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Prophetie erzählt und erwartet, unmöglich blos leere Spiegelfechterei seyn kann": ist da denkbar, dass, wenn ein solcher Prophet nachher zur schliesslichen, zusammenfassenden Fixirung seiner Gedanken durch die Schrift sich anschickte, diese so völlig losgerissen von dem früher Gesprochenen sich entwickelte? ist dies zumal dann denkbar, wenn dieser Prophet, wie Ezechiel, ein Schriftgelehrter ist, von dem sich erwarten lässt, dass Schriftstellerei <seine Reden von Anfang an werde begleitet haben? Wir halten es nicht für denkbar, sondern, wie bereitwillig wir auch zugeben, dass bei Ezechiel in ungleich höherem Grade, als bei Jesaia und selbst bei Jeremia noch die schriftliche Ausführung die Nachklänge des lebendigen prophetischen Wortes überwuchert hat, so glauben wir doch, dass die Schrift unseres Propheten nicht blos die Grundgedanken, welche er früher ausgesprochen, sondern auch ein in den Hauptzügen getreues Bild von der Darstellung giebt, deren er in freier Rede sich bediente. Und wie wir diesemnach eine bestimmte Einwirkung des Wortes des Propheten auf seine Schrift annehmen müssen, so war diese wiederum zur Einwirkung auf das Leben bestimmt; denn auch die Ansicht Hitzigs, dass „Ez. sein Buch zunächst, vielleicht einzig für sich, zu seiner Befriedigung" geschrieben habe, können wir, als kaum auf unsere schreibfertige und schreibselige Zeit, vielweniger für das alttestamentliche Alterthum passend, uns nicht aneignen. Ueberhaupt ist aus der Thatsache, dass Ezechiel allerdings vorzugsweise als der Schriftsteller unter den Propheten dasteht, manches Unrichtige gefolgert worden, und namentlich hat sich von den mit diesen Folgerungen zusammenhängenden herabsetzenden Urtheilen über die persönliche Begabung des Propheten auch H. nicht frei erhalten. Wie andere, hat auch er dem, ältere Schriften studirenden und selbst neue verfassenden Propheten nur allzu bereitwillig, mit der vorzugsweisen Wirksamkeit durch das lebendige Wort, die lebendige Pro-ductivität „ächter Begeisterung" überhaupt abgesprochen, und in seiner Schrift höchstens übertreibende Ausmalung, oder weitschweifige Ausführung guter Gedanken, die aber nicht neu wären, anerkennen, kaum aber einzelne neue Gedanken, die

gut wären, finden wollen. Abgesehen davon, dass man kaum einsieht, worin bei so bewandten Dingen die ,, markirte Individualität" sich zeigen soll, welche H. unserem Propheten zusichert, so will es uns dagegen scheinen, als ob die Mängel, welche die Ezechiel'sche Schrift im Vergleiche mit den WeisSagungen eines Jesaia und anderen älteren Propheten haben mag, weniger in der minder bedeutenden Persönlichkeit Ezechiel's, als in der gesunkenen Zeit ihren Grund hätten. Nicht „der Abgang äch– ter Begeisterung" liess den „leeren Raum" in der Anschauung des Propheten, in welchen dann seine groteske Symbolik einziehen mochte, sondern der Untergang der äusseren theokratischen Institute. Diese sind für den israelitischen Glauben ein unentbehrlicher Halt; wird dem Israeliten diese äussere Bethätigung seiner Gemeinschaft mit Gott zer– stört, wird dem Propheten der Boden für eine er– folgreiche Einwirkung auf die Gestaltung des äusseren Lebens seines Volkes im Sinne der Theokratie geraubt, so kann er in seiner inneren Welt, in einem lebendigeren Gottesbegriffe, in der inneren Gewissheit seiner Versöhnung mit Gott die Ruhe und den Trost noch nicht finden, den erst das Christenthum darbietet. Und wenn nun sein Geist, eines bestimmten Haltes entbehrend und von einem unbestimmteren „Triebe auf das Ungemeine und Ueberirdische" bewegt, ins Ueberschwengliche und Maasslose sich verliert, und er in dem Bestreben das Unaussprechliche, was sein Gemüth erschüt– tert, auszusprechen und seinen in Sinnlichkeit oder in dumpfe Verzweiflung versunkenen Volksgenossen seine gewaltige Erregung mitzutheilen, Sinnli– ches und Uebersinnliches, Niedriges und Höchstes

