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ihre historischen, etymologischen, grammatischen Untersuchungen hindurch zuletzt auch zum Verstehen und Sprechen nicht bloss der todten sondern auch der lebenden Sprachen; damit ist aber ohne Zweifel auch im praktischen Leben etwas anzufangen – allein wollen wir denn durch die Gleichgültigkeit gegen die langen Umwege, durch welche wir zu einer Beziehung zum praktischen Leben gelangen, etwa die ganze weitschichtige Gelehrsamkeit wieder einschmuggeln, welche wir aus Liebe zum Leben zu beseitigen gedenken? Dringen wir aber darauf, dass die praktischen Beziehungen aus dem Zusammenhange mit allem Andern rein herausgeschält werden, und in dieser Isolirtheit hingestellt und behandelt, so haben wir doch damit die Wissenschaft so entschieden zu einem Schatten gemacht, dass wir unmöglich mehr das Recht haben, von einer Einheit zwischen Wissenschaft und Leben zu reden. – Was man von jeder Wissenschaft fordern muss, ist offenbar dies, dass sie nicht bloss das historische Material sammelt und äusserlich ordnet, sondern dasselbe wirklich zu erkennen sucht, somit dem Allgemeinen, der Idee unterordnet. An diese Einheit mit der Philosophie hat die besondere Wissenschaft zugleich ein Kriterium, das Wichtige vom Unwichtigen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, einen Schutz, sich nicht in Untersuchungen zu verlieren, welche für die Wissenschaft selbst, welche die Wirklichkeit in ihrer Wahrheit zu erkennen hat, durchaus gleichgültig sind. Wenn wir schon in diesem systematischen Organismus der Wissenschaft, in dieser Trennung der Wissenschaft von den andern Sphären und Interessen des Geistes eine Isolirung sehen, eine Zerklüftung der Theorie und Praxis, welche im Interesse der wirklichen Freiheit zu bekämpfen ist, so heisst dies nichts Anderes als: wir wollen die Wissenschaft in ihrer Wirklichkeit nicht. Es ist aber ein arger Irrthum, die wahre Wirklichkeit und Freiheit des Geistes zu setzen in eine solche Einheit der Wissenschaft, des Lebens, der Kunst, der Religion, welche alle diese Sphären nur mit einander vermischt, sie neutralisirt und ihnen somit ihre besondere Eigenthümlichkeit nimmt. Nicht die wahre Wirklichkeit des Geistes ist dieses farblose Gemisch, sondern entweder sein unentwickelter Anhang oder seine Blasirtheit. Der freie wirkliche Geist ist eben die Energie, alle seine wesentlichen Seiten in ihrer ganzen, vollen, prägnanten Bestimmtheit zur Realität zu bringen, und alle diese unter

