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Völkerkunde, Einige Notizen über Bonny an der Küste von Guinea, seine Sprache und seine Bewohner. Mit einem Glossarium von Hermann Köler, M. D. gr. 8. IV. u. 182 S. Göttingen, Dieterich. 1848. (% Thlr.)

WW. da weiss, wie eine, hauptsächlich auf sprachlicher Grundlage zu erbauende wissenschaftliche Völkerkunde überhaupt noch fast gar nichts als ein pium desiderium ist, und wie verhältnissmässig geringe Fortschritte dieselbe namentlich auch erst mit Bezug auf Afrika (ja sogar von seinem tieferen Inneren abgesehen) gemacht hat, der wird jedes Baustück zu dem Werke, selbst wenn es keine grosse Quader seyn sollte, mit freudigem Danke anzunehmen bereit seyn. Es unterliegt daher keinem Zweifel, es werden die gegenwärtigen Blätter eines weit zur See umher gekommenen Arztes, wozu er bei einem viermonatlichen Aufenthalte vor und in Bonny im J. 1840 den Stoff zu sammeln Gelegenheit fand, gerechte Anerkennung bei Allen finden, denen linguistische und ethnographische Studien lieb und werth sind, dies um so mehr, als die Notizen „von einem Volke handeln, was so wenig gekannt, und von einem Lande, was so wenig durchforscht ist, und Bonny, wie die ganze Küste von Guinea, so unter dem Banne eines tödtlichen Klimas steht, dass es nur von Wenigen besucht wird , die zu Mittheilungen geneigt wären." Notizen zudem ist nur ein, sehr bescheidener Weise vom Verf gewählter Name für einen Reichthum an eben so scharfsichtigen und sorgfältigen als lehr

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dar, in verschiedenster Richtung über den erwähn

ten Gegenstand erstrecken und uns diesen von den meisten, wo nicht allen Seiten aus, im Lichte lebendiger und anziehender Darstellung, aber sicher zugleich mit wahrhafter Naturtreue vor die Seele rücken. „Bonny war in früheren Zeiten der bedeutendste Markt für Sklaven, wie es jetzt der wichtigste Platz für den Palmöl-Handel geworden ist." S. 139. So hat also erst spät ein Deutscher nachholen müssen, was über der auri sacra fames von seefahrenden Nationen, wie Spaniern und Engländern, so lange zu thun vergessen worden! Es kann nicht meine Absicht seyn, aus dem interessanten Buche Auszüge zu machen. Ganz besonders aber hinweisen aus dem nicht-sprachlichen Theile möchte ich noch auf das letzte Kapitel, das uns vom durchaus nicht unterdrückten Sklavenhandel ein anschauliches Bild vorführt und von der Sklaverei zum Theil ganz andere Ansichten hinstellt, „als der Philanthrop, der à priori gegen sie raisonnirt, ohne die Verhältnisse der Schwarzen in Afrika, in den Colonien, und im freigelassenen Zustand zu kennen oder zu berücksichtigen" S. 156. Auch meint der Vf, auf der folg. S., des Englän– ders jetzige Anstrengungen zur Unterdrückung des Sklavenhandels seyen blos Nothwehr zum Schutze des eignen Interesse; eine Behauptung, in welcher er, ich will es gern glauben, nicht ganz Unrecht haben mag. - - - - - . Etwas länger wünsche ich bei den sprachlichen Bemerkungen zu verweilen: ein Geschmack, den freilich, nicht zu reden von der gewöhnlichen Lesewelt, die blos in dem Jagen nach flüchtiger Unterhaltung ihr Vergnügen sucht, auch selbst die meisten solcher Leser, von denen Höheres erstrebt

4) von S. 1–55 reicht das Sprachliche, von da bis 166 das Ethnographische, wozu sich von 166–182 ein vom Vf, am

Bord der englischen Bark Brutus vor Anker im Flusse bei Bonny geführtes, Meteorologen gewiss sehr erwünschtes zneteorologisches Journal gesellt. Die Ueberschriften lauten: Kru-Neger. Götter. Tornado. (Im Bonny kornándo, Haussa hadari, Yoruba effufu, im Bullom bikëh geheissen). Kanoe, Frisur. Plagende Insecten. Der Lotse. Die Barre. Bonny. Das Haus. Die Bonnier. Wind und Wetter. Die Frauen. Der König. Die Waffen. Kleidung uud schmuck. Die Spiele der Knaben. Das Begräbniss. Die Zauberer. Der Markt; die Lebensmittel. Der Handel. Der

