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Katholische Theologie.

Zeitschrift für Philosophie und katholische Theologie. Herausgegeben von D. Achterfeld und D. Braun, Professoren der Theologie. Neue

Folge. Neunter Jahrgang. Erstes und zweites Heft. gr. 8. 440 S. Bonn, Markus. 1848. (2 Thlr.)

Bekanntlich werden Hermes Schüler noch fortwährend als Kranke behandelt; man flieht sie als von einem gefahrdrohenden Vernunftfieber Angesteckte, in wiefern die Vernunft das schädlichste Miasma für den Glauben seyn soll. Als Prof. Hermes, an dessen Glauben mit Recht wohl Niemand zweifeln konnte, die Untersuchung der Religion begann zu dem Zwecke, dieselbe vernünftig zu begründen und wissenschaftlich darzustellen, geriethen diejenigen in Verzweiflung, welche entweder als Gläubige die ungünstigen, dem Glauben widersprechenden Resultate vor Augen hatten, oder welche durch eigene Forschung sich überzeugt wähnten, dass die Vernunft nur die Negation des Glaubens sey. H. meinte, Gott selbst hätte seine Offenbarung durch Wunder bewiesen, und dadurch an die Vernunft des Menschen als Schiedsrichterin appellirt; die Aussprüche der Kirche, als der einzigen Auctorität in Glaubenssachen, müssten selbst vorerst von den Gläubigen verstanden werden, um geglaubt werden zu können, und ihre Auctorität basire sich wiederum auf jene Beweise, über welche zu urtheilen Gott der Vernunft überlassen, und es sey daher auch seiner Vernunft erlaubt, die Offenbarung und deren Beweise, gegen welche sich eine zahlreiche Opposition gebildet habe, zu dem Zwecke zu untersuchen, um darzuthun, dass sie wahr sey. Weil aber nichts bewiesen werden kann, bevor menschlicherseits eine Untersuchung vorausgegangen, und die Untersuchung den Zweifel im Sinne der noch nicht wissenschaftlichen Ueberzeugung voraussetzt, so legte man dieses so aus, als wollte H. durch den Zweifel zum Glauben gelangen, und als ob es auf solche Weise mit seinem Glauben nicht volle Rich

tigkeit hätte, wiewohl er den Ungläubigen gegenüber nur jene Stellung einnahm, welche die christliche Wissenschaft von jeher einzunehmen gezwungen war. Der gute Mann hatte einmal das Wort Zweifel ausgesprochen, gleichviel in welchem Sinne. Aber Jene fanden hier nur den Zweifel angedeutet, welcher in Glaubenssachen verboten sey, und somit hatte sich Hermes, weil er das credo ut intelligum im Sinne der Väter und nicht im Sinne Jener genommen hatte, welche weder die Väter, noch ihre Praxis verstanden haben, durch eigenes Urtheil in die Reihe der Ketzer gestellt. Es begann nun ein höchst seltsamer Kampf. Die Gegner des Hermes wendeten sich, anstatt gegen ihn, an Christus, und stellten ihn zur Rede, warum er Wunder gewirkt und geweissagt, da doch Wunder und Weissagungen unnütz; weil der Glaube eine virtus divinitus infusa, und keine auf Wunder und Weissagungen begründete Tugend sey. Sie wendeten sich ferner an die Kirche und fragten auch diese, warum sie den Ketzern zur Pflicht mache, ihren Glauben zu untersuchen, um zur Erkenntniss der allein seligmachenden Kirche zu gelangen. Hermes dagegen war der Ansicht, wenn Gott Wunder wirkte, so mussten sie auch einen Zweck haben, sie mussten als solche, als Wirkungen einer übernatürlichen Ursache, auch von der Vernunft anerkannt werden; und hätte Christus der jüdischen Vernunft zugestanden, über seine Lehren und Thaten zu urtheilen, und den Juden den Glauben nicht gleich fix und fertig eingegossen, so gestehe er auch den Christen zu, die Beweise für die göttliche Offenbarung zu untersuchen, um sie dann als solche den Gegnern wissenschaftlich darzulegen. Gesteht uns Christus zu, seine Lehren und Thaten zu untersuchen, so erlaubt er auch die nothwendige Voraussetzung eines Zweifels, einer nicht wissenschaftlichen Ueberzeugung, welche ganz und gar unabhängig vom Glauben ist. Als sich Hermes auf solche und ähnliche Weise ausgesprochen, zog eine gewisse Partei seinen Glauben selbst in Zweifel, welcher doch ganz gewiss fester war, als der ihrige.

