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tails hielt und weit weniger Diplomat war (S. 253), sehr unheilbringend gewesen ist – aber trotz dem darf doch nicht vergessen werden, dass eben Metternich sich an dem Siege und Ruhme der Verbündeten im Jahre 1814 nicht bloss ein gutes Theil zurechnen durfte, sondern dass der Beitritt Oesterreichs zum Befreiungswerke Deutschland's von Napoleons Herrschaft vorzugsweise Metternich's Werk gewesen ist. Vom Einzelnen wenden wir uns wieder zum Allgemeinen und da erscheinen uns die Briefe beider Freunde über Communismus und Socialismus der ernstesten Betrachtung werth. Von Louis Philipps Sturz ausgehend, zu dem beiden Freunden der Schlüssel fehlt und dessen Ursache sie mit Recht weder in seiner Regierungsweise nach der Moral der Zeitungs–Fabeldichter, noch in einem Guizotschen Corruptions – Systeme finden, gelangen sie zu den schlimmen Tiefen der communistischen und socialistischen Tendenzen, sowohl in Frankreich als in einem grossen Theile des übrigen Europa (Br. 9. 10. 11.). Unter den vielen guten Bemerkungen zeichnen wir (S.99) die Betrachtung darüber aus, dass der in die Industrie eingeführte Communismus den Nerv des Erwerbs daraus verbanne, weil es das Naturgesetz der Industrie ist, dass der Ehrliche, Intelligente und Fleissige erwirbt, der Betrügerische, Dumme und Faule aber darbt, ferner die mit vieler Wärme geschriebene Schilderung der Verlegung der Autorität in die Massen seit den Märztagen 1848. Es heisst hier: „schwerlich möchte irgend eine Revolution nachzuweisen seyn, wo die moralische Niederlage der Herrschenden tiefer und entscheidender gewesen wäre. Wenn zum Lobe der Märzbewegung angeführt wird, sie sey vor den Thronen stehen geblieben, so ist dies nur materiell zu nehmen; moralisch hat sie sie umgestürzt, hat sie (wie einst der Römische Senat oder die Ostindische Compagnie die fremden Könige) als reges instrumenta servitutis benutzt. Auch die gebildeten und besitzenden Klassen schienen umgestürzt, die censuslosen Urwahlen hatten die Gewalt in die untern besitz– und bildungslosen Classen hineinverlegt, ein sehr abnormer, völlig unhistorischer Zustand schien herbeigeführt." Wir sagen im Hinblick auf die neuesten Wahlen in Berlin, in Preussen und in Sachsen, er ist herbeigeführt und geben darin dem Briefschreiber in seinen Betrachtungen über die Zukunft (Br. 19) vollkommen Recht, dass der untrüglichste Compass für die Zerstörung dieser Zeiten ist: das allgemeine Stimmrecht in po– litischen Dingen, die censuslose Urwahl. „ zu Michel, dem Urwähler", schreibt G. mit gerechter Bitterkeit an einer

spätern Stelle des 21. Briefes, „war die Freiheit herabgestiegen, er aber verlangte, wie Zettel, in den Armen der Göttin nach einem Sack voll Bohnen oder nach einem Bündel Heu. Die Schuld der Freiheit ist das nicht, sondern die Schuld des gemeinen Sinnes, der sie – gemein zu reden – zur Milchkuh macht.” Hierauf ist im 19. Briefe bündig gezeigt, dass die ungebildeten Classen sich nicht ihres Privat-Interesses entschlagen können, dass sie in politischen Dingen nur von fremdartigen Einflüssen geleitet werden, dass ihr nächster Gedanke nur ist, die Erwerbsverhältnisse für sich günstiger zu stellen d. h. entweder mehr Besitz oder mehr Arbeitslohn den bemittelten Klassen abzudringen. Ein anderer denkbarer Fall aber, dass die unteren Klassen sich den über ihnen stehenden annähern würden, ist in Deutschland bei dem ersten Experiment der Urwahlen nirgends bemerkt worden. Fast nirgends haben die Arbeitenden ihre Arbeitgeber, Gutsbesitzer, Fabrikanten, Prediger oder irgend eine ihrer gewöhnlichen Autoritäten gewählt. Eben diese soll– ten ja ausgepresst werden. Sie wählten überall fast nur diejenigen, welche ihnen gegen die Besitzenden und Arbeitgeber beizustehen versprachen. Ueberall sind also bei den untern Classen Hoffnungen erregt worden, die nothwendig getäuscht werden müssen, wovon man hernach die Schuld abermals den Besitzenden wird zugeschoben haben. Es ist ein Stand der Dinge, sagt der Vf, herbeigeführt, der an sich die bedenklichsten Folgen erzeugen muss, die allerbedenklichsten vielleicht, wenn man Schritte thun wollte, ihm abzuhelfen.