Sklave.

wird, sehr curios finden und mir mitleidigen Blickes als aparte Idiosynkrasie zu überlassen sich mehr

als geneigt bezeigen werden. Ich weiss nicht, ob

der Vf, bei der mühsamen, und (wie jetzt noch die Sachen stehen ) wenig dankbaren Aufnahme von Wörtern und Redensarten aus dem Munde armseliger Neger auf meinen persönlichen Dank mit gezählt hat: – es gehörte wenigstens zu den Möglichkeiten, indem er, irre ich mich nicht in der Person, einst Schüler von mir am Gymnasium in Celle war; – ich weiss nicht, ob er überhaupt dabei auf andern Dank als den eines lohnenden Bewusstseyns rechnete; – genug, ich, und Männer, die mit mir eine Gruppirung der Völker des Erdballs nach ihren wahren und natürlichen (Völker-)Scheiden, den Sprachen, erzielen, drücken ihm dafür die Hand, dass er sich oft lieber der Langenweile linguistischer Erfragungen und Aufzeichnungen unterziehen, als unter der glühenden Sonne die Zeit unnütz verschlafen wollte.

Es ist noch nicht so übermässig lange her, dass man sich, insbesondere von der Bibel ausgehend, in Bezug auf Sprachen mit den allerwunderlichsten und lächerlichsten Speculationen herumtrug

und doch natürlich, weil sie nirgends auf Erden vorhanden, stets vergebens nach, sondern sogar über die Sprache der Engel und Thiere *) zerbrach

sich der Unverstand den Kopf.
( Die Fortsetzung folgt.)

Zur Kirchengeschichte. Die Reformation, ihre innere Entwickelung und ihre Wirkungen. Von J. Döllinger u. s. w. (Beschluss von Nr. 128.) Dass die Schulanstalten nach der Religionsveränderung zum Theil sanken, weniger besucht und daher öfters zusammengeschmolzen wurden, erklärt sich schon daher, dass der Klerus an Zahl bedeutend verringert ward. In einer Stadt von 4–5000 Seelen, wo zuvor 30 Messpriester und Beichtiger erforderlich (oder auch nicht) gewesen, waren jetzt höchstens 4–5 Geistliche vonnöthen. Ein weltlicher Beamtenstand, der gelehrte Studien zu machen hatte, war bei weitem nicht in der Menge vorhanden wie heut zu Tage. Die Herrlichkeit des Klerus, sein bürgerliches Ansehen als Stand WAT mit seinen moralischen zu Ende, seine Stellung zur weltlichen Gewalt total verändert, seine öko

und an ein durchweg verkehrtes Unterfangen viel geistige Kraft, und wie meist völlig nutzlos auch, doch mit grosser Beharrlichkeit setzte: nicht nur spürte man z. B. der lingua primaeva, allerorten,

nomische Lage prekär, nur für wenige und mittelmässige Subjekte einladend, was wieder auf dic Achtung der Prediger zurückwirkte, zumal wenn diese statt Erbauung zu spenden, durch dogmatische

