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geistigt, dass sie durch den philosophischen zugleich einen volksthümlichen Anstoss gaben, dass von ihnen aus sich eine Perspective zu den sittlichen, ja selbst zu den materiellen Bedürfnissen der Völker öffnete. Kein Wunder, dass diese Litteratur eine ungeheure Bewegung in den besseren Köpfen des gedankenlosen Italiens hervorbrachte. Freilich waren, die Wirkungen hier anders, als in Frankreich und Deutschland. Während man in den zuletzt genannten Ländern die reine Idee selbst anstrebte, während der kochende Volksgeist hier fortwährend die Schöpfung aus Nichts Yollzog, zeigten sich in der Halbinsel nur die Wirkungen der Kulturmittheilung, die Italiener erhielten einen Stoss, aber sie waren nicht im Stande, über die kathosche Idee und Plastik hinauszugehen. Scotts vollendete Romandichtungen brachten nur 1 promess1 sposi hervor. Italien konnte seiner Sprache und seiner Auffassung bürgerlicher Verhältnisse wohl einen weniger pedantischen, weniger zopfig am Alten klebenden Anstrich geben, aber es vermochte noch nicht sein Denken ganz zu revolutioniren, und seinen Glauben, seine Ideen und seine Sitten umzustürzen, was alles noch heute sein innerstes Leusmacht. ben Ä Dichter, Philosophen, Historiker und Künstler sind entweder Katholiken, wie Marzoni, Tomaseo, Gioberti, oder Deisten und ausschliessliche Bewunderer des Alterthums; wie Giordani, Botta, Niccolini, Leopardi. Die letzteren haben ebenso viel Abneigung gegen die Lehren des Katholizismus, als gegen die liberale Philosophie Deutschlands und den revolutionären Geist Frankreichs und seiner heutigen Einrichtungen. Es giebt in Italien ein inniges Bündniss der litterarischen und politischen Partheien. Die geistreichen Anhänger der Römischen Kurie, der Lehensbarbarei und des kaiserlichen Absolutismus stehen auf der einen Seite, die katholischen und aristokratischen Liberalen, die von der Möglichkeit eines Bundes der Italienischen Fürsten unter dem Vorsitze des Papstes oder des Königs von Sardinien träumen, auf der andern. Beide Partheien hassen, die deutsche Philosophie und die französischen und englischen Publizisten, beide Theile wollen Reformen. Aber wie kann man Pressfreiheit, Redefreiheit, konstitutionelle Verfassungen, volksthümliche Gewährleistungen fordern, und doch zugleich das unbeschränkte Ansehen des Papstthums und der Kirche (die den Nachfolgern ZUl übergebende „ungeschwächte Krone ) bestehen lassen wollen? Ein hölzernes Eisen! Andere patriotische Schriftsteller, we Azeglio, Balbo, sind zwar der Meinung, dass sich die Völker Italiens vorerst mit rein administrativen Verbesserungen begnügen müssen, eröffnen aber 1Il ihren Schriften gleichwohl Aussichten auf eine politisch freie Zukunft. Der Grundgedanke ihrer Schriften ist: Italien durch alle gesetzlichen und friedlichen

