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deres Spiel der Oberfläche und eine andre Bewährung des Künstlergefühls in der Einschleifung desselben in die Einheit des Ganzen erzeugen muss. Jeder leise Verlauf einer Wangenwälle, einer Handflächenlinie gehört dazu. Nichts anderes versteh ich unter den argutiae des Lysipp, custoditae in minimis quoque rebus. Denn dieser Satz ist bei Plinius angeschlossen an die Angaben über die methodische Figurenbildung Lysipps; und ich kenne antike Statuen, die mit den von Plinius bezeichneten Lysippischen Proportionen einen verstandvoll präcisen Formenplan verbinden, kenne Götter – Büsten, männliche und weibliche, mit vorzüglich schö– ner Anordnung und Ausführung des Haars, die zugleich Meisterstücke einer Flächensparung sind, welche die Naturlinien, für den Laien unmerklich, vereinfachend, einen lebensvoll aus dem Geiste der Natur gedichteten Charakter darstellt. Diese Werke unterscheiden sich durch den raffinirten Styl und die Proportionen, so wie durch die Richtungen der Charakter – Ideale von den grossen attischen, auch von denen des Skopas und Praxiteles, reihen sich aber in einer natürlichen Folge der Entwicklung und Ergänzung ihnen an. Ferner ist die Nachwir– kung und der modificirte Einfluss dieses Styls an Werken der spätern Schule, der rhodischen und der neuattischen, die beide nach Rom hinüberreichen, sehr wohl bemerklich. Und wenn man allerdings von Ermunterungen der griechischen Kunst und beziehungsweiser Restauration auf römischem Boden während der beiden ersten Jahrhunderte der Kaiserzeit reden kann, so doch keineswegs in dem Sinne, dass ein mit Lysipp beginnender Verfall der Griechenplastik erst unter den römischen Einflüssen Halt und Sammlung und durch Rückgang auf Vor– Lysippische Muster den wahren Styl wieder gefunden hätte. Im Gegentheil: wie hochgeschätzt Lysippische Werke nicht nur von Agrippa, Tiber, Nero, sondern vom römischen Publikum waren, erzählt ja Plinius. Es wird uns kein Künstler genannt, der den Lysipp übertroffen oder erreicht habe. Denn dass Plinius einmal den Laokoon der rhodischen Meister über alle bekannten Kunstwerke setzt, geschieht mit Worten, die zeigen, dass er nichts allgemein Anerkanntes hier ausspricht, und wird durch unsere Kenntniss des Werks und dadurch auf sein Maass zurückgeführt, dass die Zeitgenossen des Plinius, wenn sie von Stylmustern oder höchsten Kunstleistungen reden, keinen spätern über oder neben Lysipp stellen. Die Tradition aber Ly

sippischer Proportionen und Fleischbehandlung ist an vorzüglichen Werken der Römerzeit nachweisbar und in der Gesammtzahl der aus römischen Trümmern gezogenen Antiken in verschiedenen Graden der Abstumpfung sehr verbreitet. Die Spuren dieser ganzen Folge leiten dahin, dass Lysipp ein genialer, schöpferischer Meister auf der Höhe der Technik und ein Hauptbegründer jener tüchtigen Schule war, welche der Skulptur des späteren Alterthums auch im Durchgang durch wildere und durch begeisterungsärmere Künstlerseelen eine so lange fort unverwüstliche Haltung und Stylmässigkeit erhielt. . Die Geschichte der griechischen Malerei auf ihrem Boden (S. 287–307) behandelt der Vf, etwas flüchtig. Dagegen wie er mit Aufmerksamkeit auf die erhaltenen Gemälde und Mosaiken (308– 381) das Kolorit der Alten, die Maximen der Harmonie und des Tonos, die Unterschiede der dekorativen und historischen Behandlung erläutert und belegt, verdient vorzügliche Anerkennung und enthält aperçus, die mir wenigstens neu waren. Um etwas Einzelnes zu erinnern, so scheint dem Vf. (S. 346) unbekannt, welche Berichtigungen Feuerbachs auf die Antichita di Ercolano gegründete Erklärung eines Herkulanischen Gemäldes erfahren hat. – Ueber das grosse Bild der Alexanderschlacht spricht er mit begründeter Begeisterung, die aber in's Ueberflüssige und sehr Jugendliche fällt durch die beigefügte Herabsetzung der modernen Kunst. Dass gegen die Konstantinschlacht Manches einzuwenden sey, ist längst von allen Kennern bemerkt, daher des Vf. Behauptung (361) man führe dies Bild, als eine der bewunderungswürdigsten Kompositionen Rafaels immer in der vordersten Reihe unter den Kunstschätzen Roms und Meisterwerken der neuen Kunst an, nur zu den rhetorischen Figuren gehört, in die er sich öfter verirrt. Wenn er aber eben so frisch die Komposition von Attila's Umkehr, wegen der Erscheinung der Apostel in der Luft als einer unstatthaften Transcendenz, verwirft, und diesen aus reiner Prosa erhobenen Tadel eine »grosse Lehre für die Gegenwart" nennt: so können wir wohl ohne Beunruhigung dem Bilde selbst die Vertheidigung Rafaels gegen Hettner überlassen. Lieber sey schliesslich bemerkt, dass der Vf. über die mannichfaltigen Zweige dessen was man antikes Genre und Idylle der Malerei nennen kann, eine reichliche und durch gewählte Beispiele belebte Uebersicht gibt. A. Schöll.

