Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

an die innere Beschaffenheit des Evangeliums, an den besondern Geist dieser Lehre, woraus jener eigenthümliche Enthusiasmus seiner Bekenner entsprang, nebst einem Gemeingeist sonder gleichen, zumal gegenüber der ihnen feindlichen Welt, denken wir an den Hinzutritt so mancher äusseren Umstände, worin die sichtbarsten Spuren göttlicher Providenz niemand verkennen mag, der die Welt aus einem höhern Standpunkt betrachtet – kurz an die zahllosen moralischen Wunder, welche die weltumbildende, innere Lebenskraft der neuen Religion gethan und an so manches noch, was anderwärts besser und ausführlicher gesagt ist, als es hier angedeutet worden: so haben wir keine Mirakel mit dem Vf, anzunehmen nöthig, oder den Wunderberichten der alten Kirchenschriftsteller einen höhern Werth beizulegen, als ähnlichen aus der sogenannten Heidenwelt, z. B. von den Wundern, welche die unsterblichen Götter geschehen liessen, um Rom gross zu machen, u. S. w. S. 70. findet sich ein bündiger Beweis für die göttliche Eingebung der apostolischen Schriften, geführt aus dem ungeheuren geistigen Abstand der Schriften der apostolischen Väter von jenen, wiewohl zwischen beiden nur ein kleiner Zeitraum liege. Abgesehen davon, dass hier kein nothwendiger logischer Zusammenhang zwischen der Conclusion und den Prämissen aufzufinden ist, und jener Abstand sich ohne eine Eingebung (im Sinne des Vf's) wohl erklären lässt und schon erklärt worden ist, kann man fragen: soll das höchste Wesen, von unendlicher Vernunft und Kraft, die den Uranus, in einer Entfernung von 400, den Neptun aber in einer Entfernung von 624 Millionen Meilen – welche ein Schiff, das in einer Stunde 4 Meilen zurücklegt, in 11,400 Jahren, oder der Schall, der in jeder Stunde 163 Meilen macht, in 280 Jahren zurücklegen würde – in regelmässiger Bahn um unsre und ihre Sonne führt, zu welchem Kreislauf jener Planet 83, dieser aber 165 unsrer Jahre braucht – und zwar innerhalb eines Systems von Festirnen, das nicht einmal ein Milliontheil des Weltalls ist – sollte dieses höchste Wesen auf den Geist einiger wenigen Erdensöhne in gewissen Perioden der Geschichte eingewirkt haben auf eine Art, welche der durch ewige auf sich selbst gegründete Gesetze seiner Natur bestimmten Weise, auf die Geister zu wirken, entgegengesetzt wäre? Sollte dieses höchste Wesen durch die beliebte unmittelbare Einwirkung die Entwickelung der Gei

