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falls ein Gedicht verfasst, dann sey der Raub einem Soldaten überwiesen, und dies habe Anlass zu den Dirae, deren Anfang an das frühere Gedicht anknüpfe, gegeben. Abgesehn davon, dass bei dieser Erklärung ganz willkührlich eine doppelte Beraubung angenommen wird, so werden dadurch auch auf eine sehr gezwungene Weise die so eng verbundenen Worte pupillum relictum und eoque facilius exutum patrimonio auseinander gerissen. Offenbar ist sie nur gemacht, um Cato als den Vf des Gedichtes noch festhalten zu können. Naeke verfährt, als ob es anderweitig feststände, dass dieser und kein Anderer der Dichter der Dirae sey, und als ob es nur darauf ankäme, diese Thatsache in Einklang mit den Angaben Suetons zu bringen, während doch diese vielmehr den einzigen Beweis für das, was vorausgesetzt wird, geben sollen. Wenn man aber bedenkt, dass Sueton weder von einem Acker, noch von einer Assignation an Soldaten redet, so bleibt nichts, was der Dichter der Dirae mit jenem Cato gemein hätte, als der Name der Geliebten Lydia, der doch wahrlich allgemein genug ist, um bei mehr als Einem Dichter vorkommen zu können. Nimmt man noch hinzu, dass Cato als pupillus von dem Verluste seines Erbtheils betroffen wurde (denn schwerlich sind die Worte anders zu deuten), dann sollte man im Gegentheil aus der Stelle schliessen, dass er der Vf. nicht war. Dies ist denn auch mit Recht von Merkel in Ovid. Jb. S. 364 ausgesprochen, dem wir auch darin beistimmen, dass das Gedicht sich wahr.scheinlich auf die von Antonius und Octavian vorgenommenen Ackervertheilungen (713), bei der noch mancher andere Dichter den Verlust seines Landgutes zu beklagen hatte, beziehe. Den Namen des vielleicht wenig bekannten Dichters ausfindig zu machen, wird bei dem Mangel bestimmter Andeutungen nicht möglich seyn. Die Lebenszeit des Cato aber muss nach diesen Bestimmungen um einige Jahre herabgerückt werden, so dass sein Geburtsjahr nicht lange vor der Sullanischen Gesetzgebung, etwa zwischen 660 und 670 zu suchen ist, womit die übrigen sehr unbestimmten Andeutungen über seine Zeit eben so gut zu vereinigen sind, als mit Nackes Rechnung, nach der er schon vor 650 geboren seyn müsste. Das Zeugniss des Furius Bibaculus, der in einem Gedichte bei Sueton a. a. O. von ihm sagt quem tres cauliculi – ad summam prope nutriant senectam, worauf Naeke am meisten Gewicht legt, beweist an sich weiter nichts, als dass jener den Cato noch als einen hochbejahrten Mann gesehn habe, nicht dass er auch jünger gewesen sey, als