Mittel von der Fremdherrschaft zu befreien. Sie betrachten die Herrschaft der Oesterreicher in der Lombardei als das grösste Hinderniss für die Ausführung dieses Gedankens, und hierin sind alle Patrioten einig. Aber so wie die Sachen jetzt stehen, erscheint es eine Thorheit sich einzubilden, der Papst werde jemals auch nur einen Schritt thun, um die Fremdherrschaft zu bekämpfen und den Vertrag zu zerreissen, der ihn der Macht des Wiener Kabinets unterwirft. Es war nicht allein die christliche Friedensliebe, welche Pius IX. sich vom Kriege abwenden machte; das Papstthum und Oesterreich sind nach der Meinung der Demokraten Italiens durch unauflösliche Bande mit einander verknüpft, durch Bande, welche nur die Allmacht einer allgemeinen demokratischen Revolution wird sprengen können. Das Papstthum, wie es jetzt ist, kann nicht gegen Oesterreich operiren, weil ein Princip nie seine Waffen gegen sich selber kehren wird. Beiden aber ist das Princip der absoluten Autorität gemeinsam. So viel Partheien es also auch immer seit 1815 in Italien gegeben haben mag, alle haben bisher und noch jetzt eine feindliche Stellung gegen die Römische Kurie theils mit Instinkt, theils mit Bewusstseyn eingenommen. Erst in unsern Tagen denkt die Parthei Gioberti an die Freiheit und Unabhängigkeit Italiens unter einem episcopalen Römischen Primat. Gioberti ist Karl Alberts Minister, und die Zeit wird bald lehren, ob der König den Abate, oder der Abate den König in seine Dienste nahm.

Die älteste Parthei des Italienischen Liberalismus war die zur Zeit der Restauration, die bonapartistische militärische Parthei. Sie hasste, wie sich von selbst versteht, Oesterreich und die Kurie, sie forderte für Italien nationale Herrscher, bürgerliche Reformen, auch einige konstitutionelle Freiheiten. Dieser Parthei Forderungen sind in Italien längst legitim geworden. Im verwichenen Sommer erklärten die Fürsten, sie wollten fortan nur Italienische Fürsten seyn u. s. w. Darauf folgt der Carbonarismus, oder die republikanische Parthei; sie hasste die Monarchie und die Kirche, die Päpste und die Könige, sie stand unter dem Einfluss des Jahres 1793. Der Carbonarismus trug, obschon er. Energie und Muth entwickelte, darum den Kej seines Todes in sich, weil er ohne eine volksthümliche moderne Idee war, sich vielmehr von jeder systematischen Lehre des neuen politischen und socialen Gedankens abwendete, und eigentlich innerhalb der logischen Ordnungen des Alterthujs und des Mittelalters befangen war. Er wollte j stoische Tugend des Cato und Brutus wach rufen, die heidnischen Grundsätze Macchiavellis im 19j Jahrh. auf die politischen Resultate von 1789 aj wenden, worauf das Volk nicht eingehen wollte, noch durfte.

CD er Beschluss folgt.)

Ge bau ersche Buchdruckerei.

ALLGEMEINE LITERATUR - ZEITUNG

Monat April.

11S49.

Halle, in der Expedition der Allg. Lit. Zeitung.

Neueste Z00t0mische Literatur, 1) Bijdragen tot de Dierkunde, utgegeven door het Genootschap: Natura artis Magistra te Amsterdam. 1. Aflev. 1848. 4. 28 S. mit 7 Taf.

Unter obigem Titel eröffnet die genannte Gesellschaft eine neue, der Zoologie im weiteren Sinne gewidmete Zeitschrift, welche schon durch glanzvolles Aeussere vortheilhaft anspricht. Das vorliegende erste Heft enthält 3 Abhandlungen, unter welchen namentlich die erste von Schröder, van der Kollk und W. Wrolik: Untersuchungen über die Gefässgeflechte (Wundernetze) verschiedener Thierformen", eine besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Vff. geben darin nicht bloss neue, durch vortreffliche Abbildungen erläuterte Beschreibungen des bekannten Armwundernetzes bei Bradypus tridactylus und vergleichen dasselbe mit dem analogen bei Stenops, sondern sie weisen auch ähnliche venöse Adergeflechte im Oberarm und selbst im Unterschenkel vieler Vögel aus allen Ordnungen nach, und eröffnen damit einen ganz neuen Gegenstand für fernere Forschungen. In der That muss man sich wundern, dass die sonderbare Maschenvertheilung rund um die Arteria brachialis, wie wir sie hier vom Condor, Seeadler, der Elster, dem Truthahn, der Scharbe, Ente, dem Schwan und Haubentaucher dargestellt finden, allen früheren Beobachtern, und namentlich solchen, welche wie Barkow und Mitzsch spezielle Studien über die Blutgefässe der Vögel angestellt haben, entgehen konnte; und um so mehr verdient die Entdeckung beider Verfasser unsere Anerkennung. Scheint sie doch, nach der angedeuteten Vertheilung über völlig verschiedene Gruppen der Vögel, eine sehr weit verbreitete, wenn nicht allgemeine Eigenschaft derselben zu seyn. Um selbige genauer unsern Lesern anschaulich zu machen, möge die Beschreibung des Wundernetzes beim Kondur hier um so lieber eine Stelle finden, als dasselbe nach dem eigenen Ausspruche der Vff das vollständigste von allen beobachteten ist. „Schon in der obersten IIälfte des Oberarms

