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Dinges ausprägt; alles Krankhafte ist in der Erscheinung hässlich. So erregt auch jede organisch vollkommene Form der Darstellung an sich schon unser Wohlgefallen, und wird schön genannt, und jede nicht organische Form der Darstellung ist nicht schön. Man kann daher die Stilistik als die Lehre von der Schönheit der Darstellung bezeichnen“ (S. 8).

Der Vf, entwickelt dann, dass der Begriff der (natürlichen) Schönheit eines Naturprodukts sich nicht wesentlich von dem Begriffe der (ästhetischen) Schönheit eines Kunstprodukts unterscheidet. Denn auch die Natur werde erst dann wahrhaft erkannt, wenn sie in einer höheren Weltanschauung als ein Ideales ausgefasst werde; mit Recht sage Aristoteles: in allem Natürlichen sey ein Göttliches; die Erscheinung dieses Göttlichen errege in uns das uneigennützige Wohlgefallen, das die eigenthümliche Wirkung des Schönen sey. Was nun von der Schönheit organischer Naturprodukte gelte, das lasse sich auch auf die gesprochene Rede anwenden. „Die Sprache hat nur in dem Organism des Menschen ein Daseyn; sie ist, wie das Auge, ein Organ des Menschen, d. h. der leibliche Ausdruck einer besondern organischen Function: auch ist die Sprache wie das Auge als ein Glied des menschlichen Organism für sich genommen, eben so, wie der ganze Organism, eine organische Einheit des Mannigfaltigen, durch welche nur eine besondere Seite derjenigen Idee in die Erscheinung tritt, die sich in dem Ganzen offenbart. Die Sprache ist zwar nicht eben so leiblich im Raume, wie das Auge, sondern erscheint nur als ein in jedem Augenblicke Werdendes in der Zeit; und man er– kennt darum nicht sogleich, dass die Sprache eben so, wie die mehr leiblichen Ausdrücke organischer Functionen, als ein organisches Ding anzusehen ist: aber dieses Organ ist nur darum weniger leiblich, weil es mehr als alle andern Organe Ausdruck des Geistigen – der Geist selbst in seiner lebendigsten Erscheinung – ist. Die Sprache unterscheidet sich endlich vor allen andern Organen des Menschen dadurch, dass in ihr nicht nur die Idee des menschlichen Lebens überhaupt als einer Einheit von Geistigem und Leiblichem, sondern vorzugsweise die freie Bewegung des geistigen Lebens, und eigent– lich nur diese, in die Erscheinung tritt. Wenn auch die Hand, der Mund und das Auge die Bewegungen des Geistes zur Erscheinung bringen; so sind sie doch zunächst leiblichen Verrichtungen dienstbar: die Sprache hingegen ist zunächst und