ster, welche nach den ewigen, unwandelbaren Gesetzen der geistigen Natur ihren Gang zu nehmen hat, unterbrochen, gestört; – sollte es, um die Geisteskraft weniger Individuen zu erhöhen, ihre Bildung zu leiten und zu fördern, sie zur höchsten Stufe moralisch-religiösen Aufschwungs zu führen, den entgegengesetzten Weg eingeschlagen haben, als bei der Begabung andrer Weisen unsres Geschlechts? Und was nützte auch ein solches Eingreifen in den naturgemässen Gang der geistigen Entwickelung: wenn nicht auf ebenso unmittelbare übernatürliche Weise dafür gesorgt wurde, dass richtige und treue Copien der verlornen Originalschriften der inspirirten h. Männer gemacht wurden? Die Art endlich, wie der Vf, die Häretiker behandelt, ist keine von ira et studio freie, wie schon oben angedeutet ist. Schon das Wort „Irrlehrer", das er als synonym gebraucht, sollte er der katholischen Kirche lassen, die, weil sie für sich die allein richtige Auslegung der Schrift mittelst der Tradition in Anspruch nimmt, folgerichtig auch das Wort „Häresie" in dem schlimmsten Sinne (von 2 Petr. 2.) nehmen muss, als selbst ersonnene verderbliche Lehrmeinungen, welche von der des Apostels abweichen. Und wozu Aeusserungen, wie folgende: „Kalte Verstandesmenschen gab es überall, daher die weite Verbreitung des Monarchianis– mus." – „Die Aloger, die ursprüngliche Form des Antitrinitarismus, die nackte Negation mit roher Kritik.“ – „ Die rationalistischen Schwärmer der Neuzeit setzen die Tradition (der Vernunft oder des lumen internum) sogar über, die römische Kirche nur neben das Schriftwort." Das sind nur eben so viele Beweise unwissenschaftlicher parteilicher Befangenheit; einer Befangenheit, welche auch die Errungenschaften der letzten hundert Jahre verkennend und verläugnend die Philosophie wiederum zur Magd der Theologie machen möchte, und welche sich in ihrer ganzen Einseitigkeit besonders im 3ten Theil zeigen dürfte, wo sie Gelegenheit bekommt, den heutigen Rationalismus als Antichristenthum darzustellen. Wir verstehen die gläubige Wissenschaft anders als der Vf. Wahrlich, es hat der Christ ernstere, wichtigere, ja schwerere Dinge zu glauben, welche die christliche Wissenschaft zu begründen suchen muss, als Erzählungen von Wundern und Weissagungen, als Kirchendogmen, die oft nur der Kabale ihren Sieg verdankten, und ausser einem unsürdenklichen Alterthum rein - nichts für sich haben. Schweizer.

Ge hau ersche Buch druck e r ei.

[blocks in formation]

W„n einem Pertina.r Philalethes erwarteten wir eine Schrift voll kühner, bisher verkannter, gegen die allgemeine Meinung stark verstossender Wahrheiten; wir nahmen daher das vorliegende Buch mit Spannung und Neugierde in die Hand. Allein wir sind arg enttäuscht worden. Es gehört in der That weder Kühnheit noch besondere Wahrheitsliebe dazu, um die hier vorgetragenen Ansichten öffentlich auszusprechen, und der Vf, könnte getrost mit offenem Visier austreten, ohne Besorgniss, sich Anfechtungen auszusetzen. Seine Philosophie ist, um es mit Einem Worte zu sagen, ein zwar einseitiger, aber durchaus wohlgesinnter Empirismus, der nach der wissenschaftlichen Seite hin allerdings dem Materialismus und Naturalismus huldigt, aber zugleich, die Schranken der menschlichen Wissensehaft entschieden anerkennend, dem Glauben an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, und damit der Religion und Sittlichkeit vollen Spielraum gewährt.

Der Vf. geht aus von einer Naturlehre, deren Princip ihm durchweg die Polarität ist. Darunter versteht er „das Zusammenstreben der Körper",

und explicirt sich näher dahin: „Jedes Streben nach einem Andern setzt eine Zweiheit voraus, wovon jedes Glied für sich allein einen Mangel hat und durch Vereinigung mit dem Andern sich zu ergänzen bestimmt ist. Man kann diese beiden Principien als das Für sich seyn und das Fürandresseyn bezeichnen.» oder: als das Bestrehen der Selbsterhal– tung» welches sich äussert in der Lust, Andres sich gleich zu machen, sich in Andrem geltend zu machen, und als das Bestreben der Vereinigung, welches sich äussert in der Lust, sich Andrem gleich zu machen, in dem Andern aufzugehen. In jedem dieser beiden Principien liegt aber schon das Andre: die Selbsterhaltung geschieht durch Vereinigung, und die Vereinigung durch Selbsterhaltung. In jedem Körper und in jedem kleinsten Theile desselben sind diese beiden Principien enthalten; denn durch ihre Wechsel-Beziehung ist alles Zusammenseyn von Bestandtheilen, folglich, da wir uns nichts

