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ALLGEMEINE LITERATUR-ZEITUNG

Monat Januar.

11S49.

Halle, in der Expedition der Allg. Lit. Zeitung.

HiSt0riScheS Drama,

Die Republikaner. Ein historisches Drama in fünf Acten von Julius Fröbel. 8. 127 S. Leipzig, J. J. Weber. 1848. Ga Thlr)

Wenn das geschichtliche Schauspiel durch eine bedeutende Handlung bedingt wird, welche dem Weltlaufe eine entscheidende Richtung gebt, war Fröbel dann berechtigt, dem Stücke jenen anspruchsvollen Titel zu geben? Ist die Befreiung der Stadt Genf von der Oberherrlichkeit Savoyens wirklich eine grosse Begebenheit, durch welche die Weltgeschichte wesentlich bestimmt wird? Wenn Schiller, unser grosser Geschichtsdramatiker, im Tell die Befreiung der Schweizer Eidgenossenschaft darstellt, wenn Shakespeare im Julius Cäsar den Untergang der römischen Republik schildert, kann Niemand die Grösse des Gegenstandes, das Gewicht des geschichtlichen Stoffes verkennen. Dagegen ist die Einsetzung einer Genfer Republik eine in der Geschichte gleichgültige Thatsache, welcher keine folgenreiche Bedeutsamkeit zugesprochen werden kann. Sie mag in der Erinnerung der Genfer, vielleicht der Schweizer, als ein inhaltsschweres Ereigniss fortdauern, aber eben deshalb darf sie blos ein gleichsam häusliches Interesse oder lokale Wichtigkeit beanspruchen. Man kann solche Ereignisse zu den beliebten geschichtlichen Romanen oder zu den historischen Genrebildern verwenden: dem historischen Drama gebührt das Vorrecht grossartiger Weltbegebenheiten. Die Geringfügigkeit des Objects, welches uns hier in dramatischer Behandlung vorliegt, wird auch durch den Umstand bezeichnet, dass das gebildete Publikum mit ihm völlig unbekannt ist, während das ächte geschichtliche Schauspiel allgemeine Bekanntheit des Stoffes voraussetzen darf. Was kümmert uns die Einzelgeschichte einer Stadt?

eder Tagelöhner hingegen, welcher durch die Ä. gelaufen ist, weiss vom Tell zu erzählen. Es muss also zunächst ein Vorurtheil gegen den

