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2. Grundsätze, welche bei dem Texte befolgt sind. 3. Grundsätze, welche bei den Varianten befolgt sind.

4. Grundsätze, welche bei den Erläuterungen befolgt sind.

Der I. Abschnitt (S. LIX – LXI.) gibt im

Allgemeinen an, dass die erste Ausgabe Aurifaber's

bei dieser neuen Ausgabe zwar die Grundlage bil

det, dass diese aber keineswegs ein blosser Abdruck derselben ist, da ihr Text ausser mancherlei orthographischen Aenderungen auch noch manche andere in Folge der Vergleichung anderer Ausgaben erlitten hat. Meistens jedoch sind die bei dieser Vergleichung gefundenen Verschiedenheiten als Varianten unter den Text gesetzt, wohin auch der grösste Theil der beigefügten Erläuterungen gestellt ist. Die Ausgaben, welche durchgängig mit jener zum Grunde gelegten ersten Ausgabe Aurfabers verglichen worden, sind 1. die Stangwald'sche Redaction nach der Ausgabe von 1603; 2. die Selneccer'sche Redaction nach der Ausgabe von 1581; 3. die Walch'sche Ausgabe. Ausserdem sind noch theilweise verglichen 1. das lateinische Manuscript der Tischreden; 2. Luther's Briefe, Sendschreiben und Bedenken, gesammelt von W. M. L. de Wette; 3. Luther's Briefe, mitgetheilt von G. Schütze; 4. Corpus Reformatorum ed. C. G. Bretschneider; 5. Melanchthon's Antwort auf das Buch A. Osiandri von der Rechtfertigung des Menschen; 6. Melanchthonis consilia, ed. opera Chr. Pezeli; 7. J. Menii deutsche Uebersetzung von Luther's grossem Commentar über die Epistel an die Galater; 8. J. G. Schelhorns Ergötzlichkeiten aus der Kirchenhistorie und Litteratur. Der II. Abschnitt (S. LXI–LXXXVI.) enthält die Grundsätze, welche bei dem Texte befolgt sind. Bei diesem kommt in Betracht 1. die Anordnung und Eintheilung des in Aurifaber's Ausgabe enthaltenen Textes und die Ueberschriften dieser Theile; 2. die Angabe der Stellen, an welchen die einzelnen Stücke in den verschiedenen Redactionen sich finden, so wie der Schriften, aus welchen einige entnommen sind, und das Verfahren bei doppelt vorkommenden Stücken; 3. die innere Gestaltung dieses Textes. Bei der ausführlichen Entwickelung dieser letzten sind wieder unterschieden: a. die formale Gestaltung des Textes,

b. die kritische Gestaltung desselben, c. die äussere Unterscheidung der darin redenden Personen, - - * d. das Verfahren bei den darin angeführten Bibelstellen. In der ersten dieser vier Unterabtheilungen wird der Aurifaber'sche Text von Seiten seiner Sprachformen charakterisirt, und dabei gezeigt, in wie weit dieselben in dieser neuen Ausgabe beibehalten oder verändert worden sind. – In der zweiten Unterabtheilung wird entwickelt, in wie fern die Kritik in Bezug auf ganze Stellen, einzelne Wörter, Eigennamen und Zahlen geübt sey. – Die dritte Unterabtheilung zeigt, wie die Absicht, den Text dieser Ausgabe so zu gestalten, dass man sogleich äusserlich die redende Person erkenne, ob nämlich ein Satz Luthern oder einer anderen Person oder einer Bibelstelle angehöre, erreicht worden. – Die vierte Unterabtheilung zählt zunächst die verschiedenen Anführungsweisen von

Bibelstellen in den drei Redactionen dieser Tischreden

auf, und gibt dann das Verfahren an, wodurch das zur Ergänzung dieser Anführungen aus Walch's Ausgabe Hinzugefügte bemerklich gemacht ist. Der III. Abschnitt (S. LXXXVI–CVIII.) legt die bei den Varianten befolgten Grundsätze dar, und erörtert: 1. die verschiedenen Arten der Varianten, welche durch die Vergleichung der oben erwähnten Ausgaben und Schriften mit der ersten Ausgabe Aurifabers aufgefunden und angegeben sind; 2. die Einrichtung dieser Varianten. Die Varianten sind in der ersten dieser beiden Unterabtheilungen eingetheilt in: a. auf ganze Paragraphen sich beziehende, b. auf einen oder mehrere Sätze sich beziehende, C. auf Theile eines Satzes (hier mit Ausschluss der Eigennamen und Zahlen) sich beziehende, d. auf Eigennamen sich beziehende, e. auf Zahlen sich beziehende. In der zweiten Unterabtheilung wird a. die gegenseitige Verweisung von Text und Varianten, b: die Stellung der verweisenden Zahlen, c. die innere Einrichtung der Varianten gezeigt. Der IV. Abschnitt (S. CVIII – CXX.) entwickelt die Grundsätze, welche bei den hinzugefügten Erläuterungen befolgt sind, wobei wiederum unterschieden werden: 1. die Gegenstände dieser Erläuterungen,