Materielles ohne Bestandtheile denken können, die Materie selbst bedingt. Jeder Körper ist sowohl in sich selber, als in Beziehung auf andre Körper in Ruhe, wenn jene beiden Principien, die wir nun Pole nennen wollen, sowohl in ihm selbst, als in Beziehung auf letztere, sich vollkommen das Gleichgewicht halten. In dieser Ruhe äussern sich die beiden Pole als blosse Kohäsion. Dieses polare Gleichgewicht wird aber gestört, sobald der eine oder andre der beiden Pole das

Uebergewicht erhält", u. s. w.. Auf diesen Begriff der Polarität führt der Vf, alle wirkenden Kräfte der Natur, Attraktion und Repulsion, Magnetismus und Elektricität, Centripetal – und Centrifugalkraft etc. zurück, und erklärt aus ihm nicht nur alles unorganische, sondern auch alles organische Entstehen und Bestehen. Wir erfahren nun zwar nicht, von wo, wenn ursprünglich Ruhe herrscht, d. h. wenn ursprünglich die beiden Pole in den Körpern sich das Gleichgewicht halten, die Bewegung oder die Störung dieses Gleichgewichts herkommen soll, noch begreifen wir, wie im umgekehrten Falle, wenn ursprünglich die Bewegung als Störung des Gleichgewichts gesetzt ist, jemals Ruhe und ein bestimmtes Daseyn unterschiedener, ihre individuelle Bestimmtheit festhaltender Körper auch nur mo– mentan eintreten könne. Mit andern Worten, wir vermissen ein aktives Princip, welches das polare Gleichgewicht und resp. die Störungen desselben regelt und beherrscht, und ohne welches nothwendig entweder fixirte todte Ruhe oder ein rastloses Fliessen und Zerfliessen in der Natur perennirend walten müsste. Immerhin aber ist die Art, wie der Vf, alle Naturgesetze, alles Daseyn, Leben und Bewegung aus seinem Principe der Polarisation herleitet, wegen ihrer Klarheit und consequenten Durchführung nicht ohne Interesse, wenn auch die Naturforscher von Profession gegen seine Erklä– rungsversuche im Einzelnen Manches einzuwenden haben dürften.

Der Vf, begnügt sich jedoch damit nicht. Auch der Geist soll nach ihm durch blosse Polarisationen des Nervensystems entstehen und in ihnen bestehen. Hier aber zeigt sich sogleich das Ungenügende seines Princips zur Evidenz. Er behauptet,

der Geist sey nichts andres, „als das gegenseitige Sichdurchdringen der vorzugsweise in einzelnen GehirnstelIen haftenden, durch die Sinneswahrnehmungen hervorgebrachten polaren Umstimmungen (der Ncrven ) und in der nach mechanischen Gesetzen vor sich gehenden wechselseiti

