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Wölkerrecht,

Henry Wheaton, Eléments du droit international EtC. ( Fortsetzung von Nr. 43. )

7 W ir müssen demnach Wheaton gegen des vortrefflichen Roberts von Mohl (jetzigen Reichsjustiz-Ministers ) Urtheil, als ob die Leistungen Wheaton's ohne praktischen Werth seyen, nachdrücklich in Schutz nehmen. Indess beschränkt sich dieser praktische Werth mehr auf die Details, und fürwahr alle praktischen Einzelnheiten wie die praktische Färbung des Ganzen sind nicht im Stande, das Werk zu einer wahren Theorie des Praktischen, zu einem organischen System des positiven Völkerrechts zu erheben. In jener praktischen Beziehung steht aber das Werk an Werth und Bedeutung für den praktischen Diplomaten weit über den, dem wissenschaftlichen Standpunkte des Systems und namentlich den Principien und der ganzen Anlage nach allerdings viel wichtigeren Deutschen Werken der jüngsten Zeit, namentlich auch über dem Heffter'schen und noch mehr über dem Oppenheim'schen Werk. Denn Heffter's Werk, so werthvoll es auch durch Anbahnung und theilweise Geltendmachung eines neuen wissenschaftlichen Standpunktes erscheinen muss, indem es mit philosophischem Geiste das positive Material zu durchdringen und zu einem geschlossenen Ganzen zu verbinden sucht, hält doch philosophisches und positives Völkerrecht viel zu wenig auseinander und leidet an Unsicherheit in Bestimmung positiver und philosophischer Satzungen. Der Praktiker wird es nur mit Vorsicht benutzen können, da beide Elemente nicht wie bei W. völlig getrennt neben einander liegen, sondern im ganzen Werke nach nicht recht ersichtlichen leitenden Ideen verschmolzen sind. Das Oppenheim'sche Werk ist aber blos eine lose und unvollständige Uebersicht des philosophischen Völkerrechts, wenn auch einzelne Partien mehr einen positiven und praktischen Charakter an sich tragen. – Der Diplomat wird demnach, um die internationale Rechtspraxis der Gegenwart zu

erkennen, zwar nicht umhin können, das Hefftersche „Europäische Völkerrecht der Gegenwart" zu Rathe zu ziehen; dasselbe wird ihm eine Anleitung geben, um mit philosophischem Geiste eine principielle Theorie des Positiven zu gewinnen, wie sie Heffter zu Tage zu fördern anstrebt, ohne dabei gerade sehr glücklich zu seyn. Aber er wird neben dem Heffter'schen Buche das W'sche Werk zu Rathe ziehen müssen und daraus, trotz seines viel geringeren wissenschaftlichen Werthes, viel Praktisches entnehmen. Besonders wird aber das Werk dem eigentli– chen Praktiker, dem Kaufmanne, dem Schiffer, Rheder u. s. w. für seinen internationalen Verkehr von grösstem Nutzen und von wahrhaft praktischer Bedeutung seyn. Gerade die Partien des Werkes, welche vom Handel, ganz besonders vom Seeverkehre handeln, sind vortrefflich und ungemein praktisch. Ja in Bezug auf das Seerecht giebt W. viel

Neues. Dazu ist die Form des Werkes sehr gefällig, die Sprache leicht fasslich und klar, die Raison