schiedenen Gestaltungen nicht bloss äusserlich aufeinander zu beziehen, sondern innerlich zusammen zu halten, eben dadurch, dass sie gleich nothwendige Produktionen desselben Geistes, Darstellungen desselben geistigen Princips sind. : K. Grün proklamirt aber nicht blos das Aufhö– ren aller philosophischen Systeme, behauptet nicht nur, dass die Religion wie die Philosophie zur Geschichte geworden, sondern er geht noch weiter. Die Forderung, nicht mit fertigen Kategorien an die Dinge heranzutreten, sondern den Dingen selbst ihre Wesenheit abzulauschen, hat die Philosophie von jeher gestellt. Die Sache ist nur so einfach nicht; davon giebt die ganze Geschichte der Wissenschaft hinlänglich Zeugniss. Besonders möchte dieses Ablauschen dann doch wohl nicht ohne alle Ueberlegung d. h. nicht ohne das Denken abgehen. Allein „das Resultat der Geschichte der Philosophie ist die Organisation der gesunden fünf Sinne!" Sind wir hiermit nicht aus aller Verlegenheit? Man bedenke: es wird nicht blos gesagt, das Resultat der Geschichte sey etwa das Bewusstseyn oder das Wissen, dass die sinnliche Erkenntniss die höchste, oder dass die sinnliche Empfindung das wahre Wissen sey, vielmehr soll die sinnliche Organisation selbst – also das, was man nicht bloss dem Menschen im Paradiese, sondern sogar schon dem Affen zuzugestehen pflegt – das Resultat der Geschichte der Philosophie seyn. Man darf es aber wohl mit den Worten so genau nicht nehmen. Allein sollen wir denn, während ausdrücklich nur von den fünf Sinnen die Rede ist, die Worte doch so verstehen, als prädicirten sie von dem Menschen auch die unendliche Allgemeinheit, Unsinnlichkeit, Geistigkeit; oder haben wir nicht vielmehr ein vollkommenes Recht, solch unbestimmtes Reden seinem Schicksale zu überlassen, mag es immerhin in einem Programme stehen, welches im Namen der künftigen akademischen Universität erlassen ist? Wenden wir uns zu den Abhandlungen der Jahrbücher, so traut man kaum seinen Augen, wenn, nachdem so eben das Aufhören aller philosophischen Systeme proklamirt ist, uns sogleich eine naturphilosophische Abhandlung von J. Schaller entgegentritt, welche in aller philosophischen Strenge nachweist, dass alle empirische Erkenntniss der Natur, als unzureichend und unvollständig in sich selbst, mit Nothwendigkeit in die Naturphilosophie hinüberführt; dass die Dialektik allein im Stande sey, die Natur ihrem Wesen nach zu erkennen. Ebenso stehen nun auch die folgenden Abhandlungen zum grossen Theil in gar keiner Beziehung zu der ausgesprochenen Tendenz der akademischen Universität. Zunächst folgt: die Entwickelung der christlichen Lehre; eine Charakteristik der schöpferischen Persönlichkeiten im Christenthum, von Dr. K. Schmidt in Köthen. Was die Abhandlung ausdrücklich verspricht, nämlich die schöpferischen Persönlichkeiten im Christenthum zu charakterisiren, leistet sie gar nicht; sie giebt nur die Produkte der Persönlichkeiten, die Lehren, Ansichten und Richtungen. Der Vf zeigt in seiner Darstellung ein sehr unsicheres Haschen nach Pointen und prägnanten Ausdrücken; der Inhalt, in einzelnen Parthien nur dürftiges Excerpt, kann auch mässigen Anforderungen nicht genügen. – Ferner erhalten wir von Kleinpaul: die Trennung der Schule von der Kirche und die Entbehrlichkeit des Religionsunterrichts in den öffentlichen Schulen. Von Fr. Beck drei Abhandlungen; 1. Beiträge zur socialen Wissenschaft (die Fortsetzung einer früher in Noacks Jahrbüchern für speculative Philosophie gegebenen Arbeit); 2. die religions– philosophische Stellung des Islam und 3. die Zukunft der Theologie, mit Beziehung auf die Schrift des H. Hundeshagen über den deutschen Protestantismus. – Ferner von A. F. Pott: die wissenschaftliche Gliederung der Sprachwissenschaft, eine Skizze. Diese Skizze, (welche beiläufig bemerkt, voll von sinnentstellenden Druckfehlern ist) nimmt sich besonders seltsam aus neben dem folgenden Aufsatz. Den Schluss der Jahrbücher nämlich bildet: das Jahr 1848 von K. Wauwerk (S. 191 u. 192). Der Aufsatz ist formirt etwa wie eine Ansprache, welche eine demokratische Zeitung zur Ermuthigung an ihre Leser ergehen lässt. Es heisst darin unter Anderem: ,, die Geschichte arbeitet eben nicht mehr für die Vornehmen und Reichen sondern die gebietslose und vogelfreie Masse; es wird nicht mehr für die Zöpfe, sondern für die Köpfe aufgetischt und ausgespielt.“ – „Stets von Neuem aus Noth und Tod ersteht der Titan der Gegenwart; der Geist lässt sich nicht niederkartätschen, und das scheinbar gedämpfte Feuer der Freiheitsliebe steigt urplötzlich wieder als blutrothe Lohe zum Himmel empor. Verzagt nicht, wenn die Barrikade unter der Kanone zusammenstürzt; die Barrikade steht morgen doppelt hoch und stark wieder aufrecht. Der wechselvolle Kampf unsrer

Tage darf uns nicht entmuthigen. Zuletzt werden doch die Barbaren unterliegen und die Menschen siegen. Freiheit und Gerechtigkeit wird triumphiren und die Muse der Geschichte wird das Jahr der Barrikaden mit goldenen Lettern stolz in ihre Tafeln tragen." „ Alle Kratien und Archien sind der Vernichtung geweiht. – Eine einzige Kratie macht eine Ausnahme: die Demokratie. Sie überwältigt alle andere Kratien. Als alleiniger Sieger behauptet den Kampfplatz das herrscherlose Volk; seine fliegenden Banner tragen die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die einzige Form aber, welche der Demokratie entspricht, in welcher die sich selbst beherrschende Freiheit eine Wahrheit wird, in welcher die Menschen menschlich leben, ist die Republik, nicht die rein politische, sondern die sociale.“ – Man könnte geneigt seyn, diesen Schluss der Jahrbücher, da er vom Redacteur selbst herrührt, in nähere Beziehung zur allgemeinen Tendenz derselben zu setzen; – eine trockene wissenschaftliche Strenge wenigstens wird man ihm sicherlich nicht vorwerfen. Allein da Hr. Nauwerk hier nicht ausdrücklich im Namen des Ausschusses spricht, so haben wir wohl kein Recht, seine politischen Ergüsse ohne Weiteres der künftigen freien Akademie aufzubürden.