dieser. Ueberdies aber darf die schwankende Autorität des Hieronymus, der das Geburtsjahr des Furius Bibaculus schon 651 ansetzt, nicht abhalten, diesen, was auch aus andern Gründen wahrscheinlich ist, um einige Jahre jünger zu machen. Von den Werken des Cato, die Naeke ebenfalls bespricht, wollen wir nur die Indignatio erwähnen, die man nach dem, was Sueton darüber sagt, am wahrscheinlichsten für eine Entgegnung, gleichviel ob in Versen oder in Prosa, auf die Angriffe und Verläumdungen seiner Feinde, die auch seine Herkunft angezweifelt hatten, halten möchte. Doch um zu den Dirae zurückzukehren, so muss nach dem vorher Bemerkten auch die dritte Abhandlung de poesi Catoniana, welche die Aufgabe hat, aus der Sprache des Gedichtes nachzuweisen, dass es nicht jünger seyn könne, als die Sullanische Zeit, dieser ihrer Haupttendenz nach für verfehlt gelten. Naeke sucht dies durch Beobachtungen über die auffallenden Wiederholungen desselben Wortes, über IIäufung der Epitheta ohne Copula, über die Wortstellung und über die Art der Satzverbindung, wobei besonders die Form der Parenthese und der Apostrophe hervorzuheben ist, und endlich durch eine Reihe von Bemerkungen über den Versbau zu beweisen. Er scheint aber dabei nicht gehörig beachtet zu haben, dass nicht alle Dichter nach dem Maassstabe, den die vollendeten Muster einer Zeit, wie es namentlich Virgil für die Periode, der wir das Gedicht zugewiesen haben, ist, beurtheilt werden dürfen. Dennoch aber enthält gerade diese Abhandlung eine Menge seiner Beobachtungen über den poetischen Sprachgebrauch, welche immer ihren Werth behaupten werden und überhaupt das Buch von der glänzendsten Seite zeigen. – Was die Theilung der Verse in zwei Gedichte betrifft, so dass mit V. 104 ein neues Gedicht beginnt, so hat Naeke richtig gesehn, dass beide Stücke nichts weiter mit einander gemein haben, als den Namen Lydia. Sollten sie Ein Gedicht bilden, so konnte unmöglich der Verlust des Ackers in dem letzten Theile so ganz ausser Acht gelassen werden. Auch daran ist kein Grund zu zweifeln, dass das zweite Gedicht vollständig erhalten ist. Nach Inhalt und Sprache zu urtheilen, ist es demselben unbekannten Dichter, von dem die Dirae herrühren, zuzuschreiben, und dies mag der Grund seyn, weshalb es mit jenen erst zusammengestellt, dann verbunden wurde. Schwieriger ist die Frage, wie die Dirae für sich zu verstehn sind. Die Entscheidung darüber lehnt sich hauptsächlich an die Bedeutung des in dem Gedichte öfter angeredeten Battarus. Früher suchte man darin die Bezeichnung eines Waldes oder eines Berges oder sonst eines Gegenstandes der Art auf dem Landgute des Dichters. Naeke sah ein, dass es nur der Name eines Mannes seyn kann, und verstand darunter einen Sklaven, den man sich als einen Flötenbläser, der das Lied seines Herrn begleite und diesen durch sein Spiel immer von Neuem wieder anrege, zu denken habe. Gegen diese schon früher von Nacke ausgesprochene Erklärung hat C. F. Hermann in der Recension von Putsches Ausgabe der Dirae Allg. Schulzt. 1831 n. 49 und neuerdings in einer Recension der Näkeschen Bearbeitung Z. f. AW. 1848 n. 70 besonders deshalb Bedenken erhoben, weil der Ausdruck Nec fecunda, senis nostri felicia rura, Semina parturiant segetes (V. 10) nur für einen Sklaven, der seinen Herrn nach gewöhnlichem Sprachgebrauch senex noster nenne, passe, nicht für den Herrn selbst, der damit nach Nackcs Ansicht den bejahrten villicus gemeint haben sollte. Darauf gründet er die Vermuthung, dass das Gedicht ein Wechselgesang sey, in welchem der Herr und sein Sklav Battarus mit einander in verschiedenen Strophen abwechselten, und wobei jene Worte dem Battarus zufielen. Aber so sehr sich auch diese Ansicht durch die eingeschobenen Refrains zu empfehlen scheint, so ergiebt doch der Inhalt des Gedichtes keine Vertheilung der Verse, die eine solche Annahme genügend rechtfertigte. Denn bei der von IIermann vorgeschlagenen Abtheilung vermisst man in den einander entsprechenden Versen zu oft die gehörige Beziehung, welche sonst dem amobäischen Gedichte eigen ist. Die scharfen Spitzen, welche in den einzelnen Gegensätzen hervorzuspringen pflegen, die genauen Erwiderungen, mit denen die Sänger sich entgegenzutreten oder sich aneinander anzuschliessen pflegen, fehlen hier ganz. Wo aber diese nicht vorhanden sind, sondern die Verse ohne solche scharf bezeichnete Gegensätze sich aneinander reihen, da fällt auch aller Grund weg, diese in die Form eines Wechselgesanges einzukleiden, statt sie von Einer Person vortragen zu lassen. Eine gewisse Gleichartigkeit des Inhalts, die sich noch dazu nicht überall nachweisen lässt, reicht dafür nicht aus, zumal wenn man bedenkt, wie leicht es gerade bei diesen Verwünschungen dem Dichter werden musste, gegenseitige Beziehungen in die Reden hineinzulegen, wenn er diese Form gewollt hätte. Man hätte in diesem Falle wahrscheinlich ganz andere Entspre