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FranZÜSiSche Werke über deutSche Phil0-
S0phie.
Histoire de la philosophie allemande depuis Kant
jusqu'à Hegel, par J. Willm etc.
(Fortsetzung von Nr. 97.)

Besser war es, alle Vorstellungen echt französisch idées zu nennen, für die Gegenstände der Vernunft im engern Sinne aber, nach einem andern Wort zu suchen. Das Zweite ist, dass er Raum und Zeit als intuitions pures bezeichnet, wie dies Kant allerdings auch thut, nicht aber erläutert, wie sichs damit verhält, dass Kant sie doch (meistens) nur als Formen der Anschauung nimmt. Dass diese Formen der Anschauungen zu den Sinnesaffectionen hinzugebracht, und also was angeschaut wird oder erscheint, eo ipso mit ihnen versetzt und also verändert wird, dies scheint der Vf, nicht mit aller Klarheit gedacht zu haben, sonst könnte er nicht p. 150 behaupten, Kant habe nicht bewiesen, dass die Dinge an sich von ihren Erscheinungen verschieden seyn müssten. Dies versteht sich so von selbst wie jede Tautologie. – In der transscendentalen Analytik ist dem Vf. sogleich die Ableitung der zwölf Kategorien noch viel fremdartiger als sie den Deutschen zu seyn pflegt. Die französischen Logiken nämlich, die von Port Royal u. a. kennen weder das S. g. unendliche Urtheile, noch auch die 3 (Paar) Kategorien der Modalität, anstatt welcher sie zwei Paare anführen. Die Trichotomie erscheint daher dem Franzosen als ganz beliebig und willkührlich. Hinsichtlich der Deduction und Anwendung der Kategorien, tadeln wir Hrn. Willm nicht deswegen, dass er Kants Lehre als Idealismus bezeichnet, sondern nur, dass er den ungeheuren Unterschied zwischen dem Berkeley'schen und Kantischen Idealismus als klein und unwesentlich ansieht. Berkeley kommt dazu, nur zu beobachten, wie unsere Vorstellungen sich zu verknüpfen pflegen, und kann daher nur seine Wahrnehmungen beschreiben, Kant dagegen, indem er zeigt, wie der Verstand seine Vorstellungen ver