verbindet, so sollte doch heute nicht mehr der auf

der alten Verwechslung des Propheten mit dem Poéten beruhende Vorwurf gehört werden, dass die prophetische Rede, in welcher das Gemüth des Propheten nachstürmt oder nachzittert, „ Wohlbewegung und Anmuth vermissen“ lasse, dass sie nur selten über die niedrige Region hinauskomme, nur erhaben sey in dem Gesichte Cap. 37, 1 und nur rührend in Cap. 19, dass sie dagegen Cap. 4, 12. 3, 1. 2 zu baarem Ungeschmacke, Cap. 7, 17. 23, 20 u. s. w. zur natürlichsten Natur herabsinke. ( D ie Fortsetzung folgt.)

Gebauer s c h e Buch drucke rei.

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EXegeSe des Alten TestamentS.

Der Prophet Ezechiel. Erklärt von Dr. Ferdinand Hitzig u. s. w. C Fortsetzung von Nr. 1.)

Auch wenn der Heiland die Pharisäer übertünchte Gräber nannte, „welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Todtenbein und alles Unslats", so mochte dieser Vergleich mancher schriftgelehrten Nase nicht eben fein vorkommen, und vor dem Richterstuhle Gottsched'scher Aesthetik würde es leicht als „baarer Ungeschmack" erscheinen. Ebenso, wenn unter den arabischen Wü– stensängern Taabbata Scharran, um zu zeigen, wie er in jeder Noth sich zu helfen wisse, rühmet, dass, wenn das eine Nasenloch ihm verstopft sey, stets das andre schnaube, oder wenn er beim Schlag des guten Schwertes eines Helden den Tod in grinsendem Freudelachen alle Zähne fletschen lässt, oder wenn Schansara der dürren, spitzen Schulterblätter sich rühmt und der Troddeln des seit langer Zeit nicht gekämmten Haupthaars: so wird das vor einer IIorazischen ars poética schwerlich bestehen können, und doch sind jene Männer trotz eines Alkaios und Tyrtaios Dichter im vollsten Sinne, desswegen weil auch bei ihnen sich offenbart, was nach unserem grössten Dichter den Dichter aus– macht, „ein von einer Empfindung ganz volles Gemüth.” In die Fülle dieses Gemüthes hat sich wer Gedichte, oder überhaupt Schriften, in welchen das bewegte Gemüth ihres Vf's sich spiegelt, wahrhaft auslegen will, erst zu versenken; sie mit einem sonst woher erborgten Maassstabe äusserlich zu messen, ist eine Ungerechtigkeit gegen sie; denn sie sind nach der schönen Göthe'schen Parabel „gemalte Fensterscheiben", die aussen vom Markte gesehen, dunkel und düster erscheinen, sobald man aber hineingeht, auf einmal farbig helle erglänzen. Wir finden es begreiflich, dass bei der vorherrschend kritischen Aufgabe, welche Ezechiel seinem Ausleger jetzt noch stellt, dieser leicht die Theile in seiner Hand behält und das geistige Band verliert; zu entschuldigen ist dies also gewiss, aber

eine Einseitigkeit bleibt es immer und ein Beweis, dass das Geschäft der Auslegung der vollkommenen Lösung seiner Aufgabe hier noch keineswegs nahe ist.