Beruf des Vf's zum geschichtlichen Dramatiker erwecken, dass er von einer kleinstaatlichen Begebenheit sich ergriffen fühlte. Der ächte Dichter kann blos durch die ihm verwandte Grösse einer Handlung begeistert werden. Freilich müssen wir hier in Anschlag bringen, dass der Vf., wie wir vernehmen, selbst in den Kreis der kleinen Repupliken der Schweiz gebannt war, so dass die Bearbeitung des von ihm gewählten Stoffes sich ihm gewissermassen von selbst aufdrängte. Dazu könn– te man den Umstand beachten, dass, so lange das von uns ersehnte grosse politische Leben keine reale Existenz gewinnt, auch schwerlich unsere Dramatiker sich auf grosse Geschichtsmomente werfen werden. Indessen würde ein dramatisches Dichtergenie, selbst wenn die es umgebende Wirklichkeit bedeutungslos wäre, schon vermöge einer dynamischen Congenialität auf weltgeschichtliche Wendepunkte fallen. Obgleich nun also die hier getroffene Wahl des Stoffes die Kindheit des historischen Dramas in der Gegenwart charakterisirt, obgleich das Drama Fröbel's blos im Range eines Paradigma steht, ist es doch immerhin als ein kleiner MIikrokosmus anzusehen, ist es doch als ein erster Versuch eine durchaus beachtungswerthe Erscheinung. Der Vf, hat die idealen Schranken des Stoffes keineswegs eng gezogen, die geschichtliche Chronik vergeistigt, die dramatischen Motive wirksam zusammengedrängt, die Tragweite des Gegenstandes mit einem relativ grossen Maasstabe bemessen. Eine verwandte Frage ist es, in welchem Maasse die Autonomie des Dichters gegenüber der geschichtlichen Treue, oder die objective Wahrheit gegenüber der subjectiven Freiheit gewahrt ist, – eine Frage, deren Beantwortung bekanntlich für Schiller's Don Karlos oder Prutz' Moritz von Sachsen nicht entschieden günstig ausfällt. Es versteht sich, dass der Dramatiker, indem er einen Geschichtsstoff behandelt, nicht den Bildungsstandpunkt der Gegenwart verlassen kann oder darf: trotzdem muss er das Zeitbewusstseyn der Vergangenheit treffen, welcher der Stoff angehört. Es kann nun aber leicht der Abweg eingeschlagen werden, dass man die Gattungsnatur des Gegenstandes zerstört, indem man den Lebensgehalt der Gegenwart der Vergangenheit aufdrängt, so dass man gegen die objective Wahrheit sündigt; oder die Darstellung der Vergangenheit ist mit einer mechanischen Treue vollzogen, so dass die Befugniss des Dichters, das Pathos der Vergangenheit mit den geistigen Mitteln der Gegenwart zu entwickeln, von ihm nicht benutzt worden ist. Es fragt sich nun: welche Richtschnur hat Fröbel einzuhalten? Er hat zunächst die örtliche Treue bewahrt, indem er die umgebende Natur, in welcher das Stück spielt, als ein Motiv der Darstellung benutzt. Es konnte dies dem Dichter nicht schwer fallen, weil er selbst sich in der Schweiz eine Zeitlang aufhielt, obgleich Schiller im Tell trotz der mangelnden persönlichen Beobachtung die Lokalfarben reicher auftrug. In den Culturformen ist der allgemeine Typus des Genfer Volks, welches nicht kräftige Hirten sondern gebildete Städter enthält, sowie des sechszehnten Jahrhunderts bemerklich; freilich hat die Volksversammlung, welche hier abgehalten wird, schon zu sehr die parlamentarischen Formalitäten der Gegenwart angenommen. Es bezeichnet ferner einen sichern Griff, dass der Dichter einen Gegenstand aus dem Zeitalter der Reformation wählte, weil dadurch schon die Gefahr ungeschichtlicher Darstellung leichter vermieden wurde. Denn die Reformationsperiode ist eben so wie die Gegenwart eine freiheitsschwangere, gährende, dynamische Zeit, welche eine religiös-politisch-sociale Emancipation in Aussicht nahm. Freilich, wenn wir den ersten Eindruck formuliren, welchen das Stück auf den Leser macht, müssen wir es, ohne den Vorwurf der Ungerechtigkeit zu fürchten, als ein Tendenzdrama charakterisiren. Es wäre auch in der That ein Wunder, wenn sich ein jetziger Dichter im reinen Aether der Poesie zu halten vermöchte, ohne dass er in den trübenden Dunstkreis der strebensvollen Gegenwart herabgezogen würde. Selbst die allerjüngste Zeit, welche die ungeduldigen Wünsche, die drangvollen Forderungen des Volks befriedigt sieht, wel– che „ die Errungenschaften der Märzrevolution" ausbeutet, würde einen Dramatiker nicht ganz von tendenzvoller Behandlung zu befreien vermögen, weil die Erfüllung unserer Bestrebungen von uns noch nicht unbefangen genossen werden kann,

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indem die erlangte Freiheit bis jetzt wüster Zustand, nicht eingewurzelte Wirklichkeit ist. Nun aber ist das Stück schon vor der grossen Umwälzung gedichtet: wie sollte ihm nicht jene Zeit den Stempel der Tendenz aufdrücken? Es ist klar, dass der Dichter Julius Fröbel, den wir auch jetzt unter den Häuptern der Republikaner erblicken, die Welt zunächst durch dies Gedicht republikanisiren will. Man merkt die Absicht! Obgleich er nämlich selbst durch den Mund Philibert Bertheliers, des Führers der republikanischen Partei in Genf, sagen lässt, dass er die Welt nicht zur Republik machen wolle, ist er doeh voll propagandistischen Eifers für dies ferne Ziel, von dem uns noch Jahrhunderte scheiden. Die jugendliche Bereitwilligkeit, mit welcher der Dichter den Helden des Stücks für die Befreiung Genfs in den Henkertod springen lässt, ist ein verrätherischer Beweis, dass er Proselyten machen will für „die heilige Sache der Demokratie." Doch scheinen die modernen Demokraten keine Lust zu verspüren, ihr unverantwortliches Haupt eventuell dem Beile des Scharfrichters zu unterwerfen, weil gerade sie die Abschaffung der Todesstrafe verlangten, so dass auch der angebliche Todesmuth des Dichters mehr als ein forcirtes Mittel zu Partheizwecken erscheint. Wer sich an die schmähliche Flucht Herwegh's erinnert, welcher doch blos auf stolzem Ross von schnellem Huf in schimmerndem Kürasse für die Freiheit sterben wollte, wird einen solchen Vorwurf gerechtfertigt finden. Der Tendenzcharakter des Stücks geht ferner aus der Antwort auf die Frage hervor: was ist denn die republikanische Staatsform, welche der Dichter herbeiwünscht? Ist es die allgemeine Sehnsucht des Volks? Nein: es ist die partikulare Tendenz einer Parthei, es ist das Ziel einer kleinen Minorität, auf welches der Vf. speculirt. Es ist die idealistische Subjectivität des Dichters, welche trotz der mächtigsten praktischen Hindernisse die republikanische Theorie verwirklichen will. Man hat im Lesen das Gefühl, als ob uns aus einem Winkel ein einseitiger Luftzug schneidend anwehte, nicht als ob man das Gesammtwehen des Weltgeistes vernähme. Zudem kann man sich oft eines Lächelns nicht erwehren, wenn man sieht, wie rasch der Dichter die Personen zum Republikanismus zu bekehren weiss, mit welcher Leichtigkeit er die Geg ner des Herzogs von Savoyen die glänzendsten Erfolge erringen lässt: in der That die Republikani