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theilt sich die Arteria brachialis in zwei gleiche Aeste, die art. radialis und ulnaris. Bis zum Ellenbogengelenk liegt rund um beide Schlagadern ein Gefässgeflecht, welches aus zahlreichen Querästen zweier Längsblutadern gebildet wird, die den arteriellen Hauptstamm auf die gewöhnliche Weise zwischen sich nehmen und ihn überall begleiten. Hierdurch wird jede der beiden Arterien bis zur A. brachialis in ein Netz von Venen eingeschlossen, welche mit dem dazwischen liegenden Bindegewebe eine förmliche Scheide um die Arterie bilden. Ein ebensolches Netz findet sich auch rings um die Art. brachialis profunda; es setzt sich um dieselbe bis zur Achselhöhle fort und begleitet sie noch als Art. axillaris bis dahin, wo dieselbe sich als Ast der Art. subclavia um die erste Rippe biegt. Dort vereinigt sich das Adergeflecht wieder zu zweien Stämmen, welche in die Vena subclavia sich einsenken. Besonders merkwürdig ist noch die Verbindung des Netzes durch zahlreiche Queräste am ganzen Oberarm mit der vena basilica. Diese Blutader kommt einfach von der Ulnarseite des Vorderarms und geht auch am Oberarm als solche fort; ihr weiterer Verlauf ist aus der Abbildung zu ersehen, indessen erwähnen wir noch, dass die Arterien mit ihrem Venengeflecht mehr nach innen zu am Innenrande des Musc. biceps liegen und in ihrer Nähe auch der Stamm des nervus medianus und ulnaris sich befindet." In ähnlicher Art, doch meist geringer ausgebildet, zeigt sich nun das Blutadergeflecht um die Armarterie bei allen untersuchten Vögeln. Es bietet z. B. bei Falco albicilla als Hauptunterschied nur die Theilung der Art. brachialis erst in der Gegend des Ellenbogengelenkes und den Mangel des Gefässnetzes oberhalb der Achselhöhle an der Art. sulcavia dar. In dieser Weise nimmt die Ausbildung des die Armarterie umhüllenden venosen Netzes mit der Grösse der Vögel gleichmässig ab, doch bleiben die beiden Nebenvenenstämme, bis endlich auch von ihnen schon der eine bei der Elster verschwindet. ( D ie Fortset Sung folgt.)

Italien. Italien in seinen Beziehungen zur Freiheit und modernen Civilisation, von A. L. Mazzini u. S. W. (Beschluss vom Nr. 87.)