„Als Abdruck einer markirten Individualität, und getaucht in Sprache und Vorstellungen des Auslandes, musste das Buch Ezechiel spätere Leser in der Heimath fremdartig ansprechen; schon zu Zeiten der lebenden Sprache war es schwer zu verstehen. Allein man suchte ein Verständniss, und schrieb das richtige oder ein falsches da und dort an den Rand. Von da in den Text gerathend, sprengten die Glossen den Zusammenhang; wäh– rend andererseits eigenthümliche Kalligraphie einer Normalhandschrift, wie es scheint, manches Ver– sehen des Abschreibers veranlasste. In dem Maasse nun, wie der wahre Sinn abhanden kam, behalf man sich mit Vermuthungen, und setzte endlich den Irrthum durch falsche Punctirung zu Recht ein." Mit diesen Schlussworten seiner Einleitung hat der Vf, den jetzigen Zustand des Tex– tes von Ezechiel und die Gründe dieses Zustandes gewiss gut charakterisirt, und schon das ist ein Verdienst, dass er den wahren Sachverhalt in dieser Beziehung mit einer früher nicht vorgekommenen Bestimmtheit dargelegt und damit klar gemacht hat, wie vor einer durchgreifenden kritischen Berichtigung des Textes an eine befriedigende Er– klärung Ezechiel's nicht gedacht werden kann. Der Mangel der früheren Auslegungen beruht hauptsächlich auf der Verkennung dieser Thatsache, nur in Bezug auf Cap. XL ff. hatte man, wenn eine einigermassen genügende Auslegung zu Stande kommen sollte, zu energischerer Textkritik sich bereits verstehen müssen, und so ist es ein weiteres grosses Verdienst, dass H. dies Verfahren zuerst folgerichtig auf das ganze Buch angewandt. Je unzuverlässiger nun der vorliegende Text ist, desto nothwendiger ist, dass alle nur zu Gebote stehen– den Mittel mit der grössten Umsicht, Gewissenhaftigkeit und Besonnenheit zu seiner Wiederherstellung benutzt werden. Und da ist es denn sehr dankbar anzuerkennen, dass von dem vorzugsweise bei der Erklärung des Alten Testamentes herrschenden Unfug, wonach zur Erklärung auffallender,

oder zur Beseitigung verdächtiger Ausdrücke dem

Schriftsteller ein unerhörtes Maass von poetischer Freiheit zugeschrieben, sowie von dem Erklärer und Kritiker ein gleiches Maass von grammatischer und etymologischer Freiheit in Anspruch genommen wird, hier keine Spur sich findet, indem der Vf, sich stets „diesseits der grammatischen Möglichkeit" und innerhalb der Grenzen des „wirklichen Sprachgutes" gehalten hat, wodurch es ihm gelungen ist, für das Verständniss dieses Schriftstellers in vieler Beziehung einen dauerhaften Grund zu legen. Wenn aber schon der für das exegetische Handbuch schickliche Umfang eine vollstän– dige, allseitige Anwendung der kritischen IIülssmittel nicht gestattete, so tritt doch in deren Benutzung in der vorliegenden Schrift eine Einseitig– keit hervor, die wohl auch innerhalb der einem exegetischen Handbuche gesteckten engen Schranken hätte vermieden werden können. Von den kri– tischen Hülfsmitteln nämlich sind die LXX und die Conjectur so vorzugsweise benutzt, dass der Gebrauch, welcher von andern IIülfsmitteln gemacht ist, daneben kaum in Betracht kommt. Den hohen kritischen Werth der alexandrinischen Uebersetzung wird Niemand verkennen, eben so wenig, dass mit ihrer IIülfe von dem Vf, eine Menge von Textänderungen vorgenommen worden sind, die als wahre Berichtigung sofort einleuchten. Wir rechnen dazu nicht bloss die Stelle c. 36, 23, wo die Lesart ET"2">, abgesehen von den LXX, auch durch andere Versionen und eine grosse Anzahl von IIandschriften unterstützt wird, oder c. 27, 16 die Aenderung von E-8 in E-IN, sondern z. B. auch c. 1, 11, wo das von LXX weggelassene DT"2D7 gewiss unächt ist, und die von J. H. Michaelis z. B. gegebene Uebersetzung: et hae quidem erant facies eorum, gar nicht genügen will; c. 1, 15, wo das erste nor - mit den LXX ausgelassen wird, c. 1, 16, wo sich sehr leicht erklärt, wie in die 1. Hälfte des V. das störende E-Tor: 2, in die 2. das ebenso störende ETR-72 gekommen ist, und beide Worte von H. nach dem Vorgange der LXX getilgt worden. Auch 2, 6 leuchtet für das übliche R-or, das von den LXX unterstützte rrin sofort ein, so wie v. 7 - 2 n».2 für das gewöhnliche - 2. Sehr glücklich wird c. 19, 10, nach dem ög ärGoç vöo der LXX, das 7 Tz des Textes in 72-5 verwandelt. Andere Verbesserungen s. noch 3, 15. 1 1 , 19. 12,