ausschliesslich das Organ des Geistes. Weil nun die Sprache das Organ ist, in dem die Idee des organischen menschlichen Lebens überhaupt, Zunächst aber das Leben des Geistes in die Erscheinung tritt; so ist sie ihrer Natur nach mehr noch, als andere Produkte der organischen Natur geeignet, sich zur Schönheit auszubilden. Die gesprochene Rede als eine besondere Erscheinung der Sprache ist, wie andere Naturprodukte schön, wenn sie sich in organischer Vollkommenheit darstellt, d. h. wenn sie, dem Sprechenden bewusst oder unbewusst, sich in Formen ausbildet, welche den organischen Gesetzen unseres Denk- und Sprachvermögens vollkommen entsprechen. Die so gestaltete Rede erregt, wie alles Schöne, immer ein besonderes Wohlgefallen; und man hat daher immer den Stil einer solchen Rede einen schönen Stil genannt“ (S. 11). Die drei wesentlichen Momente der Schönheit, der ideale Inhalt des Schönen, die sinnliche Erscheinung des Idealen und die Einheit beider, finden sich auch in der organisch vollkommnen Darstellung, und demnach dürfen wir eine organisch vollkommene Darstellung in demselben Sinne eine schöne Darstellung nennen, in dem die Produkte der Kunst schön genannt werden, und nun die Schönheit als das oberste und eigentlich als das einzige Gesetz des guten Stiles bezeichnen. Die Aufgabe des guten Stiles ist keine andere, als dass die Rede ein vollkommen adäquater Ausdruck der Gedanken sey. Die Rede ist aber immer und nur dann ein ganz adäquater Ausdruck der Gedanken, wenn die Darstellung der Gedanken eine organisch vollkommene und darum schöne Darstellung ist (S. 12). Nachdem der Vf auf diese Weise nachgewiesen, wie die Schönheit, sowohl im natürlichen als im ästhetischen Sinne, oberstes Gesetz der guten Darstellung sey, zeigt er (S. 13), dass mit der Schönheit der Darstellung auch die Verständlichkeit und Zweckmässigkeit gegeben sey. „Die Rede wird verstanden, wenn sie ein ganz adäquater Ausdruck der Gedanken ist; und sie wird nur dadurch ein adäquater Ausdruck der Gedanken, wenn die Form der Darstellung schön, d. h. nach den organischen Gesetzen des Denk- und Sprachvermögens gebildet ist: die Verständlichkeit ist daher unter der Schönheit schon begriffen. Man kann nicht umgekehrt sagen, die Schönheit der Darstellung sey unter der Verständlichkeit begriffen. Eine Darstellung, die verständlich ist, ist darum noch nicht schön: und gerade dann, wenn man um besonderer Zwecke willen sein Augenmerk zunächst und vorzüglich auf Verständlichkeit – auf scharfe Bestimmtheit des Ausdruckes und Vermeidung möglicher Missverständnisse – richtet, wie bei der Abfassung von Kaufbriefen, Contracten und amtlichen Protokollen; wird die Darstellung insgemein eine nicht schöne Darstellung." Mit § 7 geht der Vf, näher auf den organischen Vorgang ein, durch den nach den Gesetzen unseres Denk- und Sprachvermögens die Gedanken dargestellt werden. Der organische Vorgang der Darstellung ist ein zwiefacher, Darstellung des Inhalts und Darstellung der logischen Form der Gedanken. Den Inhalt des Gedankens bilden die Be

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griffe und die grammatischen Verhältnisse dieser

Begriffe zu einander und zu dem Sprechenden (die Satzverhältnisse und die Beziehungen auf den Sprechenden); die logische Form besteht in der Unterordnung des einen Begriffes unter den andern. Was nun zunächst den Inhalt des Gedankens betrifft, so wird der Begriff, wie er in dem Geiste gebildet wird, mit einer organischen Nothwendigkeit auch sogleich dargestellt in dem Worte; Wort und Begriff, Darstellen und Denken sind gewissermassen Eins, aber dennoch zugleich besondere Vorgänge, die in ihrer Richtung einander entgegengesetzt sind und einander durch diesen Gegensatz erklären. Im Denken oder Frkennen nimmt der Geist die sinnlich angeschaute Welt in sich auf und verwandelt die reale Welt der Dinge in eine geistige Welt der Gedanken und Begriffe. Aus der sinnlich angeschauten Welt der realen Dinge reproducirt der Geist eine dem Geiste gleichartige Welt der Gedan– ken und Begriffe. Wie nun Alles, was in der realen Welt angeschaut wird, ein Individuelles ist, so wird es durch die geistige Reproduction ein dem Geiste Gleichartiges, ein Allgemeines, und jeder Begriff ist ein Artbegriff. So lange daher die Dinge nur als Individuelles aufgefasst werden, so lange werden sie noch nicht erkannt; mit dem Mumen des Dinges spricht man zugleich aus, dass man sie erkannt hat, spricht man ihren Begriff aus. Viele Begriffe aber werden nicht aus sinnlicher Anschauung gebildet, sondern von Andern uns mit– getheilt. Das Erkennen dieser Begriffe wird durch das Verstehen vermittelt. Der Vorgang des Verstehens ist dem des Erkennens entgegengesetzt. „Wir erkennen nur die realen Dinge, indem wir das Besondere in ein Allgemeines – in den Begriff – *ufnehmen; und wir verstehen nur geistige Dinge,