Nicht minder wahr sind die mit diesem communistischen Treiben nur zu nahe verknüpften Betrachtungen über die Freiheit in Deutschland und ihre Theilnahme am politischen oder am constitutionellen Wesen. Mit Recht wird von M. (S. 26) der grosse Uebelstand hervorgehoben, dass es den Preussischen Unterthanen früher nicht gestattet gewesen wäre, sich irgendwie selbstthätig und selbstbildend am Staatswesen zu betheiligen, dass jeder Wunsch, jeder Versuch mit der welthistorisch gewordenen Formel des „beschränkten Unterthanenverstandes" abgewiesen war, und dass eben dadurch Gleichgültigkeit gegen das vaterländisch Gute und jetzt, nachdem die Freiheit gegeben ward, die Unfähigkeit, erzeugt ist, in irgend einer politischen Richtung etwas Brauchbares zu leisten. CD er Beschluss folgt.)

Gebau ersche Buchdruckerei.

ALLGEMEINE II TE RA TUR - / E IT UNG

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Leben JeSU. Die Geschichte des Lebens Jesu mit steter Rücksicht auf die vorhandenen Quellen, dargestellt von Dr. Christoph Friedrich von Ammon. Dritter u. letzter Band. gr. 8. XVI u. 520 S. Leipzig, Vogel. 1847. (3 Thlr. 27 Sgr.)

er hier vorliegende Beschluss des ausgezeichneten Werkes, dessen beiden ersten Bänden wir in diesen Blättern (1843, Nr. 1 – 2, und 1845, Nr. 40–41,) schon ausführliche Anzeigen mit gebührender Anerkennung gewidmet haben, gibt einen erfreulichen Beweis, dass der ehrwürdige Veteran noch ungeschwächte Kraft bewahrt hat, der literarischen Welt auch diese Bereicherung noch zu schenken. Schon in der Vorrede hat der Vf. auch diesmal sehr wichtige Gedanken niedergelegt, zu denen ganz besonders die Ausführung des Satzes gehört, dass das Leben Jesu höher stehe als jede

Wissenschaft und als alle Dogmen, dass in dem

selben kein vollständiges Lehrgebäude der Religion, sondern nur der ewig wahre Inbegriff derselben in dem Glauben an den Vater, Sohn und Geist gegeben, dass keine authentische Erklärung und abgeschlossene Ausführung desselben in den kirchlichen Symbolen aufgestellt ist, die, bei allem grossen und nicht zu verkennenden Werthe für ihre Zeit, doch immer nur „Knechte sind, die nicht im Hause bleiben" und nicht „dem Sohne gleich, oder doch, wie Salome für ihre Söhne bat, ihm zur Rechten und Linken zu stellen sind." Dass diese leider auch für unsere Zeit noch immer höchst nöthige Erinnerung auch hier nicht am unrechten Orte stehe, bevorwortet der Vf, damit, dass er grade durch das Studium der Quellen des Lebens Jesu in der Ueberzeugung sey befestigt worden, „dass das Leben Jesu ein weises, heiliges, göttliches und segenvolles für alle Bekenner seiner seligmachenden Lehre sey, und dass die Zerwürfnisse unserer Zeit nur im Lichte und durch den Geist der höheren Offenbarung Gottes wieder ausgeglichen werden können, die sich jedem wissenschaftlich vorbereiteten und für den reinen Glauben empfänglichen Forscher in

