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Schriftsteller immer wörtlich citiren, der subjecti-
ven Fassung gar keinen Einfluss auf die Anführun-
gen gestatten soll. Aber um so mehr muss ich da-
rauf bestehen, dass sehr wesentlich von den kano-
nischen Evangelien abweichende Lehrsprüche Chri-
sti entschieden den Charakter einer möglichst wört-
lichen Anführung an sich tragen, dass diese Wört-
lichkeit durch die vorwiegende Gleichförmigkeit der
an verschiedenen Stellen wiederkehrenden Citate,
zum Theil in der auffallendsten Weise, bestätigt
wird, ja dass selbst diejenigen Citate, welche schon
an sich einen freieren Charakter haben, meisten-
theils auf einen von unseren Evangelien verschie-
denen Text zurückweisen. Namentlich muss ich die
eigenthümlichen Erzählungen und Lehrsprüche auf
einen solchen Text zurückführen. – Von der grös-
sesten Wichtigkeit ist der Unterschied einer wört–
licheren und einer freieren Anführung. Den ent–
schiedensten Charakter der Wörtlichkeit haben schon
an sich diejenigen Anführungen, bei denen eine
freie, subjective Verarbeitung des Textes nach sei-
nem Inhalt vorhergeht, und dann gleichwohl das
Citat selbst als authentischer Beleg noch einmal an-
geführt wird, in welchen also, abgesehen von dem
Citate selbst der subjectiven Fassung schon voll-
kommen Genüge geschehen ist. Man vgl. folgende
Stellen: Ap. I, c. 15 p. 168 der 1sten Ausgabe Ot-
to's: oö yág toög odóqgovag Eig ustävotav #xó.soev ö
Xguotóg, d%) ä toög doßeig za ázoo.dorovg xa äÖl-
zovg. sz - dé oit og:
ä%).à äuagt(o).0ög sig uétévota» (Mt. 9, 13, auch de
resurr. c. 8). Ap. I, c. 16, p. 172: oö yág todg uó–
vov Äportag, äÄä roög xa ëoya ztgärrortag oto-
Ojosoðat Äqy' - zte 0 0 Üt (og. Oöz täg ö #yov
uot, xigte, «ügte er Dial. c. 51, p. 166: eigas
ztag toi u2ét Yevioso Gat év to yéve Üulöv ngoptyv

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Gebauersche Buchdruckerei.

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Zur Evangelienkritik. Die apostolischen Denkwürdigkeiten des Märtyrers Justinus – – von L. Semisch u. s. w.. - - - , C Fortsetzung von Nr. 107.) So wird c. 15 dem es töxotroveiros öeouérog nur mit Rücksicht auf die letzte Stelle dieser Gruppe (vgl. Mt. 6, 1) noch ausdrücklich hinzugefügt: zu undév zogóg ööEav notiv. Auch hier finden wir demnach die subjective Auffassung der Stellen und ihre Anführung selbst bestimmt auseinandergehalten. Man vgl. z. B. eine Anführung, wie Ap., c. 16, p. 172: zog öé toi u) duréva ökog, rä279i dé 2éyseväe oür og tagszeeöouto. Mi äuóonte öog: Ägro ö? iuáv tö va za tö oi oi tö öé agogör to ro - oë zorngoi. Diejenigen Stellen, welche in dem Evangelium, aus welchem Justin schöpfte, nicht unmittelbar verbunden waren, werden durch das eingefügte zu, als an einem andern Orte befindlich, bezeichnet, wie auch in der sehr wichtigen Stellengruppe über die christlichen Häresien, Dial. c. 35, p. 114, welche uns noch einen schlagenden Beweis für die Mehrheit der von Justin benutzten Evangelien und für die Wörtlichkeit seiner so gestalteten Anführungen geben wird. Ueber den wahren Sinn und Zweck dieses zu geben uns ja die ganz gleichbedeutenden Formeln Dial. c. 76, p. 258 Aufschluss: zu v ä.. og ?óyoug p", zu tá uy Ey Ärgos öyo: pr. Aus dieser Anführungsweise geht mindestens das Streben nach wörtlicher Genauigkeit hervor. Selbst, wenn dem Justin dessenungeachtet kleine Ungenauigkeiten, wie sie Hr. S. S. 256 in den ATlichen Citaten nachweist, hier und da begegnet seyn sollten, so steht doch schon dieses Streben im Widerspruch mit der ungeheuren Sorglosigkeit, welche ihm gerade die eifrigsten Apologeten aufbürden wollen. Denn will man diese Stellengruppen auf die kanonischen Evangelien zurückführen » so muss man bei jeder ohne Ausnahme Textesmischungen, Trennungen des Zusammengehörigen und andere Abweichungen annehmen. Justin müsste die entlegensten Stellen unsrer Evan- - > - - - -