chungen nachweisen können, als sich jetzt auffinden lassen. Dazu kommt, dass, so oft auch Battarus angeredet wird, eine ähnliche Erwähnung seines Genossen sich nicht findet. Hermann sucht zwar eine solche Anrede in V. 91 sqq. Tardius ah miserae descendite monte capellae, Mollia non iterum carpetis pabula nota, Tuque resiste pater, wo er pater als Anrede an den alten Herrn fasst. Aber so wunderlich es auch Hermann findet, hier unter pater den Bock zu verstehn, wie Naeke mit allen andern Interpreten erklärt hatte, so müssen wir doch diese Erklärung immer noch für die allein richtige halten. Denn obgleich Niemand pater ohne weiteren Zusatz für gleichbedeutend mit pater gregis halten wird, was freilich Hermann sogar von Naeke anzunehmen scheint, so liegt doch diese Bedeutung nahe genug, wenn im vorhergehenden Satzgliede von der Ziegenheerde die Rede ist, ja die lose Anknüpfung mit tuque macht kaum eine andere Beziehung möglich. Wenn wir hiernach aus die Annahme eines Wechselgesanges verzichten müssen, so führt doch der Name des Battarus, den man mit ziemlicher Sicherheit für einen Hirtennamen halten darf, darauf, auch den Sänger sich als IIirten zu denken. Obgleich nun dieser allerdings der Besitzer des Ackers, den er verlässt, selbst ist, so muss er doch, indem er in Gestalt eines IHirten auftritt, ebensogut als Sklav erschei– nen, als Virgil unter der Hülle des Tityrus in der ersten Ekloge. Wir haben uns also zwei Hirten zu

denken, welche ihre Heerde von dem Acker, der

in die Hände des Soldaten gefallen ist, wegtreiben, der eine, Battarus, wahrscheinlich noch jung und vielleicht als Knabe zu denken, der andere älter. Der Letztere stimmt nun anknüpfend an die Klagen, in die er sich schon früher mit seinem Begleiter ergossen hatte, den Ilirtengesang an, um den einst so geliebten Acker, auf dem er seine Heerden geweidet hatte und auf dem er seine Lydia zurücklassen musste, zu verwünschen. Der Sänger hält dabei auf seinem Wege von Zeit zu Zeit inne und trägt gegen seinen Begleiter, der die Klage mit ihm theilt, gewendet, das Lied in einzelnen Absätzen vor. So scheinen sich die Schwierigkeiten der einzelnen Verse genügend zu erklären, ohne dass man zu der etwas seltsamen und durch keine anderen Beispiele gerechtfertigten Annahme Nacke's, dass Battarus das Lied seines Herrn auf der Flöte begleite, seine Zuflucht nimmt. H. Keil.

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Die Gegenwart, Politische Briefe und Characteristiken aus der deutschen Gegenwart. gr. 8. XIV u. 288 S. Berlin, W. Hertz. 1849. (1 Thlr. 10 Sgr.)