3. 13, 10. 18. 16, 53. 24, 25. 26, 21. 28, 14.30,

5. 33, 31. 38, 7. Aber nicht immer zeigt der Text

selbst so bereitwillig seine wunden Stellen, nicht immer bietet die LXX ein so einfaches Heilmittel dar. Vielmehr wird von H. selbst unumwunden zugestanden, dass die LXX schwierigere Stellen häufig falsch verstanden, andere wenigstens nicht treu übersetzt haben. c. 15, 5 heisst es ausdrücklich: „den Text, welcher überall richtig, haben die LXX mehrfach missverstanden"; 35, 13 wird zugegeben, dass sie ein Wort, „vermuthlich weil sie es nicht verstanden", weggelassen, c. 20, 31 u. c. 26, 8 u. 9, dass sie aus unverstandenen Stellen einen beliebigen Sinn herausgeklaubt und geklügelt, c. 6, 6, dass sie willkürlich abgekürzt. Ausser diesen Stellen und vielen andern mögen als solche, in welchen der Vf, die Unzuverlässigkeit der LXX ausdrücklich anerkennt, hier nur noch genannt werden 1, 3. 7, 23. 20, 1. 26, 16 u. 18. 28, 14. 35, 23 u. s. w. Gleichwohl setzt nun der Vf, wo er die LXX zu Emendationen benutzt, die strengste Wörtlichkeit, oder wenigstens das ge– wissenhafteste Streben nach dieser auf Seiten der ersteren voraus, ja wir finden diese Voraussetzung nicht selten unmittelbar neben der Anerkennung der Unzuverlässigkeit der LXX. So muss es auffallen, wenn c. 7, 22 in dem hebräischen Satze ":"Dx nN 725r, weil die LXX übersetzen zu utaro Fot tv Zaozoty uov von H. :oe in "HTFs geändert wird, obgleich éatoxon v offenbar nur eine falsche Uebersetzung ist, hervorgegangen aus dem Gedanken an den Stamm Tex, welchen die LXX Mich. 7, 7 ebenfalls durch ënuozoneto, sonst doch durch ozo7ts co und Derivate dieses Verbums ausdrücken. Und während nun diese Emendation die strengste Treue auf Seiten der LXX voraussetzt, und unter derselben Voraussetzung der Anfang von v. 23 mit Eisen und Feuer geheilt wird, werden die LXX, wenn sie am Schlusse desselben Vs. eine unfügsame Lesart, E“:2 für mit der einfachen Bemerkung abgefertigt, „dass sie nicht in Betracht" kommen. Ein ähnlicher Gegensatz liegt den Bemerkungen zu c. 20, 16. 18.39 zu Grunde; besonders charakteristisch aber für die Voraussetzung zu strenger Wörtlichkeit auf Seiten der LXX ist das zu c. 13, 8 Bemerkte. IIier heisst es im Urtexte: 27- er trom sh: Es zT v", und weil nun die LXX übersetzen: dv8' Öv o .dyo uöv perôeis, za a tartsia uÖv uáraat, so sollen sie SS 2“ gelesen und Sern geschrieben haben; als ob man einer Uebersetzung, der viel grössere Ungenauigkeiten in vielen Stellen nachgewiesen sind, nicht zutrauen könnte, dass sie einmal das Substantiv an die Stelle

