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Was der Reichstag bisher geleistet, und wie er des Volkes Recht ins Auge zu fassen und es zu wahren gestrebt habe, ist jeßt nicht zu erörtern, wohl aber geben uns die neuesten Ergebnisse in Wien zu einer Frage an die Reicha: tags-Abgeordneten Anlaß, und dieselbe ist wichtig genug, um sie durch den Mund ihrer Wähler an sie gelangen zu lassen.

Welche Stellung hat der Reichstag gegenüber einer Regierungsgewalt angenommen, welche durch die abermalige Flucht des Kaisers, durch die faktische Auflösung des Ministeriums und durch eine angedrohte Belagerung Wiens 3:4 einem Schattenbilde geworden ist? Der Reichstag hat diese Frage zum Theil beantwortet, er hat sich permanent erklärt, und fich zu einem Wohlfahrt8-Ausschusse umgestaltet, welcher fich vor der Hand damit beschäftigt, eine Gewaltmaßregel von der Şauptstadt abzuwenden, für deren Ausführung weder gelTačič mit seinen Kroaten, noch Fürft Windisch gråß mit seinen Grenadieren eine Berufung oder ein Creditiv vorzuweisen vermögen.

Nur eine kleine Anzahl, meist dem Lande Böhmen angehörigen ReichsDeputirter, hat die Gefahr, in welcher Oesterreichs Hauptstadt schwebt, zu ihrer eigenen gemacht und sich von dem Posten eigenmächtig entfernt, welcher ihnen durch das Vertrauen des Voltes angewiesen war, und welchen sie eben so wenig verlassen durften, als der Soldat seine Fahne, fol anders nicht das Urtheil über fie ergehen, daß fie pflichtvergessen und feige gewichen sind vor einer Gefahr, die wenn sie ihnen wirklich persönlich gedroht haben sollte, unter den gegenwärtigen Berhältnissen nur als ein Anklagepunkt, der durch den Umstand gravirend wird, daß diese Flüchtlinge fich nun in Prag und Brünn zusammenschaären und Beras thungen pflegen, von denen mit Recht vermuthet werden kann, daß ihnen eine ganz andere Senden; zum Grunde liegt, als diejenige, welche in diesem Augenblice noch 202 Deputirte in Wien zur ihrigen machen; die Tendenz, die Ruhe in Wien um jeden Preis wieder herzustellen, und als wahre Patrioten die Errungenschaften des März vor den Gelüsten der Reaction, vor den Gelüsten schlecht verhüllter Separations-Ideen (?) zu bewahren. Es ergeht sohin an alle jene Bezirke der österreichischen Monarchie, welche Deputirte zum Wiener Reichstag absendeten, der Aufruf, es nicht zu dulden, daß ihre Abgeordneten Bien eher verlassen, als nicht die Kammer als aufgelöst erklärt wird, daß fie mit allem. Ernste auf die Rüdehr derjenigen dringen, welche treulos oder furchtsam den Ehrensiß verlassen haben, dessen fie ihre Comittenten würdig erachten, und sie dieses Gebot auch auf diejenigen Abgeordneten ausdehnen, welche fich, besonders berüđsichtigendwerthe Verhältnisse ausgenommen, mit Urlaub außer dem Bereiche ihrer übernommenen heiligen Pflichten begeben haben.

An Euch aber , Ihr Bertreter des Voltes, ergeht die dringende Aufforderung, Euren Pflichten als Männer nachzukommen, und außzuharren auf dem

Felde der Ehre, bis entweder der Sieg errungen, oder Eurem Kampfe durch eine
Berfügung Einhalt gethan wird, welchen sich das souveräne Bole selbst anzu-
erkennen, feinen Anstand nimmt. Reichenberg, den 14. October 1848.
Dr. Fischer, m. P., Uchagy, m. P.

Gustav Schirmer, m. p.
Obmann.
Schriftführer.