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sirung der politischen Ketzer ist hier für die Emissäre des Dichters ein wahres Kinderspiel. Man sehe weiter zu, mit welchen Mitteln der Dichter den Stoff einkleidet, wenn man den Tendenzpoeten entlarven will. Ist wohl die reine Thätigkeit der Phantasie bemerkbar, welche den Stoff verkörpert? Nein: vielmehr ist an die Stelle der Versinnlichung eine abstracte Denkthätigkeit getreten, welche den Stoff gedankenhaft weiterführt. Es ist eine dramatisirte Debatte über die Streitfrage: ob Herzogthum, ob Republik? Das Stück eröffnet sich mit einem demokratischen Frauenclub, an welchem sich später auch Männer betheiligen; es folgen Partheisitzungen; eine Bürgerversammlung improvisirt sich auf der Strasse, wo die Vorzüge der Republik demonstrirt werden; die Räthe des Herzogs streiten über Präventivmaassregeln; es folgen diplomatische Verhandlungen mit dem Herzog, ein politisches Zweckgelag der Verschworenen; der ganze dritte Act besteht aus einer grossen Volksversammlung – solche Thatsachen werden genügen, um die doctrinäre Form des Dramas nachzuweisen. Wie roh vollends die Gestaltung des politischen Gedankeninhalts ausfällt, sieht man an jenen kahlen, armseligen Gegensätzen, mit welchen übrigens auch unsere modernen Volksredner wacker um sich zu werfen wissen. Die Freiheit erscheint hier immer als eine geläufige Kategorie, welcher alle Augenblicke eine andere hohle Formel, die Tyrannei, ent– gegengestellt wird; die Republikaner sind als solche „ die Edlen", die Anderen Sklavenschwarm,

Fürstenknechte. Als das Extrem leerer Phraseologie erschien uns die Mahnung, welche Berthelier

im Gefängnisse seinem kleinen Sohne Franz giebt: „Werde stark. Im Hasse gegen jede Tyrannei Und lerne heiss die schöne Freiheit Iieben ! Sie wartet Dein auf dornenvollem Pfad, Doch süsser sind die Wunden, die Dn findest Im Kampf um Deine göttliche Geliebte , Als die Genüsse fanker Knechtschaft und Idyllischer Gedankenlosigheit”! Der Eindruck der Charaktere beweist, dass ihre Darstellung auf dem Wege der Abstraction entstanden ist. Denn man würde sich sehr täuschen, wenn man ein anderes als das Pathos der Politik von ihnen erwartete: es sind lauter Staatsmenschen, selbst die Frauenzimmer können nur politisiren. Es scheint, dass der Vf. den Katechismus der Radikalen streng befolgt, dessen erstes Gebot lautet: „Du sollst nicht andere Götter haben neben der Politik". Der Mensch lebt aber nicht von dem Brode der Politik allein sondern auch