dem vollen Glanze ihrer Herrlichkeit darstellt.” – Wie es schon in den früheren Bänden sein vornehmstes Bestreben war, einen festen chronologischen Richtpunkt zu gewinnen, so hat er darauf in diesem letzten Bande vornehmlich in der Leidensgeschichte sein Augenmerk gerichtet. Zugleich erwähnt er im Voraus, dass er auch hier nicht habe umhin können, sich oft auf Texterklärungen einzulassen, und entschuldigt sich gegen früher desfalls gemachte Ausstellungen mit den Worten, dass dies nöthig gewesen sey „selbst auf die Gefahr hin, den geschichtlichen Zusammenhang der Rede durch disparate philologische Andeutungen zu unterbrechen." Sofern es eben nur „Andeutungen," und nicht, wie auch hier oft der Fall ist, längere Excurse sind, lässt sich dagegen eben so wenig einwenden, als gegen die besondere Berücksichtigung der Peschito, die grade deshalb um so mehr zu loben ist, weil sie der Landessprache Jesu und seiner Jünger nä– her steht, in der bekanntlich unsere jetzigen Evangelien nicht geschrieben sind, und weil sie namentlich am geeignetsten ist, den verlorenen aramäischen Urtext des Matthäus zu ersetzen. Dass der Vf. aber die Grundsätze der Behandlung, die ihn bisher leiteten und zu denen er sich jetzt von Neuem bekennt, auch hier treu befolgt hat, und dass er den historischen Tact, den er bescheiden sich nur wünscht, in reichem Maasse besitzt, davon legt auch der vorliegende Band durchgängig ein redendes Zeugniss ab. Was die vorigen Bände noch übrig gelassen hatten, das wird uns hier in der 5ten und 6ten Abtheilung gegeben, nämlich der Zeitraum von der letzten Reise Jesu nach Jerusalem bis zu seinem Tode, und dann von seinem Tode bis zu seiner Vollendung. Wir müssen schon hier auf die Unterscheidung zwischen „Tod“ und „Vollendung" aufmerksam machen, um uns später, bei des Vf's Exposition von beiden, an dieses bedachtsame Prognostikon zu erinnern, und unser Erstaunen darüber, da wo wir die unumwundenste Sprache erwarten dürften, einen wenn auch durchsichtigen, doch immer verhüllenden Schleier zu finden, wenigstens dadurch einigermaassen zu mindern, dass es uns nicht ganz unvorbereitet überraschte.

Die „ernstlichen Vorbereitungen auf die letzte Reise nach der Hauptstadt,” deren Darlegung die Ueberschrift des Kap. 58 verheisst, kommen eigentlich gar nicht weiter zur Sprache, als in Beziehung auf den Zeitpunkt, von welchem der Lauf der folgenden Ereignisse ausgeht, unter denen hier zunächst nur die Grausamkeit des Pilatus gegen die Galiläer Luc. 13, die Heilung der arthritischen Frau am Sabbat, und die Rede Jesu über die Verblendung der Zeitgenossen hinsichtlich der nahen Erscheinung des göttlichen Reiches vorkommt; voll scharfsinniger Bemerkungen und treffender Anwendungen auf die jetzige Zeit. Am bedeutendsten in diesem ganzen Abschnitte ist die Behandlung der noch übrigen Parabeln Jesu, von denen die

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schen Gegenwart u. S. W.
(Beschluss vom Nr. 62.) -