nements lichtvoll und überzeugend, die häufig gegebene historische Entwickelung der einzelnen Institute recht übersichtlich und immer hinlänglich. Auch durch diese gefällige Form nähert sich W.'s Werk sehr dem Vattel'schen. Beide Männer stehen sich hier ebenbürtig einander gegenüber; doch ist hierin dem Vattel noch in manchen Stücken der Vorzug zu geben. Von dem seit 1840 in der Völkerrechtswissenschaft in Deutschland eingetretenen Umschwunge hat W. keine Ahnung, namentlich weiss er den Werth des IIeffter'schen Werkes gar nicht zu würdigen. II. gehört noch in jeder Beziehung zur alten Schule und schwankt eigenthümlich zwischen Vattel mit seiner abstract naturrechtlichen Weise und doch ungemein praktischen Zuthat auf der einen, und Martens mit seiner willkürlichen Systematik des Positiven auf der andern Seite, endlich auch zwischen Pölitz, auch wohl Klüber, Schmelzing u. s. w. mit ihren systematischen Constructionen des positiven Völkerrechts nach einer geistreichen Reflexion im Sinne einer subjectiv-kritischen Rechtsphilosophie (Kant, Fichte), so dass diese W'sche Theorie auch als die eklektische Verbindung aller früheren Richtungen der älteren Schule genannt werden darf. Die Anerkennung der Nationalität als eines berechtigten organischen Ganzen scheint auch im Völkerrechtsleben in der jüngsten Zeit einen grossen Einfluss zu gewinnen. Das positive Völkerrecht nimmt eine entschiedne Richtung dahin, sich auf nationaler Grundlage aufzuerbauen und die alten historischeu Bestände der Staaten des internationalen Lebens durch die freiheitliche Stellung der Natiomalität in jedem Staate und im Verkehr der Staaten unter einander zu veredlen. Freilich sind erst die blossen Anfänge eines solchen Völkerrechts vorhanden, und für's Erste ist das positive internationale Recht immer nur noch ein Recht unter Staaten, wie sie sich oft zufällig und gegen den Charakter und unter Vernichtung von Nationalselbstständigkeiten im geschichtlichen Leben gebildet haben. Das philosophische Völkerrecht wird aber, wenn es dem Hö– hepunkt des geschichtlichen Lebens entsprechen will, die nationale Grundlage zu seinem principiellen Ausbau verwenden müssen. JW aber hat in seinen allgemeinen (eben mehr philosophischen) Sätzen keine Spur von einer solchen Auffassung. Die Staaten sind ihm hier ganz abstract Gesellschaften von Menschen, und an die organische Erhebung des Staats aus der Nationalität wird durchaus nicht gedacht. Und wenn man auch einer Darstellung des positiven Völkerrechts der Gegenwart nicht zumuthen kann, solche erst werdende Umbildungen der Praxis, wie hier die Auferbauug des Staatensystems auf nationaler Grundlage, in den Bestand der Völkerrechtspraxis aufzunehmen und nach diesen neuen Ideen eine völlig neue Darstellung des Positiven zu geben, so hätten denn doch wohl Andeutungen dieses neuen Werdens und Gestaltens gegeben wer– den können, damit der Leser auch diesen werden– den Charakter der Praxis kennen lerne. Indessen bei W. sucht man vergeblich nach solcher Andeutung. Er gehört auch in dieser Beziehung zur al– ten Schule mit ihrem unverarbeiteten Dogmatismus des historisch Ueberkommenen. – Zu einer solchen principiellen Auffassung des positiven Völkerrechtslebens der Gegenwart, wonach man deren nächst höhere Gestaltung in der Zukunft zu bestimmen vermag, kann nur eine philosophische Erforschung der Völkerrechtsgeschichte befähigen. W.