Schriftführer.“
Nachstehender fulminanter Ruf wurde veröffentlicht, und zwar :

„Warnungsruf der Ungarn an die Desterreicher. Ein unerhörter Verrath an Ehre, Recht, und der heiligsten Volkstreue verübt, machte es den räuberischen Şorden, mit welchen Jellačič in unser Vaterland einbrach, allein möglich, bis nahe an die Hauptstadt vorzubringen.

Das schändlich getäuschte (!) Ungarn bedurfte aber nur zu erwachen, um seinen Zustand der dringendsten Nothwehr zu erkennen, um diesem verbrecherifchen Wagnisse ein Ziel zu seßen. Trop dem, daß selbst manche ehrliche Kries gerschaaren in einer nicht genug zu beklagenden Begriffsverwirrung nicht erkannten, wie die Fahnen Oesterreichs geschändet (sic) wurden, und sich der verrå. therischen Führung Jellačič's Preis gaben, fand dieser zwischen Stuhlweißenburg und Ofen sein, bis hierher und nicht weiter" – das ihm unsere tapfere Armee, obwohl damals der Bahl nach bei Weitem schwächer (?) in einem entscheidenden Siege (?) mit blutiger Schrift vorzeichnete. Von unserer ta eren Armee hart gedrängt, bat (?) der Verräther um Waffenstilstand (!) Obwohl so oft getäuscht, verschlossen wir doch unser Dhr nicht der Menschlichkeit und gewährten ihm sein Begehren ; und fiehe , ehrvergessen bricht der treulose Feind den Waffenstillstand, ändert seine beiderseitige auf Sreue und Glauben festgesepte Stellung, und wendet sich vor Ablauf des Waffenstillstandes mit Raub und Berwüstung (?) gegen Raab.

Unsere über diesen Treubruch entrüstete Armee, die sich an Bahl, Krieg&material und Hilfsmitteln aller Art von Sag zu Tag verstärkt, verfolgt den Feind, und das mißhandelte Bolt erhebt fich in Schaaren gegen die Räuber und Mordbrenner, deren wir bald Meister zu werden hoffen. Ereilen wir ihn aber nicht, so mag es kommen, daß er mit seinen Schaaren in Desterreichs gesegnete Gefilde einbricht, um sein hier mißlungenes Attentat gegen Recht und Freiheit (?) aud unter Wiens Mauern zu versuchen.

Gleiche Interessen und gleiche Gefahren für das Heiligste der Menschen und Völker verbinden uns mit Euch, Ihr Brüder von Desterreich! wohl fefter für die Zukunft, als es die Bande des Absolutismus vermochten, die unsere Bergangenheit umschlangen.

Das Sochgefühl, mit dem uns die Wendung unseres gemeinschaftlichen Geschides erfüllt, nicht minder die unabweisliche Pflicht, die Euch gegenüber

Völker- und Nachbarrecht uns auferlegen, gebietet, daß wir Euch vor der auch Eurem Lande drohenden Gefahr des feindlichen Räuber-Einbruches ohne Verzug warnen.

Söret unsere Stimme! Såhet Ihr unsere verwüsteten Fluren, unsere nies dergebrannten Dörfer, unsere gebrandschaften und geplünderten Städte, unsere gemordeten Greise und Kinder, unsere geschändeten Weiber und Tðhter ; wäret Ihr Zeugen des unsäglichen Elends aller Art, das dieses große Verbrechen am Wölferrechte über unser friedliches Land brachte; wüßtet Ihr, was uns in den heiligsten Zuständen bevorstand, im Falle Jellačič siegte, - so würde Euch grauen vor dem schredlichen Bilde des Jammers, der über Euch kommen würde, wenn Jellačič in Desterreich erreichen sollte, was ihm in Ungarn mißlang.