Dann heisst es: „ich glaubte wirklich, die Deutschen wären weiter. Welche Masse von Gemeinheit, Selbstsucht, Beschränktheit, Missgunst und Niedrigkeit macht sich nicht breit auf Grund der errungenen Freiheit. Dies Alles brodelt aus dem Kessel hervor, dem der Deckel abgenommen wurde und sieht sich wahrlich an, wie ein Hexengebräu von Ungeziefer und Krö– tengift – schwer abzusehen, wie hieraus das Lebens – Elixir sich abklären wird. Glauben muss ich dennoch, dass es wird: nur nach irgend welcher Grösse, Hingebung und lauteren Wahrheit sieht man sich jetzt vergebens um. Von dem leiligen Willen Gottes ist nirgends mehr die Rede – nur noch von dem heiligen Willen des Volks und zwar von seinem Urwillen, den z. B. die provisorische Regierung in Frankreich officiell erklärte, über die künftige Staatsform erforschen zu wollen. Aks ob das möglich wäre und als ob das eigentliche Volk einen andern als einen octroyirten Willen haben könnte!” In einem andern Briefe (Nr. 10) erörtert G. mit vieler Klarheit die sonderbare Inconsequenz unsrer neuen Politiker und Volksführer, Alles vom Staate zu Verlangen und ihm jede Mittel zur Gewährung vernünftiger Freiheiten abzuschneiden, nachdem er schon vorher (S. 70 ff) auf Veranlassung seines

Freundes eine köstliche Stelle aus den Rittern des Aristophanes über das Wurstmachen, als die Cardinal-Tugend der Demokratie, mitgetheilt hat, an deren Schluss es heisst: Durcheinander rührst Du, hackst Du wie Hache und stopfst - - - - Wie Wurst - Die Demokratie und machst Dir das Volk mit süssem Guss Von küchenmeisterlichem Geschwätze mundgerecht; Das übrige Demagogenwesen hast Du ja; Hundsfött'sche Stimme, schofle Geburt und den Strassenwitz, Kurz, Alles hast Du, was man zur Staatsverwaltung braucht. Wir kommen zu den Briefen über Deutschland. M. hält im 13. Briefe die Idee vom einigen Deutschland für nichts als einen allgemeinen Rausch und als eine hohle Phrase, er sieht in dem Fünfziger – Ausschuss zu Frankfurt nur den frechen Uebermuth einer gemeinen Natur, die zur Herrschaft gelangt ist und die Sehnsucht der edeln Gläubigen erscheint ihm wie die Sage vom Paradiesvogel, in welcher dieser keine Füsse hat, mit welchen er die Erde betreten kann. Es müsse wohl einen Kern der Idee geben, aber er vermöge ihn nicht zu finden. Die Antwort seines Freundes (Nr. 15.) erkennt das Hohe und Heilige einer deutschen Einheit an, aber man soll diesen Gedanken nicht über sein Maass treiben und den Bogen nicht zu straff anspannen. Daher ist G. auch den Maassnahmen des Vor-Parlaments und des Funfziger – Ausschusses nicht sonderlich günstig, er tadelt an der National-Versammlung, dass sie sich überkompetent betrage, und zählt die Schwierigkeiten auf, mit denen die Central – Gewalt nach der Art ihrer Einrichtung zu kämpfen haben wird. Hierzu gehört eine im October 1848 geschriebene Denkschrift (Nr. 14), in der sich G. als guter Deutscher zeigt, aber sich dagegen wehrt, wie es in einem folgenden Briefe heisst, jemals ein Frankfurter Enthusiast gewesen zu seyn (S. 284). Die Denkschrift selbst ist in sechs Abschnitte eingetheilt: Leitende Ideen der deutschen Gegenwart. Die ideelle Macht des Frankfurter Parlaments. Die Bundesgenossen der Einheits-Idee. Die Particular – Staaten. Die deutsehen Regierungen. Republik. In allen diesen Erörterungen sowie in den (Br. 22.) über die Conflicte in Frankfurt erkennen wir edeln Willen und gereifte Einsicht, so dass wir bei grösserem Raum Stoff ZU1 vielen Bemerkungen haben würden. Wir können uns bloss auf wenige beschränken. Zuerst spricht G. ein wahres Wort über die süddeutschen Staaten. Ihr Streben nach Einheit Deutschlands ist daraus entstanden, weil sie sich ihrer Kleinheit schämten, so dass selbst die Freiheit und ihr constitutioneller Mechanismus zu einem lächerlichen Spielwerk geworden war. Der Oesterreicher, Preusse und Bayer fand aber sein Vaterlandsgefühl schon grossentheils durch Oesterreich, Preussen und Bayern befriedigt (S. 170–172). Wie nun Preussen zu Deutschland steht, ist bekannt, eben so der gute Wille seines Königs. Aber die Lage ist „die complicirteste geworden, die man sich denken kann” nachdem Preussen ohne Antheil an der Centralgewalt vor der blossen Doctrin des einheitlichen Deutschlands nicht hat das Knie beugen können, und nachdem die neuesten Conflicte in Frankfurt eingetreten sind, deren jüngstes Stadium mit der Preussischen Circularnote vom 23. Januar 1849 begonnen hat. Nach G.'s Ansichten fordert jetzt