*) In dem Catal. librorum ac Mss. Bibliothecae Schultensianae. Lugd. Bat. 1841 p. 74 nr. 437. steph. Morini Exerce de Ling. primaeva Traj. 1694. 4. – nr. 438. M. Engeln diss.de linguis Angelorum, ad I. Cor. XIII, 1. Witteb. 1698. 4. nr. 439. J. G. Drechsler de serm. brutor., def. Lips. 1673. denuo ed. Erf, 1706. – Auch nr. 444. D. G. Moller de Manuloq., Altdorf. 1702. – Idem, de Pediloq. L!], ib. eod. – 1dem, de Oculiloquio, ib. eod. – Wer sich in unserer jetzigen politischen Trübsal zuweilen nach einer aufheiternden Lectüre sehnt, dem will ich noch ein anderes ähnliches Buch hiemit empfohlen haben. Es führt den ebenso prätentiösen als langen Titel: Renatum è Mysterio, Principium Philologcum, in quo Vocum, Signorum et Punctorum, tum et literarum maxime ac numerorum Origo, nec non novum variarum rerum specimen etymologicum forma Dialogi propalatur. Auctore Joh. Petro Erico Isenacensi Thuringo Ling. et Geogr. Profess. et Correct. Publ. Patavii. Anno M.DC.LXXXVI. Ex Typographia Seminarii. Superiorum Permissu (ausser ander weiten Zugaben 137 pgg. 8.). Daraus hier ein paar Pröbchen: Der Adel und seine Wappen schreiben sich, so wird P. 7 nicht etwa aus Witz, sondern allen Ernstes behauptet, von dem Zeichen her, das Gott selber auf Kains-Stirne gedrückt hatte. – Adam, natürlich Erfinder der Sprache, entlieh à Volatilium concentu Vocales; à Terrestrium strepitu Consonantes semivocales; et a mutis Natatilibus – du denkst den stummen Fischen, nein, den Rettern des Kapitols und Lieferanten der Schreibfedern p. 13 (so namentlich wenn sie erst noch pipen, das zt, wie zä und xt dem Hühnergeschlechte p. 42. 43.) – Mutas. – Das Schachspiel stellt den Kampf des Herkules mit Cacus vor. In isthoc certamine Cacus ab Hercule petitur, at verö Itali, ne honestas aures offenderent Cest enim aequivoca vox, et sordidioris quoque significationis L! J), eidem vocabulo Cacco per Prosthesin S. praefixerunt .... Scacco matto, h. e. Cacus mactus est. Id quod verisimile est Herculem cecinisse, quando Cacum delevit. p. 137. – Den Namen der Null sollen die Araber (bekanntlich z- Freytag II. 503, zyphra, sowie Sskr. günya n., Null, ursprünglich: Vacuum) aus den ja Es exe“

entnommen haben p. 69; und, – wollte man boshaft genug seyn, des Vf's gesammtes Buch, das übrigens nur vöräufer seyn sollte zu einem, indess unterbliebenen ausführlicheren, als Windei zu bezeichnen, dann würde man gewiss wie einmal p. 36 sein fingirtes Schaf von Schüler, angedonnert mit den Worten: Adeö res rediit, ut s üiscj cendi libidine prurit, vel praeconcepta opinione laborat, Deum esse negaverit (zu Deutsch: Wer an Erich nicht gläubt ist ein Atheist! oder p. 100. Contra solem loquinefas). Nos neque male feriatis, neque plane stolidis haec scribmj.

- .“ - - . .

Kapucinaden, durch geist- und gesehmacklose, lange und tägliche Controvers-Predigten dem Volk die Religion entleideten. Prediger wurden verdächtig, wenn sie nicht in jeder Predigt auf den Pabst schimpften, sogar abgesetzt. In Stuttgart ward (nach uns. Vf) 1537, also zwei Jahre nach Einführung der neuen Religion, ein Befehl auf offenem Markt verkündet worden, durch welchen der Besuch der Sonn- und Festtagspredigten und der tägliche Kirchenbesuch für das Gesinde bei 2 Fl. Strafe oder vier Tage Gefängniss bei Wasser und Brod eingeschärft wurde.

Solche und ähnliche Uebelstände, die in Folge der grossen kirchlichen Umwälzung zunächst eintreten mussten, aber grösstentheils aus den früheren Zuständen sich ergaben, und welche auch kein tüchtiger Kirchenhistoriker protestantischer Seits verschweigt (vgl. z. B. Stäudlin, Universalgeschichte der christl. Kirche etc.), sind nun dem Vf, willkommener Anlass zu folgender Kraftäusserung: »Wie nun der Protestantismus überhaupt nur immer zu zerstören verstand und dieses sein Werk der Auflösung und Zerrüttung für eine Reformation ausgab: so gingen denn auch in den protestantisch gewordenen Ländern alle kirchlichen Institutionen mit einziger Ausnahme der Universitäten sofort zu Grund." Er meint die priesterlichen Erziehungsund Bildungsanstalten, welche die kathol. Kirche in ihren Klöstern, Stiften, Corporationen und Collegien besessen und welche nach dem Vf, blos einer gründlichen Verbesserung bedurften.

