Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

versität, und es siegte der praktische Gedanke, als Vorbild für die zu reformirenden Landesuniversitäten eine Hochschule zu gründen, die am Tage der vollendeten Resorm nur als Gleiche unter Gleichen gedacht werden könne.“ „Dieses Institut – heisst es früher – muss die Akademie, das Laboratorium der gründlichsten und umfangsreichsten Forschung, mit der Universität, der Musteranstalt für sämmtliche Hochschulen des Vaterlandes, verbinden; theoretisch wie praktisch den deutschen Geist auf der Höhe seiner Entwickelung darstellen, und, als Träger der Wissenschaft des Lebens, das Leben selbst in seinen gegenwärtigen kritischen Uebergängen, in seinen schmerzlichen Geburtswehen fördern; es muss die Politechniker und die Staatsmänner der vollendeten deutschen Demokratie bilden." – Auch über die philosophischen Principien, von welchen aus diese Durchdringung der Wissenschaft mit der Erfahrung und dem Leben ins Werk gesetzt werden soll, giebt uns K. Grün einigen Aufschluss. „Die neuere Speculation hat die Weltanschauung Hegels durchbrochen und den Philosophismus der deutschen Vergangenheit als Selbstgefällige Abstraction erwiesen. Wir behaupten heute, auf dem eigentlich wissenschaftlichen Boden zu stehen, und jetzt erst die wahrhaft freie akademische Universität gründen zu können. Für uns giebt es keine philosophische Schule mehr, sonderu wir proklamiren das Aufhören aller philosophischen Sy– steme. Wir steigen nicht mit einem fertigen Kategorienschema hoffärtig zu den Dingen hinab, sondern wir wollen den Dingen selbst bedingungslos ihre Wesenheit ablauschen; nicht die Sonne irgend einer Metaphysik beleuchtet unsere Welt: wenn unser Auge nicht selbst sonnenhaft ist, werden wir nichts erspähen. Auch die Philosophie, wie die Religion ist Geschichte geworden: das Resultat der Geschichte der Philosophie ist die Organisation der gesunden fünf Sinne." Die „Beschlüsse des wissenschaftlichen Congresses" suchen sich in ihren Paragraphen der „Denkschrift" so viel wie möglich zu accomodiren; sie gehen in dieser Accomodation entschieden zu weit, den vorangegangenen Erklärungen Grüns gegenüber, welcher doch hier nicht bloss seine besondern Meinungen mittheilt, sondern „für den Aufschluss des wissenschaftlichen Congresses" spricht. Als Hauptzweck der akademischen Universität wird zuerst wieder hervorgehoben: die Entfaltung des philosophischen Organismus der sämmtlichen Wissenschaf

ten. Weiter wird dann aber hinzugesetzt: die akademische Universität erhebt die reife Jugend nicht nur auf die theoretische Höhe der Zeit, sondern befähigt sie auch, mit Ernst und Entschiedenheit an der praktischen Durchführung der grossen Principien des Lebens mit zu wirken. Ferner heisst es in § 2: die akademische Universität scheidet die Wissenschaft nicht in Facultäten, wie die seitherigen Hochschulen in äusserlicher Rücksicht auf Staats- und Kirchendienst gethan, sondern sie sucht das Leben in seiner ganzen Wirklichkeit zu erkennen, das Positive im Lichte des Gedankens darzustellen, und dadurch die Jugend zu einem selbstbewussten Wirken in der Gesellschaft, nach deren sämmtlichen Thätigkeitszweigen zu befähigen. Sie überlässt die seitherigen Hochschulen dem Schicksal ihrer bevorstehenden Reform und stellt sich selber im voraus als das hin, was jene in längerer Entwickelung werden sollten. Von Wichtigkeit für die Tendenz der akademischen Universität ist endich auch die „ Adresse des Studentenparlaments," welche die Redaction ohne weitere Bemerkung mittheilt, doch wohl, weil sie mit dem Inhalt derselben wesentlich einverstanden ist. Es heisst in dieser Adresse unter Andern: Wenn wir Euch richtig verstanden haben, so habt Ihr den grossen Gedanken gefasst, in dieser Akademie Wissenschaft und Kunst, Wahrheit und Schönheit, zu vermählen, das Wissen aus dem Kreise des Forschens zur Heiterkeit der klaren Anschauung zu erheben, und der Anschauung der Tiefe des Gedankens mitzutheilen, um den Jüngling in wissenschaftlicher, politischer und ästhetischer Beziehung auf die Höhe unserer Weltanschauung zu stellen. Nichts sey hier Fachstudium, Nichts dem Dienste irgend eines Zwecks, ausser dem einer vollen Befähigung, die Zeit und ihre Aufgaben in allen ihren grossen Fragen zu verstehen und zu geniessen, geweiht. Soll nicht mehr die Wissenschaft als solche, sondern die allseitige Vorbereitung zum praktischen Leben der Hauptzweck der akademischen Universität seyn, so wird natürlich das Verhältniss derselben zu den bisherigen Universitäten ein ganz anderes, als wie es die Denkschrift von ihren Tendenzen aus fassen musste. Man kann nun den Universitäten nicht mehr den Vorwurf machen, dass sie nur Seminarien seyen, also zu praktischer, und zu wenig theoretischer Natur, sondern eher den entgegengesetzten, dass sie sich zu wenig den Nöthen des Lebens anlehnen. Warum man bei diesem praktischen Zweck der akademischen Universität doch noch so sehr darauf pointirt, dass der Unterschied der Facultäten fortfallen müsse, ist nicht recht einzusehen. Wenigstens darf man an die Stelle der Facultäten unmöglich eine „ideologische Consruction" der Wissenschaften treten lassen; vielmehr wird man nach einer Gliederung zu suchen haben, welche sich speciell dem praktischen Leben anschliesst, da ja die akademische Universität die Jugend in „sämmtlichen Thätigkeitszweigen" zur Praxis bilden soll. CD er Beschluss folgt.)