Preussens Stellung, sich zunächst und so lange

die gegenwärtigen Verhältnisse dauern, sowohl dem Ausscheiden Oesterreichs aus Deutschland als auch der Aufstellung eines einigen und erblichen deutschen Kaiserthums zu widersetzen und eine solche Combination – auch wenn sie ihm selber angeboten würde – zu vermeiden. Preussen muss womöglich die übertrieben schwarz-gelbe Tendenz in Wien mit der übertrieben schwarz-roth – goldenen in Frankfurt durch vermittelnde Vorschläge zu versöhnen suchen, wenn man auch dadurch bei dem Frankfurter Souverainitäts – Schwindel anstossen sollte. Dieser ist überhaupt eine grosse Thorheit, denn einmal haben die Constituanten die Zahl der Souveraine in Deutschland, über die man klagt, bis auf das doppelte gebracht und weil man affectirte, es sey in Frankfurt die Generalregierung Deutschlands, so hat man sich dadurch die Einzelregierungen entfremdet und die National-Versammlung kann auf keine compacte Majorität der Fürsten rechnen. Die Gedanken zu einer Organisation Deutschlands sind im 19. Briefe enthalten nach der ausgezeichnet schönen Einleitung über Maass, Recht, Sitte und Schönheit in politischen Dingen. Wir nennen aus diesen Vorschlägen nur folgende: 1) alle deutsche Länder sollen zu einem Ganzen vereinigt werden, ohne dass 2) die deutsche Einheit so straff gespannt sey, dass Oesterreich, Schleswig, Limburg u. S. w. ausgedrängt werden, indem ohnehin die Frankfurter Beschlüsse über blosse Personal – Union zu weit gehen; 3) an der Spitze Deutschlands stehe ein Reichsdirectorium aus dreien Souverainen; Oesterreich, Preussen permanent, der dritte aus den deutschen Königshäusern unter sich gewählt; der Vorsitz, an den der Kaisertitel geknüpft ist, jährlich wechselnd zwischen den dreien; 4) ein Staatenhaus besteht als Ausdruck der Particularität der

deutschen Staaten und eine Nationalversammlung als Ausdruck der Totalität der deutschen Nation, von dieser nach Massgabe der Bevölkerung gewählt; 5) Mediatisationen würde ich nicht vorschlagen, aber werden sie zu umgehen seyn? Sie werden in Betreff der kleinsten Territorien sicher verlangt werden; 6) Sitz der Centralgewalt sei Gotha, das Centrum von Deutschland mit einem kleinen Reichsgebiete um sich her. Wir durften diese Vorschläge um so weniger übergehen, je mehr sich bei der Stellung des Vfs vermuthen lässt, dass dieselben in höhern Kreisen Eingang gefunden haben, oder vielbesprochen worden sind. Da nun aber, wie G: im Decbr. v.J. schrieb, „es ganz unmöglich ist zu sagen, was aus Deutschland wird“ (S.215), so glauben wir uns auch jetzt noch weiterer Bemerkungen enthalten zu müssen. Aber gegen die Trias der Regierung wäre aus geschichtlichen und andern Gründen Manches einzuwenden. Nur mit wenigen Worten sey des trefflichen Abschnitts „Republik" in der Denkschrift (S. 199– 205) gedacht. Er ist der weitesten Bekanntwerdung würdig, denn er zeigt gründlich, dass eine jetzige Republik etwas ganz andres ist als die Republik der alten Welt, dass man vielmehr darunter jetzt nur das versteht, was jedem politischen WolIüstlinge am besten passt. „ Republik, sagt G., gilt Iheute als der weiteste Raum für die Freiheit des individuellen Beliebens und macht die Schwäche der Obrigkeit, jenem Belieben gegenüber, zur conditio sine qua non. Republik ist ein unverständlich hoffnungsreiches Zauberwort, welches gleich der Fee Mab Jeden nach seinem Bedürfniss träumen