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des im Urtexte stehenden Verbums gesetzt, zumal wenn jenes sich ihr fügsamer erweist. Auch 19,3 ist das änstjöyaev der LXX gewiss nur eine den Sinn des hebräischen Ausdruckes festhaltende Uebersetzung von Foy; mit II. anzunehmen, dass die LXX Tyr gelesen, und dies die richtige Lesart sey, ist um so weniger Grund vorhanden, als dies im ganzen A. T. nie durch änotyődao, sondern meist durch za?uvdao übersetzt wird, auch in den Stellen, wo es sonst noch bei Ezechiel vorkommt, 14, 11. 44, 10. 48, 11. Weitere Beispiele für die Annahme zu grosser Treue auf Seiten der alexandrinischen Uebersetzung s. c. , 6. 3, 9. 10. 3, 27 vgl. mit 3, 22. 6, 11. 29, 10 u. s. w. Wir verkennen nun keineswegs, dass der Vf, eine solche Treue der LXX voraussetzen musste, wenn er an ihnen eine feste Stütze für seine Emendationen haben wolltc; dass er aber wiederum die LXX in ihrer Vereinzelung als eine so feste Stütze darstellen musste, das hat seinen Grund in dem Umstande, dass er die Hülfe der übrigen kritischen Hülfsmittel zu sehr verschmäht, obgleich durch deren sich gegenseitig unterstützende und ergänzende Benutzung erst die wahrhaft feste und dauernde Grundlage für die Kritik gewonnen werden kann. Statt dessen sehen wir den Vf, sobald die LXX ihn, trotz seiner Kunst ihre Andeutungen sich zu Nutze zu machen, im Stiche lassen, sofort zur Conjecturalkritik sich hinwenden. Dass er dieses thut, ist sehr natürlich; denn ein Mann, der mit Hitzig's ausgezeichnetem Scharfsinn, seltener Gelehrsamkeit und Belesenheit diese enorme Combinationsgabe verbindet, kann gerade auf dem Gebiete der Conjectur seine Hauptstärke zeigen. Und wer wollte leugnen, dass H. von dieser Fähigkeit zur Berichtigung und Erklä– rung des Textes oft den besten Gebrauch gemacht? Als Beispiele mehr oder minder glücklicher Conjecturen seyen hier nur angeführt 1, 18.12, 12. 21, 21. Oft aber scheint es, als ob II., im Bewusstseyn dessen, was er vermag, nur seine Kraft üben und zeigen wolle, was sich auf diesem Gebiete wagen lasse. Beispiele für dies Verfahren bieten ausser andern Stellen besonders c. 7, 7–11; 28, 14 ff. 32, 17 – 32, wo von mehr oder minder zahlreichen, mehr oder weniger sicheren Haltpunkten aus zum Aeussersten fortgeschritten wird. In solchen Fällen macht der Vf, in der That zuweilen mehr den Advocaten seiner Lesart, als den unparteiischen Richter über die Beschaffenheit des Tex– tes und die verschiedenen zu dessen Verbesserung sich darbietenden Mittel; er greift den üblichen Text,