gen Verbindung derselben" (S. 53). Dies meint er schon durch die Art und Weise, wie er im Vorhergehenden (S. 43) das Gemeingefühl deducirt hat, dargethan zu haben. „Wie nämlich, behauptet er hier, aus dem indifferenten und unorganischen Infusorium sich allmählig für die verschiedenen Funktionen verschiedene Organe ausbilden, welche sich hinwieder in ihrer gegenseitigen Durchdringung als eine sich selbst bewegende und durchdringende Einheit zusammenfassen, se legt sich das Nerven –, bezieziehungsweise Gehirnleben nach Massgabe seiner Entfaltung in verschiedene Organe für seine einzelnen Vorstellungen und Thätigkeiten auseinander, welche sich hinwieder in der Einheit des Gemeingefühls und, höher noch, des Gesammtbewusstseyns und endlich des menschlichen Selbstbewusstseyns zusammenfassen." Allein abgesehen davon, dass diese Erklärung des Wesens und Ursprungs des Gemeingefühls eine blosse unbewiesene Versicherung ist; abgesehen davon, dass man schon hier nicht einsieht, wie die blosse „Einheit“ der verschiedenen, für die einzelnen Vorstellungen und Thätigkeiten sich bildenden Gehirnorgane ein Gemeinge/ühl seyn oder ergeben könne; so ist jedenfalls das blosse Gemeingefühl, das man in gewissem Sinne schon den Pflanzen, sicherlich aber den Thieren beilegen muss, noch lange kein Bewusstseyn und Selbstbewusstseyn. Es ist eine offenbare Vermischung der Begriffe, wenn man mit dem Vf, das Bewusstseyn und Selbstbewusstseyn nur als ein „höheres" Gemeingefühl betrachtet. Sie sind sicherlich nicht blos dem Grade nach, nicht blos quantiativ, sondern qualitativ, specifisch unterschieden. Denn im Gemeingefühle ist noch gar keine Scheidung des Subjektiven und Objektiven, überhaupt noch gar keine unterscheidende Thätigkeit vorhanden. Diese aber bildet eben das specifische Wesen des Bewusstseyns und Selbstbewustseyns. Wie daher letzteres durch blosse Erhöhung aus dem Gemeingefühle hervorgehen, d. h. wie durch blosse graduelle Steigerung in das Gemeingefühl Etwas hineinkommen könne, was in seinem Wesen durchaus nicht liegt, ist schlechterdings nicht einzusehen. Der Vf, findet sich daher denn auch veranlasst, das Bewusstseyn noch

besonders zu deduciren. „Bisher verstanden wir, sagt er, unter Wahrnehmungen blos das Afficirtwerden des Nervensystems durch äussere Objekte oder unter Umständen auch durch innere Vorgänge des physischen Organismus. Allein offenbar muss das Gehirn eben so gut seine eignen in

neren polaren Vorgänge, also auch die jeweiligen AufwekKungen von Vorstellungen und ihre gegenseitigen Beziehungen wahrnehmen. Dies geschieht wirklich, so dass durcle jede solche innere Wahrnehmung sich gleicherweise eine entsprechende Stimmung, resp. Vorstellung erzeugt", – und

dieses Vermögen, sich selbst geistig zu empfinden,

ist dann dem Vf, die Basis zum Aufbau eines gei

stigen Organismus, „dessen lebendige Einheit sich in dem erst nach langem geistigen Wachsthum deutlich hervortreten