Biographie. Friderici Jacobsii laudatio. Scripsit E. F. WüsteMat? N etC. ( Beschluss von Nr. 109. ) Und so hat uns Hr. Wüstemann in einem wohl ausgeführten Bilde die verschiedenen Beziehungen des verewigten Jacobs dargestellt. Wir finden ihn hier als liebevollen Gatten und Vater, als liebenswürdigen Privatmann und geistreichen Gesellschafter, als treuen Unterthan und anhänglichen Verehrer der Fürsten. Wir erhalten ferner die Schilderung seiner musterhaften Verwaltung der ihm übertragenen Aemter und lesen hier die Beweise seines unbestochenen Wahrheitssinnes, seiner redlichen Freundschaft, seiner feinen Sitte. Eben so wird uns der Umfang seines grossen und glücklichen Wissens in Allem, was den Staat, die Kirche und viele Fächer menschlicher Bildung anging, dargelegt und die hohe Auszeichnung seiner philologischen Gelehrsamkeit, vor allem aber ihre so vorzügliche Anwendung auf das Leben, und die ungewöhnliche Verbindung einer antiken Weltanschauung mit deutscher Gemüthlichkeit und grosser Eleganz des Ausdrucks in seinen deutschen Schriften auf das Bündigste gepriesen. Gewiss, Jacobs war ein so seltner Mann, dass er während seines Lebens fast keinen Feind hatte und dass über ihn nach seinem Tode keine Stimme des Tadels, der Missgunst und des gekränkten Ehrgeizes laut geworden ist. Aber sein Leben lag auch klar und offen da und niemals hat er durch unglückliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei, Rücken und Zurechtlegen sich einen leidlichen Ruf zu erhalten Sesucht. Von allen diesen Tugenden hat Hr. Wüstemann " der klaren und gefälligen Latinität gesprochen, Welche wir aus den Vorzügen der Sprachbehand