Indem der Inhalt der Jahrbücher zum grössten Theil in gar keiner innern Beziehung zur ausgesprochenen Tendenz der freien deutschen Akademie steht, so befindet sich natürlich das Publikum den Jahrbüchern gegenüber in einer sehr zweifelhaften Lage. Es kann durchaus nicht wissen, was die Jahrbücher ihm künftig bieten werden. Ohne Zweisel haben wir in diesem ersten Hefte überwiegend die Hinterlassenschaft der Noackschen Jahrbücher vor uns, möglich dass diese auch für die folgenden Hefte noch ausreicht, und dass dann erst das Princip anfängt, produktiv aufzutreten. Allerdings sollte man verlangen, dass, Je emphatischer eine Tendenz auftritt, desto kritischer sie sich auch reinigt von Allem, was nicht wesentlich zu ihr gehört; sonst ladet sie nothwendig den Verdacht auf sich, dass sie unbestimmt und unsicher in sich selbst sey, oder ein todtes Projekt, welches eben dadurch, dass es keine Energie zur That hat, zeigt, dass es keine wirkliche Theorie ist, sondern nur Phantasie.

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ALLGEM E 1 N E LITERATUR - / E 1 T UNG

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G0thische Sprache. 1) Gothisches Glossar von E. Schulze u. s. w. 2) Ulfilas Urschrift, Sprachlehre, Wörterbuch. Von Ign. Gaugengigl u. s. w. 3) Aelteste Denkmäler der deutschen Sprache – – von Ign. Gaugengigl u. s. w. ( Fortsetzung von Nr. 111. )

Um unsre, d. h. die gothische, Buchstabenfolge gar lächerlich zu machen, sagt er, es wäre gerade so, als wollte Einer ein altnordisches oder angelsächsisches Glossar nach den alten Runen ordnen; wenn das nicht. J. Grimm, sondern ein Anderer sagte, so würde ich ihn fragen, ob er denn nicht wisse, dass die altnordischen und angelsächsischen Schriftwerke gar nicht mit Runen geschrieben sind, sondern eben, weil die Runen dazu gar nicht geeignet waren und ausreichten, von den Altnordischen und Angelsachsen das lateinische Alphabet genommen wurde, also altnordische und angelsächsische Wörterbücher werden auch vernünftiger Weise die lateinische Buchstabenfolge beibehalten; aber die Gothen bildeten sich ein eignes Alphabet und stellten das in eine bestimmte Ordnung. Setzen wir dafür nun auch lateinische Zeichen, so können wir immerhin ihre Ordnung beibehalten, ja das scheint uns eben wissenschaftlich, während es ganz willkürlich ist, die gothischen Buchstaben nach dem neuhochdeutschen Alphabet zu ordnen, und w (69) als hv unter das h, H nach t, es müsste wenigstens nach d stehen, etc. – Ferner lobt Hr. Grimm, dass alle gothische Buchstaben für Doppelconsonanten von Hrn. S. aufgelöst werden. Alle? Hier reicht wirklich meine Kenntniss des Gothischen nicht aus, und ich muss Hrn. Grimm fragen, welche diese alle sind, denn H nimmt er selbst aus, x für ch braucht auch Hr. S., und er schreibt auch – wenn man das hierher rechnen will – q für qu oder qv, wie ja jetzt Hr. Gr. selbst schreibt; es bleibt blos unser w für Go Chvj) übrig. Das ist ihm aber immerdar „unerträglich" gewesen, weil w ein ganz andrer Laut als hu und als Zeichen aus vv entstanden sey. Das