den Selbstbewusstseyn manifestirt." Allein jenes »offenbar” des Vf's ist offenbar sehr wenig offenbar; es ist im Gegentheil nach seinen eignen Prämissen ganz unbegreiflich. Denn wenn die Wahrnehmungen nur 2, das Afficirtwerden des Nervensystems durch äussere Objekte oder unter Umständen durch innere Vorgänge des physischen Organismus“, und die Vorstellungen nur „die durch die Wahrnehmungen erzeugten, vorzugsweise in einzelnen Gehirnstellen aufbewahrten Umstimmungen des Nervensystems sind (S. 56. 59); so ist durchaus nicht einzusehen, wie das Gehirn (die Nervensubstanz) wieder seine eignen inneren Vorgänge soll „wahrnehmen” können. Was ist denn hier das Wahrnehmende und was das Wahrgenommene? Das Gehirn ist ja der afficirte Gegenstand, das an einzelnen Stellen umgestimmte Objekt; wie soll denn nun dieses Objekt zugleich Subjekt oder sich selber gegenständlich werden können, so dass es nicht blos afficirt ist, sondern sein Afficirtseyn wahrnimmt, d. h. von seinem Afficirtseyn afficirt wird? Wie kann denn das Afficirtseyn selbst wieder die Thätigkeit des Afficirens ausüben, und was ist das Objekt, auf das es diese Thätigkeit ausübt? Wollten wir aber auch die durchaus unbegreifliche Möglichkeit einer solchen Thätigkeit zugestehen, so ist damit, da von jedem folgenden Afficirtseyn das– selbe gelten muss, was vom ersten gilt, ein progressus in infinitum gegeben, in welchem der erste Affekt einen zweiten, dieser einen dritten u. s. w. hervorrufen würde, in welchem es also niemals zu einer Selbstempfindung, die doch nur eine Em– pfindung des Gehirns (oder des lebendigen Wesens überhaupt) in seiner Einheit und Totalität seyn kann, kommen würde. Soll sonach das Afficirtwerden durch das Afficirtseyn einen Sinn baben, so kann es nur als ein Sich-selbst-afficiren des Gehirns gefasst werden. Dies aber stünde ganz auf demselben Boden mit dem Sich-selbst-bestimmen und Sich-in-sich-unterscheiden, d. h. mit der specifisch geistigen Thätigkeit, die über die materialistischen Prämissen des Vf's, wie über jedcn Materialismus schlechthin hinausgeht. – Aber auch die Brücke, über die der Vf, zu seiner Erklärung der Selbstempfindung und weiter des Selbstbewusstseyns gelangt, ist durchaus morsch und unhaltbar. Denn das blosse Afficirtseyn des Nervensystems durch die äussern Objekte ist noch gar keine Wahrnehmung, die dadurch bewirkte Umstimmung desselben noch gar keine Vorstellung; beides ist vielmehr offenbar noch blosse Empfindung, die auch bereits den Pflanzen beigelegt werden muss. Zur Wahrnehmung wird die Empfindung erst durch das Unterscheiden eines Objektiven und Subjektiven in ihr, durch eine Thätigkeit, die das Empfundene von der Empfindung (von der blossen Affektion) aussondert. Woher aber will der Vf. auf seinem Standpunkte diese unterscheidende Thätigkeit gewinnen? – Hier liegt das Problem, das der Materialismus zu lösen hat, aber bisher noch nirgend gelöst hat. – Vielleicht indessen thun wir dem Verf. Unrecht, wenn wir ihn des einseitigen Materialismus zeihen. Denn im Folgenden lesen wir, dass zwar die „crsten Geistesanfänge nur wenig über den Boden der physischen Lebenskraft hervorragen, sich dann aber immer höher und höher erheben, bis sie endlich in dem selbständigen mit eigner Bewegung begabten Geistesorganismus sich zusammenschliessen, ohne dass sich jedoch dieser jemals von dem physischen Organismus ganz unabhängig zu machen vermöchte, da vielmehr ja beide in dem Mervensystem als dem gemeinschaftlichen Träger der physischen und geistigen Lebenskraft stets verbunden bleibe." – Allein wenn es dem Verf. mit dieser Aeusserung Ernst ist, so widerspricht er offenbar sich selbst. Denn ist der Geist nach der obigen Erklärung nur Jenes gegenseitige Sichdurchdringen der in einzelnen Gehirnstellen haftenden, durch die Sinneswahrnehmungen hervorgebrachten polaren Umstimmungen des Nervensystems, wie kann er denn ein „selbständiger, mit eigner Bewegung begabter Organismus" genannt werden, und von einer geistigen Lebenskraft im Unterschiede von der physischen die Rede seyn? Von des Verf's Prämissen aus scheint uns dieser Widerspruch unlösbar. Wohl aber erklärt sich derselbe daraus, dass der Verf, wie die meisten Materialisten, bei allen Funktionen und Vermögen des Geistes nur die dem physischen Organismus zugewendete Seite, – deren Vorhandenseyn ja unleugbar ist, – hervorkehrt, die eigentlich geistige dagegen unberücksichtigt lässt, diese dann