knüpfen muss, kommt zu gesetzlich geordneten Erscheinungen, d. h. zu einer Natur, deren Gesetze eben darum a priori construirt werden können. An diesen Tadel knüpfen wir den zweiten, dass Hr. Willm Kant nicht idealistisch genug nimmt. Nach seiner Darstellung erscheint es nur als eine unbewiesene Behauptung, dass die Gesetze des Verstandes auch Naturgesetze sind, während nach Kant erst der Verstand aus der Sinnenwelt, d. h. dem Complex unserer sinnlichen Affectionen eine Natur macht, so dass die Natur den Gesetzen seines Thuns nothwendig folgt. Darum zeigt Hrn. Willm's Frage p. 207: was beweist, dass die Grundsätze des Verstandes auch für die Watur Gültigkeit haben?, dass er das eigentliche punktum saliens bei Kant nicht getroffen hat, was wir ihm um so weniger übel nehmen wollen, als auch viele Deutsche es nicht trafen. Dass die Geltung der Kategorien dann auf das Erfahrungsgebiet beschränkt wird, ist eine unmittelbare Folgerung, denn „Natur“ und „Complex von Erfahrungen" sind für Kant gleichbedeutende Ausdrücke. In der transscendentalen Dialektile endlich ist die schon oben angedeutete Bezeichnung dessen, was Kant Idee genannt hatte, durch das französische Wort idée dem Verständniss hinderlich. Da der Vf, die Kantischen Behauptungen, dass die Ideen nur principes régulatifs, principes régulateurs seyen, erwähnt, p. 261. 275, da er ganz in Kants Geist sagt, dass die Vernunft „nous enseigne, nous invite", p. 227. 242, dass sie nur sage „ce qui doit être" p. 263, so hätte er am Besten gethan, wenn er, anstatt des Wortes idée, welche nach französischer Ansicht sagt ce qui est, andrer Worte sich bediente. Principes, maximes, règles, problèmes u. s. w.; alles dies drückt mehr oder minder entsprechend das aus, was Kant unter Ideen versteht, nämlich zu realisirende Aufgaben. Der Vf. bemerkt selbst II, p. 73, dass Kant in der Kritik der Urtheilskraft die theoretische Vernunft avec plus de justesse Verstand nenne, und gibt damit zu, dass consequenter Weise Kant die Vernunft nur als praktisches Vermögen nehmen musste. Das Schwankende, was nun bei Kant, namentlich in seiner Lehre vom Glauben, dadurch entsteht, dass das Vermögen der Aufgaben auch für wahr hält, dieses wird in der Darstellung des Vf's noch vermehrt, indem er der Vernunft idées d. h. theoretische Vorstellungen vindicirt. Zugleich wird damit der Betrachtung der Paralogismen und Antinomien der reinen Vernunft die eigentliche Spitze abgebrochen, da im Grunde alle Schwierigkeiten nur als dadurch entstanden dargestellt werden, dass, was gesucht werden soll, oder was eine Regel ist, als ein Seyn gefasst wird. (Uebrigens leidet gerade diese Parthie des Werks an einem Mangel, der ihm sonst nicht zum Vorwurf gemacht werden kann, an zu grosser Kürze. Es musste ganz nothwendig vorausgeschickt werden, dass die Sätze hinsichtlich der Seele, Welt und Gottes, welche kritisirt werden, den Hauptinhalt der bisherigen d. h. Wolffschen Metaphysik bildeten. Ohne diesen Wink wird kein Franzose begreifen, wie Kant dazu kommt, gerade diese vier Behauptungen hinsichtlich der Seele, gerade diese vier Antinomien u. s. w. zu erörtern; er wird dies um so weniger, da selbst in Deutschland die Zahl derer nicht gross ist, welche die vor – kantische deutsche Metaphysik in so weit kennen, dass sie begreifen, warum Kant den ontologischen Beweis damit beginnt, dass das göttliche Wesen omnimode determinatum seyn müsse u. s. w.). – Nachdem der Vf den Inhalt der Kr. d. r. Vernunft entwickelt, geht er zu einer Inhaltsangabe verschiedner Schriften über, unter welchen die Anfangsgründe der Naturwissenschaften kaum ausführlicher behandelt werden, als die Abhandlung über die Theodicee. Das Auffallende, was hierin für den Deutschen liegt, wird verschwinden, wenn man bedenkt, dass die Theodicee in den meisten Universitäten Frankreichs eine Hauptvorlesung ist. Zu bedauern ist nur, dass der Vf, nicht darauf hingewiesen, dass die transscendentale Analytik die Möglichkeit einer Metaphysik der Natur, die transscendentale Dialektik, die einer Metaphysik der Sitten nachgewiesen hat, und dass daher die erstere eine Application jener, die letztere dieser enthalten muss. – Die praktische Philosophie wird dann sehr ausführlich behandelt und dabei die Grundlegung, die Kr. d. prakt. Vern., die Metaphys. Anfangsgr. d. Rechts – und Tugendlehre und endlich die Rel. innerh. d. Gr. der r. Vern. nebst einigen kleinern Schriften zu Grunde gelegt. Die letztgenannte Schrift (Rel. innerh.) musste eigentlich von

den übrigen abgesondert werden, da sie, wie Kant selbst sagt, eben sowohl theoretischen als praktischen Character hat, und dadurch ganz wie die Kritik der Urtheilskraft ein Versuch ist, den Gegensatz des niedern und höhern Erkenntnissvermögens, so ihrerseits den Gegensatz des theoretischen und praktischen Vermögens überwinden will. Da aber der Kriticismus im Uebrigen jenen doppelten Dualismus festhält, so gehn beide Werke über den Kantianismus hinaus, und sind darum auch erst in späterer Zeit die erstere im Identitätssystem, die zweite in der Hegelschen Religionsphilosophie fruchtbar geworden. Naturgemäss schlossen sich deswegen Kants Lehren über Philosophie der Geschichte nicht, wie beim Vf, an die Religionslehre,