lung in seinen andern Reden kennen, und sich in der mit besondrer Eleganz abgefassten Epistola ad Godofr. Bernhardy, welche als Vorrede dient, durch die bündigsten Gründe über seine Befähigung ausgewiesen, hier als Berichterstatter und laudator im besten Sinne des Wortes – zu erscheinen. Der Raum unserer A. L. Z. gestattet nicht die Mittheilung einzelner Stellen, die aber dem Leser auf jedem Blatte entgegenkommen. Abgesehen hiervon, wird jeder Unpartheiische sagen müssen, dass in der ganzen Rede ein ungeheuchelter, grosser Schmerz vorherrseht und eine wahrhafte Innigkeit, wie nur überzeugtes Gefühl, ächte Liebe und Anhänglichkeit hervorbringen können. Wir nehmen daher auch nicht Anstand das gemüthliche Element in dieser Lobschrift hervorzuheben gegen alle die, welche wähnen, man könne im Lateinischen sich nicht gemüthlich ausdrücken, weil, wie das beliebte Schlagwort lautet, man nur für die Kaste und nicht für das Volk schrieb, oder weil uns „der schwellende Dilettantismus" der lateinischen Sprachbildung jetzt nicht mehr genügt, um an ein hochfahrendes Wort Arn. Ruges in den Halleschen Jahrbb. (1838 Nr. 86) zu erinnern. Obwohl dieser Revolutionär und Aufrührer, der ein so schlechter Deutscher ist, jemals Latein geschrieben hat? Uns fällt dabei das Wort eines umsrer besten Staatsmänner, Oelsner's, ein, in dessen, erst im vorigen Jahre gedruckten Politischen Denkwürdigkeiten (S. 149) ein bereits in den Zwanziger Jahren geschriebenes Wort wiederholt ist: „der Gebrauch der Lateinischen Sprache würde aus den Geschäften eine Menge Windbeutel verdrängen, die kein Latein verstehen". Fiat applicatio. Die auf den Text folgenden Annotationes enthalten Nachträge zu Jacobs Lebensbeschreibung von verschiedener Art, Erläuterungen, Nachweisungen classischer Stellen und eine Anzahl ehrenwerther Zeugnisse über Jacobs, unter denen wir besonders einen Brief Gottfr. Hermanns und ein Stück aus der schönen, vom General-Superintendenten Jacobi gehaltenen Leichenrede auszeichnen. Als einen Beweis der Abfassungsweise dieser Anmerkungen setzen wir die Stelle auf S. 83 her, in welcher Hr. Wüstemann uns Jacobs Aeusseres beschreibt: Corporis forma fuit, inprimis quum aetate adhuc esset integer, admodum venusta; membra erant bene compacta, firma, concinna nec deerat eorundem grata quaedam facilitas et agilitas. In incessu et omni motu corporis elegantiam quandam conspicuam fuisse direrim, ut non mireris hoc quoque nomine Jacobsium juvenem puellis feminisque commendatum fuisse. Ab audiend quidem facultate etiam, quum integra esset aetate, minus instructum fuisse iam supra diri; ab omni tamen sui ab aliis irrisi suspicione alienissimus erat, a qua qui graviorem auditum habent raro solent liberi esse. Visu usus est satis bon0; num et satis prospiciebat procul, et prope acriter poterat cernere; sener adeo minutulas literas ad stuporem legebat. Verissimam eius imaginem praebet effgies ab psius filio, artis pingend scientissimo, facta, quae a familia servatur. Eine andere längere Stelle bezieht sich auf Jacobs Latinität. Ueber diese hatte er auf S. 18 f. also sich ausgedrückt: Latine qua m doctus fuerit scribend genus satis declarat, purum, emendatum, verborum delectu et nativa quadam Romani oris elegantia commendatum, nitidum sine labore, quas dicendi virtutes vel maxime probavit, ubi, quod difficillimum iure habetur, res tractat, quae veterbus incognitae Latinae linguae scientissimum hominem postulant. Quodsi vero aliquando invent sunt, qui unum alterumve vocabulum, tamquam non recte ab eo usurpatum, autnovo modo dictum notandum censuerint, illi velim secum reputent, non singula verba facere artificem scribend, sed verborum compositionem, orationis sententiis congruae habitum coloremque Romanum. Quibus virtutibus si recte censetur dictionis praestantia, ab is commendari quae latine scripserit Jacobsius, iure contendere nobis videmur. Das sind sehr wahre Worte des Hrn. Wüstemann, von dem wir wohl hätten erfahren mö– gen, wer die Tadler eines solchen reinen und anmuthigen Lateins, wie es Jacobs schrieb, gewesen sind: uns waren bisher dergleichen Aristarche völlig unbekannt. Nachdem nun der Vf, auf S. 69. seiner Anmerkungen diesen Gegenstand noch einmal berührt hat, benutzt er diese Gelegenheit, um sich über ähnliche Angriffe ausführlich zu erklären, welche die Latinität Eichstädt's von einem castigator doctior (Ney oder Raschig?), wie ihn unser Vf, nennt, neuerdings erlitten hat. Wer sich an die Aufzählung der gelehrten Verdienste des verstorbenen Eichstädt erinnert, welche die Vorrede Hrn. Wüstemanns zu seiner Ausgabe der kleinen Lateinischen Schriften Döring's bereits vor zehn Jahren enthielt; der wird sich nicht wundern, hier dieselbe Gesinnung und dasselbe Urtheil über Eichstädt's ausgezeichnetes Talent im Lateinschreiben wiederzufinden. Und es konnte auch nicht anders seyn, denn