Glaubet ja nicht, daß kaiserlicher Befehl und Macht den Berräther in seis nem stráflichen Unternehmen aufhalten könnte; denn wisset, Jellačič entblödete sich nicht, öffentlich zu erklären : „daß er wohl schon 21 Handsýreiben des Kaisers erhielt, die er leider nicht in der Lage war zu befolgen, und Se. Majestät der Kaiser fönne ihm noch 21 Handbilette senden, welche ihn von seinem Ziele weglenten wollten, er würde sie nicht befolgen. Er müsse für Se. Majestät handeln, wäre es auch wider dessen Willen." - Was nun das Ziel des Berräther8 sey? Brüder ! Könnt Ihr daran noch zweifeln, nach dem, was fich bei uns so schrecklich und klar gezeigt hat, und was fich den Völkern Defter, reihs und unserm verrathenen (?) Monarchen ebenso (dpredlich erweisen würde, gelange es nicht, die drohende Gefahr abzuwenden.

Wir find Brüder, Freunde unter dem Paniere der Freiheit! diese mit vereinter Kraft zu schüßen, sey unsere heiligste Aufgabe! Pest), im October 1848. In Abwesenheit des Minister-Präsidenten:

Der reichstägige Ausschuß für die Landes-Wertheidigung.“ Die von den Magyaren verübten Schandthaten in Ungarn geben auf diesen ominösen Warnungsruf die beste Antwort, und beweisen zur Genüge, daß die betreffenden Schlächter das jüngste in Europa existirende , aux Afien hierher ein: gedrungene , wahrhaft asiatisch - barbarische Bolt find.

N ad tr a g. Am 12. Nachmittag8 gelangte an das NationalgardeBezirks-Commando Wieden nachstehende Erledigung vom Verwaltungsrathe :

,,Der Verwaltungsrath in seiner Permanenz hat so eben beschlossen, über das gestellte Ansuchen des Bezirtes Wieden, daß von jedem Bezirte und jedem Corp8 Bertrauens männer gewählt, und dem Ober-Commandanten an die Seite gegeben werden sollen, um denselben für die gegenwärtigen wichtigen Verhålt: nisse der Stadt Wien in Commando Saden al 8 Beirath

zu dienen. Sollte ein Bezirt mehr als zwei Bataillons zählen, so können auch zwei Bertrauensmänner gewählt werden. Wien, den 12. October 1848.

Bon der Permanenz des Verwaltungsrathes der Wiener Nationalgarde. J. B. Moser, m. p., Sdriftf. L. S. Dr. Bauer, m. p., Bicepräsid.

Sesehen, Dr. Bondi, m. p, Borfiger des Gemeinderathes." Xuf der Rüdseite dieser Schrift schrieb Meffenhauser eigenhändig Folgendes: ,,Der Unterzeichnete, von der Ernennung seiner Wahl unterrichtet, würde nicht den geringsten Anstand nehmen, dieselbe anzunehmen, falls ihm die lieberzeugung wird, daß die Garbe ihm in diesem fo folgenreichen Moment ihr ungetheiltes Vertrauen schenkt.

Meffen hauser."

15. October,

Waffendienstzwang. Poflauf - Abänderung. Waffenmacht der Wieden. Flucht Tausenau's. Windischgräß's Proklamation in Prag. Adresse aus Deutsch-Böhmen. Brandschaßungen in Wien. Meffenhauser an Jellačič.

Proklamation des Kaisers. - Gefangenschaft zweier kroatischen Offiziere.

124/, Uhr Nachts. Der Wach-Commandant beim Kärnthnerthore erstattete beim Ober-Commando die Anzeige, daß er für nöthig finde, noch mehr Pflastersteine an dem Kärnthnerthor aufreissen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurde August Zimmer, eingereiht der 5. Compagnie des Wiener: Schüßencorp8, arretirt, welcher diese Aufreifsen verhindern wollte.

1 Uhr Nachts. Erstattete beim Ober-Commando der Wachposten, welcher bei Latours Garten stand, die Anzeige, daß bei der dortigen Kanone, – dem Dominikaner-Gebäude gegenüber — fich feine Mannschaft befinde.

Ein Individuum des Bürger-Regiments zeigte beim Ober-Commando an, daß bei Hegendorf mehrere Kanonenschüsse gefallen seyen, in Gaudenzdorf Sturm geläutet werde, und auf dem Linienwalle mehrere Gewehrschüsse gefallen seyen.