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ist wichtig für die Geschichte des Völkcrrechts durch das oben genannte Werk (Histoire du droit des gens), aber seine geschichtliche Wissenschaft ist nichts weniger als philosophisch und principiell. Das Material ist in seiner Geschichte des Völkerrechts (vom Westphälischen Frieden bis zur Gegenwart) vollständig zusammengetragen, an eine tiefere Auffassung der Geschichte aber, an eine Auferbauung des geschichtlich Gewordenen nach leitenden Ideen ist nicht zu denken. Es wird blos eine gute Uebersicht der einzelnen Verträge und Verhandlungen, der einzelnen Ereignisse und Schicksale der Staaten im internationalen Leben jener Zeiten gegeben, nicht die allmählige Erstarkung und Entfaltung der Völkerrechtsidee genetisch nachgewiesen. Demnach erscheinen auch die periodischen Abtheilungen des geschichtlichen Stoffes bei W. willkürlich, während sie als Stufen der allmähligen Entwickelung des Rechtslebens der Völker hätten aufgefasst und auseinandergehalten werden sollen. Kurz, es wird hier blos eine durch eine geistreiche Reflexion getragene Uebersicht der einzelnen Facta geliefert. Doch ist selbst in dieser unvollkommenen Weise das Werk hochzuschätzen, denn – es giebt bis jetzt noch nichts Besseres der Art, ja das W.'sche Werk ist das einzige auf diesem Gebiete erwähnenswerthe Product. Auch wird es gerade dem praktischen Diplomaten von dem grössten Nutzen seyn, da es das positive Material vollständig und genau, übersichtlich und klar, besonders auch mit einer recht praktischen Färbung darlegt, so dass Miruss mit Recht erklärt: „ II's histoire gibt eine so klare und übersichtliche Darstellung der Fortschritte des Völkerrechts seit dem Westphälischen Frieden, dass in dieser Hinsicht dem Bedürfnisse (nämlich doch nur dem praktischen, keineswegs dem wissenschaftlichen) genügt ist." – Die Anforderungen, welche die Wissenschaft, namentlich die Deutsche Geschichtswissenschaft der Gegenwart macht, sind nicht erfüllt. Uebrigens ist selbst die historische Entwicklung der einzelnen Völkerrechtsinstitute in dem Werke nur theilweis gegeben. Das allmählige historische Wachsthum des Interventions – und zum Theil Gesandtschaftsrechts, des Zollwesens, des Fremdenrechts, ist schlecht berücksichtigt. Endlich ist die den einzelnen Perioden angehängte Geschichte der Literatur zwar als eine willkommene Beigabe besonders in der zweiten vollständigeren Ausgabe zu betrachten und muss nothwendig als Ergänzung der Eléments du droit international benutzt werden, da in dieser Französischen Umarbeitung jede Uebersicht der Literatur weggelassen ist. Doch ist diese sog. Literärgeschichte des Völkerrechts überall nur fragmentarisch, stellt die einzelnen Theorien nur in ihrer Vereinzelung dar, ist sodann in der vorletzten Periode schon dürftig, in der letzten aber sogar kärglich. Es ist zwar, wie gesagt, in den Eléments du droit international W.'s die Uebersicht der völkerrechtlichen Literärgeschichte leicht zu entbehren, da sie in W.'s histoire du droit des gens steht. Ungern vermisst man aber darin den gelehrten Apparat, genügende Citate über die Literatur der einzelnen Materien, damit der Leser in jedem einzelnen Falle sich weiter zu belehren in Stand gesetzt werde; sogar die Angabe der benutzten Autoren fehlt. W. gibt im Ganzen nur wenige Beweisstellen und diese noch dazu fast ausschliesslich besonders in den Details aus den älteren Werken eines Grotius, Vattel, Lampredi, Pufendorf, Wolff (er schreibt immer Puffendorf und Wolf); auf neuere Autoren, namentlich auf die neuere Deutsche Literatur seit Georg Friedrich von Martens, nimmt er nur selten Bezug. Selbst Martens und Klüber werden nicht häufig, die neuesten Deutschen Bearbeiter der Völkerrechtswissenschaft, wie Pütter (mit seinem Fremdenrecht und mit seinen Beiträgen zur Völkerrechtsgeschichte – und Wissenschaft), Oppenheim (mit seinem System des Völkerrechts), Miruss (mit seinem grossen Werke über das Gesandtschaftsrecht) u. s. w. werden nicht einmal mit Nämen genannt. Kurz, die literärischen Nachweisungen können dem gelehrten Forscher gar nicht genügen und haben höchstens durch einige Citate aus weniger bekannten Englischen und Nordamerikanischen Werken einigen Werth, und selbst den blossen Praktiker, den eigentlichen Diplomaten können sie schon deshalb nicht befriedigen, weil in ihnen meist veraltete Autoritäten der Völkerrechtswissenschaft herangezogen werden und allzuwenig auf die Gegenwart Bezug genommen wird. Jedenfalls ist hier wiederum Heffter's treffliches Werk von dem Manne der Wissenschaft wie von dem Manne der Diplomatie als eine durchaus nothwendige Ergänzung zur Hand zu nehmen. Heffter gibt einen ungemein reichhaltigen und wirklich vollständigen gelehrten Apparat. Die Definition W.'s vom Völkerrecht entspricht ganz seinem unwissenschaftlichen Schwanken zwischen einer Deduction aus allgemeinen Sätzen des natürlichen Rechts und positiven Satzungen