nämlich Begriffe, indem wir das Allgemeine wieder auf das Besondere zurückführen. Betrachten wir nun den Vorgang der Gedankenmittheilung näher, so sieht man leicht, dass der, dem ein Gedanke mitgetheilt wird, die Begriffe nicht als schon fertige Begriffe von dem Sprechenden nur in Empfang nimmt. Wie der menschliche Geist, wenn er die sinnlich angeschauten Dinge in Begriffe aufnimmt, durch eine geistige Assimilation das angeschaute Besondere und Individuelle in ein Allgemeines verwandelt, und dadurch das Reale als ein Geistiges reproducirt: eben so werden auch bei der Mittheilung der Gedanken die Begriffe nicht als schon gebildete Begriffe von dem Angesprochenen empfangen, sondern durch eine geistige Assimilation reproducirt; und diese Reproduction ist eben so, wie die Production der aus sinnlichen Anschauungen gebildeten Begriffe eine That des denkenden Geistes" (S. 19). Da nun sowohl Erkennen als Verstehen organische Functionen sind, so sind sie, wie alle ungehemmten organischen Functionen, mit einem Gefühle von Wohlbehagen verbunden; und „das Wohlbehagen, welches die Reproduction der Begriffe bei der Mittheilung der Gedanken in dem Angesprochenen erregt, setzt die organische Vollkommenheit der Darstellung voraus, und ist insbesondere dadurch bedingt, dass die Begriffe in sinnlicher Anschaulichkeit dargestellt werden; es kann daher als ein Zeichen angesehen werden, dass die Darstellung der Gedanken organisch vollkommen gebildet, und darum eine schöne Darstellung ist" (S. 21). Die Darstellung der Gedanken ist also dadurch, dass sie schön ist, zugleich verständlich. Denn „die Verständlichkeit der Darstellung gründet sich zunächst auf die Zurückführung der Begriffe auf sinnliche Anschauungen, die in der Schönheit der Darstellung ein wesentliches Moment ist. So ist denn unter der Schönheit der Darstellung die Verständ– lichkeit derselben schon begriffen; und beide sind gewissermaassen Eins und Dasselbe" (S. 21). Oft aber werden Begriffe in der Darstellung auf eine besondere Art auf eine sinnliche Anschauung zurückgeführt; sie werden nämlich in Bildern dargestellt. Das Bild ist freilich auch ein Besonderes; aber es ist dem darzustellenden Begriffe nur ähnlich, d. h. sein Artbegriff ist von dem Artbegriffe des darzustellenden Dinges unterschieden, hat aber mit ihm eine Besonderheit der sinnlichen Erscheinung gemein. „Nachdem der menschliche Geist die sinnlich angeschauten Dinge erkannt und benannt hat, sucht und findet er gern Aehnlichkeiten, und schafft sich gleichsam spielend neben den Begriffen der Dinge auch Bilder der Begriffe; und es ist ihm eine Lust, die als verschiedenartig erkannten Dinge wieder als scheinbar gleichartige aufzufassen. Derselbe Vorgang wiederholt sich auch bei der Mittheilung der Gedanken, indem Begriffe durch Bilder dargestellt werden; und es erregt auch bei dem Angesprochenen ein Gefühl von Lust und Wohlgefallen, wenn er aus dem sinnlichen Bilde eines Dinges den Begriff des Dinges selbst producirt" (S. 24). Dieser Vorgang, Begriffe der Dinge durch Bilder darzustellen, gehört der Phantasie als einem besondern Vermögen des menschlichen Geistes an. „Die Phantasie reproducirt die sinnlichen Anschauungen der Dinge in geistigen Anschauungen; aber sie reproducirt sie nicht, wie das Gedächtniss, so treu, dass die geistige Anschauung der besondern Art des sinnlich angeschauten Dinges und seinen Verhältnissen in Raum und Zeit vollkommen entspricht, sondern ist zugleich productiv: sie schafft nämlich mit Freiheit und gleichsam spielend Bilder von sinnlich anschaulichen Dingen, die den wirklich angeschauten Dingen zwar ähnlich, aber nach ihrer Art, nach ihren Verhältnissen in Raum und Zeit und nach ihren Beziehungen zu andern Dingen von den sinnlich angeschauten Dingen mehr oder weniger verschieden sind. – – Die schaffende Thätigkeit der Phantasie ist um so mehr mit einem Gefühle von Wohlbehagen verbunden, da sie mehr als andere Verrichtungen des Geistes eine freie und gleichsam spielende Thätigkeit ist. Wenn nun die schasfende Phantasie in die Darstellung der Gedanken eingreift, und die Begriffe durch Bilder dargestellt werden; so wird auch in dem Angesprochenen die Phantasie angeregt, und an ihn zugleich die Anforderung gestellt, das Bild auf den unter dem Bilde dargestellten Begriff, und das scheinbar Gleichartige auf Verschiedenartiges zurückzuführen; und so werden in ihm geistige Thätigkeiten angeregt, wel– che ebenfalls mit einem besondern Wohlgefallen ver– bunden sind“ (S. 25). Wie nun die Begriffe selbst, so werden auch die grammatischen Verhältnisse der Begriffe in der Darstellung der Gedanken auf sinnliche Anschauungen zurückgeführt, und aus diesen sinnlichen Anschauungen die nicht sinnlichen Verhältnisse der