aber gelegentlich sich selber geltend macht. So mag die Art und Weise, wie der Verf. (S. 63) die Begriffe psychisch d. h. von der Empfindung aus entstehen lässt, im Allgemeinen richtig seyn. Aber zu diesem psychischen, durch den leiblichen Organismus bedingten Faktor, zu der Fülle der Empfindungen und resp. Wahrnehmungen, aus denen die Begriffe herausgezogen werden, gehört nothwendig noch der logische, specifisch geistige Faktor. Diesen deutet der Verf. zwar an, indem er bemerkt, dass jeder neue Begriff nur vermöge wahrgenommener „Verschiedenheit" entstehe. Allein diese Verschiedenheit lässt sich nicht wahrnehmen, ohne die Dinge zu vergleichen, d. h. ohne sie den logischen Kategorieen als den allgemeinen Unterscheidungsnormen und Unterschiedskriterien zu subsumiren. Nur darum, weil ohne dies Vergleichen und Subsumiren, ohne diese gemäss den Kategorieen sich vollziehende specifisch geistige Thätigkeit des Unterscheidens, kein Begriff zu Stande kommen kann, hat nur der Mensch, nicht aber das Thier Begriffe. – Eben so hebt der Verf am Ursprunge und Begriffe der Sittlichkeit nur die dem Physischen und Psychischen zugekehrte Seite hervor, indem er das ethische Gefühl, von welchem er ausgeht, ganz und gar mit dem ästhetischen, d. h. mit dem Wohlgefühle, das gewisse Eindrücke in dem Zusammenhange und der Gleichmässigkeit, womit sie die verschiedenen Fäden unsers Gefühlslebens berühren und anregen, uns erwecken, also mit dem Wohlgefallen an der Harmonie solcher Eindrücke, identificirt: diese Harmonie ist ihm unmittelbar die Schönheit, und mit Beziehung auf das Gleichgewicht und Ebenmass der geistigen Thätigkeiten und des daraus entspringenden Handelns, die Sittlichkeit. Allein so gewiss das sittliche Gefühl ein Wohlgefallen und resp. Missfallen involvirt, so gewiss ist doch dadurch der Begriff desselben keineswegs erschöpft. Es fehlt wiederum gerade die specifisch geistige Seite, der aus der innersten Tiefe des Geistes quellende Impuls des Sollens, ohne den das ethische Gefühl nicht ethisch ist und der sich unmöglich aus jenem bossen Wohlgefallen und resp. Missfallen ableiten lässt. Ein solches Wohlgefallen an der Harmonie gewisser Eindrücke könnte auch ein Thier empfinden; das Gefühl des Sollens dagegen, in dem das Gewissen wurzelt, fehlt der Thierseele durchaus.

[ocr errors]

Deutsches Nationalleben,

Germania. Archiv zur Kenntniss des deutschen Elements in allen Ländern der Erde – von Dr. Wilhelm Stricker u. s. w. ( B es c I. l. u s s vom Nr. 11. ) Am dürftigsten ist der erste Theil über die deutsche Sprachgrenze vertreten, denn man findet nur einen kurzen Aufsatz über die Sprachgrenze in Oestreich nach Häufler's Sprachkarte (Pesth 1846) mit einer Uebersicht der einzelnen Gespannschaften Ungarns und der einzelnen Theile Siebenbürgens; ferner einen Beitrag über die Sprachgrenze in Kärnthen, aus Wagner's wenig bekannter Schrift über dieses Land (Klagenfurt 1847), und zuletzt über die deutsche und dänische Sprache in Schleswig, über welchen Gegenstand noch gediegenere und gründ– lichere Untersuchungen angestellt werden müssen, als Kohl in seinen Reisen gegeben hat und welche hier blos wiederholt sind. Einen trefflichen Beitrag für diese Studien bietet jetzt die unlängst erschienene Karte von Berghaus in dessen physikal. Atlas: Deutschland nach seiner National – Sprach-Dialektverschiedenheit, nebst Erläuterungen. Diese Karte ist wohl auch die erste, welche dem Herz. Schles– wig seinen Platz innerhalb der deutschen Reichsgrenzen angewiesen hat. Ungleich reicher sind die Beiträge des 2. Theils zur Kenntniss des deutschen Elements ausserhalb Deutschlands, indem sich uns hier eine Reihe interessanter Aufsätze darbietet, namentlich: die Deutschen in Russland, an der Ostsee und Wolga (S. 15. 142.326), das deutsche Element in Belgien von Fester (S. 126), treffliche Aufsätze über das deut– sche Element an der Westgrenze (S. 206), vorzüglich im Elsass (S. 138. 213), nebst Uebersicht der deutschen Literatur in diesem Lande (nach Gö– decke), Geschichte der Französirung des Elsass (S. 220) in der Recension der Strobel – und Engelhardt'schen Gesch. des Elsass. V. Th. 1846. Diese Schrift ist reich an Lehren für Deutschland, indem man daraus sieht, wie nur die Mangelhaftigkeit der deutschen Institutionen daran Schuld war, dass dieses herrliche ächtdeutsche Land uns in so kurzer Zeit ganz entfremdet werden konnte. Interessant sind ferner die Nachrichten über die Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen, von A. Schott (S.305), worin auf die Auswanderung nach jenen Gegenden