Es war vergebens, dass selbst die dichte

rischen Talente eines Alfieri, Foscolo, Leopardi sich anstrengten, die Leidenschaftlichkeit dieses Republicanismus in Aufnahme zu bringen; er war grossartig aber abstract. Man gewinnt kein Volk durch Abstractionen, und rettet keinen Sterbenden durch Moschuspulver. Was half es, dass die Carbonari von dem entarteten und geknechteten Italien sprachen? Sie sprachen von dem Jahre 1830, als wenn es dem Italien unter Nero und Domitian gegolten hätte! Der Carbonarismus scheiterte überall in Italien aus Mangel an volksthümlicher Richtung, aus Mangel an konkreten Ideen, die in der modernen Zeit wurzelnd dem Volke hätten verständlich seyn können. Die Carbonari waren die Burschenschafter Italiens. Gleichwohl machte nach dem Untergange dieser Partlei der Gedanke der Freiheit und Unabhängigkeit immer mehr Fortschritte in der Halbinsel. Dies geschah besonders durch die politische Reactionsparthei, durch die Ferdinandsgesellschaft, die Società Ferdinandéa. Es besass dieser sonderbare Verein eine bedeutende Anzahl Mitglieder fast in allen Staaten, namentlich in der Lombardei und zu Venedig. Diese Abzweigung schlechter Patrioten und noch schlechterer Logiker stellte auf, dass ein kaiserlich-österreichisches Italien, einig durch Gesetzbücher, durch materielle Interessen und durch eine prompte Verwaltung mehr werth sey, als alle anderen nationalen, konstitutionellen und republicanischen Träume. Jetzt ist diese Parthei zerstreut, und von den Patrioten verachtet. Nur einige Reste schleichen davon noch in der Romagna umher, im Bunde mit der jesuitisch – absolutistischen Parthei, um gegen des Papstes Reformen, und um heute in Gaéta für ihn gegen die Römer zu wirken. Diese Ferdinandsgesellschaft ist es, welche der nationalen Entwicklung und den Reformen die gemeinsten Leidenschaften und den Fanatismus der ungebildeten Bevölkerung entgegenstellt. Und dadurch eben fand der Gedanke der politischen Freiheit und der natio– malen Unabhängigkeit bei dem Volke mehr Eingang, als ihm die Bonapartisten und Carbonari's

je hatten verschaffen können. Man erinnere sich

hierfür eines von dem Italienischen Historiker Carlo Botta geschilderten Ereignisses, das sich am 5ten