sondern an die Rechts- und Tugendlehre an, um

so mehr, da sie eben den Zustand entwickeln, in dem Recht und Moralität zusammenfallen sollen. Im Uebrigen bietet die Darstellung von Kants praktischer Philosophie keine Gelegenheit zu Ausstellungen dar; sie ist im Wesentlichen richtig, dabei sind die Hauptpunkte gehörig hervorgehoben und richtig beurtheilt. Nur gegen die Behauptung, dass Kant unconsequenter Weise in der Moral dem Gefühl zu viel eingeräumt habe p. 504, könnte Einrede erhoben werden. – Die Kritik der Urtheilskraft wird II, p. 71 ff unter der Ueberschrift: Philosophie esthétique et téléologique einer Analysis unterworfen, bei welcher zu bedauern ist, dass nicht der formelle Zusammenhang mit der Grundfrage aller Kritik, wie von Kant selbst, hervorgehoben wurde, und dann, dass nicht noch mehr darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Kant in diesem Werke über seinen Standpunkt eigentlich hinausgegangen ist, indem er eine Synthesis des niedern und höhern Erkenntnissvermögens versucht hat, die ihren prägnanten Ausdruck in dem eigentlich sich widersprechenden Begriff der sinnlichen Ideen gefunden hat. Eine solche Entwicklung wäre lehrreicher gewesen, als die Behauptung des Vf's, dass Kant hier vollkommen mit Plato übereinstimme. Zum Schluss gibt der Vf. Notizen über das Schicksal der Kantischen Philosophie, wo wir ihm eine Namensverwechselung nicht sehr hoch anrechnen, nach welcher es herauskommt, dass der 1756 gestorbene Verfasser der Wolfenbüttler Fragmente als Gegner der, 1781 erschienenen, Kritik aufgetreten sey. Man muss von den Fremden nicht mehr verlangen, als von den Eignen, und dergleichen kommt jetzt leider in Deutschland nur zu häufig vor. Reinhold, und seine Gegner Beck und Maimon werden vom Vf. so zusammengeworfen und so cavalièrement behandelt, wie er es von den Unsrigen geschehn sieht, der Letztere sogar mit unter die Gegner Kants gerechnet. Er ist es gerade so gewesen wie Beck. Auch dies ist unrichtig, dass er über das Wesen der Dinge an sich unentschieden gewesen sey. Wer auch nur Fichte aufmerksam gelesen hat, muss zu dem Resultate kommen, dass Reinhold und seine Gegner eine wesentliche Stufe bilden zwischen dem Kriticismus und der Wissenschaftslehre. – In der Philosophie Fichte's II, p. 189–406 unterscheidet der Vf. drei verschiedene Perioden, hält es dann aber doch selbst für besser, die zweite und dritte zu verbinden. Die Darstellung besteht in einem sehr ausführlichen Auszuge aus Fichte's Hauptwerken, meistens in wortgetreuer Uebersetzung, manchmal in Paraphrasen seiner Sätze. Zwar beschränkt sich der Vf, darauf nicht, sondern fügt Manches hinzu, um durch den Nachweis, wie dies mit Früherem zusammenhängt, das Verständniss zu erleichtern – so werde hier rühmlich erwähnt, dass er bei der Entwicklung der „Wechselbestimmung“, welche Fichte selbst auch Relation genannt hatte, darauf aufmerksam macht, dass die drei Formen derselben die Kantischen drei Kategorien der Relation geben – allein er begnügt sich doch zu sehr damit, zu übersetzen. Viele Punkte daher, besonders aber zwei der wichtigsten, treten nicht deutlich genug hervor: der Anfang der Wissenschaftslehre wird bekanntlich von Fichte in seiner ersten Darstellung derselben, und an diese hält sich der Vf., so gemacht, dass er von dem Satz A = A ausgeht; und von diesem zurückgeht auf den ersten Grundsatz, ohne welchen jener Satz nicht möglich ist. Diese Deduction, die eigentlich nichts anderes ist als eine Paraphrase der Kantischen Behauptung, dass jedes Urtheil zu seiner eigentlichen Wurzel die transscendentale Apperception habe, kann leicht die Vorstellung erregen, als gehöre der absolute Grundsatz in dieselbe Klasse mit dem Satz A = A, und dies war wohl ein Grund mit, warum Fichte sehr bald dazu kam, anstatt jenes Umwegs an seine Leser die Aufforderung zu stellen, durch einen freien Act jene Apperception zu realisiren, ohne welchen es Jedem unmöglich ist, ein Urtheil zu fällen, d. h. eine Thatsache auszusprechen. Dies übersieht der Vf, und daher kann er im absoluten Missverständniss Fichte's sagen II p. 221, moi = moi sey ein Urtheil wie