besondre Rücksicht genommen ist, die Zipser Sachsen (nach Sydow, S. 237) und die Sachsen in Siebenbürgen (S. 101). Endlich gehören hierher mehrere Skizzen über das Leben der Deutschen in Paris, Venedig, Rom u. s. w. (S. 183. 283. 428) und in den einzelnen Staaten Nordamerikas (S. 28), sowie Südamerikas. Diese können wir aber auch ebensogut zum 3. Haupttheil, die Auswanderung, rechnen. Hier wird die Auswanderung im Allgemeinen besprochen (S. 179. 278), eine Chronik derselben gegeben (S. 201) und sodann die Ansiedlungen in den einzelnen Ländern näher beleuchtet. Ausführlich sind wie sich von selbst versteht die Nachrichten über die deutschen Ansiedlungen in Nordamerika und fast noch reicher die über Texas und Brasilien. Einige Aufsätze zeichnen sich durch lebensvolle Frische der Darstellung aus, z. B. der Besuch der Colonie Tovar in Columbien (S. 414) und mehrere brasilianische Schilderungen; andre geben für den Zustand der deutschen Auswanderung im Allgemeinen nützliche und leider nur zu wahre Andeutungen. Aus Allem geht hervor, dass die deutschen Regierungen weit mehr Aufmerksamkeit auf die Auswanderungsfrage hätten richten sollen, z. B. durch Vertretung der Auswandrer bei den Rhedern. durch Untersuchung der Verproviantirung der Auswandrerschiffe u. s. w., und ist zu hoffen und zu wünschen, dass die künftige deutsche Cen– tralgewalt diesem Gegenstand ihre ernsteste Aufmerksamkeit zuwenden wird.

In den folgenden Bänden wird der thätige Hr. Redakteur auch auf mehrere bis jetzt noch nicht berührte Materien Rücksicht zu nehmen haben, z. B. auf die Theilnahme der Deutschen an der Colonisirumg Australiens, auf die verschiedenen deutschen Regenten und deutschen Dynastien, welche auswärtige Throne in älterer und neuerer Zeit innegehabt haben (wie das Haus Holstein, Hannover, Sachsen u. s. w.), desgleichen auf eine geschichtliche Darstellung der Grenzveränderungen Deutschlands von dem Vertrag zu Verdun bis auf unsere Tage, welcher Gegenstand in unseren Tagen auch vom praktischen Standpunkt grosses Interesse darbietet, nämlich damit die trüben Erfahrungen der

Voreltern den Gemüthern der Nachkommen zu ei

ner ernsten Warnung und Mahnung gereichen mö– gen! W. Rein.

Gebau ersche Buch druckerei.

« ZurückWeiter »