2. die Einrichtung derselben,

- 3. die Quellen derselben.

Die in der ersten Unterabtheilung namentlich aufgezählten Gegenstände der Erläuterungen sind a. Personen, b. Länder, Flüsse, Städte u. s. w., c. Ereignisse, Thaten und Anderes, wovon im Texte geredet ist, d. apokryphische Bücher, Schriften Luther's und Anderer, die im Texte kurz angedeutet werden, e. Stellen der Bibel, griechischer und römischer Classiker u. s. w., f. Sprichwörter, g. einzelne Wörter, die der Erklärung bedurften, entweder weil sie in dieser Form oder Bedeutung im Hochdeutschen ausser Gebrauch gekommen, oder weil sie überhaupt nicht dem Hochdeutschen, sondern einzelnen Dialecten oder fremden Sprachen angehören, h. Bestimmung der Sprache, in welcher das im Texte mitgetheilte Stück ursprünglich geschrieben worden, i. Vergleichung einzelner Stücke der Tischreden mit andern Stücken derselben, k. Vergleichung der verschiedenen Redactionen der Tischreden. – In der zweiten Unterabtheilung wird a. die gegenseitige Verweisung von Text und Erläuterungen, b. die Stellung derselben, c. ihre in

derselben Vorgetragene anzudeuten. Um die Einrichtung der letztern noch mehr zu veranschaulichen, theilen wir zwei kurze Probestücke daraus mit: 1. § 37. des XXII. Abschn. (S.384. der II. Abth.). 37. Wohin ein Prediger sehen soll. (A. 257b. – St. 276. – S. 255.) Doctor Erasmus Alberus 1), da er in die Mark

ziehen wollte, bat er D. M. L., er wolle *) ihm

eine Form und Art stellen, zu predigen furm Fürsten. Der 3) Doctor sprach: „ Alle Deine Predigten sollen aufs Einsältigst seyn, und siehe *) nicht auf den Fürsten, sondern auf die einfältigen, albern, groben und ungelehrten Leute, welches Tuchs auch der Fürst seyn wird. Wenn ich in meiner Predigt sollte Philippum Melanchthonem und andere Doctores ansehen, so machte ich nichts Gutes; sondern ich predige aufs Einfältigst den Ungelehrten und es gefällt Allen. Kann ich denn Griechisch, Hebräisch *), das spare ich, wenn wir Gelehrten zusammen kommen; da machen wirs so krause, dass sich unser Herr Gott darüber verwundert." 2. § 7. des LIV. Abschn. (S.322. der IV. Abth.). 7. Von vier fürnehmsten Concilien. (A. 512b. – St. 302b.–S. 278b.) Anno 1539. den 27. Januarii hatte Doct. M. Luther ein Buch in der Hand, dess Titel war Liber Conciliorum 6), ein Buch von Concilien, darinnen er fand sechzig General – und Provincial – Concilia, von der Apostel Zeit gehalten, unter welchen viere der furnehmsten und löblichsten waren; zwey vertheidigten die Dreyfaltigkeit und Gottheit Christi, als das Nicaenum und Constantinopolitanum; zwey aber die Menschheit Christi, als das zu Epheso und Chalcedon 7). „ Im Concilio zu Nicäa *) ist nichts geschrieben vom Bischof zu Rom, dass einer da wäre gewesen 9). Nur einer, Ozius"), Bischof zu Corduba aus Hispanien, ist da gewesen; die andern Bischofe sind aus den Kirchen in Orient, als aus Griechenland, Klein – Asien, Egypten, Africa kommen etc. Ah lieber Herr Gott, der Bischofe Concilia und Convent, was sind sie anders, denn nur eitel Ehrund Geldgeiz 1), darinnen man sich zankt um die Titel ?), Session und ander lose kindisch Puppenwerk. Sehet doch, was aufn Concilien gehandelt ist worden, von drey hundert Jahren bisher, nur von äusserlichen Dingen und Ceremonien, nichts von rechter gottseliger Lehre, rechtem Gottesdienst und Glauben." Am Schlusse jeder Abtheilung steht ein Verzeichniss der darin enthaltenen Abschnitte nach den darin begriffenen Paragraphen. In der vierten Abtheilung ist diesem speciellen Inhalte derselben noch ein auf alle vier Abtheilungen sich beziehendes Hauptregister angefügt, worin aber nur die Ueberschriften der sämmtlichen Abschnitte, nach ihrem Stichworte alphabetisch geordnet, mit beigesetzten Zahlen der Abtheilung und der Seiten dieser Ausgabe angeführt sind. Die würdige äussere Ausstattung dieses Werkes wird gewiss Jeden befriedigen, und wir dürfen demnach wohl ohne Scheu die Ueberzeugung aussprechen, dass hier Herausgeber und Verleger keine Anstrengung und Kosten gescheut haben, um dieses Werk in einer Weise zu veröffentlichen, wie solches keine bisher erschienene Ausgabe bietet. Bindseil.