December 1846 zutrug. An diesem Tage nämlich

war von den Gebirgen Liguriens bis tief in das Königreich Neapel hinein die ganze Kette der Apeninnen erleuchtet. Durch diese ganz in dem Italienischen Volkscharacter liegende Weise wollte man den Jahrestag der Niederlage feiern, welche die Oesterreichischen Truppen ein Jahrhundert früher in Genua erlitten hatten. (Schlosser, Gesch. des 18ten Jahrh. II, S. 151). – Nach diesen bestimmten Partheien folgen nun seit 1830 die geheimen Gesellschaften eine nach der andern. Ihnen hat eine in politischen Dingen glücklichere Zeit den Vorwurf gemacht, dass sie, um die Völker zum Aufstande zu bringen, das abgenutzte und ohnmächtige Mittel der Verschwörungen angewendet. Man erkannte also, ohne sich freilich dies immer einzugestehen, die revolutionäre Bewegung im Princip an. Für ihre Rechtfertigung möge der Satz genügen, dass die liberalen Patrioten Italiens, wie es bisher gewesen ist, nicht andere Waffen haben konnten, als Geheimniss und Dunkel, und dass sie auch nichts anderes seyn konnten, als Verschwörer. Alle diese Gesellschaften waren Schattirungen der beiden ersten, vorher genannten Partheien. Es ist bekannt, welche entsetzlichen Blutverluste sie erlitten. Als die Unmöglichkeit der bonapartistisch-militärischen und der Carbonaristischen Ideen und Mittel klar am Tage lag, gab die liberale Aristokratie sowie die Mittelklasse sie ganz auf und näherte sich, ohne gleichwohl auf alle geheimen Hoffnungen zu verzichten, der katholischabsolutistischen Parthei. Man wollte die demokratisch – industrielle Richtung des liberalen Auslandes gewissermaassen mit dem alten Autoritätsprincip vereinigen, das die „rechtmässigen" Regierungen, die Traditionen, die Gefühle des Volks für sich hatte. Hieraus entstand eine neue sehr mächtige und sehr wichtige Parthei, die auch noch heute als solche besteht, die historische oder die Reformparthei. Man muss ihre Entwicklung, wie ihren Werth wissen, um darnach ihre Wirksamkeit wie ihre Dauer abschätzen zu können. . . . An der Spitze dieser Parthei steht Gioberti, der Mann, der heute in Italien eine so bedeutende Rolle spielt. Er hat Sardinien von der Konstituante abgewendet, er trifft Anstalten den Papst nach Rom zurückzuführen, er hat der demokratischen Parthei in allen Staaten Italiens den Fedehandschuh hingeworfen. Und obschon er Oesterreichs Herrschaft in der Lombardei hasst und mit einem Fusse im Liberalismus steht, so werden wir dennoch die Consequenzen eines fehlerhaften Princips an ihm selber in baldiger Kürze wahrnehmen. Er wird genöthigt seyn mit Radetzky zu fraternisiren; denn die Italischen Fragen vertragen keine halbe Lösung. Doch zurück zu der von ihm am ausdrucksvollsten repräsentirten Parthei. Vor allem ist sie es, die darauf Anspruch macht, die am meisten freisinnige, die am meisten nationale zu seyn, sie will die von der Civilisation gebotenen Fortschritte verwirklichen, aber – ohne den selbstständigen Gang der Regierungen und der positiven Interessen zu kreuzen. Das Losungswort ist: stufenweise, friedliche Reform, Vereitelung der revolutionären Bestrebungen durch ökonomische, administrative und politische Verbesserungen. Es ist diese Parthei nicht mit der demokratisch – constitutionellen zu verwechseln, sie besteht vielmehr aus den liberalen Aristokraten und einem Theile der Mittelklasse. Insbesondere verlangt sie nationale Unabhängigkeit nach aussen, will aber Rede – und Pressfreiheit beschränkt wis– sen. Das unumschränkte Ansehen des Papstes und der Kirche soll verstärkt werden, wo möglich bis zu dem nach ihrer Ueberzeugung wohl erreichbaren Grade, dass der letztere wiederum der geistige Schiedsrichter, das geistige Oberhaupt der Civilisation werden könne. die Kirche im Innern keine Uebergriffe in das Gebiet des Staates erlauben. Dieser Parthei ist die

Nationalsouverainität ein heiliges Dogma, die demo–

kratische Volkssouverainetät dagegen eine zu unterdrückende politische Ketzerei. Mazzinis Kritik hat hier natürlich ein leichtes Spiel. Es wird ihm nicht schwer das Wesen dieser Parthei als einen wirren Knäuel von Widersprüchen zu bestimmen, die besonders in dem Chef Gioberti grell hervortreten, von Graf Balbo in Turin zu geschweigen. Gioberti ist die Personification seiner Parthei, er ist Revolutionär und Aristokrat, Philosoph und Ultrakatholik, und hat diese unklare Mischung in seinen, keineswegs interesselosen Schriften offen dargelegt, in welchen sich eine aus dem obersten Grundsatze l'Ente crea l'existenze ergebende Berechtigung des Autoritätsprincips findet, die einem deutschen Kathederphilosophen Ehre machen würde. Gioberti ist der katholische Guizot. Uebrigens möchte eine Vergleichung dieser Parthei mit einer ihr ähnlichen Deutschen wohl von Interesse seyn. Am triftigsten ist Mazzinis Einwand gegen die nationale Unabhängigkeit in dem Programm der historischen Reform. Die Unabhängigkeit (bei uns heissts Einheit) ohne die Freiheit ist, genau genommen, gar