Wenn rohe Wildheit und niedrige Schwelgerei während des 16. Jahrh. noch die herrschenden sittlichen Fehler blieben; wenn Eoban Hesse sein Leben durch Unmässigkeit verkürzte, Osiander gern ein gutes Glas Wein trank und scherzhaft eine Bibclstelle darauf anwandte, die freilich einen ernsteren Sinn hatte; wenn ein Prediger in Ehedissidien lebte oder übelgerathene Kinder hatte – der Vf, hat aus 100 Werken eine solche Chronique scandaleuse namentlich im ganzen-Band II. zusammengetragen – so kommt das Alles auf Rechnung der Reformation, mit um so mehr Schein der Wahrheit, als derselbe nicht aus katholischen Quellen schöpft. Dabei müssen ihm auch eine zahllose Menge von Predigten lutherischer Eiferer gegen die im Argen liegende Welt und ihre Undankbarkeit gegen das Evangelium, das sie mit ihrem Leben schände, dic

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in der fraglichen Periode verwiesen haben und die furchtbar strengen Verordnungen, welche gegen die Unzuchtsvergehen daselbst erlassen werden mussten. Derselbe wird als vernünftiger Mann es selbst nicht glauben, dass eine Milderung der mittelalterlichen Wildheit und Rohheit der Sitten zunächst und unmittelbar durch die kirchliche Revolution des 16. Jahrh. habe erfolgen können, oder dass in den nächsten Generationen eine bedeutende Wirkung der neuen Lehre, über welche sich die sogenannten Reformatoren freilich sanguinischen Hoffnungen hingegeben, hätte verspürt werden können, nachdem längst der Masse des Volks das Bewusstseyn von dem innigen Zusammenhang der Religiosität mit der Sittlichkeit grösstentheils abhanden gekommen, die reine Idee einer Kirche als eines moralisch religiösen Vereins von Menschen untergegangen war. Wie er aber in der Folge d. h. im Verlauf der neueren Geschichte mit seinen Beweisen gegen die Reformation zurecht kommen mag, das wollen wir erwarten, können aber nicht umhin zu bemerken, dass, je schwärzer und dunkler dieselbe gemalt wird, in Jedem, der auch nur ein wenig skeptischen Sinn hat, die entgegengesetzte Wirkung, Misstrauen in die Schilderung des Vf's, hervorgerufen wird. :

Der 3te Band enthält eine ausführliche Geschichte des lutherischen Dogmas von der Rechtfertigung, wie auch aller der Unruhen und Streitigkeiten, welche nach Luthers Tode seine Kirche zerrütteten und zur Abfassung der Concordienformel Veranlassung wurden. Da das einzige Werk, welches die innere doctrinelle Entwickelung des Protestantis

mus zum Thema erkoren, das Plank'sche, gerade

in der Geschichte der Rechtfertigungslehre sehr lückenhaft ist, auch der beiden dogmatisch bedeut– samen Controversen, welche Karg und Zanchi veranlassten, gar nicht gedenkt, so hat der Vf, der jene theologischen Boxereien und Symbolkriege im Innern der lutherischen Kirche recht gründlich und con amore behandelt, auch denselben unparteiisch