nere Einrichtung erläutert. – Bei der dritten Un

terabtheilung war es nicht die Absicht, sämmtliche
bei den Erläuterungen benutzte Quellen aufzu-
zählen, weil dieses bei der häufigen Anführung der
benutzten Hülfsmittel etwas Ueberflüssiges gewe-
sen wäre, sondern lediglich auf den Nutzen zweier
Quellen dabei aufmerksam zu machen und mit Bei-
spielen zu belegen:
1. des lateinischen Manuscripts der Tischreden,
2. der Randbemerkungen der drei Redactionen
dieser deutschen Tischreden.
Dieser Umriss des Inhaltes der Einleitung, wel-
che Ref. der vierten Abtheilung dieser Ausgabe
vorangestellt hat, wird hinreichen, um dem Leser
das dort ausführlicher über die Geschichte dieser
in so vieler Hinsicht lehrreichen Tischreden und
über den Plan dieser neuen kritischen Ausgabe

1) S. irrig ,, Albertus.”
2) St. u. S. ,, wollte." 3) „ Der” fehlt St. u. S.

Er ging um das J. 1539 auf kurze Zeit nach Berlin als Hofprediger des Kurfürsten Joachim II.

4) St. ,, sehet.” 5) St. u. S. Zusatz: „ und Lateinisch.”

6) Hier ist wahrscheinlich folgendes Buch gemeint: Concilia omnia tam generalia quam particularia ab apostolorum temporibus celebrata etc. studio et labore Petri Crabbe. Colon. 1538. 2 Tomi. Fol. 7) Auf dem Concilium oecumenicum I. zu Nicäa im J. 325 und dem zu Constantinopel 381 wurde der Arianische Streit, auf dem zu Ephesus 431 der Nestorianische, und auf dem zu Chalcedon 451 der Eutychianische verhandelt. 8) A. ,,Nicena.” 9) Nach Sozomeni hist. eccles. lib. I. cap. 16. erschien der römische Bischof auf diesem Concil wegen Alterschwäche nicht (vgl. Jo. Dom. Mansi sacror. conciliorum nova et amplissima collectio. Tom. II. p. 758.). Statt seiner kommen in den Unterschriften dieser Kirchenversammlung in Harduin's Collectio concil. zwei römische Aeltesten vor (vgl. J. M. Schröckh : christliche Kirchengesch. 2. Ausg. Thl. V. S. 336.). 10) St. ,, Osius" d. i. Hosius (vgl. Schröckh's Kirchengesch. a. a. O.).