Unter den zahllosen Schriften der Gegenwart, welche sich politische nennen, aber die politische Meinung in unserm Vaterlande mehr verwirren als aufklären, tritt uns, wie eine Erscheinung aus besserer Zeit, die vorliegende Schrift von frischer Auffassung, edler Gesinnung und vielseitiger Bildung entgegen. Auch sie ist auf dem Boden der unmittelbaren Gegenwart erwachsen und bekämpft dadurch siegreich den oft gehörten Vorwurf, dass wir keine Bücher besässen, welche von mithandelnden Personen in der Mitte ihrer öffentlichen Wirksamkeit ausgegangen sind. Nun, wir besitzen zwar in den Denkschriften eines Dohm, Niebuhr, Gagern, Varnhagen von Ense staatsmännische Aufzeichnungen, aber die deutsche Schüchternheit hat lange Zeit hindurch keine dreisten Urtheile, unbestimmten Gerüchte oder unsichere Erinnerungen an Personen und Sachen dem verrätherischen Papier anvertrauen wollen oder es hielt eine an sich gewiss sehr lobenswerthe Besorgniss die Verfasser ab, noch bei ihrem Leben Nachtheiliges und Kränkendes von dem Lande, in dem sie lebten, oder von dem Fürsten, dem sie dienten, öffentlich zu sagen. Wir haben indess aus allen solchen Schriften trotz der Bedenklichkeiten ihrer Verfasser viel Wichtiges und Nützliches erfahren, aber da nun einmal das schriftstellernde Völklein unsrer Tage die Vergangenheit cane peius et angue flieht, so muss es um so dankbarer anerkannt werden, wenn ein Ehrenmann sich der Aufgabe unterzieht, aus der Gegenwart für die Gegenwart zu schreiben. Denn mit vollem Rechte sagt der Herausgeber dieses Briefwechsels, dessen redliche Gesinnung aus mehreren Stellen (z. B. auf S. 150 u. 233) deutlich hervorleuchtet, in der Vorrede: „ wenn überhaupt noch etwas auf dem friedlichen Wege der Ueberzeugung die Gewebe durchkreuzen kann, womit Lüge und Unverstand so

viele umstricken, so wäre es von dem Muthe der Wahrheit und Offenherzigkeit, dem einzig ächten Freisinne, zu erwarten. Solche politische Auszeichnungen aber sind, wenn ich meinem Eindrucke glauben darf, in der vorliegenden Schrift enthalten." Der grössere Theil dieser politischen Briefe und Characteristiken, welcher durch den Buchstaben G. bezeichnet ist, wird nach zuverlässigen Nachrichten einem Preussischen Staatsmann, der längere Zeit der Vertreter seines Hofes bei einem der ersten Italiänischen Staaten war, zugeschrieben, und muss also für seine Kenntniss von Personen und Sachen ein günstiges Vorurtheil erwecken. Er gehört seiner geistigen Abstammung nach in jene Reihe Preussischer Staatsmänner, die aus den ersten Decennien des Jahrhunderts, in welche ihre Jugendeindrücke fielen, das politische und sittliche Erbe jener grossen Zeit in die Enge und Sprödigkeit späterer Zeit unverkümmert mit hinüber nahmen, und die vor allen die zaudernde Langsamkeit der alten Regierungs-Systeme drückte, die es nicht verstanden, rechtzeitig der unabweisbaren politischen Bewegung ein sichres gesetzliches Flussbett zu graben. Unser Vf, weiss viel, jedenfalls noch mehr als er geschrieben hat, aber wir billigen diese Zurückhaltung, deren Grund wir nicht sowohl in seiner Stellung als Beamter finden – denn er ist offen und aufrichtig – sondern in einer weisen Erkenntniss, die wir mit den treffenden Worten unsres achtbaren Mascov in der Vorrede zu seiner Geschichte der Deutschen ausdrücken wollen: „Es ist überhaupt das Innere der Sachen selten herauszubringen. Oft begnügt man sich, wenn man weiss, was zu den Zeiten, da sie sich zugetragen, davon gesprochen worden; und keine Historici sind verdächtiger als die mit grossem Vertrauen, was in der Fürsten Cabinet fürgegangen sey, erzählen." Der andere Briefsteller, mit M. unterschrieben, ist ein freier, unabhängiger Mann, der in grosser Reiselust Europa durchstreift und Völker sowie Regierungen scharfsinnig beobachtet hat, kein Beamter, aber ein Mann des Gesetzes und der Ordnung. Seine Ansichten sind so klar und ansprechend, dass sie sich jedem Unbefangenen empfehlen müssen. Nach der Vorrede hat der Herausgeber diese Papiere eines sonst der Schriftstellerei sehr abholden Mannes als Mittelglieder zum Verständniss des Ganzen nicht missen können, und die Leser haben alle Ursache, ihm für diese Einrichtung eines geistreichen Zwiegespräches dankbar zu seyn, mag nun der Reisende ein blos erdachter Briefsteller oder eine wirkliche Person oder mögen alle drei nur eine Person seyn.

