten Mystikers oder einer Mystikerin, deren Leben man kennt? Im Gegentheil, wie zogen sie sich ab von Allem, was Sinnlichkeit nähren kann! In welcher andern Welt lebten sie! Selbst die süßen Gefühle der Liebe zu Iesus sind ihnen noch nicht die reife Liebe, die der Herr verlange. „Es gibt ein Gefühl der Liebe Gottes," sagt Madame Guyon, „und eine Wahrheit. Dieser Liebe gibt Gott das Gefühl der Liebe, um die Seele von aller andern Liebe zu scheiden. Aber er gibt die Wahrheit, wenn die Seele über alles Gefühl hinaus

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