Vorwürfe, wie sie gegen Eichstädt der vorbenannte Kritikus, welcher unter Köchly's revolutionären Auspicien im vorigen Jahre aufgetreten ist, können allerdings einzelne Ausdrücke, Wendungen oder Stellen treffen, verrathen aber dabei eine grosse Unkunde in dem, was eigentlich zur guten Latinität gehört. Denn diese Fertigkeit wird nicht in wenigen Tagen für den Behuf der Köchly'schen Gymnasial– Reform erlangt, sie erfordert vielmehr langjähriges Studium, Eifer, Fleiss und Mühe. Daher ist auch Varnhagen von Ense ein so grosser Freund und Bewunderer der Latinität Eichstädt's gewesen und hat ihn im Leben Karl Müller's (Berlin 1847) einen „Meister seines Faches" genannt (S. 56). Was aber Hrn. Wüstemann's Vertheidigung anbelangt, so wundern wir uns, bei ihm die Bezugnahme auf Göttling’s Vorwort zu der bei EichStädt's Doctor – Jubiläum am 24. Febr. 1839 herausgegebenen Festschrift zu vermissen. Denn damals hatte Göttling, ein urtheilsfähiger Mann und ein Philolog, von dem es in Wahrheit heisst: non oratorie, sed Latine loqui tur, über die Trefflichkeit der Lateinischen Diction Eichstädts (denn nur von dieser Seite wollte er über ihn sprechen) und über die Fülle und Gewandheit seiner Rede bei den oft schwierigsten und der classischen Latinität ungehorsamsten Gegenständen, die anerkennendsten Worte niedergeschrieben: Er sagt unter andern (S. 6): mempe hoc efficitur arte eius oratoria, quae non per dumeta et repres Latinae linguae misere perreptat frustisque poetarum ac scriptorum pueriliter inhians farraginem et quasi saturam cogitationum dictorumque ita componit, ut scurrarum vestem montoyam Romanam cernere tibi videare, sed naturali quadam pulchritudine assurgit argumentisque, de quibusloquitur, tam apte respondet, ut vestis human0 corpori.

Wir überlassen die weitere Besprechung dieser audatio solchen Blättern, denen hierzu ein näheres Anrecht verliehen ward. Unsre A. L. Z. hat sich die ehrenvolle Würdigung eines Mannes, der, wie Jacobs, ihr eine so lange Reihe von Jahren als fleissiger und geschickter Mitarbeiter angehört hat, bereits in ihren Intelligenz-Blättern vom Jahre 1847 Nr. 37–41 angelegen seyn lassen: um so weniger glaubte sie jetzt die auf das Ableben jenes vere Mannes gehaltene Rede übergehen zu dürCIl. - -

[merged small][graphic]
[merged small][merged small][ocr errors][merged small][merged small]

G0thische Sprache. 1) Gothisches Glossar von Ernst Schulze, mit einer Vorrede von Jacob Grimm. gr. 4. XXII u. 456 S. Magdeburg, Bähnsch. 1848. (7 Thlr.) 2) Ulfilas. Urschrift, Sprachlehre, Wörterbuch. Von Ign. Gaugengigl, bevorwortet von Dr. Michael Fertig. gr. 8. L u. 206 S. Passau, Pustet'sche Buchh. 1847. (1/3 Thlr.) 3) Aelteste Denkmäler der deutschen Sprache, erhalten in Ulfilas Gothischer Bibelübersetzung, von Ign. Gaugengigl. Zweite Aufl. gr. 8. XII u. 198 S. Ebend. 1849. (1/2 Thlr.)