(Der Beschluss folgt.)

StaatSlehre.

Die Wissenschaft des Staats, von Pertinar Philaletes u. s. w. (Beschluss vom Nr. 12.)

Der Verf. kommt zwar später (S.87) auf das GeWissen zu sprechen. Aber nach ihm soll dasselbe nur auf der Erkenntniss des Schmerzgefühls in Folge gestörter Geistesharmonie beruhen. Danach müsste ich jede Sünde, jedes Verbrechen erst begangen haben, ehe mich das Gewissen davon abmahnen könnte! Jedenfalls ist längst und wiederholentlich dargethan, dass ein solches Gewissen und eine darauf gebaute völlig eudämonistische Ethik nicht im Stande ist, die Erscheinungen der sittlichen Welt zu erklä– ren, - worauf sich denn auch der Verf. gar nicht weiter einlässt. Er begnügt sich, die Consequenzen seines Standpunkts nackt hinzustellen, und erklärt demgemäss die Sünde für eine blosse » geistige Krankheit“, die als solche nicht bestraft wer– den könne, ausser in soweit, als „die Hinzufügung eines künstlichen Schmerzes zu dem schon im Bö– Sen selbst liegenden natürlichen Leiden für die HIebung der Krankheit nothwendig sey." Dass damit alles Strafrecht, alle Justiz aufgehoben ist, indem ja jene Nothwendigkeit sich niemals mit Sicherheit nachweisen lässt, scheint ihm nicht beigefallen zu seyn. Er behauptet weiter, die Freiheit des Menschen bestehe nur in der „Freiheit vom Instinkte" und in der „Freiheit von geistigen Hemmungen (Leidenschaften, Gemüthskrankheiten)", also in einem rein Negativen, in der blossen Abwesenheit des Instinktes und geistiger Hemmungen, d. h. er leugnet die Willensfreiheit als positive Thätigkeit der Selbstbestimmung und Selbstentscheidung. Allein hier begegnet es ihm wiederum, dass er unwillkürlich sich selber widerspricht, indem er doch zugleich eine „Selbstbestimmung" zulässt, welche in der Fähigkeit des Geistes, „frei nach selbständig geistigen, nicht nothwendig an die (leibliche) Organisation gebundenen Motiven thätig zu seyn", bestehen soll. Diese Motive sollen zwar auf dem Zusammenwirken von gegebenen Vorstellungen und geistigen Momenten beruhen, die Art und Weise dieses Zusammenwirkens also nicht zufällig, sondern durch eine innere Nothwendigkeit bedingt seyn. Allein es ist klar, dass die als Motive zusammenwirkenden gegebenen Vorstellungen, da sie doch nicht an die Organisation gebunden seyn sollen, nur durch die frei producirende oder reproducirende Thä–

tigkeit des Geistes hervorgerufen seyn können. Dann aber leuchtet ein, dass der Geist diese Vorstellüngen, soweit er sie frei erzeugt oder ins Bewusstseyn zurückruft, auch eben so frei muss verändern, aus dem Bewusstseyn entfernen und zu andern Vorstellungen übergehen können, d. h. dass er an solche Vorstellungen nicht gebunden, also auch sein Wille durch sie nicht necessitirt sein kann. Hat der Mensch das Vermögen, seine Vorstellungen frei zu produciren oder doch zu reproduciren, so ist er auch sicherlich seinem Willen nach frei. Das Resultat der physiologischen und psychologischen Erörterungen des Vf's ist sonach: der Geist ist durch und durch „Naturprodukt“, entsteht und entwickelt sich mit dem Körper u. S. w.; von einer individuellen Unsterblichkeit kann also wissenschaftlich nicht die Rede seyn. Zu einem ähnlichen Resultate führt ihn der dritte Abschnitt, in welchem er das Wesen der Religion in Betrachtung zieht. Auch sie ist ihm ein blosses Naturprodukt. Alle aussergewöhnlichen Affektionen nämlich, die dem Menschen in seinem Verhältniss zur Aussenwelt zustossen, machen ihm zugleich seine Abhängigkeit von den Naturkräften fühlbar. Eben dahin wirken auch alle Erscheinungen, die ihm neu, überraschend, eigenthümlich, unerklärlich sind, oder ihn durch grossartigen Effekt in Ver- und Bewundrung setzen. Das so entstehende Abhängigkeitsgefühl modificirt sich nach Massgabe der Bildungsstufe und besonderer Disposition des Geistes: es veredelt sich durch das ästhetische Gefühl und wird, wo er der ethischen Genüsse und Bedürfnisse theilhaft geworden, zum Bewusstseyn seiner Abhängigkeit und Unzulänglichkeit auch in Bezug auf die Erreichung der vollen ethischen Befriedigung. Das Etwas, von dem der Mensch sich abhängig fühlt, erscheint ihm nun aber als ein Uebergeordnetes, als eine höhere Potenz; und mit dem Gefühle seiner eignen Unzulänglichkeit wächst das Bestreben, dieselbe dadurch zu ergänzen, dass er jene höhere Potenz zur Befriedigung eines Bedürfnisses oder Wunsches zu bestimmen, sie für die Gewährung eines Gutes zu lieben und ihr dafür erkenntlich zu seyn, und endlich, wo sie als Inhaber ästhetischer oder ethischet Vollkommenheit erscheint, sich innerlich zu ihr emporzuheben sucht. Daher Unterwürfigkeit, Hingebung, Verehrung, Gebet und Opfer u. s.w. – Dies ist nach dem Vf, der Ursprung der Religion; das Abhängigkeitsgefühl nebst den daran sich reihenden Gefühlen der Liebe, Bewunderung u. s.w. constituirt ihr Wesen.