A. L. z. 1849. Erster Band.

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gelien zusammengeworfen haben 9 während doch gerade die Verbindung, in welcher er die grösseren Lehrsprüche anführt, so durchaus das Gepräge eines eigenthümlichen, passenden Zusammenhangs trägt. Man beachte besonders die Stelle Ap. I, c. 15 p. 168f. für die Mildthätigkeit angeführten Stellen, von denen die erste aus Mt. 5, 42. Luk. 6, 34. Mt. 6, 19 f. 16, 26, die zweite aus Luk. 6, 35 f. Mt. 5, 45. 6, 25 f. 31–33.21 (vgl. Luk. 12, 22–24. 34) gebildet seyn müsste. – Hr. S. sucht zwar § 33, S. 273 f. den Nachweis zu führen, dass Justin sich in seinen Evangeliencitaten keineswegs gleich bleibe. Derselbe Gelehrte, welcher da, wo es sich um die Frage handelt, ob die justinischen Citate auf die kanonischen Evangelien zurückzuführen sind oder nicht, jede Abweichung als unbedeutend oder we

nigstens nichts beweisend zu beseitigen weiss, kann

hier selbst eine so geringfügige Abweichung, wie wenn Justin denselben Ausspruch, der sich in unseren gegenwärtigen Evangelien nicht mehr findet, einmal GAp. I, c. 16, p. 172) vollständiger: ö yäg ázoüet uov zu tote à éyo, äzoüst Toü änootsiavrög us, und an einer andern Stelle (Ap. I, c. 63, p. 262) kürzer anführt: ö züguog uÖv einsv: 'O Zuoö äxotov dxoüst toÜ änootsi avtóg ua, geltend machen, da doch die letztere Form nur eben jenes Hervorheben des für einen bestimmten Zweck Wesentlichen darstellt, für welches wir bereits hinreichende Belege gefünden haben. Die übrigen von ihm angeführten Stellen beweisen schon desshalb nicht, was sie sollen, weil Hr. D. S. theils eben den Unterschied einer getreueren und einer freieren Anführung völlig übersehen, theils die Frage nicht gehörig untersucht hat, ob die etwas abweichenden Citate sich auch vollständig decken und nicht etwa aus der Verschiedenheit der von Justin gebrauchten Evangelien zu erklären sind. Was das Erste betrifft, so darf es uns wahrlich nicht befremden, wenn wir den Unterschied einer subjectiven Verarbeitung und einer wörtlichen Anführung, den wir oben in denselben Stellen erkannten, nun auch an verschiedenen Stellen wahrnehmen. Diese Vergleichung der 108 " . . .