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Zur Reformationsgeschichte. Erörterungen kirchlicher Zeitfragen. Von K. A. Credner, Dr. u. Prof. d. ev. Theol. zu Giessen u. s. w. Erstes Heft. Luther's Tod u. Luther's Bedeutung. gr. 8. XIV u. 119 S. Frankfurt a. M., J. D. Sauerländer. 1847. Den anfänglichen Plan, die kirchlichen Zustände der Gegenwart in einer grösseren, zusammenfassenden Schrift zu beleuchten, hat der Vf, dahin abgeändert, dass er jetzt Erörterungen kirchlicher Zeitfragen in einzelnen, zwanglosen Heften zu geben vorzieht, weil er sich überzeugt hat, dass, bei dem unstäten Treiben und Drängen der Gegenwart, ein in sich abgerundetes und abgeschlossenes Ganzes seine Aufgabe nicht so glücklich lösen würde, als ein vereinzeltes Eingehen auf die immer wechselnden Fragen des Tages. Den Gegenstand dieses ersten Heftes legte die dreihundertste Wie

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derkehr des Todestages Luther's nahe, und da einer akademischen Festschrift sich Schwierigkeiten entgegenstellten, so musste der Vf, sich auf zwei Vorträge in seinem Lehrsaale beschränken, die er hier dem grösseren Publikum darbietet, und mit Erläuterungen und Zusätzen ausgestattet hat, welche zum Theil zu Abhandlungen, grösser als die Vorträge selbst, erwachsen, und deshalb nicht mit blossen Anmerkungen zu verwechseln sind. Der erste dieser Vorträge ist ganz historischen Inhalts, und giebt eine klare und ansprechende Relation über Luther's letzte Tage und Stunden, wobei, ausser mehren Briefen Luther's, vornehmlich die Berichte von Jonas und Cölius benutzt und wörtlich eingeführt sind, und am Schlusse die Inschrift der Gedenktafel in der Stadtkirche zu Jena: „Lutheri effigiem non cultus, sed memoria e causa posuimus“, gebührend hervorgehoben wird. Wie schon in diesem ersten Vortrage einzelne Bemerkungen über Luther's Geist und Buchstaben, über das Bleibende und Vergängliche seines Werkes, eingestreut sind, so ist der zweite Vortrag ganz der Betrachtung über Luther's Grösse gewidmet, und wir haben ihn mit grosser Befriedigung gelesen, können hier aber nur einen gedrängten Auszug des Gedankenganges geben. Geistesgrösse ist es, was Luthern mit Recht zugeschrieben wird. Sie ist überall da vorhanden, wo von Einzelnen das Recht des Geistes in kräftig hervorragender Weise geübt und gewahrt wird. Es giebt aber zwei Arten derselben: Sie erweiset sich entweder durch das Erkennen und Lösen hemmender Geistesfesseln, oder durch das Brechen und Verfolgen neuer Gedankenbahnen. Luther war geistesgross im ersteren Sinne; in dem zweiten hat ihn nur verkehrter Eifer und einseitige Uebertreibung dazu machen können. Er war Verbesserer eines entarteten christlichen Glaubens, nicht Schöpfer eines neuen Glaubens; aber nur von einem Theile der Irrthümer befreite er die Kirche, während er die übrigen, deren Druck minder oder gar nicht empfunden wurde, fortbestehen liess. Bis zu seinem mannhaften Auftreten in Worms steigert sich seine Geistesgrösse; aber hier steht sie auf ihrem Höhepunkt; nach wenigen Jahren sinkt sie, und geht in Glaubensgrösse über. (Der Beschluss folgt.)

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ALLGEMEINE LITERATUR - ZEITUNG

Monat Februar.

Philosophie.

J. G. Fichte und seine Beziehung zur Gegenwart des deutschen Volks, von W. Busse. 1. Theil.

Fichte als Philosoph. 1. Bd. Halle 1848. b. Ed. . Heynemann. 578 S.

Ein Werk über Fichte in drei Bänden, von welchen der erste schon 37 Bogen ausfüllt, ist – zumal in den jetzigen Zeitläuften – wahrlich ein kühnes Unternehmen! Der Vf, hat auch Grosses im Sinne. Es handelt sich nicht um eine Entwickelung der philosophischen Kritik der Fichte'schen Philosophie, sondern – um die Auflösung aller Philosophie. Der Vf, ist dabei so voller Angst, es möchte nicht schnell genug seine wesentliche Tendenz offenbar werden, dass er sogleich in einem besondern Prospectus dem Publicum mittheilt, wie er sich mit seiner Auflösungstendenz mitten in den Interessen der Gegenwart befinde, wie es nur durch eine solche Auflösung aller Philosophie möglich werde, den Staat in deutsch – nationaler Weise zu organisiren und so der Anarchie zu entgehen. Warum sich der Vf, mit der Tendenz an Fichte wendet, werden wir sogleich erfahren; entschieden ist aber das ganze Experiment der Auflösung der Art, dass es mit Leichtigkeit auf jede Philosophie angewandt werden kann. Der wesentliche Gehalt der Fichteschen Philosophie, ihr innerer Organismus, also ihr Unterschied von andern philosophischen Systemen wird durch die Mittel der Auflösung im Grunde gar nicht berührt. Der Vf, hätte sich daher – seiner wesentlichen Aufgabe zu Liebe – das weitläuftige Eingehen auf die Philosophie Fichte's füglich ersparen können. Die Gründe der Auflösung sind von so allgemeiner und dazu von so einfacher Natur, dass die weitläuftige Exposition, welche der Vf. von der Fichteschen Philosophie giebt, wie ein besonderes selbständiges Thema neben der wesentlichen Tendenz herläuft, und diese zu einer Nebensache, zu einer beiläufigen Anmerkung herabzusetzen droht. Dies Missverhältniss zwischen dem gebotenen Material und dem eigentlichen Kerne, um

