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Was einstens von Ferne gedreht, das kam jetzt zur Erscheinung: gegen die von der Kirche abgehaltenen Keper entschloß sich der Kaiser Gewalt in Anwendung zu bringen.

Heutzutage mag es freilich widersinnig erscheinen, eine religiöje Genossenschaft, die von der allgemeinen Kirche sich losjagt, durch Maßregeln äußeren Zwanges in ihr festhalten zu wollen; es mag in unseren Iteen ganz unnatürlich sein, das religiöse Gefühl der Menschen durch Waffengewalt lenken zu wollen; e8 mag ein Regent ung thöricht erdeinen, der durch militärische Massen für das Seelenheil seiner Unters thanen Sorge tragen will: Karl aber, der spanische Kaiser von Deutsch land, hat fest an die Wirksamkeit auch dieses Heilsweges geglaubt.

Die Protestanten lebten und starben der festen Ueberzeugung, wo man nur der Predigt des Evangelii freien Raum schaffe, werde überall die Wahrheit ihrer Lehre sich an dem Herzen der Menschen erweisen. Naijer Karl aber war so durchdrungen von der Wahrheit der Kirchenlehre, in der er erzogen, daß er überall das Verderben hereinbrechen jah, wo diese Lehre sich mindere: so wenig Zweifel hegte er über die Wahrheit seines Standpunktes, daß er auch den Widerstrebenden ihn aufzuzwingen kein Bedenken trug.

Der deutsche Krieg, den der Kaiser 1546 begonnen, ist in der That ein Religionsfrieg gewesen.

Wir haben es verfolgt, wie schon mehrmals zu diesem Kreuzzuge tes Ratholicismus gegen die deutsche Neuerung der Kaiser Anjäge gemadt, und wir sahen audy, weldes an den einzelnen Stellen die Umstände gewesen, die von diesem Plane ihn immer zurückbrachten. Es ließ sich nicht verkennen, daß in den letten Jahren immer mehr und mehr diese deutsche Frage sich zu allgemeiner Bedeutung erhoben und immer mehr und mehr in den Mittelpunkt der kaiserlichen Politik getreten war.

Seitdem in Speier Karl den Protestanten so große Zugeständnisse gemacht, die in Vieler Augen einer ernstlichen Annäherung gleich schienen, war er von der Nothwendigkeit des Friedens mit Frankreich auf'8 Neue überzeugt worden und hatte sich gerüstet, die Waffen gegen diejenigen zu febren, die ihm eben den französischen Frieden erfochten. Es war ihm damals auch geglückt, des Papstes sicher, die Hülfe der römischen Curie und ihres Einflusses für diese seine Zwecke zu erwerben. Auf demselben Reichstage in Worms, auf dem er nach protestantischer Erwartung die Folgerungen aus den Schlüssen von Speier ziehen sollte, einigte er sich mit dem Vertreter des Papstes und mit dem römischen Könige Ferdinand zu den entscheidenden Maßregeln gegen diese Protestanten.

Als nun im Herbst 1545 diese Liga ihre Thätigkeit beginnen wollte, ergaben sich doch Bedenken, ob es geeignet wäre, ichon in diesem Momente zu schlagen. Es schien wünschenswerther noch umfassendere Anstalten zu treffen und umfassendere Rüstungen nach allen Seiten hin vorzunehmen, ehe man seine letzten Absichten blos lege.

Und da entstanden schon Risse in den eben gefügten Bund von Kaiser und Papst: die eigenmächtige Verleihung von Parma und Piacenza an Pierluigi Farnese erregte am kaiserlichen Hofe keinen Beifall; und auch an dem Conzile, das seine Wirksamkeit beginnen joute, konnten sich die beiden leitenden Mächte nicht über die Gestaltung der conziliaren Verhandlungen einigen. Vor Allem war es dem Raiser nicht erwünscht, daß die streitigen Dogmen in solchem Sinne sofort entschieden würden, der eine tiefgehende Spaltung der beiderseitigen Systeme constatiren würde. Es fürchtete der Kaiser bei einer Festsebung, die endgültig die Protestanten aus der katholischen Kirche hinausweise, sie zu einem Angriffe auf seine Machtstellung zu reizen. In der That, in dem Herbste 1545, als der Schmalkaldener Waffen den Herzog Heinrich von Braunschweig eben niedergeworfen, und als allenthalben Versuche und Bewegungen unter den deutschen Fürsten geschahen, eine allgemeine antikaiserliche Conföderation zum Schuße Deutschlands zusammen zu bringen, da lag es dem Kaiser nahe, in geschickter Vorsicht noch an sich zu halten und für die nächsten Monate den Zusammenstoß zu vermeiden. Ja, es war sein Wunsch und sein Bestreben, von den Gegnern so viele Elemente als möglich zu

Maurenbredhet, Karl V.

lösen und so viele deutsche Fürsten als möglich an seine Fahnen zu binden).