Preussen mit seinem jetzigen Könige und mit Friedrich Wilhelm III., das alte Regierungssystem und sein Umsturz, Preussens Stellung zu Deutschland, der Einfluss des Fürsten Metternich, der Communismus und Ludwig Philipp's Thronentsetzung, die deutschen Verfassungsarbeiten in Frankfurt und die Römischen Zustände unter Pius IX. sind die Hauptgegenstände des Briefwechsels, der nicht blos Betrachtungen enthält, sondern auch Thatsachen aufweist. Was nun Preussen anbetrifft, so wird der blinde Preussenhass auch hier Stoff zu neuen Schmähungen finden und unser G. hat sich wohl schon darauf gefasst gemacht, von den Radicalen als ein Erzpreusse verschrien zu werden. Immerhin: Solche Leute machen sich die Geschichte nun einmal jetzt nach ihrem beengten Maasstabe und können doch nicht verhindern (wir selbst haben es ja bereits in den letzten Monaten erlebt), dass die sichern Thatsachen sich immer weiter Bahn brechen und dass unsers Vf's Aufschlüsse wie die des Hrn. v. Radowitz in immer grössern Kreisen geglaubt werden. Wenden wir uns nun zu Preussen, so erkennen wir in den Theilen der G.'schen Briefe über Friedrich Wilhelm IV. mit grosser Freude die liebevolle Gesinnung für den König und haben keine Ursache seiner Versicherung, dass er, „die Hand auf das Herz, glaube, was er geschrieben hat" irgend zu misstrauen. Er schildert uns (S.36f) den König zuerst als Kronprinzen in hellen Umrissen und in der Fülle seiner geistigen Originalität, in seiner Liebe zur Freiheit. ,,Gern gewährte er, fährt der Vf fort, andern gleiche Freiheit des Denkens und Seyns und wusste diese Toleranz in heiterer, gutherziger Weise besonders da zu üben, wo ihm ein edler Wille und wahre Ueberzeugung entgegen trat, leicht verletzbar freilich, wo er sie vermisste. Wo er von dem Menschen etwas halten konnte, liess er die abweichende Ueberzeugung gelten, wenn auch der Becher überschäumte.” – Diese Freiheit gestattete er auch als König, wie sich die erinnern werden, die ihn damals über die Presse und die ständischen Angelegenheiten gesprochen haben, auch waren seine positiven