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den es dem Vf, selbst zu thun ist, wird nun auch dadurch noch vermehrt, dass der Vf, seine Hauptgedanken, ohne sie in sich selbst zu entwickeln und zu specialisiren, mit geringen Veränderungen ins Unabsehbare wiederholt. Er bereitet dadurch auch dem geneigtesten Leser eine kaum zu ertra

gende Pein. Er kann es nicht über sich gewinnen,

eine Untersuchung mit Ruhe zu Ende zu führen; er muss die Gedanken, die ihm vorzugsweise am IIerzen liegen, zu Zeiten dazwischen werfen, um sich seine Last zu erleichtern, um den Leser ohne Erbarmen in Besitz zu nehmen. 37 Bogen ist aber gar zu viel! Wir haben dem Leser zunächst den wesentlichen Inhalt des vorliegenden Werkes mitzutheilen. Man hat wiederholt behauptet, dass in der Phi

losophie auf Fichte zurückzugehen sey. Diese Behauptung könnte rein individueller Natur seyn; al

lein schon die Herausgabe von Fichte's sämmtlichen Werken 1845–46 deutet darauf hin, dass in wei

ten Kreisen ein geistiges Interesse für Fichte er–

wacht ist. Ob wir aber ein Recht haben, diese IIerausgabe in dieser Weise zu deuten, können wir erst entscheiden aus dem Inhalte der IEchteschen Schriften und einer Vergleichung derselben mit den geistigen Kräften, welche unsere Zeit bewegen. Fichte's Leben fällt in eine Zeit von sol– cher geschichtlichen Bedeutung, wie sie kaum jedes Jahrtausend Ein Mal aufzuweisen hat, sie fällt in die Zeit der nationalen Bewegung, die vielleicht die grösste gewesen ist, welche die Germanischen Völker seit der Völkerwanderung erlebt haben. Solche geschichtliche Ereignisse stellen der Nachwelt gleichsam das Problem, welches sie zu lösen hat; denn nicht gleich bei seinem Eintritt wird der ganze Inhalt desselben den Zeitgenossen klar. Bestimmte Beziehungen zwischen der Zeit Fichtes und der Gegenwart zeigen sich schon darin, dass die Gesammtausgabe von Fichte's Werken zunächst für Gelehrte bestimmt ist; der Gegensatz zwischen Gelehrten und Ungelehrten ist für unsre Zeit charakteristisch. Ferner sind die Werke bestimmt für Philosophen. Der Herausgeber hat die Ueberzeugung, dass die Philosophie Fichte's als Philosophie noch ihren Leserkreis findet, und er täuscht sich darin nicht. Es geht daraus hervor, dass der Glaube an die Voraussetzungen der Philosophie, dieser bestimmten geschichtlichen Erscheinung noch besteht, und viele unserer Zeitgenossen beherrscht. Endlich setzt der Herausgeber der Werke eines früheren Philosophen voraus, dass das Geschlecht, für welches sie herausgegeben werden, auch ein historisches Interesse hat; denn die Philosophie des frühern Philosophen kann nur das Interesse in Anspruch nehmen, welches sie als Moment in der Geschichte der Philosophie verdient. Dieselben Momente, den Gegensatz des Gelehrten und Ungelehrten, den Glauben an die philosophischen Voraussetzungen, die Beziehung zu seinen Zeitgenossen, also ein historisches Interesse, finden wir auch bei Fichte. Er setzt den Gegensatz von Gelehrten und Ungelehrten nicht nur als einen geschichtlichen voraus, sondern construirt ihn auch philosophisch; er glaubt unerschütterlich an die absolute Wahrheit seiner Philosophie; er nimmt thätigen Antheil an der Geschichte seines Volks. Hierzu kommt aber ferner, dass der deutsche Volksgeist auch gegenwärtig in besonderer Thätigkeit ist, dass ein neues Lebensfeuer das deutsche Volk durchzuckt. Die Erscheinungen sind noch neu, welche hierauf deuten; sie lassen sich höchstens bis 1840 zurückverfolgen. Die nächst vorangehende Epoche ist ganz anders geartet, es ist das Restaurations-Zeitalter, und der adäquate Ausdruck dieser Zeit ist die Hegelsche Philosophie. Von diesem Schlafe ist das deutsche Volk erwacht, und hiermit zugleich ist die Wissenschaft der historischen Empirie entstanden, welche wesentlich die Tendenz hat, das Volksthümliche in den geschichtlichen Erscheinungen zu ermitteln. Das Volk bedarf jetzt einer Wissenschaft, welche ihm sagt, nicht was der beste Staat, der Idealstaat ist, sondern was ein deutscher Staat ist, und wie man zu ihm unter den gegebenen geschichtlichen Bedingungen gelangt. Nur auf diese nationale Wissenschaft dürfen wir uns stützen, um Fichte's Werke zu verstehen, wenn wir von dem neuen Geiste, welcher seit 1840 das deutsche Volk bewegt, ergriffen sind. Dieselbe nationale Bewegung, welche zu Anfang dieses Jahrhunderts der historischen Empirie ihren Ursprung gab, hat aber auch Fichte ergriffen. Eben diese seine deutsch