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des wirklichen Völkerrechts, ohne irgend einen höheren Maasstab der Vermittelung zwischen beiden. On peut donc en somme dire, heisst es I. p. 24. 25, que le droit international tel qu'il est compris par les nations civilisées, est l'ensemble (also doch nur ein Aggregat, etwas Willkürliches) des règles de conduite que la raison déduit, comme étant conformes à la justice , de la nature de la s0ciété qui existe parmis les nations indépendantes, en y admettant (also weiter nichts und so ganz zufällig) toutefois Ies definitions ou modifications qui peuvent être établies par l'usage et le consentement général. – Das Vertrags

und Gewohnheitsrecht erscheint bei W. überall nur als ein gewisser zufälliger Annex dessen, was aus der Natur durch die Vernunft gefunden werden soll.– Dazu erwäge man, dass W. das Naturrecht, etwa im Geiste der veralteten orthodoxen Naturrechtslehrer des 17. Jahrh. als das göttliche Recht auffasst, was dem Menschen durch die Vernunft und durch die Bibel offenbart sey und die Regeln für das Verhalten der Menschen als moralischer und socialer Wesen aufstelle, und man wird sich sogleich vorstellen können, wie mangelhaft die naturrechtlichen Dictamina W's, wie mangelhaft aber namentlich deren Anwendung auf das Völkerrecht seyn müsse. Das philosophische Völkerrecht fasst er wesentlich als Völkermoral (morale internationale), die man eben auch droit des gens naturel nenne. Das Princip des natürlichen Völkerrechts ist W. (nach Leibnitz, Cumberland und Bentham) bonheur général. Es leben aber alle Staaten wie alle Menschen nach W. eigentlich noch in dem sog. Waturstande. Ein allgemeines (positives) Völkerrecht gibt es nicht, sondern nur eins unter gesitteten und christlichen Völkern: ein Ausdruck, den schon Pölitz gebraucht hat und der hier völlig nichtssagend ist, sobald man nicht principiell den Umfang und das Gültigkeitsgebiet des praktischen Völkerrechts nach dem wahren Rechtscharakter der es übenden christlichen Staaten zu bestimmen weiss. Es heisst sodann, mit dem Vorigen nicht in rechter Uebereinstimmung, das Völkerrecht dehne sich auch noch über die christlichen Völker hinaus. Wie das möglich sey, in welcher Weise, in welchem Grade das internationale Recht von den nicht christlichen Völkern (z. B. von den Türken) anerkannt und geübt werde (nämlich doch jedenfalls z. B. gegen den Geist des eroberungssüchtigen Staatsprincips der Türken), wird durchaus unbestimmt gelassen. – Ueberhaupt werden im ganzen Werke alle eigentlichen Principienfragen völlig unbeantwortet gelassen; höchstens dass W. in vielen kitzlichen Fällen, die er mit seiner eigenen Theorie nicht beherrschen zu können einsehen musste, statt eigener Forschungen weitläufig die Worte fremder Autoritäten, namentlich von Grotius, Pufendorf und ganz besonders von Bynkershock, den er fortwährend citirt, endlich von Vattel ausschreibt. Besonders zeigt sich die Mangelhaftigkeit der W'schen Wissenschaft in seiner Darlegung der Quellen des Völkerrechts, die jeglicher Begründung entbehrt und ohne allen wissenschaftlichen Werth ist. Er nennt sechs Quellen des Völkerrechts: 1) die Schriften der Publicisten besonders über natürliches Völkerrecht, 2) Friedens –, Allianz – und Handelsverträge, 3) Verordnungen einzelner Staaten zur Regelung des Prisenwesens in Kriegszeiten, 4) Urtheilssprü– che internationaler Gerichtshöfe, 5) les opinions écrites et données confidentiellement par des légistes à leur gouvernement, 6) Geschichte der Kriege, Verhandlungen, Friedensverträge und anderer iuternationaler Transactionen. Man sieht, hier wird Alles bunt durch einander geworfen, äussere und innere, unmittelbare und mittelbare Quellen des Rechts. Nirgends findet sich ein höherer leitender Gesichtspunkt, um das Alles zu ordnen und das Verhältniss und das Gewicht der einzelnen Theile zum Ganzen zu bestimmen. Bestimmte oberste, das wirkliche internationale Leben der Staaten erfüllende Principien hat W. nicht aufgestellt. Die ganze Darlegung des wissenschaftlichen Stoffes ist eine principienlose. Dies zeigt sich in der Behand1ung aller einzelnen Institute, namentlich auch in der Anordnung der Materien, die freilich nichts weniger als eine organische Gliederung des internationalen Rechtsstoffes darbietet, sondern ziemlich willkürlich, aber selbst gegenüber den neuesten Versuchen einer völkerrechtlichen Systematik, die namentlich auch bei Heffter sehr schwach ausgefallen und bei Oppenheim ohne allen Werth sind, immer eigenthümlich und berechtigt genug, um sie hier noch besonders durchzusprechen. Der ganze Stoff wird in vier Hauptgruppen dargestellt. Abschnitt I. ist eine Art von allgemeiner Einleitung und handelt 1) von den Quellen des Völkerrechts, und 2) von dessen Subjecten, den souverainen Nationen und Staaten. – Der positive Staatscha