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Auf dieser Basis giebt er sodann eine kurze, ziemlich oberflächliche Revüe über die verschiedenen geschichtlich hervorgetretenen Religionen, die mit dem Christenthum als der vollkommensten von allen schliest, und findet natürlich überall seinen Begriff bestätigt. – Obwohl nun hiernach die Religion reines „Naturprodukt", die religiösen Ideen nichts als selbstgemachte, durch das Abhängigkeitsgefühl hervorgerufene Vorstellungen des menschlichen Geistes und somit nur hypostasirte, in Bild und Gestalt gebrachte Bezeichnungen seiner eignen Schwäche und Unzulänglichkeit sind, so soll es doch wirklich einen Gott geben! Denn, sagt der Vf., mag man auch das gesammte Naturleben als den eisernen Gesetzen einer innern Nothwendigkeit unterworfen nachweisen, so wird man doch dieses Naturleben selbst seinem Wesen nach niemals begreifen; das Triebrad, welches Alles bei allerbuntester Mannichfaltigkeit in gleichmässigem Takte bewegt und die oft scheinbar ungebundenste Freiheit der Geschöpfe mit unsichtbaren Fäden an das strenge Gesetz der Nothwendigkeit knüpft, sowohl die Himmelskörper in ihren sich durchkreuzenden Bahnen als die Geschicke der menschlichen Geister in ihrem wirren Knäuel planmässig lenkt, – dieses Triebrad bleibt uns verborgen: selbst die Polarität, diese allesumfassende Doppelkraft (auf die der Vf, seine ganze Theorie gründet), ist uns doch ihrem Wesen nach gänzlich unbekannt, in Wahrheit ein blosser Name. Aber jenes Triebrad ist da, wir gewahren es täg– lich, ja stündlich an seinen Wirkungen, wir wissen uns selbst von ihm getrieben und regiert; kein Athemzug, kein Gedanke, kein Gefühl, das nicht dieser grosse Lebensquell spendete, – unbegreiflich und doch allerwäts fühlbar, nirgends unmittelbar sichtbar und doch überall in übermannender Mäch– tigkeit sich offenbarend, – was dieses ist, wissen wir nicht; aber das wissen wir: es ist eine uns unendlich überlegene, uns in ihrem eignen Schoosse einschliessende, allgegenwärtige, allleitende, allumfassende, allordnende lebendige Macht, ein Gott. „Diesen Gott, – den Natur und Geschichte zugleich als „Inhaber aller ethischen und intellektuellen Vollkommenheit", also als ein geistiges Wesen offenbaren – werdet ihr nie begreifen, denn ihr gehört der Endlichkeit, der streng abgegränzten Besonderheit an, aber ihr werdet an ihn glauben, nicht blind glauben, weil es Euch so überliefert ist, . . . . . . . sondern glauben auf Grund einer fort und fort euch umgeben–

den Offenbarung, glauben auf Grund eurer eigensten Wahrnehmungen und eures tiefsten Gefühlslebens” (S. 153 ff.).