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zwei verschiedene Aussprüche aufgeführt werden, ist das schlagendste Zeugniss zunächst für die Mehrheit der von Justin benutzten Evangelien und für seine Sorgfalt und Genauigkeit in solchen Anführungen. Es erhellt ferner aus ihr, dass die meistens, wie in der Bergpredigt, so eigenthümlichen Reden Christi, trotz ihrer materiellen Verwandtschaft, aus einem von unsern kanonischen verschiedenen Evangelium entnommen sind, und dass Justin ein mit dem kanonischen Matthäus im Wesentlichen identisches Evangelium zwar kannte, aber doch nur einen subsidiären Gebrauch von ihm machte *). – 9) Die Worte Jesu über den Zutritt der Heiden zum Gottesreiche (Mt. 8, 11. 12) werden dreimal (Dial. c. 76, p. 256. c. 120, p. 400. c. 140, p. 458), wenn man von ganz unwesentlichen Abweichungen, wie die Umstaltung von ävato.äv zu. Övouöv absieht, wörtlich mit Matthäus und unter einander übereinstimmend angeführt. 10) Die bereits angeführten Worte Jesu Mt. 9, 13 zweimal, nur Ap. I, c. 15, p. 168 mit dem Zusatz eig uérávotav, der de resurr. c. 8 fehlt. 11) Die namentlich von den Gnostikern vielgebrauchten Worte Jesu Mt. 11, 27. Luk. 10. 22. Ap. I, c. 63, p. 262: sons»: Oöôeig Äyvo töv tatéga, el uj ö vióg, oööé töv rióv, ei um ó nutjg, zu oig üv äztoxa öp ö vióg. An derselben Stelle wird das Citat noch einmal (p. 264) nur mit der unbedeutenden Umstellung: x. oig äv. ö vióg änox. wiederholt. Wenigstens diese, von unseren Evangelien abweichende Ordnung der Satzglieder wird auch durch Dial. c. 100, p. 334 bestätigt, nur dass hier das Präsens yuvoöoxst statt des Aorists Äyva steht: xa èv to stayyeAig öé yégatta sitév“ IIávra uo tagaÖéöorat Önö to Ü tatgóg, xa oöôeg y vao * Et töv tatéga, ei uj ö vióg, oöÖé töv vióv, s uj ö natjg xa oig äy ö vióg änoxaioun. Abgesehen von dem Präsens der letzten Stelle, ist es gerade diese Textform, in welcher die Markosier den Ausspruch kannten (vgl. Iren. adv. haer. I, 20. 3), welche wir bei Marcion, in den clementinischen Rekognitionen und Homilien (Rec. II, 47. Hom. XVII, *) Vgl. Ap. 1, c, 16, p. 172. Dial c. 55, p 174 c 56, p. 82. e. 11, p. 38. c. 68, p. 228. c. 102, p. 344.

*) Selbst Hr. Dr. Semisch gesteht S. 340 zu, dass wir hier unbestreitbar eine der selteneren Gedächtnissabirrungen haben. Es soll jedoch unverfänglich seyn, bei einem Manne, wie Justin, anzunehmen, dass, nachdem sich das Herrenwort von den Irrlehrern im Schaafskleid einmal seinem Gedächtniss in jener Textmischung (die freilich an zwei verschiedenen stellen und im Wesentlichen bei zwei ganz verschiedenen Schriftstellern wiederkehrt) eingeprägt hatte, sich inzwischen der Ausspruch in der Textform des Matthäus wieder auffrischte, und dem Kirchenvater sich nun beide Textformen als unabhängige, verschiedene Schriftstellen darstellten. Welche Vorstellung muss man sich von Justin's Sorgfalt machen, wenn man meint, er werde in diesem Falle seine gedächtnissmässige Anführung nicht einfach nach der genaueren Erinnerung corrigirt haben! Aber freilich, man kann sich ja dieselben Kirchenväter, deren Glaubwürdigkeit man sonst, VVO man sie nämlich braucht, nicht hoch genug anpreisen kann, da, wo ihre Zeugnisse unbequem werden, wieder nicht *) Wie kann man die Evangelien der Markosier mit den kanonischen identificiren, da sie doch bei Irenäus auch einen Ausspruch Christi anführen, der sich in diesen gar nicht findet: z oo ext: otsdóung« dzoëaat Everöv 2éyar roözapy xai oix éozov töv égoövra! Hr. S. muss dieses, ihm nach S. 355 Anm. nicht unbekannte Citat ganz vergessen haben, WGI1Il

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er nach einem weitläuftigen Bäsonnement S. 364 zu dem Resultat kommen kann, jedenfalls ste

he der Gebrauch der ka

nonischen Evangelien bei den Markosiern, wie in den Clementinen ausser Zweifel! Auch das ist nicht so undenkbar, wie er S. 344 f. meint, dass solche Extreme, wie Gnostiker und Ebi0niten in dem Gebrauch desselben Evangelium ZUsammengetroffen seyen. Denn die Gnostiker bezogen solche Stellen, welche den Erlöser in menschlicher Endlichkeit

darstellten, eben auf den psychischen Jesus, mit dem sich der höhere Christus verband (s. m. clement. Recens. S. 129 ff. 273 f.), und waren auch sonst in Umdeutungen u. dergl. nicht ungeübt, * * .“ - * -

u. Hom.

3 : . . . . . . . . .i,

Gebauer sche Buchdruckerei.

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