wissen wir gar wohl, wir haben auch nie gesagt, dass der deutsche w Laut dem gothischen Laut hv entspräche, wir haben nur gewollt, dass für alle gothische einfache Zeichen auch lateinische einfache gewählt werden, und weil das Zeichen w im Gothischen nicht vorkommt, so haben wir es für das inmitten lateinischer Schrift nicht wohl aussehende G) gewählt, aussprechen kann es dessungeachtet. Jeder wie er will, unsertwegen auch ein andres „ erträglicheres" Zeichen dafür einführen, wenn es nur ein einfaches ist. Aber so weit geht er in seinen Vorurtheilen, dass er sogar den Ulfilas tadeln möchte, dass er das einfache G angenommen und nicht HY geschrieben! Man sollte doch denken, wenn Jemand gewusst hätte, wie das Gothische ausgesprochen würde, so müsste es Ulfilas gewesen seyn. – Aber nun kommt die Hauptsache, die Lebensfrage für das gothische Lautsystem des Hrn. Gr. Bekanntlich hat er, von den deutschen Sprachen auf das Gothische zurückschliessend, die Meinung, dass ai und au im Gothischen zwei verschiedene Laute haben müssten, nämlich ä und ai, 0 und au, und das unterscheidet er durch aufgesetzte Accente äi (ai), (ä), äu (au), aué (0). Da nun lange Niemand Gothisch verstand, oder sich mit solchen spinösen Dingen zu befangen die Lust hatte, so glaubte man dies dem Hrn. Grimm auf das Wort, man schrieb seine Accente nach, man sprach es wie er, kurz es ging wie das Sprüchwort sagt: a bove majori discit arare minor, d. h. wie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen. Wir haben von jeher nicht zu seinen Jüngern in dieser Theorie gehört, denn wir haben seine Gründe nicht für stichhaltig gefunden, ohne uns, weil dazu die Gelegenheit gefehlt hat, darüber direct auszusprechen. Jetzt aber, da wir in der Grammatik S. 31–33 seine Gründe durch Sprachwissenschaftliche, aus dem Gothischen selbst geschöpfte Gründe widerlegt und entkräftet und die ganze Theorie als eine blosse Phantasie dargestellt haben, nun kommt hier p. II sq. erst die Stichelei „allerdings sey es in vielen Fällen sichrer, man müsse hinzusetzen bequemer, allen Zweifeln und Anständen ausweichend ein solches Gesetz nicht in Anwendung zu bringen." Nun, hier ist auch Hr. S. mit in der Verdammniss, da er auch keine Accente übergeschrieben hat, auch Diefenbach liess sie weg und äusserte sich ziemlich zweifelnd über ihre Nothwendigkeit und Richtigkeit, darum spielt Hr. Gr., da seine Theorie ihm in wesentlicher Gefahr scheint, gegen uns den letzten Trumpf aus, es ist nicht etwa eine neue Begründung seiner Theorie oder eine Widerlegung unsrer Gründe, sondern – eine Sottise: „ gegen solchen, wenn irgend grammatische Vocalvergleichung gilt, gebotenen Unterschied sträubt sich Löbe, dem überhaupt hinter dem Horizont der gothischen Sprache liegende Wahrnehmungen meistentheils zuwider oder versagt scheinen, unerfolgsam." Hinter dem Horizont? In der That, ich möchte wissen, ob Hr. Grimm etwas von dem kennt, was hinter dem Horizont der gothischen Sprache liegt (denn er meint doch wohl den morgenlichen Horizont, da uns aus dem abendlichen bekanntlich kein Licht gebracht wird, ausser etwa vom Monde, der aber mit erst empfangnem Lichte leuchtet), ob ihm eine germanische Sprache bekannt ist, die älter ist als die gothische und aus der er seine gothische Lauttheorie begründet hat. Im Gegentheil – und das ist das ztgöto pevöog bei ihm – er ist von der spätern, nicht einmal durch eine mehr vorhandene Brücke mit der gothischen verbundnen, in ihrem – ich will nicht sagen. Laut –, aber gewiss – Lautbezeichnungssystem verderbten, weil von jedem Schriftsteller anders lautlich bezeichneten Sprache, dem Alt-Hochdeutschen, aus – und auf die gothische damit zurückgegangen. Wir haben die Mühe nicht gescheut und haben zu einer Zeit, wo das Gothische noch ziemlich eine terra incognita war, den Berg erklimmt, wo sich ein weiter Horizont vor uns aufthat; Hr. Grimm blieb unten im althochdeutschen Thale, und als ihm die gothische Sonne an seinen Horizont kam, betrachtete er sie durch ein althochdeutsches Fernrohr, daher die eigenthümlichen Refractionen ihres Lichtes in seinem Auge, daher seine Vorurtheile. Es soll uns nicht in unsrer Ueberzeugung beirren, wenn auch Hr. Grimm von uns glaubt, sein gothisches Vocalsystem sey uns „zuwider" oder das Organ zum Verständniss desselben „ versagt" (denn nur diese Alternative weiss er uns zu stellen, es für möglich zu halten, dass wir richtiger gesehen haben als er, ist ihm entweder zuwider oder versagt), wir halten