Seit 1843, wo unser gothisches Glossar herauskam, sind ihm schon zwei andere gefolgt, dazu eine Handausgabe des Textes der gothischen Bibelübersetzung, die in einem Jahre sogar zwei Ausgaben erlebte, – gewiss ein erfreuliches Ereigniss, das eben so die Anerkennung der Wichtigkeit der gothischen Sprache, wie auch das belebte Studium derselben beurkundet. Von den beiden Wörterbüchern ist das eine, das von L. Diefenbach (in dieser Literaturzeitung von mir früher angezeigte), von dem unsrigen in der Tendenz ganz verschieden, es ist ein etymologisches Wörterbuch für einen weitern Kreis, wo das Gothische nur den Ausgangs- und Anhaltepunkt bildet; das rubricirte des Hrn. S. ist aber dem unsrigen rücksichtlich des Zwecks und Plans und der Ausführung ganz ähnlich, um nicht zu sagen ganz gleich, gleichwohl ignorirt er uns ganz, wahrscheinlich da er aus Bescheidenheit die Parallelisirung des unsrigen und des seinen seinem Vorredner, Jacob Grimm, überliess und es damit in guter Hand wusste. Aus seinem Vorworte erfahren wir daher blos, dass er, da Hr. Grimm sein Glossar einer Vorrede gewürdigt, – das ist, beiläufig gesagt, eine tatstvopgooövy, die eines Gelehrten unwürdig ist – nur von Entstehung und Plan desselben reden wolle. Als er nämlich vor etwa zehn Jahren sich mit den Untersuchungen über deutsche Sprache bekannt zu machen angefangen, habe er bald wahrgenommen,

mit dem

dass man, um zu irgend sichern Resultaten auf diesem Gebiete zu gelangen, von Ergründung der gothischen Sprachregel ausgehen müsse; er habe sich also entschlossen, um sich und Andern das mühevolle Aufsuchen der nöthigen Belege zu ersparen, die noch vorhandenen gothischen Sprachüberreste in ein Glossar der gothischen Sprache zu verarbeiten und namentlich die Stellen je nach Declination und Conjugation zu ordnen, – also der Zweck war doch mehr ein grammatischer, als lexikaler. Das Verfahren bei seiner Arbeit war: er verglich die verschiedenen Ausgaben des Ulfilas griechischen Text, um so die Bedeutung und den Gebrauch der gothischen Wörter zu bestimmen – ich glaube, diese Vergleichung auch der Junius'schen, Stiernhielm'schen, Bengel'schen, selbst Zahn'schen und Castiglione'schen wird ihm zu diesem Zweck nichts geruchtet haben, und konnte er in unsrer Ausgabe alles, was in jenen mehr und anders ist (meist nur Druck – und Lesefehler), angezeigt finden. Die Grimm'sche Vorrede thut nun zunächst, was Hr. S. unterlassen – sie erwähnt unser , nämlich dass wir eine rühmliche Ausgabe des Ulfilas veranstaltet, die vorläufig dem Text Genüge leiste; dann dass wir ein Wörterbuch mit grossem Fleiss gearbeitet, das weit über den gewöhnlichen Bedarf befriedige; aber ein Wörterbuch werde dann erst ein rechtes, wenn alle Wörter, alle Formen, alle Redensarten darin aufgeführt wären. Hierin liegt das stillschweigende Urtheil, dass das Schulze'sche Glossar das rechte sey! Ich will nicht näher untersuchen, ob diese Vorzüge wirklich schon hinreichen, dass ein Wörterbuch mit ihnen ein rechtes, nach alleff Seiten hin vollkommnes genannt werden könne, ja ob unter diesen Vorzügen nicht auch solche sind, die einem Wörterbuche als solchem gar nicht zukommen. Im Einzelnen findet Hr. Grimm das Schulze'sche Glossar vor dem unsrigen vorzüglicher: erstens, weil es grösser ist, denn es reiche „ über die doppelte Blattzahl" des unsrigen – allerdings hat hier Hr. Grimm richtig gesehen, denn

Sch. hat 454 Seiten, wir nur 214, aber falsch gerechnet, denn Sch. hat auf der Spalté durchschnitt

lich 40, wir dagegen über 50 Zeilen, aber abgesehen davon, ist mir nicht bekannt, dass man – etwa Illiteraten und Idioten ausgenommen – eines Buches Werth nach der Dicke oder Schwäche seines Volumen beurtheilt. Dann sagt der Vorredner p. II: gefallen wird (nämlich an dem Schulze'schen Buche), dass die hergebrachte und geläufige Folge der Buchstaben behalten und nicht, wie bei Castiglione und den Altenburgern, nach dem gothischen Zahlsystem geordnet ist. Und warum wird denn dies solchen Beifall finden? „ weil man sonst jeden Augenblick Gefahr läuft, sich im Aufschlagen zu vergreifen" – in der That, eine so motivirte Ausstellung würde man sich aus dem Munde eines Schulknaben erklären und gefallen lassen, was soll man aber sagen, wenn Leute, wie Jacob Grimm, verlangen, dass man ein wissenschaftliches Princip der Bequemlichkeit einzelner Leute, die sich für zu alt halten oder zu bequem sind, die Reihe von 25 Buchstaben zu merken, aufopfern soll? Man könnte sagen: also müssen auch hebräische und griechische Wörterbücher nach der deutschen Buchstabenfolge geordnet werden! doch nein, daran sind wir,

sagt Hr. Grimm, von Jugend an gewöhnt. CD ie Fortsetzung folgt.)