Begriffe von dem Angesprochenen reproducirt. Unter den grammatischen Verhältnissen der Begriffe sind eigentlich nur das Zeit- und Raumverhältniss des Prädicats sinnliche Verhältnisse; alle übrigen sind nicht sinnlich, werden aber, da die Sprache die Begriffe in der Darstellung auf sinnliche Anschauungen des Besonderen zurückführt, ebenfalls auf die Formen der sinnlichen Anschauung, Raum und Zeit, zurückgeführt. Demnach werden nicht nur die Begriffe, sondern auch die Verhältnisse der Begriffe zu einander, und somit der ganze Inhalt der Gedanken in der Darstellung auf das Besondere sinnlicher Anschauungen zurückgeführt, um durch die eigene geistige Thätigkeit des Angesprochenen reproducirt und dadurch verstanden zu werden.

Unter der logischen Form der Gedanken werden die Verhältnisse des logischen Werthes verstanden, in denen die Begriffe in dem ganzen Gedanken und in jedem Satzverhältnisse einander untergeordnet sind. Die logische Form der Gedanken ist unabhängig von der sinnlichen Anschauung, ist ganz die eigene That des hier schaffenden Geistes, und kann daher nicht auf die Besonderheiten der sinnlichen Anschauung zurückgeführt werden. Sie tritt durch die Betonung in die Erscheinung. Die Rede ist kein organischer Ausdruck des Gedankens, wenn nicht auch die logische Form desselben in die sinnliche Erscheinung tritt. Die logische Form des Gedankens und jedes neugebildeten Begriffes besteht darin, dass in ihnen zwei Begriffe zu einer Einheit verbunden werden, in der Ein Begriff als der Hauptbegriff gedacht, und diesem der andere Begriff untergeordnet wird. Der Hauptbegriff ist immer ein Artbegriff oder an ihm tritt die That des denkenden Geistes unmittelbar in die Erscheinung in dem Haupttone; der untergeordnete Begriff hat den untergeordneten Ton. Dieser Gegensatz des Haupttones und des untergeordneten Tones bildet den Rhythmus der Rede; und so tritt in der rhythmischen Form des Satzes und der Satzverhältnisse die logische Form des Gedankens und der Begriffe in die sinnliche Erscheinung. Da nun ferner der Ausdruck des Hauptbegriffes mit dem Haupttone insgemein dem Ausdrucke des untergeordneten Begriffes nachfolgt; so hängt von der Betonung unmittelbar die Wortstellung ab. Betonung und Wortstellung also sind die Ausdrücke der logischen Form des Satzes.

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DeutScher Stil,

Dr. Karl Ferd. Becker – – der deutsche Stil u. s. w. (Fortsetzung von Nr. 55.)