Ja, da wir jenes Triebrad nicht kennen und daher im Grunde auch nicht wissen, was die Materie sey,

so soll der Glaube sogar berechtigt seyn, die Persönliche Fortdauer nach dem Tode, welche die Wissenschaft schlechthin leugnet, anzunehmen! (S. 159). – Dieser Dualismus, dieser Widerspruch des Wissens und Glaubens, in welchem jenes bestreitet, was dieser behauptet und umgekehrt, ist die unvermeidliche Folge jeder empirisch-materialstishen Philosophie, sobald sie sich nicht ausdrücklich die Augen verschliesst gegen die offenkundige" Thatsachen des geistigen und sittlichen Lebens, wie gegen die Schlüsse und Folgerungen einer unbefangenen Naturbetrachtung. Der einseitige Empirismus und Materialismus hat seine Stärke im Gebiet des Einzelnen, des Thatsächlichen, Erscheinenden hier wird es ihm leicht, überall Materie nachzuweisen. Aber er darf dieses Gebiet nicht verlassen: Will er sich behaupten, will er consequent seyn, so muss er das Allgemeine, Gesetze wie Begriffe ohne Ausnahme für blosses Produkt des abstrahirenden menschlichen Denkens erklären: lässt er ihm auch nur einen Schein von Objektivität und Realität, so ist er verloren. Allein das Allgemeine drängt sich ihm unwiederstehlich auf: er kann keine einzige Behauptung aufstellen, ohne einen allgemeine" Satz, einen Begriff auszusprechen; er darf mit der Naturforschung sich nicht entzweien, wenn er nicht allen wissenschaftlichen Grund und Boden verlieren will. Aber jedes Gesetz, das die Naturwissenschaft aufstellt, was ist es anders als das eine Mannichfaltigkeit einzelner Erscheinungen (Thatsachen) bestimmende Eine, in allen Identische, also ein Allgemeines? Ebenso sind die typischen Formen, welche die Natur so streng festhält, dass Cuvier aus einem einzigen Knochen das ganze Gerippe eines ihm unbekannten vorweltlichen Thieres richtig construiren konnte, ein Allgemeines, die Grundlage der Gattungsbegriffe. Lässt sich also dies Allgemeine in der Natur nicht leugnen, und lässt es sich doch auch weder sehen, noch hören, noch riechen, weder wägen noch messen u. s. w., mit welchem Rechte will man ihm denselben Namen geben, mit dem man das sicht- und hörbare, das mess– und wägbare Materielle bezeichnet? Mit welchen Gründen will man bestreiten, dass es von letzterem, wenn ihm auch hicht entgegengesetzt, widerstreitend, doch jedenfalls verschieden sey? Ein solehes vom Materiellen Verschiedenes ist aber ein Geistiges: dieses Wort hat unmittelbar gar keinen andern Sinn. Ist der Materialismus auf diesem Punkt, so ist er eben damit auch zu Ende. Denn nun kann er Daseyn und Leben der Natur nicht mehr aus mechanischen und chemischen Gesetzen, auch nicht aus dem Gesetze der Polarität herleiten, ohne sich selber aufzugeben. Denn Gesetz, Kraft, ist schon nichts Materielles mehr; Etwas aus gesetzlich und typisch wirkenden Kräften ableiten, heisst mithin bereits den Boden des Materialismus verlassen. Ja, wir müssen noch weiter gehen und behaupten, dass damit unmittelbar eine geistige Kraft als Ursache der Natur gesetzt ist. Denn eine gesetzlich und typisch wirkende Kraft ist keine blinde Naturkraft, weil der Typus, nach welchem sie thätig ist, zugleich über sie und ihre Thätigkeit hinaus reicht, indem er sie dergestalt leitet und bestimmt, dass ihr Produkt auch das bestimmte typische Gepräge erhält, dessen allgemeiner Ausdruck er selbst ist. Das ist das Ziel, auf welches die typisch bildende Thätigkeit hingeht und in welchem sie, wenn es erreicht ist, sich einschliesst. Eine solche Kraft ist mithin nothwendig zugleich eine zweckmässig wirkende. Der Zweck aber ist oine eine ihn setzende geistige Thätigkeit schlechthin undenkbar, weil er als Endursache das Prius seiner eignen Realisirung ist, und also vor seinem reellen Daseyn nothwendig ein ideelles Seyn, ein Denken, ein Gedanke seyn muss. – Doch auf welchem Wege auch immer der Materialismus zu einer geistigen „ethischen und intellektuellen" Urthätigkeit kommen möge, stets widerspricht eine solche unmittelbar seinen eignen materialistischen Prämissen. Denn ist die Urthätigkeit, durch die Alles ist, eine geistige, so kann der Geist, wo und in welcher Gestalt er sich auch zeigen möge, kein blosses „Naturprodukt" seyn, weil danach die Natur selbst nur das Produkt einer geistigen Thätig– keit, eines Gottes als „ Inhabers aller ethischen und