dennoch sein gothisches Vocalsystem rücksichtlich des ai und au für unbegründet und unerwiesen, wir haben dafür unsre Beweise an seinem Orte geführt, und werden es nun in Ruhe abwarten, welche Wagschale steigt oder fällt – nur werfe Hr. Grimm, in die seine neue aus der Sprache selbst und nicht aus andern germanischen Sprachen geschöpfte Gründe, und dazu nicht etwa – seinen Namen. Wenn an Schulze's Glossar Hr. Grimm ausstellt, dass es nicht nach dem Alphabet, sondern nach Stämmen geordnet ist, so hat er daran ganz recht, um so mehr, da eigentlich dies Buch gar keine gelehrte Absicht hat und sich nicht mit der Etymologie befasst, die gewöhnlich die Uebergangspunkte von dem Stamme zu dem abgeleiteten Worte angiebt, sondern blos ein Lotterbett für träge und bequeme Nachschlager oder Sprachlerner seyn sollte. Wenn aber Hr. Grimm von dem vorliegenden Glossar sagt, dass „kaum etwas zu viel darin" aufgenommen ist, so kann ich mich damit nicht einverstanden erklären, denn eigentlich alles, was zur Grammatik gehört, wie Formen, Wortstellung u. dgl. ist im Wörterbuch zu viel, und da dessen in dem Schulze’schen sehr viel ist, so ist auch zu viel, ja viel zu viel darin. Statt der ziemlich zweifelhaften Vorzüge, die Grimm dem Schulze'schen Glossar vor dem unsrigen zuschreibt, will ich dagegen die hervorheben, welche Grimm entweder vergessen oder nicht gekannt hat: Erstens ist es etwas vollständiger, sowohl rücksichtlich der Anführung der Belegstellen – denn obgleich auch wir Vollständigkeit in diesem Punkte anstrebten, so hielten wir sie doch in einzelnen Fällen nicht für nöthig, z. B. bei Eigennamen, wo in den weggelassenen Stellen weder in der Flexion noch in der Schreibart etwas Besonde

res dargeboten wurde; oder bei Wörtern, die auf

jeder Seite, ja fast in jeder Zeile vorkommen, wie jah, giban u. dergl. –; als auch rücksichtlich der Aufführung der Wörter, denn ungeachtet grösster Sorgsamkeit hatten wir doch einzelne Wörter weggelassen, z. B. gaweitjan; oder es waren zuweilen Zusammensetzungen von dem einen Stamme auf den andern verwiesen und dort doch nicht berücksichtigt worden, z. B. aiwatund unter aiws auftundi oder tindan und hier weggelassen, fimfhunda unter hund auf fimf und hier ohne Erledigung auf hund zurückgewiesen; oder es waren einzelne Zusammensetzungen nur bei einem Stamme angegeben, ohne sie auch bei dem andern anzuführen, z. B. ainabaur, airhakunds, gubblostreis, dauravards, hauhbuhts, ubiltojis, vailaqiss etc.; nur unter bairan, kun, blotan, vards, buglejan, taujan, giban aber nicht auch bei ains, airha, gub, duur, hauhs, ubil, vaila. Aehnlich waren bei den Präpositionen, wo in einer Rubrik die Composita mit denselben aufgeführt werden, einzelne von uns weggelassen, z. B. unter af: afvagjan, afgastobans, welche hier nachgetragen sind. Dass dagegen Hr. S. Wörter wie azdiggs, ans, bilageineis etc., welche in nichtgothischen Schriften vorkommen, nicht aufgenommen, kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Zweitens ist Einzelnes auch in dem Schulze'schen Glossar richtiger; so sind mehrere Druckfehler sowohl im Gothischen, z. B. S. 14 alans in alands etc., als auch im Griechischen, z. B. p. 275 vjotoç in vjotug u. a., verbessert; unrichtige Citate z. B. S. 14 Cor. 2, 15, 1 in 5, 1 u. a. berichtigt; ferner manche von uns noch fehlerhaft angeführte Form berichtigt, z. B. S. 62 gadik in gadikis, S. 129 hakul in hakuls etc.; endlich auch die Bedeutung mancher Wörter bestimmter angegeben, z. B. S. 108 gairu u. S. 141 hnuto Splitter, Stachel (überhaupt spitziges Holz) statt Geisel, Peitsche etc. Endlich ist auch consequenter verfahren in der Stellung der abgeleiteten Wörter unter ihren Stammwörtern und in der Reihenfolge derselben unter einander, z. B. erst airzei, dann airziha, während bei uns umgekehrt steht, aber in der Folge auch erst – at und dann – iha kommt. Obgleich ich diese Vorzüge anerkenne, so muss ich mir doch dabei zwei Bemerkungen erlauben, durch welche sich das Verhältniss unsers Glossars zu dem des Hn. Schulze nicht so gar ungünstig herausstellt; nämlich erstens, dass es bei weitem leichter ist, ein fertiges Wörterbuch zu vervollständigen, berichtigen und verbessern, als eins neu zu schaffen; zweitens dass, obgleich Vollständigkeit, Richtigkeit und Consequenz wesentliche Eigenschaften eines wissenschaftlichen Buchs sind, dieselben jedoch nur relative Vorzüge werden einem gegenüber, für welches ihre Vff dieselben Eigenschaften in Anspruch nehmen zu können glauben, und dass etwas und im Einzelnen sich zeigende grössere Vollständigkeit, Richtigkeit und Consequenz noch nicht hinreichten, einem andern, vor Kurzem erst erschienenen Buche gleicher Art aus dem Fusse zu folgen. Ich sage das gewiss nicht, um unser Glossar vor einem Concurrenten zu schützen, sondern ich hätte gewünscht, dass Hr. S. erst der Sache noch mächtiger geworden Wäre und sich durch ein tieferes Studium des Go