Gleichzeitig soll sich aber

kein politisches Princip. Sie ist eine unerlässliche Bedingung, aber eben nur Bedingung des politischen Lebens selbst. Sie begründet noch keineswegs Grösse der Seele, Kraft des Gedankens, Männlichkeit des Characters, noch irgend etwas, das ein Individuum oder ein Volk gross und frei machen kann. Spanien und Portugal haben nicht mit der unmittelbaren Herrschaft des Auslandes zu kämpfen, und führen doch ein kümmerliches Leben. Es folgen nun die reinen Konstitutionellen- Ihren Kern bildet die am meisten nach den äusseren Formen der Europäischen Civilisation gestaltete aufgeklärte und abgeschliffene Toskanische Mittelklasse, ein verständiges, urbares Juste-Milieu, ohne Vorurtheile und ohne Principien, ohne grosse Fehler und ohne grosse Leidenschaften, mittelmässig, Vernünftig, gewandt, genusslustig, alle Dinge auf eine mässige Selbstliebe zurückführend, und jede ideale Geltung ausschliessend. Werfen wir einen Blick auf das Programm dieser liebenswürdigsten uno den Bourgeoisien Europens. In den Vordergrund treten natürlich die Interessen der Mittelklassen, die Interessen des kleinen Besitzes und die Industrie; der Wissenschaft wird, da sie nützlich ist, ein erkleckliches Legat ausgesetzt. Hieraus folgt von selbst dass die Italienischen Konstitutionellen ihrer Natur nach bis zu einem gewissen Puncte konservativ sind, und gegen die Demokraten Front machen. Sie haben einige Bonapartisten und Carbonari's aus der Restauration zu sich herübergezogen, so wie sie es sind, die zu den materiellen Fortschritten der Halbinsel das meiste beigetragen haben. Sie werden mit den Konstitutionellen der übrigen Länder Europas eine gleiche Zukunft haben, und wahrscheinlich werden sie zu einer kurzen Herrschaft gelangen, da in ganz Europa das Bestreben herrscht, der Mittelklasse zu schmeicheln. Da es nun eine Thorheit wäre, irgend einem andern als dem Mächtigen zu schmeicheln, so muss die Mittelklasse wohl augenblicklich die Macht in Händen haben. Sie hat dieselbe in der That durch die kritische Zersetzung des historischen grossen Princips der Aristokratie für sich gewonnen, ohne sich selbst auf ein neues Princip zu stützen. Sie wird also in der Geschichte eine Art Uebergangspolitik vertreten, und da nichts nöthiger ist als ein Uebergang, so ist es auch eine Nothwendigkeit für jedermann in diesem Sinne konstitutionell zu seyn. Der grösste Fehler der Italienischen Konstitutionellen aber ist darin zu suchen, dass sie für die materiellen Bedingungen des Landes im Allgemeinen zu revolutionär sind, zu wenig aber für die Revolution selbst. Italien bei seiner noch immer einfachen, mehr" tiken Denkart verträgt kein Mittelding zwisch" Absolutismus und Demokratie. Den Schluss bildet die aus dem junge" Italien hervorgegangene reine Demokratie. Mazzini trägt kein Bedenken sich selbst als den Hauptrepräsentanten dieser Parthe hinzustellen, und deshalb ist er in seiner Beurtheilung dessen, W* sie geleistet, sehr strenge. Ihr Hauptaugenmerk war zuerst darauf gerichtet, jene Lauheit und instinctmäSS1ge Abneigung gegen die radicalen Neuerungen anzugefen, die sich in den Sitten und den Gefühlen der Bevölkerung kund giebt, sie wollte, besonders durch die 1832 in Marseille herausgegebe" Zeitschrift, eine intellectuelle und moralische Revolution in den Ideen hervorbringen, und sich " den Boden der Europäischen Demokratie überhaupt stellen. Dies warum so nöthiger, als sie ihren gross" Felhler begriffen hatte, revolutionäre Gefühle und Leidenschaften bei den Massen vorauszuse!" sie bekämpfte deshalb den blinden, abergläubischen, rückwärtsschreitenden Widerstand der Bevölkerungen durch neue Ideen und neue Glaubenssät”, sie suchte in tausenderlei Formen dem Volk" begreiflich zu machen, dass es sich nicht." eine Freiheit für die Grossen und Reichen, für Advok" und Edelleute handelte, dass es nicht darauf ankomme, einen König durch einen andern, eine Regierung VOIl Priestern durch eine Regierung V9" Banquiers und reichen Grundbesitzern zu ersetoo"- Man lehrte vielmehr, dass die neue Freiheit für jederman ebensowohl durch eine politische als durch eine sittliche und sociale Revolution hervorgebracht werden müsse. Dies ist ein Hauptpuncto Die Italienische Demokratie unterscheidet sich Y" der deutschen wesentlich dadurch, dass sie eine Parthei ist, die die Revolution als ihr Mittel g” offen bekennt. Sie predigt daher in ihren Schristen ganz offen den Umsturz der Throne, die Abschaffung der Oberhoheit der Kirche oder des Papstthums, die Religionsund Gewissensfreiheit, die Pressfreiheit, das allgemeine Stimmrecht, die Voo politische Gleichheit, die Volkssouveränetät und die Brüderlichkeit unter Individuen und Nationen. – Hier ble" wir stehen, und müssen uns bekennen, dass es wohl schwerlich eine Zeit gegeben hat. " eine solche Uebereinstimmung grosser Grunds” für Staat und Gesellschaft in Europa aufweisen ko" Ueberall,