3.

intellektuellen Vollkommenheit", ist.

Es hilft daher dem Vf, nichts, dass er schliess– lich nachzuweisen sucht, wie die Mängel der bis– herigen Metaphysik bis auf Schelling und Hegel in der Verwechselung der Begriffe mit den Dingen, der logischen und rationalen Thatsachen mit den realen substanziellen, der subjektiven Geistesfunktionen mit dem objektiven Naturprozesse ihren Grund haben. Denn dieser Nachweis, bei dem der Vf zwar nicht eben tief in die kritisirten Systeme eingeht, doch aber einen anerkennenswerthen Scharfsinn zeigt und in dem einseitigen Idealismus

den Grundmangel der neueren Speculation richtig erkannt hat, beruht auf der falschen Prämisse, dass den Begriffen alle Realität und Objectivität fehle. Freilich ist es richtig, dass „die Natur nur concrete Gegenstände, keine Begriffe, keine Abstraktionen, nur einzelne Bäume, keinen allgemeinen Baum erzeugt." Aber daraus folgt keineswegs, dass die Natur oder jener „ Inhaber aller ethischen

und intellektuellen Vollkommenheit" nicht nach Be

griffen thätig ist: jede gesetzmässige Thätigkeit, jede typisch bildende Kraft ist schon als solche eine Thätigkeit nach Begriffen, weil jedes Gesetz, jeder Typus, wie gezeigt, ein Allgemeines, also ein Begriff ist. Ja, die Art und Weise, wie der Vf, selbst die Begriffe im menschlichen Geiste entstehen lässt, zeigt zur Evidenz, dass dieselben keine blos ideellen Produkte subjektiver Geistesfunktionen sind. Denn wenn (nach S. 63) der Begriff Baum dadurch entsteht, dass das in allen Bäumen Gleichartige, wie Stamm, Aeste, Zweige, bei wiederholter Wahrnehmung tiefer und bestimmter unserer Gehirnmasse sich gleichsam eindrückt und so als bestimmte Vorstellung haften bleibe, während das Ungleichartige (die verschiedenen Blätter, Blüthen u. s. w.) nur einen confusen, unbestimmten Eindruck hervorbringt und sich gegenseitig verwischt, so muss es danach doch in der Natur selbst, an den wirklichen Bäumen etwas Gleichartiges, ihnen allen Gemeines, also ein Allgemeines, dem Begriffe Entsprechendes geben. Der Vs. hätte daher wenigstens zwischen den concreten und den rein abstrakten, logischen Begriffen unterscheiden müssen. Ueber letztere lässt sich allenfalls streiten; erstere aber muss auch der materialistischste Materialismus anerkennen, wenn er nicht alle Ordnung und Gesetzmäsigkeit des reellen, natürlichen Daseyns leugnen, und da– durch, dass er diese einzig und allein auf Rechnung des menschlichen Geistes setzt, dem einseitigsten Idealismus verfallen will. – Die Abschnitte über die Sprache und über das Verhältniss des Menschen zur Aussenwelt (d. h. über den Einfluss der Atmosphäre, des Bodens und der Gewässer, der Arbeit, der Hausthiere auf den Charakter und die Bildung der Völker), in denen der Vf, seinem eigentlichen Thema, der Wissenschaft des Staats, etwas näher tritt, erheben sich nicht über das Niveau der bekannten dahin einschlagenden Betrachtungen, die oft genug wiederholt worden sind. Vom Staate selbst ist in diesem ersten Theile noch nicht die Rede; erst der zweite Band soll auf den hier gegebenen Grundlagen die Wissenschaft des Staats aufbauen. Nach Allem erwarten wir indess auch im zweiten Theile zwar viel gesunden Menschenverstand und lobenswerthe Gesinnung, aber weder besonders tiefsinnige Ideen noch neue praktische Handhaben zur Lösung eines Problems, an dem heutzutage leider nur zu viel herum experimentirt wird. H. U.