alle andern Urtheile, als wenn nicht nur, um das Subject dieses Urtheils auszusprechen, schon eine Handlung nöthig gewesen wäre. Hielt sich der Vf mehr an diese Darstellung (v. J. 1797), so hätte er Fichte's Thathandlung im Gegensatze gegen Thatsache nicht mit acte – fait oder action-fait, sondern richtiger und französischer mit action, acte übersetzt.– Eine zweite Schwierigkeit bietet der Schluss der theoretischen Wissenschaftslehre dar. Diejenigen, welche beim Lesen der Fichte'schen Grundlage etc. das Gefühl haben, als breche dieselbe willkührlich ab, indem vielleicht noch neue Widersprüche und neue Synthesen möglich wären, werden hier bei der Darstellung des Vf's noch mehr denken, denn bei dieser fehlt wirklich, was bei Fichte selbst sich nur verbirgt, der positive Nachweis, dass die Aufgabe der theoretischen Wissenschaftslehre gelöst ist. Fichte hat fortwährend seine Lehre für den consequenten Kriticismus erklärt, und demgemäss behauptet, er wolle nur die Grundlage für das geben, was Kant in der Krit. der reinen und praktischen Vernunft entwickelt habe. Er gibt ferner zu, dass hinsichtlich der theoretischen Philosophie dies von Reinhold geschehen sey, indem dieser Kant's Sinnlichkeit und Verstand auf die Vorstellung reducirt und demgemäss die Kritik der reinen Vernunft durch den Satz des Bewusstseyns auf ein Princip zurückgeführt habe. Die Wissenschaftslehre wird daher ihren theoretischen Theil beschlossen haben, wenn sie deducirt hat, wovon Kant's transscendentale Aesthetik und Logik, und wovon Reinhold’s Theorie des Vorstellungsvermögens ausgehn. Dies aber leistet Fichte am Schluss der theoretischen Wissenschaftslehre in jener pragmatischen Geschichte des Geistes, in welcher er zeigt, wie derselbe von der Empfindung beginnend, sich zur Anschauung mit ihren beiden Formen, Raum und Zeit, – hier sagt er ausdrücklich, er habe den Leser bis dahin geführt, wo Kant ihn aufnehme – weiter aber zum Verstunde erhebt, dessen Verfahrungsweisen die Kategorien seyen – hier hätte er ganz eben so wie dort an die transsc. Aesthetik, an die transsr. Logik erinnert, wenn der „Grundriss des Eigenthümlichen" etc. bis zum eigentlichen Schluss geführt wäre –. Endlich aber sagt er eben so ausdrücklich, mit Rückweisung auf seine Schrift über den Begriff der W. L., die letzte Aufgabe, welche gelöst werden müsse, sey die Deduction des Bewusstseyns. Diese wird gegeben, und in seinem Geiste ergänzt man die Deduction, wenn man sagt: der Leser ist dort angelangt, wo Reinhold ihn aufnimmt. – Der Vf, hat diese ergänzende Bemerkungen nicht geben können, einmal weil er nicht die „Grundlage" und den „Grundriss des Eigenthümlichen" verschmolz, dann aber, weil in seiner Darstellung Reinhold's grosse Bedeutung verkannt ist. – Dies betraf die Darstellung. Hinsichtlich der Kritik muss bemerkt werden, dass nach dem, was er über Kant gesagt hatte, der Vf, natürlich Fichte's Lehre gleichfalls als gewöhnlichen Idealismus ansehn musste. Er trennt nicht genug, Was Fichte das absolute und was er empirisches Ich nennt, daher kann er p. 323 sagen, man hätte eigentlich hier eine ganz egoistische Moral erwarten müssen, anstatt der aufopfernden, die Fichte aufstelle. Wenn er ferner von F. sagt: il lui manque de concevoir Dieu comme étant le moi absolu, so vergisst er, dass dieser ganz am Anfange seiner Laufbahn an Jacobi schrieb, was er Ich nenne, sey nicht das Individuum, sondern was dem Individuum als Gott erscheine. Freilich dergleichen Aeusserungen fertigt der Vf, etwas leichthin als ein expédient imaginé après coup ab. Ferner kann an seiner Kritik gerügt werden, dass er das Verhältniss zwischen der ursprünglichen und der späteren Lehre Fichte's nicht streng genug fixirt. Bald identificirt er beide in der Weise wie Fichte der Jüngere, bald so wie Harms, bald endlich – was richtiger ist – hält er sie mehr auseinander. – Dass der Vf, auf die Wissenschaftslehre die Philosophie Jacob's folgen lässt, hat darin seinen Grund, dass nach seinem eignen Standpunkt ihn Jacobi als eine Ergänzung nicht nur zu Kant (was richtig ist), sondern auch zu Fichte erscheinen muss. Wie nämlich der Vf. p. 587 sich über die Aufgabe der Philosophie ausspricht, so basirt er die seine auf Thatsachen des Bewusstseyns, welche zugleich die Gewissheit ihrer objectiven – oder mit Fries zu reden – transscendentalen Wahrheit mit sich führen. Eine solche Ansicht enthält nun allerdings Lehren des Kriticismus und der Glaubensphilosophie verschmolzen, wie denn die ganz ähnlichen mancher IIalbkantianer Deutschlands sich auch, historisch nachweisbar, an Kant und Jacobi angeschlossen haben; der Vf, dem unter dem unbestimmten Namen des Idealismus Kant und Fichte fast mit einander verschmolzen, setzt nun die hohe Bedeutung Jacobi's (wie dieser selbst) in seinen rationellen Realismus p. 406, und führt ihn selbst darum als ein Beispiel an, um zu