den Armen von Reichthum , den Arbeiter von Müs– Fau

lässt: siggang, den Mühseligen von Behagen; dem Dummen, 1en und Schlechten wirft es die goldnen Früchte mühlos in den Schooss: es ist der „ kräftige Irrthum” und „Taumelkelch” der Zeit. – Selbst eine amerikanische Republik würde unsern Republikanern nicht gefallen, weil Amerika das Land der Arbeit und des Privateigenthums ist, während die rothe Republik la bourse et la vie haben will, auf der Landstrasse verlangt man in der Regel nur Eins von Beiden.”

Von diesem unsichern Boden Deutschlands weg führen uns die beiden Freunde in zwei Briefen auf die weit mehr unterwühlte Italiänische Erdc. Doch haben G. sowohl als M. dieselbe im noch ruhigen Zustande unter dem Pontificate Gregors XVI. bewohnt und wir finden daher in des ersteren Briefe (Nr. 21) alle die Erinnerungen und Anklänge an das zauberische Hesperien, von denen sich unsre Deutschen Landsleute, Diplomaten und Nicht–Diplomaten, noch lange Jahre nachher angezogen fühlen. In G.'s Briefe haben wir zuvörderst eine trefffiche Characteristik der Römischen Zustände unter

Gregor XVI. und der allgemeinen Unzufriedenheit mit der stagnirenden politischen Gegenwart auszuzeichnen, sodann von Gregor's Art und Weise, der sein Land wie sein Kloster regierte, den unbedingtesten Gehorsam forderte und als Pabst glaubte in allen Dingen Recht haben zu müssen. Es ist ergötzlich hier (S. 248) zu lesen, dass Gregor selbst da, wenn Capaccini ihm in Finanzangelegenheiten Vortrag hielt, und er vergeblich trachtete, den genialen Staatsmann für seine hausbacknen Argumente einzunehmen, wohl auszurufen pflegte „aber er sey ja Pabst, könne doch nicht irren, müsste Alles am Besten wissen." Der eigentliche Held G.'s ist Pius IX. Dieser angelo della libertà ist kein Revolutionär, kein Treuloser, kein Aufklärer, aber wohl eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Persönlichkeit, kein Hierarch, wie Gregor XVI., aber ein Nachfolger der Apostel, ein Pabst von feiner Sitte, guter vorurtheilsfreier Bildung, dessen Politik die Politik der Liebe war, der einen Verkehr des Wohlthuns und der Liebe mit seinem Volke führen wollte. Deshalb sagte er sich durch die Amnestie von dem bisherigen Systeme los und lud dadurch das grösste Missfallen Metternichs auf sich, der ihm vorwarf, er habe gerade seine unversöhnlichsten Feinde begnadigt, die professionirten Brandstifter in sein Haus geladen, er allein verschulde die Bewegung Italiens (S. 253). Dagegen rechtfertigte sich Pius in einer interessanten Unterhaltung mit einem auswärtigen Diplomaten (mit G. selbst?) im Frühling 1846, aus der wir hier nur folgende Worte anführen: „ die Amnestie zu geben, war nicht nur eine politische Nothwendigkeit, es war meine Pflicht Gera il mio dovero)." Aber als die Bewegung zu stürmisch ward, als die Empö– rer ihn zwingen wollten, wider sein Gewissen an Oesterreich den Krieg zu erklären, da trat er sofort zurück und ist willig in die Verbannung gegangen. „Das Mittelalter, sagt G. sehr schön, hätte Pius dem reinen Hermelin verglichen, das nach der Sage sich lieber tödten lässt, als durch eine Pfütze sich rettet” (S. 256). „Hat er sich geirrt, sind Gregor's Sbirren und Verliesse besser, lassen sich die Menschen dieser Zeit nicht durch Vernunft und Liebe, sondern nur durch Geissel und Zaum leiten, so wird seine rührende Gestalt in der Geschichte dennoch schön und menschlich stehen bleiben." Mit dem Lebensbilde des Grafen Rossi, den G. einen der besten Römischen Staatsmänner nennt – capax utriusque fortunae sagt unser, in solchen classischen Anführungen wohl bewanderter Diplo