wie es uns scheinen will, manchmal ohne Noth an, macht für seine Lesart auch das Kleinste geltend, während er was für eine andere sprechen könnte, ignorirt oder kurzer Hand abweist; er schiebt, um einen sicheren Takt für Consequenzen zu gewinnen, dem erregten Gefühl des Propheten den strengsten logischen Gedankengang unter u. s. w.; das vollständige Zeugenverhör aber und die nüchterne Prüfung der Aussagen, worauf auch in Sachen der Kritik der unparteiische Richterspruch beruht, das ist, was wir bei H. nicht selten vermissen. Und unter solchen Umständen nöthigt der kühne Kritiker uns zwar immer Bewunderung ab für seinen Geist und sein Talent, er belehrt uns auch hier durch die reichen Schätze von Gelehrsamkeit die er uns bereitet, um das Zweifelhafte oder kaum möglich Scheinende als wirklich oder doch höchst wahrscheinlich zu erweisen; aber dieser Beweis selbst gelingt ihm nicht, „einen dauerhaften Grund" für das Verständniss des Schriftstellers legt er in solchen Fällen nicht, sondern zeigt höchstens, dass es damit noch verzweifelt aussehen muss, wenn selbst solche Kunst der Kritik und Auslegung nicht helfen können, und dass noch andere Mittel, als die von H. gebrauchten angewandt werden müssen, um diesen dauerhaften Grund in weiterer Ausdehnung zu legen. Ausserhalb des Gebietes der Conjecturalkritik begegnen uns namentlich im le.rikalischen Theile des Commentars Wagnisse, welche wir in keiner Weise gut heissen können. Wo ein Stamm im A. T. selbst häufig genug vorkommt, um durch den Sprachgebrauch in seiner Bedeutung mit einiger Sicherheit erklärt zu werden, da ist die Gefahr der Abirrung gering; auch der Vf, kat manche bisher falsch oder unbefriedigend erklärte Wörter mit Hülfe alttestamentlicher Parallelstellen vortrefflich erklärt. So steht c. I9, 11. 31, 3. 10. 14 Erag dem Context nach sicher für Erz, wie es denn auch die LXX an den drei letzteren Stellen durch reqé.at übersetzen, von einem Stamme n2: , der aus als sich weiter gebildet hat. Auch das robo c. 20, 37 findet durch die von H. empfohlene Zurückführung des Wortes auf roog, „Tiegel", 2 Sam. 13, 9, eine befriedigende Erklärung, nach welcher roS2 zu lesen und das folgende r"-ar, in rozr umzuwandeln ist. Mal. 3, 2. 3. Sach. 13,9 bieten hier passende Sachparallelen, und die gewöhnliche, auch von Gesenius gegebene Erklärung durch „vinculum foederis" passt durchaus nicht in

den Zusammenhang, wie dies auch schon Hävernick bemerkt hat. Wo aber zur Erklärung einzeln stehender Wörter verwandte Sprachen herbeigezogen werden müssen, da öffnet sich für den, der Lust hat etwas zu wagen, ein äusserst günstiges Feld. Denn bei den möglichen Versetzungen und weitgreifenden Verwandtschaften der Radikale eines Stammes einerseits, und bei dem allmäligen Uebergang einer Bedeutung in eine andere andererseits, ist bei dem Etymologen, der sonst guten Willen und eine tüchtige Combinationsgabe hat, in der That kein Ding mehr unmöglich, und wir haben es erlebt, dass die Bedeutungen schwarz und weiss aus einem und demselben Stamme abgeleitet worden sind. Wer vor solchen einer sicheren etymologischen Forschung allen Boden raubenden Verirrungen bewahrt bleiben will, der muss neben der ruhigsten Prüfung des Contextes, in welchem das zu erklärende Wort vorkommt, zur besonnensten und vielseitigsten Prüfung der in den alten Versionen niedergelegten Tradition, und zur nüchternsten Befolgung bestimmter Gesetze über Lautversetzung und Lautverwandtschaft sich bequemen. H. hat dies nicht selten verschmäht, um lieber in das offene Meer der etymologischen Combination hinaus zu steuern. Zuweilen geschieht dies selbst bei Wörtern, wo es gar nicht nöthig wäre, da ihre Bedeutung durch das A. T. selbst hinlänglich festgestellt ist. So bei so: c. 18, 8. Dies Wort bedeutet zweifelsohne ,,Zins", und da es immer in bö– sem Sinne gebraucht wird, warum soll es mit dem häufig in der Bedeutung, beissen" und dann auch in der allgemeinen Bedeutung „bedrängen“, „quälen" vorkommenden Stamme so: nichts zu schaffen haben? Warum muss es, um die unschuldige Bedeutung „periodische Frucht", tóxog, aufgenö–

