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Heinrich riß sie ihm aus der Hand, öffnete und rief Ouudomar zu: „Die Briefe sind es aus Magdeburg und dem Sachsenland, lange ersehnt und glücklich geborgen. So ist doch unsere Fahrt gelungen und auch du hast die Stöße nicht vergebens erhalten. Laß mich allein und diesen nimm mit dir, er hat guten Botenlohn verdient."

Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg, Männer und Rosse ermüdet schliefen und die Lagerfeuer niedrig brannten, sah man noch immer im Zelt des Königs das brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche herzu und hinaus eilten.

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Vor der Festung.

Im Ringe um das Königszelt wachten die Bogenschützen Immos: denn der König hatte, um die kleine Schaar zu ehren, ihr neben seinen Baiern den Schutz des eigenen Leibes anvertraut. Zwei von ihnen hielten die Speerwache am Eingang des Zeltes, die andern saßen nach altem Brauch, den Bogen in der Hand, den Pfeil an der Senne, in weitem Kreise umher und wechselten nur kurze Worte mit gedämpfter Stimme. Immo stand nahe dem Zelt und schaute mit lebhaftem Antheil in das Thal vor seinen Füßen, auf die Mauern und Thürme der großen Beste, von welcher das Banner des Bcibenbergers trotzig gegen das Königszelt wehte. Der Mauerring war vor alter Zeit durch Sorben oder Böhmen im verwüsteten Grenzland errichtet worden, und die Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst erhöht, so daß er jetzt die stärkste von allen Burgen des Markgrafen war. Darum hatte dieser seine Gemahlin, seine Kinder und Schätze darin geborgen, viele seiner besten Helden hineingesetzt und seinen eigenen Bruder als Befehlshaber. Gegen die Burg war der König wie ein Sturmwind hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff umklammert. Seine Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings um den Bach, der in seinen Armen die Festung einschloß, die Hütten und Zelte füllten den Thalrand und zogen sich an den Hügeln hinauf. Lange Züge von Gespannen führten Fichtenstämme aus den Wäldern heran, und Schaaren von Zimmerleuten fügten das Holz zu hohen Thürmen, von denen die Bogenschützen gegen die Vertheidiger der Mauer kämpfen sollten. Hier und da ragte ein Sturmbock aus dem Haufen der Arbeiter, das Holzgerüst, in welchem an starker Kette ein mächtiger Baumstamm hing, der von hinten nach vorn geschwungen, auch festen Mauern das Gefüge zerbrach. Von allen Seiten scholl kriegerisches Getöse zu dem Schlag der Aexte und Hammer. Hornruf trieb die Arbeiter zum gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne Heerhaufen zum Ausschwärmen oder zum Rückzug. Längs dem Wasser lagen hinter Holzschirmen oder in der Deckung, welche der Boden gab, behende Bogenschützen, welche ihre Pfeile nach jedem Haupt und Arm richteten, die sich über die Mauerbrüstung erhoben. Gegen die Schützen fuhren von oben geschleuderte Speere und Steine, zuweilen, wenn ein größerer Haufe näher herandrang, flog ein spitzer Baumpfahl oder ein Felsstück aus der Standschleuder des Thurmes. Dann erscholl ein heller Warnungsruf und der Haufe stob auseinander, doch wer getroffen wurde, blieb zerschlagen am Boden.

Immo trat schnell zurück und grüßte den Speer senkend, als der große Erzbischof Willigis von Mainz, der mächtigste Herr nach dem Könige, begleitet vom Kanzler, aus dem Zelte trat. „Oft sah ich Helden, in der Blüthe des Lebens niedergemäht vom Schwert der Feinde oder durch den Willen der Könige," begann der Erzbischof, „und mir scheint, wer sich am herrlichsten erhebt, den wirft sein Geschick am tiefsten. Dennoch traure ich über den Fall des Ernst von Oestreich, denn gleich einem wonnigen Frühlingstag erschien sein Leben dem Volke. Aber der König fühlt kein Erbarmen."

„Ihr kennt ja selbst unfern Herrn, ehrwürdiger Vater," versetzte der Kanzler, „er ist mild, wenn er vertraut, aber wo er sich rächt, begehrt er die Vernichtung."