Grundsätze keineswegs einem engen Absolutismus hold, dessen dürre, egoistische Richtung ihm eben so fern lag als hartes tyrannisches Gelüsten, wie es ihm die verläumdung unsrer Tage aufbürden will. Aber „ eben so sehr thut der dem Könige Unrecht, der ihm modern liberale Grundsätze unterschiebt. Mon metier est d'être royaliste, pflegte der freisinnige Joseph II. zu sagen, denn es sey Königspflicht, um der Staatswohlfahrt willen die Krone und ihre Macht zu wahren. Freilich was politischen Organismus anbetrifft, so lebte Manches, was viele schon als gänzlich abgethan betrachteten, in des Königs Ansicht als Recht und Pflicht noch kräftiger wie im allgemeinen Bewusstseyn seiner Zeitgenossen fort." Des Königs reges constructives Streben für die deutschen Angelegenheiten wird S. 38–40 gründlich nachgewiesen und mit dem wahren Ausspruche geschlossen, dass der König deutscher gesinnt sey als sein Land. Dieselbe Wahrheit liegt in den Betrachtungen über das Patent vom 3. Febr. 1847 (S. 41–43). Es wird gezeigt, weshalb dasselbe seine Bestimmung nicht erfüllen konnte, es wird nicht verhehlt, dass Niemand mit demselben zufrieden war, weder Volksmeinung, noch Beamtenmeinung, weder alter, noch neuer Staat, auch nicht die fremden Höfe und das System der äussern Politik, es sey mit einem Worte nur wie eine Abschlagszahlung auf etwas Grösseres gewesen. In diesem Sinne hatte auch die gemässigte, aber feste Opposition des ersten Vereinigten Landtages, ein Vincke, Schwerin, Camphausen, Arnim – Boyzenburg, die weitere Entwickelung des 3. Febr., namentlich vermöge der Periodicität, zum wirklichen parlamentarischen Element heraufzubilden gesucht. » Einem solchen Streben stellte sich jedoch das damals herrschende System mit grosser Energie ent– gegen, und die hierdurch hervorgebrachte gränzenlose Bitterkeit ist ein fruchtbarer Boden für die Saat des Pariser 24. Februar gewesen, um den Berliner 18. März darin aufgehen zu lassen" (S. 45). Hiermit gehört eine andere lesenswerthe Stelle zusammen, wo die Grundsätze der Preussischen Administration in den letzten dreissig Jahren, die man jetzt so vielfach verdammt, in ihren Grundlagen dem Geiste der neuern Zeit so angemessen gefunden werden, dass manche Verkümmerung in der Ausführung ihnen den langjährigen Ruhm nicht rauben wird. Der Vf, hätte hier vor allen an das aufrichtige Lob der alten Preussischen Finanzverwal– tung, welches selbst Hr. Hansemann in der Nationalversammlung am 11. Julius 1848 ausgesprochen hat, seine Leser erinnern können. Dann fährt G. fort: »nur durch den gränzenlosen Hass, den die

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so oft getäuschten Erwartungen des Volks in der Verfassungsangelegenheit der gesammten Regierung zugezogen hatten, ferner durch das Zusammentreffen mit der Revolution in Frankreich, ist es einigermaassen erklärlich, dass früher so allgemein bewunderte Einrichtungen, wie das Finanz – und das Kriegswesen, hätten eingerissen werden sollen. Der Hass ist blind. Aber eben deshalb hätte die Regierung um jeden Preis dieser furchtbaren Entwikkelung des öffentlichen Hasses und Misstrauens zuvorkommen sollen: offenkundig lagen die Verheissungen des 27. Mai 1815 und andre vor Augen und mussten erfüllt werden" (S. 122).

Und was hat denn diese Zurückhaltung, diese Zögerung herbeigeführt? Offen und wahrheitsliebend antwortet G.: „ ich weiss es, dass schon der König Friedrich Wilhelm III. in Fragen der Europäischen Politik sich und seine Staatsmänner kaum für competent hielt: in allen Dingen musste Wien gefragt werden, denn dort verstehe man das am Besten und eine Sonderpolitik solle Preussen nicht haben. In dieser Hinsicht habe ich es nun immer für den augenfälligsten und tiefeingreifendsten Fehler bei uns in Preussen gehalten, den stets bitterer werdenden Hass gegen das auch bei uns halb recipirte Oesterreichisch – absolutistische System sich in so maassloser Weise bei den gebildetern, fortschreitenden Kreisen der Nation steigern zu sehen, ohne zur rechten Zeit zu versöhnenden Gegenmitteln zu greifen. Wie haben Wir in Preussischen wie in Deutschen Sachen hinlänglich über die Pietät des Königs gegen Oesterreich und gegen den Fürsten Metternich geseufzt! CS. 13. 23.)