zuschauen konnte, der Dogmengeschichte einen grossen Dienst geleistet. Auch finden sich zu dem bisher nicht näher bekannten Karg'schen Streite die Belegstücke aus Handschriften im Anhang abgedruckt. Nur Eines kann Rcc. nicht ungerügt lassen. In dem Abschnitt, der „Luther und seine Rechtfertigungslehre im Verhältniss zur h. Schrift" überschrieben ist, und in welchem der Vf, sich bemüht, bezüglich seiner Uebersetzung Einschaltungen im N. T., Fälschungen und Aenderungen im Interesse seiner Lehre, Verdrehung des Bibeltextes durch Glossen u. a. an Beispielen nachzuweisen, führt er als solche unter andern Röm. 4,15. 10, 4. 1 Cor. 1, 30. an. In einer nach der Vulgata revidirten und verbesserten, mit Genehmigung des Consistoriums in Salzburg und Generalvicariats zu Freising 1823 zu München bei Giel erschienenen Uebersetzung des N. T. (21. Aufl.) findet sich die angebliche Fälschung gleichfalls bezüglich der ersten und dritten Stelle. Röm. 10, 4. ist dort und bei Luther zwar nicht ganz dem Wortlaut, aber dem Sinne nach völlig gleich übersetzt. 1 Cor. 15, 20. soll Luther gemäss seiner Meinung vom Seelenschlaf, weil er nemlich kein Fegfeuer und keine Fürbitte der Heiligen annahm, übersetzt haben («exotumué ov) die da schlafen (statt die Entschlafenen!). Diese Uebersetzung ist schon durch das Perf gerechtfertigt vgl. (re3yy«öc = todt und) v. 18. «oundévrg, Aor. Ueber den unmittelbar auf den Tod folgenden Zustand der Seele äussern sich die NTlichen Schriften nicht übereinstimmend, auf keinen Fall aber zu Gunsten eines reinigenden Mittelzustands; bei Paulus selbst findet sich ein doppelter Lehrtypus; und wenn die Posaune der Auferstehung von den Todten gehört werden sollte, so mussten sie wohl schlafen; wenngleich Luther auch glaubte, Zwingli brenne bereits in der Hölle. Der Vf, wird noch auf keinem Grabdenkmal eines Katholiken vom Fegfeuer etwas gelesen haben, wohl aber Worte wie diese: „Ruhe sanft in deiner Gruft, bis dir Jesus wiederruft." Wie schwach aber, einem auf solche gelegenheitliche, vereinzelte, der sinnlichen Anschauung, den Volksvorstellungen, selbst dem Wortlaut der Schrift

entsprechende Aeusserungen hin Lehrmeinungen von dogmatischer Bestimmtheit unterzuschieben g An diesen Beispielen möge es genügen, um den Ton, die Argumentationsweise und Tendenz des Vf's kennen zu lernen, dessen Arbeit eine treffliche Bereicherung der culturgeschichtlichen Literatur jener Periode seyn würde, wenn sie eben so viel Unparteilichkeit verriethe, als sie durch-Talent, Fleiss und Kunst der Darstellung ausgezeichnet ist. Unser Resultat ist kurz folgendes: Angenommen, jedoch nicht zugegeben, der geschichtliche Verlauf der Reformation – um das Wort selbst wollen wir nicht streiten – habe wirklich zu einem Zustand geführt, bei welchem verglichen mit dem früheren nur ein Uebel mit dem andern vertauscht schien: so hatte doch in Folge jener Katastrophe ein Entwickelungsprincip für die religiös-moralische Bildung sich Bahn gebrochen, ein Ferment der Geistescultur hatte sich nach langen Hemmungen entbunden, dem bis heute der Katholicismus selbst unendlich viel zu verdanken hat; wofür die Zustände der deutschen Kirche die von demselben nicht unberührt bleiben konnte, verglichen mit denen der ganz katholischen Länder, ein vollgültiges Zeugniss geben. Es sey nur an die theologische und philosophische Literatur, an die Bildungsstufe des Klerus, gegenüber der iberischen Halbinsel, Italiens, der slavischen Länder u. s. f. erinnert. Selbst jene ärgerlichen Streitigkeiten, über welche wir jetzt mitleidig lächeln, sind noch jener Grabesstille und Kirchhofruhe vorzuziehen, welche in der katho. Kirche durch Gewalt wiederhergestellt oder erhalten werden musste; weil sie ein Beweis sind von der freien Bewegnng der Geister auf dem Gebiete der Religion, der ersten Bedingung jedes wahrhaften Fortschritts; weil die höhere Entwickelung durch Reibung und Kampf der Kräfte mit einander vermittelt wird und ohne Regsamkeit kein Leben, keine Perfection denkbar ist. Denn dass unter dem Schatten der römischen Hierarchie durch den göttlichen Geist jene Vervollkommnung realisirt worden; das ist stets mehr behauptet als bewiesen worden.

Schweizer.

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ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

Monat Junius.

11S49.

Haie, in der Expedition der AIlg. Lit. Zeitung.

Wölkerkunde,

Einige Notizen über Bonny an der Küste von Guinea – – von Herm. Köler u. s. w. C Fortsetzung, von Nr. 129.)