Der Erzbischof mahnte feinen Begleiter durch einen Blick auf Immo, zu schweigen, der Kanzler wandte sich grüßend an dm Iüngling. „Du siehst, Held Immo, daß der Brief deines Abtes dir eine gute Stätte bereitet hat, ich freue mich, daß der König gegen dich huldvoll gesinnt ist. Auch ich habe wohl Günstiges zu ihm gesprochen, und wenn du eine Gelegenheit sindest, mir gute Dienste zu thun, so hoffe ich, du wirst es an dir nicht fehlen lassen."

Das Zelt öffnete sich wieder, von Gundomar und Wächtern begleitet trat Graf Ernst in das Freie. Er hatte sein Todesurtheil empfangen, aber er trug sein Haupt hoch und grüßte mit würdiger Haltung die geistlichen Herren. Da begegnete sein Auge dem Blick Immos, welcher ihn mit Bewunderung und Trauer betrachtete, schnell trat er auf ihn zu und sagte: „Ich kenne dich wohl, Held, dein Schwertschlag war es, der mir die Kraft lähmte, wo ich ihrer am meisten bedurft hätte, und du bist es, der mein Haupt unter das Urtheil eines strengen Richters gebeugt hat. Aber willig rühme ich heut, daß du mannhaft gegen mich gestanden hast. Es war ehrlicher Kampf, ohne Groll fcheide ich auch von dir." Und er bot ihm die Hand.

Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt: „Oft. wenn ich von euren ruhmvollen Thaten vernahm, dachte ich, daß es mein größtes Glück sein werde, dereinst im Schwertkampf an eurer Seite zu stehen. Ietzt rührt es mein Herz, daß es diese Waffe war, die euch im letzten Kampfe traf, und gern wollte ich die theure Ehre dahingehen, wenn ich euch dadurch retten könnte."

„Hilfe für mich ist nur noch beim Himmelsherrn," entgegnete der Graf mit einem Blick auf den Erzbischof, „dir aber mögen die Heiligen besseres Erdenglück zutheilen als ich empsing." Mit gehaltenem Gruß wendete er sich ab.

Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo: „Dem Helden stand wohl an. dich mit Worten zu ehren, dir aber rathe ich zu bedenken, daß ein günstiger Schwertschlag noch Keinen zum Helden gemacht hat."

„Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen Ieden zu thun, der mir feindlich entgegentritt/' erwiederte Immo.

„Auch der Grashalm steigt üppig empor, wenn ihn die warme Sonne bcscheint, der erste Wetterregen schlägt ihn zu Boden," spottete Gundomar.

„Nicht eure Freundschaft hob mich empor, als ich auf dem Boden lag," grollte Immo.

Als die beiden Helden einander gegenüber standen, mit blitzenden Augen und gerötheten Wangen, da sahen die Anwesenden mit Stauneu, wie gleich sie einander in Antlitz und Geberde waren, beide hochragende Gestalten mit breiter Stirne nnd starken Augenbrauen, mit gewölbter Brust und starken Gliedern; voller und heller ringelte sich das Haar Immos, in den dunkleren Locken Gundomars schimmerten einzelne Silberfäden, aber an Haltung und Geberde glichen sie einander wie Brüder, ähnlich klang sogar der Ton ihrer Stimme.

„Verzeiht, ehrwürdiger Vater," wandte sich Gundomar zum Erzbischof, „daß leerer Wortwechsel in eurer Gegenwart laut wurde. Mir ist das Gemüth beschwert durch das Loos eines edlen Waffengefährten."

„Leicht eifern die Helden gegeneinander," bemerkte der Erzbischof rücksichtsvoll, „auch wenn sie von einem Geschlechte sind. Bei der Noth des Einen denkt der Andere doch, was seiner Ehre geziemt."

Während Immo den abwärts Schreitenden sinster nachblickte, sah er vor sich zwei Zeigesinger über's Kreuz gelegt und hörte nahe an seinem Ohr die fragenden Worte: »IÄ tu «eolai'is?" Dies war der vertrauliche Gruß, woran die lateinischen Schüler im Lande einander erkannten, und der ihn so grüßte, war der König. Ehrerbietig trat er zurück und neigte die Waffe. „Ich höre, dein Oheim sähe dich lieber im Kloster als im Heerlager."

„Ich bin ihm verleidet," antwortete Immo, „und ich sorge, daß sein übler Wille mir die Huld des Herrn Königs mindere."

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