mat – schliesst dieser Brief, einer der vorzüglichsten in der ganzen Sammlung. Nun haben aber unsre Vff, als Männer von Geist und Bildung, in ihren Briefen mitunter den Boden der Politik verlassen, um sich in anmuthigen Schilderungen aus der Natur und aus dem Leben zu ergehen. Der Leser kann ihnen dafür nur dankbar seyn, dass sie diesen Reiz und die Haltung einer höhern Kunst nicht verschmäht und so glänzende Parthien, wie die Rheinfahrt des Reichsverwesers Johann nach Köln (Br. 11) und die Erleuchtung des Schlosses Stolzenfels im Herbst 1845 (Br. 13) ihren Briefen eingefügt haben. Noch höher stehen zwei trefflich geschriebene Stücke, die Beisetzung Friedrich Wilhelms III. im Dome zu Berlin und die damalige Haltung der Residenz – ein arger Contrast zu den Thaten der Hauptstadt im vorigen Jahre – im 6. Briefe und das im Gefühl des gerechtesten Schmerzes gezeichnete Landschaftsbild Charlottenburgs, als der Grabesstätte des schlichten, bescheidenen, gottesfürchtigen Königs, des stärksten Antipoden des frechen, gottlosen, nur sich selbst vergötternden Geistes dieser Zeit. „Wir schieden," schreibt M., „tiefbewegt von der stillen Einsamkeit des Ortes; das letzte Vergissmeinnicht, welches noch vom blauen Kranze des Sommerschmuckes zurückgeblieben war, pflückte mein Freund zur Erinnerung an die alte Monarchie! Sunt lacrimae rerum" (Br. 16). Demselben Könige ist im 4ten Briefe von G. eine gelungene Charakterskizze und Beschreibung seines einförmigarbeitsamen Lebens gewidmet worden, von der wir

nur die ersten Worte hersetzen: „von Anfang eine männliche Natur, karg aber tüchtig, durch Erziehung nicht entwickelt, vielmehr zurückgedrängt in unselbstständige Blödigkeit; verschmäht als untergeordnet oder prosaisch von einer überschwänglichen oder unsittlichen Zeit; in Schatten gestellt selbst durch die herrliche Gemahlin; dann aber entwickelt durch das Unglück, verklärt durch den schmerz, gereift durch That und Krieg, vollendet endlich durch friedliches Herrschen während eines Vierteljahrhunderts.”

Wir verlassen hiermit das bedeutende Buch ohne weitere Kritik seiner Sätze und Ansichten, denen wir ja auch fast überall beistimmen. Zudem sind es Anschauungen des Augenblicks und Auffassungen der unmittelbaren Gegenwart, welche uns die wohlgesinnten Verfasser darbieten: sie müssen daher auch rasch gelesen und möglichst verbreitet werden, wenn der gute Rath noch zur rechten Zeit kommen soll, ehe vielleicht die Herrschaft der Ereignisse etwas ganz Neues und Schlimmeres über unser Vaterland heraufgeführt hat. Fata viam invenient.

Gebauersche Buchdruckerei.

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