7 WW ie so oft sonst, der indocta ignorantia, d. h. der rein thierischen, folgend, eine docta, oder, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, je weniger des empirischen Objects von diesem aus mächtiges, mit desto ungehemmterer Sicherheit vom räsonnirenden Subjecte aus darüber orakelndes

sonniren (oder Deraisonniren) einem vernünftigen,

sich auch der erfahrungsmässigen Durchdringung nicht weigernden Wissen (z. B. die nur um ein Geringes über den Mythos hinausgeschrittene Naturspeculation der, auf Beobachtungen und Versuche gegründeten Naturwissenschaft) gleichsam vorspukte, so auch hier jene kernlosen Träumereien, unter Anderem die (nur bis auf einen gewissen Punkt nicht ganz unwahre) von einer allgemeinen Harmonia (Einerleiheit) linguarum u. dgl. m. – der Sprachkenntniss selbst! Freilich liegen nicht im weiten Sprachgebiete die ungeheuren Schätze mannichfaltigster Menschenrede vor Jedermanns Füssen so zum Aufheben fertig da, dass es nur eines Bükkens bedürfte: sie wollen – oft schon geographisch mühsam, man denke nur einmal an die Sprachen in Afrika's Innerm – aufgesucht, sie wollen erlernt, dem Aeusseren nach in eine grammatische und lexikalische Form gebracht, sie wollen innerlich begriffen und charakterisirt, mit anderen verwandten und nicht verwandten zu sehr verschiedenartigen Zwecken zusammengehalten, danach geordnet und gruppirt, kurz durch so vielerlei wissenschaftliche Manipulationen hindurchgefördert seyn, dass der kaum in Angriff genommene Gegenstand noch vieIen Jahrhunderten unerschöpflichen und würdigen Stoff zum Nachdenken darbietet. Ein Thema, dessen sich die nächste Zukunft mit um so wärmerem Eifer bemeistern sollte, als gerade die Gegenwart nur durch zu harte Stösse in die Wahrheit hinein aufgeschreckt worden, dass die Volks-, d. h. zu

gleich auch die Sprach – Abgrenzungen oft ganz andere sind als die politischen oder staatlichen. Diese werden mehr oder weniger von der Zufälligkeit geschichtlicher Willkühr festgesetzt, und verhalten sich, als eine positive und künstliche, dabei vielen Wechseln unterworfene Satzung, zu der kaum je ganz vertilgbaren Natürlichkeit jener, wie die politische Geographie zu der natürlichen, die mit ihren nach der Schöpfung des Menschen nur wenig verrückten Bergen, Pässen, Meeren, Flüssen u. s. w. dieser ihrer Stetigkeit wegen die wissenschaftliche Grundlage ersterer bilden muss. Ein grosser Theil der Kämpfe neuester Zeit (die Vasken in Spanien; Irland; Schlesswig; Ungarn u. s.w.) sind–Sprachkämpfe, d. h. einer Nationalität wider die andere!– Gut, höre ich hier Jemanden einwerfen, was kümmern uns aber die Schwarzen? Frage, leitet dich nur praktisches Interesse, desshalb z. B. bei den Amerikanischen Sklavenstaaten oder bei Missions- und Bibelanstalten nach, – ist meine Antwort. Und kümmert uns denn theoretisch blos die Lichtseite der Menschheit, nicht auch jene, doch nicht von der Menschheit als Ganzem trennbare Schatten- und Macht-Hälfte, deren Seele uns, wäre in sie ein tieferer Blick, als der bisherige, vergönnt, leicht ein viel minder düsteres Schwarz offenbaren möchte, als ihre (einige wollen wissen, von zu viel Licht verbrannte) Haut, oder als so mancher weisser Abschaum von (zu sehr oder nicht genug) civilisirten Nationen? Nun, die Sprache ist in mehr als einer Hinsicht Hauptschlüssel zu dem verschlossenen Busen der Völker. Doch jetzt zu unserem besonderen Gegenstande zurückzukommen. „Im Delta des Niger, beginnt G der Vf, sein Buch, werden auf einem verhältnissmässig nur kleinen Raume mehrere, und zum Theil durchaus von einander verschiedene Sprachen geredet." Die Sprache von Bonny erstreckt sich nicht über einen grossen Landstrich. Schon in Neu-Calabar (S. 14.) werde eine Mundart derselben gesprochen; durchaus verschieden von ihr aber seyen die Sprachen des Ibo-, des Brass-Landes, die von

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