- » thigt zu bekommen, auf den Stamm =--- zurück

geführt werden, mit dem es gewiss nichts zu schaffen hat? Warum den Stamm o2n, „gewaltthätig, frevelhaft behandeln", der mit dem arabischen , wenn dies auch nur im guten Sinne, in der Bedeutung „kühn seyn" vorkommt, so ungezwungen sich zusammenstellen lässt, auf das entlegene ... s zurückführen, dessen Bedeutung, promiscue ingessit salubria ac insalubria sumsitve proba et improba" zwar zu dem Ausdrucke on-nn 7e: 2r bei Ez. 22, 26, keineswegs aber für andere Verbindungen, in welchen Oxer vorkommt, passen würde? Warum endlich zur Erklärung des na:2 . c. 32,5

die durch Verweisung auf das arabische ) , „bespritzen" gewiss nicht zu rechtfertigende Zusammenstellung jenes Wortes mit ET wagen, wo für eine

Lesart nh2T oder no 2- aus dem Stamme „ computruit" die auch von der Peschito bestätigte sehr passende Bedeutung „putredo" so leicht sich ergiebt? Dass Stämme, von welchen, bei sonst gleichen Radicalen der eine ein -, der andre ein enthält, verwandte Bedeutungen haben, hätte niemals als Beweis gebraucht werden sollen, dass eine Verwandtschaft bestehe zwischen - und -7; denn in jenen Fällen beruht die Verwandtschaft der Bedeutungen auf den übrigen Consonanten, welche gleich sind, während durch das - in dem einen, das in dem andern Stamme gerade die Modification der Bedeutungen hervorgebracht wird. Auf der andern Seite verkennen wir nicht, dass c. 23, 5 u. 12 die Annahme der gewöhnlichen Bedeutung von E-3-E, z, propinqui," oder auch „amasii" einen etwas matten Sinn giebt, wir würden es wegen der auf jenes Wort an beiden Stellen folgenden Erwähnung der Purpurgewänder mit H. ganz erwünscht finden, wenn jenes Wort ebenfalls die Bedeutung „roth," » geröthet" haben könnte; dass es diese wirklich habe, hat aber H. durch Erinnerung an - s, „sich

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insbesondere das hebräische 2-R mit dem arab. -zusammenhängt, ist wohl ausser Zweifel. Aber der Stamm - s bedeutet gar nicht schlechtweg „sich röthen", sondern er steht speciell vom Rothwerden der reifenden Dattel, und diese Bedeutung ist nur eine von der Grundbedeutung des Stammes, wel– che im Begriff des Wechsels, der Veränderung liegt, abgeleitete; unmöglich kann ein von jenem Stamme abgeleitetes Adjectiv schlechtweg die Bedeutung „roth" haben. Wagnisse, wie die oben angeführten, erscheinen, wie gesagt, eher gerecht– fertigt, wenn ein Wort so vereinzelt steht, dass seine Erklärung in dem alttestamentlichen Sprachschatze selbst keinen Anhaltpunkt findet; aber auch in diesen Fällen ist der verehrte Vf, oft, um das Entlegenste herbeizusuchen, unnöthigerweise über das Nächstliegende hinausgegangen. CD ie Fortsetzung folgt.)

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