De logische Form entspricht in der Regel der grammatischen Form der Satzverhältnisse; und wir nennen diese der grammatischen Form entsprechende Betonung und Wortstellung die grammatische Betonung und Wortstellung. Aber da die logische Form die freie That des denkenden Geistes ist, so ist er nicht an die grammatische Form gebunden, sondern ein grammatisch untergeordneter Begriff kann als Hauptbegriff gedacht, und durch Betonung und Wortstellung dargestellt werden. Diese Betonung und Wortstellung heisst logische Betonung oder Redeton und umgekehrte oder invertirte Wortstellung. „ Die logische Form des Gedankens wird demnach durch die rhythmische Form des Satzes von dem Sprechenden eben so, wie der Inhalt des Gedankens, in einer sinnlichen Anschauung dargestellt: und von dem Angesprochenen aus der sinnlichen Anschauung reproducirt. Diese Reproduction der logischen Form ist in dem Angesprochenen eben so, wie die Reproduction des Inhaltes, eine That des denkenden Geistes, und eben so mit einem Gefühle von Lust verbunden. Wenn in der rhythmischen Form des Satzes und der Satzverhältnisse die Einheit des Gedankens und der Begriffe und die Unterordnung der Begriffe nicht vollkommen ausgeprägt ist; so wird die logische Form des Gedankens von dem Angesprochenen nur mit Mühe oder gar nicht reproducirt. – Die rhythmische Form des Satzes gefällt und wird als eine schöne Form aufgefasst, weil in der sinnlichen Form der Tonverhältnisse die geistige Form des Gedankens in die Erscheinung tritt" (S. 31 und 32). Der Vf, handelt darauf von den Redefiguren der Stilistiker, und weist nach, wie diese, weil sie die Darstellung der Gedanken nicht als einen organischen Vorgang ansahen, auch die Redefiguren mehr als äusseren Schmuck betrachtet haben,

und mit einer ins Kleinliche gehenden Genauigkeit

118-419.

Halle, in der Expedition der Allg. Lit. Zeitung.

nach äusseren Verhältnissen der Formen eine übergrosse Anzahl von Figuren unterschieden haben. Die eigentliche Bedeutung und der allgemeine Artbegriff der Figuren dagegen sey von ihnen nicht überall klar dargestellt, und die besonderen Unterarten nicht bestimmt unterschieden worden. Die Figuren seyen vielmehr natürliche Ausdrücke für besondere Verhältnisse der Begriffe, und können daher nicht als willkürlicher Schmuck betrachtet werden; vielmehr frage es sich zunächst, welche Arten von Gedanken in der Darstellung den Gebrauch der Figuren zulassen und fordern. Nur bei der Darstellung solcher Gedanken, an denen das Gemüth und die Phantasie einen näheren Antheil nehmen, und die daher lebendiger sind und den Geist in eine lebendigere Bewegung setzen, werden Figuren verwendet. Die Figuren sind daher nur bei gewissen Stilgattungen zulässig; sie sind nichts Anderes, als die natürlichen Ausdrücke der Gefühle und der Phantasie. Um nun die Bedeutung der besonderen Figuren und ihre Wirkung zu erklären, betrachtet der Vf, sie in ihrer Beziehung zu dem organischen Vorgange der Gedankenmittheilung. Wie in diesem Vorgange die Darstellung des Inhalts und die der logischen Form unterschieden werden, und jede lebendige Aufregung des Gemüthes und der Phantasie sich auf eigenthümliche Weise in der Darstellung des Inhalts und der logischen Form kundthut; so werden auch die Figuren geschieden in Figuren des Inhalts und Figuren der logischen Form. „Wir begreifen unter den Figuren des Inhalts diejenigen Formen, welche den Begriffen in der Darstellung eine grössere Lebendigkeit sinnlicher Anschauung geben, indem sie Allgemeines auf Besonderes zurückführen, oder das an sich nicht Sinnliche in sinnlichen Bildern darstellen, oder auch an sinnlichen Dingen besondere Einwirkungen auf besondere Sinne hervorheben. Zu den Figuren des Inhaltes gehören demnach zunächst die Tropen, nämlich die Synekdoche, die Metonymie, die Metapher und die Prosopopöie. Ferner gehören hierher das Gleichniss, die Allusion, die Periphrase, die Schil