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rakter der einzelnen Europäischen und Amerikanischen Staaten wird hier gut und weitläufig geschildert. Besonders werden die eigenthümlichen, staatsund völkerrechtlich modificirten Verhältnisse des bisherigen „Deutschen Bundes" sehr detaillirt (S.56– 68) und mit sichtlicher Vorliebe in gefälliger Darstellung geschildert, da die ähnlichen Verhältnisse des Schweizerischen und Nordamerikanischen Bundes nur in einer kurzen Uebersicht dargelegr werden. Dies behagliche Verweilen eines Ausländers, eines Nordamerikaners, bei der Darstellung eines Deutschen Instituts, welches gerade unmittelbar nach dem Erscheinen des WW.'schen Werkes in das Grab hinabzusteigen sich bereitete und bei seinem Untergange von einem grossen Theile gerade der Deutschen selbst in wilder Leidenschaft mit Hohngelächter und Verwünschungen begleitet wurde, als ob es das grauenvollste Institut der Knechtschaft, eine Ausgeburt des schändlichsten Absolotismus gewesen sey, da es doch nur eine, gewissen Zeiten angemessene, allerdings unvollkommene Geburt politischer Ordnung Deutschlands war, muss fürwahr eine gewisse Rührung erwecken und hat einen gewissen Beigeschmack der bittersten Ironie. Die Geschichte wird richten, und gewiss werden Zeiten kommen, wo man im Stande ist, unparteiisch zu erkennen, dass dieser sogenannte Deutsche Bund eben als einer der Fürsten (nicht auch der Völker) ein noch– wendiger und vernünftiger Durchgangspunkt zum allerdings freiheitlicheren, nationaleren, vernünftigeren Deutschen Bunde der Völker, zu einem volksfreien Bundesstaate gewesen ist und, trotz seiner absoluten, allzu fürstenmässigen Form, in jener Uebergangsperiode des ehemaligen Deutschen Reichslebens durch die mehr völkerrechtlichen Bildungen des Rheinischen wie des Deutschen Bundes hindurch zu einer neuen einheitlichen, wieder mehr staatsrechtlichen und reichsähnlichen Umgestaltung des Deutschen politischen Gesammtkörpers, keineswegs als eine Wiege der Tyrannei und ein Grab der Freiheit sich charakterisirt hat. Der Deutsche Bund hat eine wichtige, aber nur vermittelnde Aufgabe in der weltgeschichtlichen Entwicklung des Deutschen Lebens zu erfüllen gehabt, er sollte Deutschland vom alten Reiche zum neuen führen.

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ALLGEMEINE LITERATUR - / E IT UM G

Monat Februar.

11S49.

Halle, in der Expedition der Allg. Lit. Zeitung.

Französische Sprache.
Der Franzos und seine Sprache. Von Dr. K. J.
Clement. gr. 8. IV und 146 S. Frankfurt a. M.,
Brönner. 1848. (*/2 Thlr.)

Wor frühere schriftliche Arbeiten des Vf's kennt, der findet dessen Vor- und Darstellungs–Weise, seine Manier (die verleugnet sich bei ihm nirgends) oder, wenn man ja lieber will, seinen Stil, das heisst also auch, falls die Büfson'sche Bemerkung wahr ist, Hrn. Clement, diesen ganzen Menschen selber, in gegenwärtigem Büchelchen wieder. II. C. ist bekanntlich lange und viel (insbesondere in Grossbritannien) gereist: und, überhaupt wohl kaum von der Natur zu einem homo sedentarius im strengeren Sinne des Worts geschaffen oder jener Men– schen „ mit ehernen Eingeweiden." Einer, besitzt er eine Lebendigkeit und Erregtheit des Geistes, die mitunter seine Schriften (nicht etwa blos die reisebeschreibenden) – wie fortgesetzte Reisen erscheinen lässt. Herrscht doch in ihnen für gewöhnlich nicht die bequeme häusliche Ruhe eines Daheimgebliebenen oder Eingewohnten; vielmehr öfters jener heftige Drang, welcher vom Gestern und