Akademische Jahrbücher,

Jahrbücher der freien deutschen Akademie von Dr. K. Wauwerk u. Dr. L. Woack u. s. w. (Be s c h lus S v on Nr. 110.) Vor allem aber liegt, da es einmal auf einen Sieg des praktischen Gedankens über ideologische Constructionen ankommt, die Frage sehr nahe: wenn die akademische Universität sich nicht mehr über die bisherigen Universitäten stellt, sondern nur das seyn will, was diese durch eine Reform werden müssen, warum überlässt man die bestehenden Universitäten ihrem Schicksal, und wen– det nicht alle seine Kräfte auf eine Reform derselben, anstatt a priori zu construiren? Die Meinung, mit dieser Construction eher fertig werden zu können, als mit jener Reform, sieht wahrlich nicht aus wie ein Sieg des praktischen Gedankens. Doch lassen wir diese praktischen Gesichtspunkte bei Seite liegen – wie sollen wir uns dann eigentlich die geforderte Einheit von Theorie und Praxis denken? Diese Frage ist für uns vor Allem von Interesse, da ja die vorliegenden Jahrbücher,

welche jetzt schon im Dienste der künftigen Akademie stehen, offenbar jene Einheit – die eigenliche Seele der akademischen Universität – vertreten müssen. Die Wissenschaft soll sich in Beziehung setzen zu den Nöthen des Lebens, soll die Jugend zu einem selbstbewussten Wirken in der Gesellschaft nach deren sämmtlichen Thätigkeitszweigen befähigen. Wirklich? in vollem Ernste und in der ganzen Unbeschränktheit, wie es hier ausgedrückt ist? Soll die Akademie eingehen auf alle die verschiedenen Weisen der Arbeit, in welche das praktische Leben sich auseinanderlegt, soll sie eine Schule seyn für alle Gewerke und Arbeitszweige, die vollständige Theorie für alle Seiten der bürgerlichen Gesellschaft bis zu den äusserlichen Handgriffen herab, ohne welche ein Wirken in der Gesellschaft zuletzt doch unmöglich ist? Oder soll die akademische Universität so weit nicht gehen, soll sie sich vielmehr damit begnügen, nur im Allgemeinen den vielgegliederten Organismus des praktischen Lebens theoretisch zu entwickeln, also die Wissenschaft der Staatsökonomie und Politik vorzugsweise kultiviren? Und will sie hier etwa, um nicht doch wieder in eine Zerklüftung der Theorie und Praxis zu zerfallen, – überwiegend den gegenwärtigen Zustand der bürgerlichen Gesehlschaft im Auge behalten, die Schwächen desselben aufdecken und praktische Vorschläge machen, um den Nöthen des Lebens abzuhelfen? Oder soll in dieser Wissenschaft des praktischen Lebens auch auf die Principien zurückgegangen werden, soll „das Licht des Gedankens" hier einmal in seinem ganzen selbstständigen Glanze leuchten, weil hier ohne Zweifel auf praktisch wichtige Resultate zu rechnen ist, welche sollten sie auch ideologisch und schwer ausführbar zu seyn scheinen, doch ins Werk gesetzt werden müssen, soll die Noth der Gegenwart ein Ende nehmen? Wie sollen es nun aber die anderen Wissenschaften anfangen? Sollen sie auf ihre praktischen Ausläufer zusammenschrumpfen, und das ganze übrige Material, von welchem nicht einzusehen ist, dass es „das Leben in seinen schmerzlichen Geburtswehen fördere“, als todte, werthlose Gelehrsamkeit über Bord werfen? Wie soll sich z. B. die Geologie, wie die Sprachwissenschaft gestalten? Freilich ist die Erkenntniss von dem historischen Werden der Erde von Wichtigkeit für die Kenntniss ihres gegenwärtigen Zustandes, und von dieser liegt die praktische Bedeutung auf der Hand; auch die Sprachwissenschaft bringt es durch alle

[graphic]
« ZurückWeiter »