derung, das Beispiel und das verschönernde Adjectiv (epitheton ornans). Endlich gehören hierher auch die Anrede und das statt eines Präteritums oder Futurs gebrauchte Präsens" (S. 38). „Das Streben, die logische Form der Gedanken auf eine lebendigere Weise auszuprägen, thut sich schon in der lebendigeren Betonung der Rede kund. Es tritt aber noch mehr hervor in besondern Formen der Darstellung, durch welche der logische Werth der Begriffe und Gedanken nachdrücklicher hervorgehoben wird, und die wir darum als Figuren der logischen Form bezeichnen. Alle IIervorhebung von Begriffen oder Gedanken beruht auf einem Gegensatze mit einem andern Begriffe oder Gedanken: der Redeton deutet ja immer auf einen Gegensatz; und auch die Figuren der logischen Form haben mit einander gemein, dass sie einen Gegensatz bezeichnen. Nebst der Betonung ist die Wortstellung der allgemeine Ausdruck der logischen Form; und auch die Inversion ist, weil sie, wie der Redeton, einen Begriff in einem Gegensatze hervorhebt, als eine Figur der logischen Form anzusehen. Als Ausdrücke von Gegensätzen gehören aber hierher insbesondere der Contrast, das Paradoxe, die Ironie, die Gradation, die Hyperbel und die Wiederholung. Ausser diesen Figuren, welche den logischen Werth der Begriffe hervorheben, gehören zu den Figuren der logischen Form auch diejenigen Formen der Darstellung, welche durch einen Gegensatz einen Gedanken hervorheben, und ihn mit besonderem Nachdruck als das Urtheil des Sprechenden darstellen. Von dieser Art sind die in Frage gestellte Verneinung, der Zweifel und der Einwurf" (S. 39).

„Sehr oft thun jedoch Figuren des Inhaltes zugleich die Wirkung von Figuren der logischen Form; und durch die sinnlich lebendigere Anschaulichkeit der Darstellung, wird zugleich der logische Werth des Begriffes hervorgehoben. Diese zwiefache Wirkung haben insbesondere sehr oft die Metapher, das Gleichniss und das verschönernde Adjectiv."

Von dem Gebrauche der Figuren nun hängt die Lebendigkeit der Darstellung ab. Aber nicht allen Arten der Darstellung und nicht allen Stimmungen des Sprechenden sind die Figuren angemessen. Die Angemessenheit des Stils überhaupt fällt dem Vf. mit der Natürlichkeit und Schönheit des Stils zusammen.

Bisher ist nur von dem Inhalte und der logischen Form der Begriffe und des einfachen Satzes gehandelt. Jetzt (§ 19) wendet sich der Vf, zu dem Inhalte und der logischen Form des zusammengesetzten Satzes (Verbindung zweier Hauptsätze). „ In dem zusammengesetzten Satze machen die verbundenen Gedanken und die besondere Art des logischen Verhältnisses, in dem sie zu einander stehen, den Inhalt, und der logische Werth der verbundenenen Gedanken nebst der grösseren oder geringeren Hervorhebung des logischen Verhält– nisses die logische Form des ganzen Gedankens aus." Es gibt nur zwei Verhältnisse, in denen zwei Gedanken mit einander stehen können, das Verhältniss des Gegensatzes und das der Causalität. Diese Verhältnisse sind nicht der sinnlichen Anschauung entnommen, sondern sind reine Denkformen: sie werden daher nicht sinnlich angeschaut, sondern werden nur gedacht. Der Gegensatz ist entweder ein aufhebender oder ein polarischer Gegensatz. Er ist ein aufhebender, wenn die Wirklichkeit des in einem anderen Gedanken Prädicirten verneint wird; in diesem Gegensatze können nur Gedanken mit einander stehen: der aufhebende Gegensatz ist durchaus ein Werk des denkenden Geistes; in der realen Welt der Dinge gibt es keine verneinte Wirklichkeit. – In einem polarischen Gegensatze dagegen stehen zwei Begriffe, die, Einem gemeinsamen Artbegriffe angehörend, als Unterarten einander entgegengesetzt sind. Aber nicht blos Begriffe, sondern auch individualisirende Verhältnisse der Begriffe – Raumund Zeitverhältnisse – stehen in polarischen Gegensätzen, und in der Hervorhebung durch den Redeton liegt immer ein polarischer Gegensatz. – In jedem polarischen Gegensatze liegt auch ein aufhebender, und ein aufhebender Gegensatz der Gedanken wird oft zugleich durch einen polarischen Gegensatz der Begriffe dargestellt. Der Gegensatz dient nun in der Sprache vielfach dazu, Verhältnisse der logischen Form in der Darstellung der Gedanken hervorzuheben. In dem causalen Verhältnisse unterscheidet der Vf, das Verhältniss des realen und das des logischen Grundes. Der reale Grund kann häufig als ein Verhältniss von Begriffen gefasst werden; der logische Grund dagegen ist immer ein Gedanke, ein Urtheil des Sprechenden, und der Grund eines andern Urtheils. Das Verhältniss des logischen Grundes wird daher nicht in einem blossen Satzverhält

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