Heute unbegnügt, zu stets am morgenden Tage
erneueter Fahrt treibt und zu unermüdet frischer,
wenn auch zuweilen etwas eiliger und nicht allzu
ordnungsgemässer Beobachtung an immer anderem
Ort und anderen Gegenständen. Anderseits schreibt
unser Vf, Landes und der Leute nicht blos aus
Büchern, sondern meistens zugleich aus der An-
schauung, und, wo es sich, wie hier um Sprachen
handelt, auch dieser mit durch den unmittelbaren
Verkehr kundig: ein Vortheil, dessen sich nicht
Jeder zu berühmen weiss! und gern leiht man da-
her dem vielbewanderten und nie langweiligen Er-
zähler sein Ohr, mag auch der Sinn des IHörers, die
Dinge nicht immer mit des Erzählers Augen zu
sehen, sich beigehen lassen.
Weiter muss man sich erinnern – und das
hält nicht schwer, da jedes Blatt aus Hrn. C.'s
Feder dies mittel- oder unmittelbar den Lesern zu
Gemüthe zu führen pflegt – er ist der Geburt nach
(von der nordfrisischen Insel Amreur) Friese, und
hat sich in einem, der iieimath durch Reisen nicht
ab-, gerade umgekehrt mit desto lebhafter ange-
sachtem Eiscr zugewendetem IIerzen ein Ideal vom
(einst) freien franken Frisenthum *), vorweg dem

2) So sagt Hr. C. noch wieder anderwärts (in seinem Aufsatze: Ueber die deutsche Rechtschreibung, Herrig u. Viehoff

Archiv Bd. 1V. Heft 1. S. 83.): ,, Germaniens älteste Wurzeln liegen an der Nordsee, nicht an der Ostsee, und die frisische Sprache ist unleugbar die älteste (?!) germanische, die es gieht. Die Völkerwanderung nach dem jetzigen Deutschland ging grösstentheils von den Nordsee – Ebenen aus." Sollte, was ich jedoch nicht annehme, mit diesem Machtspruche gesagt seyn: die frisischen Sprachdenkmale reichten über die aller übrigen germanischen Stämme an Alter hinaus; so wäre das (bekanntlich sind sogar die ältesten darunter - aus Rechtsquellen bestehend, vergleichsweise äusserst jung) – eine offenkundige Unwahrheit. An der grossen Alterthümlichkeit der Frisischen Mundarten, trotz der grossen Zeitnähe, in der sie uns erst entgegentreten, zweifelt Niemand: aber theils spricht Hr. C. ausdrücklich vom Alter, nicht von Alterthümlichkeit, theils muss er dem Zusammenhange nach etwas Anderes meinen, was jedoch, vermuthe ich, – besinnt er sich ernstlicher auf den Ausdruck, – ihm selber als im Grunde sinnlos, mindestens nichtssagend vorkommen muss. Man hört oft von alten, älteren und ältesten Sprachen und Völkern reden. Was bedeutet aber das? Ich bekenne, das ohne nähere Erläuterung nicht zu verstehen. Ist z. B. Neugriechisch jünger als Altgriechisch? Gewiss, und doch kann ich mit vollem Rechte gleichfalls sagen: Es ist älter, um so viel Jahrhunderte älter (geworden), als es über jenes hinaus in die Gegenwart herein ragt. Frage ich aber weiter, etwa ob Griechisch oder Latein älter ? dann verläuft sich der Gedanke im Ahgeschmackten; denn die Frage enthält eingewickelt die grundfalsche Voraussetzung, als sey eins von jenen beiden Idiomen (man bildet sich gewöhnlich ein: das gerade viel alterthümlichere Latein) eine Entwickelung aus dem andern: – während vielmehr die Einheit beider , das " und b» nicht in a oder b, sondern jenseit ihrer in einem c gelegen ist, das für sie, als Zinken, den Gabelpunkt bildet, der mit der Abtrennung der Zinken in sie aufgeht und sich verliert. Es sind also, denke ich, Latein und Griechisch – gleich alt. – Was meint nun der Vf. mit seinem hohen Alter des Frisischen ? Lässt sich aus der, bis auf die neuesten Zeiten herab be

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