von dem Schmelz allgemein menschlicher Lebensregungen, die freilich den Charakteren des Vf's mangeln. Ich tadle es nicht, wenn einem modernen Drama das conventionelle Element eines Liebesverhältnisses abgeht, aber jetzt muss man es allerdings bedauern, dass der Dichter nicht wenigstens jenen betretenen Weg einschlug, um die kalte, unfruchtbare Staatsaction aus dem menschlichen Herzen herauszuspinnen. In den Charakteristiken hat der Vf. offenbar nicht mehr geleistet, als eine gebildete Technik der Phantasie zu leisten vermag. In die verschiedenen Farbentöpfe, die er um sich herstehen hatte, tauchte der Pinsel des Dichters, um theils einen Despoten, theils einen Pfaffen, theils einen Aristokraten, theils einen Republikaner zusammenzumalen. Die Charaktere bilden ein Knochengerüst, dem man jede einzelne Rippe zählen kann. – Der Gehalt der ganzen Dichtung ist leider seelenlos, so dass das Herz bei aller Begeisterung, welche der Dichter verrathen will, nicht erwarmen kann: es fehlt die lebendige Gluth des vom Stoff ergriffenen Gemüths. Der Geist des Stücks zeigt Weisheit, aber ihr mangeln die Schwingen der Jugendfrische; es ist überall Maass, aber ohne innerliche Kraftfülle. Wir haben es gern gesehen, dass der Dichter das sententiöse Moment wieder hervortreten lässt, denn die schöne, ächt deutsche Sitte Schillers darf durchaus nicht wieder verloren gehen: es findet sich in dem Stücke eine Perlenschnur von feinen Gedanken, welche eine sinnige Beobachtung des sittlichen Lebens verrathen. Ein besonderer Vorzug ist die Bühnengerechtheit, welche man glücklicherweise überhaupt bei den neuesten Dramatikern selten vermisst; die Oekonomie ist genau abgewogen, so dass eine technische Einheit zu Stande gekommen ist. Mit grosser Genugthuung begegnen wir wieder dem fünffüssigen Jambus, welcher kunstvoll, aber mit sicherer Leichtigkeit gehandhabt ist. Die Darstellung verräth die Sehule der französischen Klassiker, von welchen sich unsere heutigen Dichter überhaupt in eine gewiss wohlthätige Zucht nehmen lassen. Sie ist pointirt, zeichnet sich durch eine grosse Bestimmtheit, Präcision aus, aber ihre Anmuth ist nicht die seelenvolle Anmuth der germanischen Natur, sondern eben die forcirte französische Grazie, ihre Kraft ist französisches Echauffement, nicht die Naturgewalt des deutschen Gemüthes. Doch zeigt die Form des Stückes immerhin den Meister des Stils, eine nicht

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sachen, die zum Theil nur aus wenig bekannten Werken zusammengetragen sind und ausserdem wohl schwerlich zur Kunde deutscher Leser gekommen seyn würden.

Es ist uns nicht vergönnt gewesen, Hrn. L.'s Uebersetzung mit dem Originale zu vergleichen indessen geht auch ohne die Bemerkung des Uebersetzers, dass er sich nicht immer genau an den Text gehalten und an vielen Stellen diesen bedeutend gekürzt und zusammengezogen habe, aus der blossen Lectüre der Schrift das Resultat hervor, dass diese durch die deutsche Bearbeitung nur gewonnen hat; denn abgesehen von dieser Kürzung, hat sie auch manche Zusätze erhalten, die den Gehalt derselben nicht wenig erhöhen. Es giebt das Ganze so mehr den Eindruck einer mit Einsicht unternommenen Verarbeitung des im Originale dargebotenen Stoffes, als einer blossen sklavischen Uebertragung, dergleichen sich so viele deutsche Uebersetzer in unseren Tagen schuldig machen.

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Theil die Thatsachen selbst absichtlich entstellender oder doch nicht mit freiem Blicke auffassender Berichterstatter überliefert worden sind? wie wäre es ferner möglich, eine genaue Einsicht in die einzelnen Aeusserungen des Seelenlebens jener Zeitalter zu gewinnen, ohne sich die verschiedenen Stufen des Culturzustandes in jenen Zeiten zur Anschauung gebracht zu haben? In der That sind wir aber von einer Einsicht in jene Zustände so weit entfernt und können uns auf dem jetzigen Standpunkte unserer geistigen Bildung so wenig in sie hineinversetzen, dass jedes Urtheil über besondere Psychische Erscheinungen nur mangelhaft bleiben INUSS. : . . CDer Beschluss folgt.)

: " . . - - Gebau ersche Buchdruckerei. - - - - - - -

ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

Monat Januar.
A
Psychiatrie.
Der Wahnsinn in den vier letzten Jahrhunderten
– – von Dr. Rud. Leubuscher u. s. w.