1 /. Uhr Nachts. Franz Şofbauer, Garde von Wilhelmsdorf, berichtete beim Ober-Commando , daß die dortige Garde den Auftrag vom Ober-Commando erhalten habe, den Feind genau zu beobachten und im Falle eines An: griffeß zu retiriren, weil sie zu schwach ist, um Widerstand zu leisten. Demzufolge berichtete der Obbenannte, daß zwei Posten von ihnen zur Brüde bei Almersdorf gestellt, beobachteten, daß Kroaten und Polen bereits drei Sage in dem dortigen Gebüsche liegen, und sich bis gestern Abends 10 Uhr dort aufhielten. Allein, nachdem nach 10 lhr neun Raketen vom Stephansthurme aufgestiegen find, fielen von Seite des Militärs ungefähr 200 Schüsse, wovon ein Shuß getroffen und einem Garden den Arm zerschmetterte.

8 Uhr Früh. Dithelm, Permanenz - Mitglied des Verwaltungsrathes, zeigte beim Ober - Commando an, daß ein Parlamentar vom Reichstage an den Ban Jellačič abgesendet wurde, ihn aufzufordern, den österreichischen Bo: den zu verlassen, oder die Waffen zu streden.

9 Uhr Vormittag. Krammer, Garde der 4. Compagnie, 4. Bezirts, zeigte beim Ober - Commando an, daß fich von der Hofburg angefangen ein unterirdischer Gang nach Schönbrunn ziehen soll.

109/. Uhr Vormittag. Folgende Eingabe langte beim Ober-Commando an:

„Löbliches Ober-Commando ! Wir Gefertigten machen hiermit die ergebenste Anzeige, daß Garden durch unnüşes Alarmiren die Bewohner Wiens beängstis gen, daß von den Garden das Hausrecht verlegt, und in die Wohnungen ges drungen wird, angeblich Garden her auszulißeln, daß fie die Frauen auffordern, Barrikaden zu bauen, und dem Hausmeister in manchem þaure drohen, falls sie einen verstedten Garden fänden, den Hausmeister aufzuhängen. Die Garden, die in unsere Wohnungen gedrungen find, hatten auch Arbeiter bei fich, und ein Nationalgarde-Lieutenant mit der Schärpe angethan, blieb vor den Thüren draußen stehen.

In solchen Fällen würden wir statt auf unsern Sammelplågen zu erschei-
nen, künftig gezwungen seyn, zu Hause zu bleiben, und unsere Eltern und
Familien zu beschüßen *). Wien, 15. October 1848.
Anton Sd råfl, m. p., Garde der 7. Comp. 7. Bezirk, wohnt Wieden Nr. 745.
Franz Pilat, 'm. p., Garde der akad. Legion, Filos.-Corp8 4. Comp.
Anton ullrich, m. p., þausmeister, Wieden Nr. 745.

,,Damit während der Dauer der gegenwärtigen Verhältnisse die abgehenden Posten nodi vor Einbruch der Dämmerung die Linien und die nächste Umgebung Wien's passiren können, ist es nöthig, dieselben früher als bisher abzufertigen.

Zu diesem Zwede wird die Aufgabe der Briefe und Fahrpostsendungen, insoferne die Abfertigung der legteren überhaupt möglich ist, für die Posten nach Mähren, Schlesien, Galizien und Böhmen um 4 uhr, und für die Posten nach allen Richtungen nach 2 uhr Nachmittags geschlossen.

1

*) In der Thüre meiner Wohnung find heute noch tiefe Löcher zu sehen, welche von

der lei rohen Geraueriglereien durch Kolbenstöße verursacht wurden, während ich pers manent beim Ober-Commando in Dienst stand. Eben so sind die neuen Blätter in den Shüren, welche am 28., ungeachtet fein Mensch in der Wohnung anwesend war, und alle Spaletläden der Gassenfenster geschlossen waren, von Grena: dieren eingeschlagen, und dann das ganze Haus geplündert worden, als Andenken zu reben. Das mir Geraubte liegt am Altare des Vaterlandes.

Dr.

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