zeigen, dass nicht – wie Jacobi gesagt hatte – die Wissenschaftslehre die einzige consequente Durchführung der durch Kant geltend gemachten Philosophie sey, denn es lasse sich Jacobi's Realismus gleichfalls an Kant's kritische Untersuchungen anschliessen. Dieser realistische Charakter Jacobi's ist denn auch der Grund, warum der Vf, öfter ihn mit Herbert zusammenstellt, was einen eben so seltsamen Eindruck macht als dies, dass der Realismus Jacobi's unter der Haupt–Ueberschrift: règne de l'idéalisme subjectif abgehandelt wird. Mit dem dritten Bande geht der Vf, zum zweiten Theil seiner Arbeit über, nämlich zu dem Regne de l'idéalisme absolu et objectif. Nachdem in der Einleitung Hamann und Herder (die aus chronologischen und sachlichen Gründen zu Jacobi und vor ihn gestellt werden mussten), dann, mit Recht, Novalis erwähnt worden, bei welchem sich ein Spinozisme marié à l'idéalisme de Fichte zeige, geht der Vf, zu einer Darstellung des Lebens und der Lehre von Schelling über. Historische Ungenauigkeiten, z. B. dass Schelling ein Zuhörer von Fichte gewesen, dass er Professor an der Berliner Universität sey u. s. w., können übergangen werden, nicht aber die offenbar fehlerhafte Sonderung der Schelling'schen Schriften nach seinen verschiednen Standpunkten. Anstatt nämlich alle Schriften vor der „Ersten Darstellung" in eine Ordnung zu stellen, musste der Vf, erstlich die Zeit betrachten, wo Schelling so mit Fichte einverstanden war, wie dies seine Schriften über die Form der Philosophie, über das Ich und den Idealismus der W. L., endlich seine Briefe über Dogmatismus u. s. w. zeigen, – eine zweite Periode bilden die Schriften, welche die Documente des Identitätssystems bilden, also die naturphilosophischen, der transsc. Idealism., die erste Darstellung (die in keinem Falle von jenen getrennt werden kann) u. s. w. bis zu den Aphorismen. Erst mit Religion und Philosophie konnte die dritte Periode begonnen werden, in welche die ganze folgende Thätigkeit Schellings fällt, da seine Offenbarungsphilosophie auf derselben Basis ruht, wie die Abh. über die Frh. Auch von der Schelling'schen Philosophie gibt der Vf, eine sehr ausführliche „ Analyse", in welcher aus sämmtlichen Schriften Schellings in chronologischer Reihenfolge ein sehr ausführlicher Auszug gemacht ist, und auf welche dann als », résumé et conclusion" die Kritik folgt. CD er Beschluss folgt.)

Gebau ersche Buchdruckerei.

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