Indem wir den Namen des Fürsten Metternich niederschreiben, wollen wir gleich des achten Briefes von G. über diesen Staatsmann gedenken. begreife wohl, schreibt der durchaus unbefangene M., dass sein System auch ihn hassenswerth macht für die Menge, aber man fasst ihn jetzt, – nun ergefallen ist,– so unbegreiflich niedrig und gemein; käuflich sey er gewesen vom Wiener Congresse bis auf die neueste Zeit, sein System war das Mittel, sich Vermögen zu schaffen. Meinen Sie nicht, dass

er das glaubte, wofür er sein Leben lang wirkte?" (S. 51). In der längern Antwort G.'s finden wir zuerst den Ausspruch bemerkenswerth, dass Mettermich eine grossartige Natur war und dass ihn in seiner adeligen Weise der Besitz erfreuen konnte, das Geld habe es sicher nicht gethan. Ferner: „ er hielt das conservative Legitimitätsystem für das nothwendige Lebens- Princip der Oesterreichischen Monarchie und hatte sich mit demselben völlig identificirt; es galten bei ihm folgende Grundsätze: Oesterreich kann für organische Staatenbildung, für Völkerfreiheit nichts thun, ohne aus den Fugen zu gehen, also soll auch in der ganzen

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übrigen Welt nichts dafür gethan werden; Oesterreich kann an einem einheitlichen, concentrirten Deutschland nicht Theil nehmen, also soll es ein schwaches zersplittertes Deutschland bleiben: Oesterreich kann die Autorität über seine Völker nur eben als solche, mehr oder weniger durch auferlegte Gewalt erhalten, also muss sie auch in der übrigen Welt in diesem Sinne gefasst und erhalten werden. Das war sein System, wahrlich kein „inhaltloses", sondern eins, dessen Kraft, wie bei Hegel, nicht sowohl in dem System lag, als in den klugen, klaren, oft tiefen Gedanken, mit denen er es zu füllen wusste." Mir, sagt der Vf, „konnte mein Leben lang das Metternich'sche System nicht gefallen, weil es mit dem in Widerspruch stand, was ich über Deutschland, namentlich über Preussens Grösse dachte” (S. 59). Aber es gefiel den Regierungen, setzt er weiter hinzu, weil die gouvernementale Selbstvergötterung dabei am Besten ihre Rechnung fand und man gerieth in den Irrthum, dass schon das materielle Wohlbefinden, welches gebildete Völker unter milden Regierungen erreichen, ihnen ein Surrogat für politische Selbstregierung seyn könne (S. 63). Der Vf, urtheilt nicht als Parteimann, sondern spricht edel und würdig und giebt uns ein wichtiges Document zur wahren Charakteristik Metternich's aus persönlicher Kenntniss und Schätzung. Wie unbedeutend erscheint dagegen der Aufsatz des französischen Touristen Gustave d’Aloux in der ersten Lieferung der Revue de deux mondes von diesem Jahre! Wie scandalvoll das nachgelassene Fragment Hormayr's! Viele Einzelnheiten, wie über des Fürsten „unterrichtete, geistreiche, unprätentiöse" Unterhaltung, über den Eindruck der Güte und Grossartigkeit, dem sich am wenigsten seine Gegner aus der geistreichen, eitlen, liberalen Schriftstellerwelt entziehen konnten, über seine unermüdliche Arbeitsamkeit (er schrieb und sprach vom Morgen bis tief in die Nacht oft 15 Stunden ununterbrochen) müssen wir übergehen. Nur seine Worte zu G. am Abend des 9. Octbr. 1847 als ihn die Italiänischen und Schweizerischen Angelegenheiten beunruhigten, mögen hier stehen: „ ich bin kein Prophet und weiss nicht, was wird, aber ich bin ein alter Arzt und kann vorübergehende von tödtlichen Krankheiten unterscheiden; an diesen stehen wir jetzt. Wir halten hier fest, so lange wir können, aber ich verzweifle an dem Ausgange” (S. 69). Unser Vf, wird von gewissen Seiten her über seinen Brief gescholten werden, obgleich er mit Entschiedenheit ausgesprochen hat, dass Metternich’s System auf uns, namentlich in Preussen, schwer gelastet hat, und dass seine Politik in den letzten Jahren, wo er zuviel auf Polizei-De

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