vom Faro de Messina bis zum Sund, von Lissabon bis Königsberg, von Bucharest bis Hamburg dieselben Gedanken, und, zieht man die Localfarben weniger in Betracht, fast dieselben Partheien. Die Revolution hat die Runde durch Europa gemacht. Es handelt sich bei den einzelnen Partheien kaum mehr um den Gedanken, sondern alle wissen, was sie wollen, alle wollen aber auch was sie wissen; nur über die Art und Weise der unmittelbaren Uebersetzung in die That gehen ihre Ansichten noch auseinander. Die je nach der Oertlichkeit mehr oder minder zahlreichen Indifferentisten, oder die in Zaghaftigkeit und Unklarheit Befangenen werden die Beute des Siegers seyn. Rec. könnte jetzt von der besprochenen Schrift mit dem Gefühle des Dankes für die mannigfache Belehrung, die ihm aus derselben geworden, Abschied nehmen. Aber im Interesse der Leser, bei denen er eine lebhafte Betheiligung an den sich jeden Tag bedeutender gestaltenden Ereignissen in Italien voraussetzt, scheint es nothwendig zu seyn, hier noch kurz Mazzini's Ansicht über den Haupt- . feind Oesterreich darzulegen. Oesterreich und das Papstthum sind nach ihm unzertrennlich mit einander verbunden, ihr Grundprincip fliesst aus derselben Quelle, ihr Standpunct zum bisherigen historischen Recht in Europa ist derselbe, beide halten fest an der Vereinigung des despotischen Gewaltrechts mit dem rein bürgerlichen Rechte der alten heidnischen Gesellschaft, an dem von ihnen mit dem Namen „ des göttlichen Rechts" benannten Rechte, beide werden sich nie dauernd untreu werden. M.'s und seiner Parthei Kampf gegen das Papstthum nun ist bekannt, seine Meinung über Oesterreichs Zukunft ist diese: Oesterreich hatte vor M. Theresia, vor 1789, selbst noch 1815 Ansehen. Dieses Ansehen ist dahin. Der Oesterreichische Staat ist trotz des Märzes von 1848, wenn man auf die Regierung sieht, derselbe, der er im Mittelalter war. Die Dynastie kann auf Rechte und Privilegien nothgedrungen, niemals aber auf ihre Principien verzichten. Der Kaiser glaubt, dass er durch die Revolution ungerechterweise seiner unverjährbaren Rechte beraubt sey, er wird nie förmlich darauf verzichten. So wird denn Oesterreich bis zum letzten Augenblicke widerstehen; und wenn dieser letzte Augenblick gekommen seyn wird, dann wird es zusammenbrechen, wie Rom, Florenz und Venedig.

Gebauer sche Buch druck c re i.

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