C Fortsetzung von Nr. 18)

Das Werk beginnt mit einer einleitenden Betrachtung des Uebersetzers, welche auf zweckmässige Weise den Standpunkt vorzeichnet, von welchem jene seltsamen Erscheinungen des epidemischen Wahnsinns aufzufassen sind und zu mannigfaltigen Betrachtungen anzuregen geeignet ist. Sie zeigt, wie zur richtigen Beurtheilung des geistigen Lebens eines Menschen seine zwiefache Betrachtung, als individuelles und als Glied in der Kette der Gesellschaft erforderlich sey, und wie die Macht des geistigen Lebens der Gesammtheit, der Gesellschaft, in welcher das Individuum sich gross gebildet, eine nicht zu überwindende Macht auf den individuellen Geist ausübe. Ebenso kann sich der Wahnsinn auf eine doppelte Weise bilden; ausgehend von dem kranken Organismus, kann die Störung, das Hemmmiss, der ungehörige Stoff in das psychische Leben hineingetrieben werden, so dass anstatt eines gesunden Fühlens und Denkens durch die Arbeit des Bewusstseyns der Wahnsinn producirt wird, oder, ausgehend von den Vorstellungskreisen des Menschen, der Irrthum in die Sinnlichkeit hineingedichtet wird, so dass er in dem Individuum als psychische Störung auftritt. In beiden Fällen wird der Wahnsinn aus dem Menschen, in dem er auftritt, kein anderes Geschöpf machen; er kann. Nichts hinzufügen; nichts Neues erschaffen, sondern ist selbst den bestimmten Modificationen unterworfen, die ihm die psychische Individualität, wie sie früher durch, eine Masse von Einflüssen und Bildungselementen geworden war, ausdrückt. – Die geistigen Eigenthümlichkeiten in Bildung, Charakter, Gemüthslage , die der Mensch zum Wahnsinn und in den Wahnsinn hinein bringt, das sind die Fäden, die uns richtig bis ans Ende der verschlungenen Gänge und wieder zurück führen können.

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Halle, in der Expedition der Allg. Lit. Zeitung.

Mit dieser Erkenntniss erwächst für die geschichtliche Darstellung des Wahnsinns eine doppelte Aufgabe. Wir müssen einmal das wahnsinnige Individuum für sich betrachten, und zwar in seiner Sinnlichkeit und Vorstellungswelt und in der gegenseitigen Ueberwirkung dieser beiden Lebenskreise, und dann nachsehen, ob die Gedanken, die in der Zeit geschwebt, nicht ihre Gewalt auf die bestimmte Gestaltung des Wahnsinns geltend gemacht. – Wir finden in vielen Fällen von Wahnsinn Erscheinungen von Störungen in den Functionen des Nervensystems, hysterische Beschwerden, Krämpfe, Störungen in der Thätigkeit der Sinne, geschlechtliche Störungen, als: Nymphomanie, krankhafte Sensationen, die vom Genitalsysteme aus beginnen, die z. B. in den Klöstern, in den Schilderungen des Hexensabbats als genaue Beschreibungen des Coitus mit Dämonen zur psychischen Darstellung kommen, und auf der andern Seite finden wir, dass der allgemein verbreitete Glaube die richtige Deutung und Auffassung der organischen Vorgänge verfälscht, dass er sie nach seinen Zwecken umformt, den Erscheinungen die von ihm erdachten Gründe unterlegt u. s. w.

Wir erhalten auf diese Weise einen individuellen und einen Socialen Wahnsinn. – Einzelne Fälle von Wahnsinn bestehen ganz für sich, gehen aus einer individuellen organischen Disposition hervor; die Zeitideen treten blos, accidentell den Inhalt ihrer Wahnvorstellungen bestimmend, hinzu; für die Betrachtung des Einzelfalles sind sie zunächst unwesentlich. Nun greift aber, von einem Falle ausgehend, eine psychische Epidemie massenhaft um sich; die Convulsionen, die Predigten eines Wahnsinnigen rufen durch sympathische Erregung bei vielen Tausenden dieselben Erscheinungen hervor; das Gepräge, welches dem zunächst Angesteckten vielleicht von dem Ansteckenden noch aufgedrückt war, verwischt sich; die hysterischen Krämpfe einer Nonne werden der Ausgangspunkt für die Dämonomanie des ganzen Klosters. Das individuelle Krankheitsbild wird ohur eine einzelne

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