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nationale Gesinnung, welche mit der historischen

Empirie den gleichen Ursprung hat, setzt ihn mit unsrer Gegenwart in Beziehung, sofern ihr nationaler Grundzug uns klar geworden ist, und nöthigt uns, ein Verständniss seiner Schriften uns durch die historische Empirie zu eröffnen. Dass das Wesen der gegenwärtigen Bewegung ein nationales ist, ist zunächst freilich eine individuelle Ueberzeugung; allein die individuelle Ueberzeugung ist hier auch entscheidend. Der Empiriker hat durch Beobachtung der Erscheinungen der Gegenwart sich eine Ueberzeugung zu bilden, bei der es sein Bewenden hat, die durch keine Dialektik angefressen wird, und aus dieser Ueberzeugung heraus zu handeln; die Zukunft und die Geschichte selbst kann erst entscheiden, ob diese Ueberzeugung eine objective war. Die Art seines Handelns ist aber bedingt durch die Art seiner Beschäftigung. Er erforscht die Vergangenheit, und kann daher nur von dieser seiner Thätigkeit aus in die Geschichte seiner Zeit eingreifen. Es giebt für ihn zunächst kein anderes Mittel die nationale Gesinnung zu beleben, als dies, dass er das Hervorbrechen deutsch-nationaler Gesinnung, wie es sich zu Anfang dieses Jahrhunderts beim deutschen Volke zugetragen hat, in das Bewusstseyn zurückruft, und es der Gegenwart als Spiegel vorhält. Fichte ist nun aber auch Philosoph. Es ist charakteristische Eigenschaft aller Philosophen, dass ihnen das Bewusstseyn volksthümlicher Bestimmt– heit und Volkseinheit fehlt. Der Philosoph steigt unmittelbar vom Individuum zur Gattung Mensch auf; das dazwischenliegende Mittelglied, das Volk, bemerkt er nicht. Und doch liegt gerade in diesem Mittelgliede das treibende Princip des geschichtlichen Fortschritts. Nur die Völker haben Geschichte, denn nur die Volksgenossen stehen mit einander in einem lebendigen, organischen Processe; die Individuen als Menschen dagegen stehen mit einander in gar keinem geistigen Verhältnisse, weil es keine Formen giebt, in denen es sich ausdrücken lässt. Obwohl nun Fichte die Bewusstlosigkeit über die Volksbestimmtheit, der er wesentlich angehört, mit allen Philosophen theilt, so tritt doch bei ihm das Bewusstseyn der deutschen Nationalität unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen ein. Als ihn 1806 und 1813 die von der französischen Revolution eingeleitete grosse nationale Bewegung der Germanischen Völker ergriff, wurde er sich seines organischen Zusammenhangs mit dem deutschen Volke bewusst. Gelingt es uns, den Process die

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