thischen ein eignes Urtheil gebildet hätte, dann hätte sein Buch – was es so nicht ist – etwas Vollkommnes werden können. Ich wünschte dies deshalb, weil nach dem gewöhnlichen Laufe und Stande der Dinge uns kaum wieder vergönnt seyn

wird, unser Glossar neu herauszugeben und so selbst

manches zu ändern, zu verbessern und zu vervollständigen. Ehe ich nun einzelne Artikel des Schulze'schen Glossars beurtheile, will ich noch vorher ausstellend bemerken, dass überaus häufig Grimms Grammatik citirt ist, ohne dass an der angezogenen Stelle etwas Erklärendes für das Wort gesagt, ja oft, wo noch Unrichtiges gelehrt wird – Grimm selbst hat sich schon dagegen protestirend in der Vorrede ausgesprochen und ich schliesse mich dem wegen der Verweisungen auf unsere Anmerkungen zum Text an; ferner (was ich schon oben bemerkt habe), dass Hr. S. gar keine Grenzen zwischen Grammatik und Wörterbuch gezogen und Unterscheidungen und Ausführungen in den einzelnen Wörtern, die rein der Grammatik angehören, in das Glossar gezogen hat; denn dass er versäumt hat, die verschiedene Schreibung der Wörter vorn nach der Hauptform anzugeben, z. B. aggelus (aggilus, aggillus), denn diese verschiedenen Schreibungen erscheinen zwar unten in der Anführung der Formen, aber entweder werden sie dort leicht übersehen werden, oder sie werden befremden , wenigstens kann man sie nicht schnell überblicken. Ein Uebelstand ist auch, dass kein Stammwort von dem abgeleiteten Worte durch verschiedene Schrift ausgezeichnet, nicht einmal mit grossen Anfangsbuchstaben gedruckt ist, dadurch verfliesst für das Auge Alles, und selbst das möchte ich zu dem Unübersichtlichen rechnen, dass in den Seitenüberschriften nicht blos die auf der Seite vorkommenden Stämme, sondern auch die Composita angezeigt stehen, so S. 152 gaweilains hyssopo, 157 kei– meins, 179 ufarjaina Juleis etc. Bei aba S. 1 steht, es heisse maritus Ehemann und sey verschieden von guma (mas), manna Chomo), veir (vir), also er giebt synonymische Andeutungen, das ist sehr löblich, aber ich hätte gewünscht, das wäre öfter geschehen, ja consequent durchgesetzt worden, das würde ein wesentlicher Vorzug seines Glossars vor dem unsrigen gewesen seyn, aber freilich Hr. S. weiss immer nicht weiter zu gehen, als man vor ihm gegangen ist. Zu dem Stamm aba ist abrs gezogen, aber die Rich

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