Gebau ersche Buchdruckerei.

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Hermes trug kein Bedenken, die Glaubenslehre zu untersuchen, weil er nicht zweifelte, dass sie auch vernünftig sey: seine Gegner aber hielten dieses für eine Verwegenheit, weil sie die Religion entweder geradezu für unvernünftig hielten, oder doch befürchteten, bei einem Zusammenstosse der Theologie mit der Philosophie würde nichts gewonnen werden. – Dieses vorausgesetzt, wollen wir die vorliegende Zeitschrift für Philosophie und katholische Theologie, herausgegeben von den beiden Hermesianern D. Achterfeld und D. Braun, beurtheilen. Sehen wir nun, ob ihre Vernunft orthodox sey oder nicht. Gleich anfangs (S. 25) begegnen wir einer These: „Ganz gewiss ist das Presbyteriat ein Sacrament, höchst wahrscheinlich auch das Episcopat und vielleicht auch das Diaconat", welche unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, da man bereits diese drei Ordines als Sacramente für die sententict communis ausgibt, welcher zu widersprechen nicht sehr gerathen ist, und wir ein Ordinariat kennen, bei welchem Candidaten, die diese These aufstellten, gar nicht einmal zum Examen gelassen wurden. Jedoch wissen wir, dass viele Thesen, welche ehemals sententia communis waren, es jetzt nicht mehr sind; dass der heil. Thomas selber das Episcopat für kein Sacrament hielt, und dagegen das Subdiaconat für ein solches ausgab, und dass Diejenigen, welche als die Ersten gegen eine sententia communis auftraten, keine Ketzer, sondern meistentheilstüchtigere Theologen waren. Die Ursache, aus welcher obige These hervorging, ist die Unmöglichkeit, welche der Vf. des Artikels „das Sacrament des geistlichen Berufes" sehr wohl einsieht, nach Annahme einer sacramentalischen Gnade, als einer dem

Geiste eingedrückten Qualität, als Charakter, welcher durch jedes dieser drei Sacramente eingetheilt wird, die vom Concilium zu Trient ausgesprochene Siebenzahl der Sacramente zu retten. Der Vf, versucht es zwar, die obwaltenden Schwierigkeiten zu lösen, ohne dem Episcopat und Diaconat den sacramentalen Charakter abzusprechen und ohne die Siebenzahl zu erweitern, indem er sagt, Diaconat, Presbyteriat und Episcopat seyen nur ver– schiedene Grade des einen Sacraments; allein darum handelt es sich nicht, ob diese drei zusammen ein Sacrament ausmachen, sondern ob sie je für sich ein Sacrament seyen, und da helfen alle Antwor– ten, sie mögen aus Genus und Species, aus Graden oder Theilen oder Essenzen und Complementen bestehen, nichts. Die Frage ist einfach die: nach welchem Einmal Eins ist einmal Drei Eins, und so lange das nicht gefunden, kann man aus den drei besagten Ordines, mit Beibehaltung der Siebenzahl, nicht drei Sacramente machen. Bei dieser Gelegenheit sagt der Vf, des Artikels: die schlechteste Auflösung gibt Perrone num. 80 de ordine (Volum. VII.): Neque obest septenario Sacramentorum numero, Si dignitas Sacramentalis tribuatur etiam Episcopatui ac Diaconatui; omnes enim norunt, hos ordines non esse nisi Sacramenta partialia, seu partes unius ejusdemque Sacramenti, quod est ordo." Denn wenn Episcopat und Diaconat nur zum Theil Sacramente oder richtiger: nur Theile des Sacramentes der Weihe sind, dann sind sie nicht ganz Sacramente, oder vielmehr: dann sind sie keine ganzen Sacramente – was offenbar absurd und gewiss gegen die Meinung Perrone's ist. Wir möchten aber fragen, ob sich von den Graden des Vf's nicht dasselbe sagen lasse, wie von den Theilen Perrone's, und ob bei der Untersuchung seiner Grade nicht auch Etwas gegen seine Meinung herauskomme. Sind die Grade etwas Anderes als die Theile Perrone's? Auf die Worte, denken wir, kommt es hier nicht viel an, sondern auf das Bezeichnete, und das ist hier ganz augenscheinlich

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