Diese Gesichtspunkte, die im Herbste 1515 des Kaisers Haltung bestimmten, haben sich Geltung verschafft und haben den Gang der Ereignisse bis zu dem Ausbruch des Krieges in meisterhafter Weise, gleichsam nach genau vorgezeichnetem Plane entwidelt.

Nach der Belehnung mit Parma und Piacenza trug Pierluigi Sorge dafür, das Geschehene bei dem Kaiser rechtfertigen zu lasjen. Wie erstaunt und entrüstet auch immer des Kaisers Sinn sein mochte, so ließ er zunächst seinem Unwillen nicht lauf; er entschloß sich, den weiteren Gang des großen Unternehmens abzuwarten und rief bei Pierluigi jogar die Hoffnung hervor, daß er einst ihn noch anerkennen, und daß bei einer Sedišvacanz in Rom er den Herzog von Parma und Piacenza als Bajalen des kaiserlichen Reiches aufnehmen werde?). Intem der Kaiser in solcher Weije jeine Entideidung aufj dob, ohne sich nach einer oder der anderen Seite hin zubinden, blieben die Farneses der im vorigen Jahre eingeschlagenen Politik getreu und gaben ihre Hoffnung nicht auf, einst auch noch Mailand als Preis ihres Verhaltens zu erwerben 3).

Und auch in den einzelnen Fragen des beabsichtigten Unternehmens gelangte man zu einer Einigung. Es hatte Anfangs Meinungsverschiedenheit gegeben über die Höhe der päpstlichen Subjidien und über die näheren Modalitäten der geistlichen Steuern, die von der spanischen Kirde zu erheben dem Kaiser gestattet werden joute. Die Hälfte der geistlichen Einfünfte eines Jahres und der Verfauf einer größeren Anzahl von Kirchengütern“) waren die beiden Punkte, die geregelt werden

1) Bgl. u. a. Anhang II. 5. Quirini IV. 304.

2) Nad ben Depejden der Farnesischen Agenten in Deutidland vom perbste bis in den Frühling dieses Jahres giebt Affò p. 80- 107 eine detaillirte Erzählung. Besonders wichtig ist dabei die Audienz Buoncambi's bei carl am 2. Febr. 1546 in Utredt, in der die oben erwähnten Anträge gestellt wurden.

3) Sogleich nach der Belehnung mit Barma ließ Pierluigi fio gratuliren: „Vorria siccome è Duca di Piacenza e Parma, vederla ancora di tutto lo Stato di Milano“ (bei uffò p. 85.) Dem Ottavio die faiserlice Stattbalterschaft von Mailand übertragen zu sehen, äußerte nad Guasto’s Tod der Cardinal Farneje den Wunsch (Depejde Bega's vom 8. April 1546 Sim.)

4) Das Erste ist die mit medios fructos (mezzi frutti) bezeichnete, und das Zweite die venta de los vasallos de los monasterios oder kurzweg vasallos oder aud mobl monasterios) genannte Steuer.

mußten. Und schon im Januar 1546 gelangte die Mittheilung an den Kaiser, daß der Papst seine Forderungen angenommen habe. Da entschied sich auch der Kaiser, daß er nach des Papstes Wunsche die Bedingungen des ganzen Unternehmens in einen förmlichen Vertrag (eine Capitulation, wie man sagte) bringen könne. Freilich diesen Vertrag zu ratificiren nahm er für den Augenblick noch Anstand: erst müsse er, jo erörterte er dem Bapste, nochmals mit Ferdinand die ganze Frage besprechen, er wole daher jeden Anlaß zu Störung und Un= ruhen einstweilen vermeiden: wenn ihm die Protestanten die Frage vorlegen sollten, ob er einen Angriff gegen sie beabsichtige und ob er dazu sich mit dem Papste verbündet, so wünschte der Kaiser mit gutem Gewissen den treuherzigen Gegnern den Abschluß eines solchen Bundes verneinen zu können 5). In seinem Sinne stand es allerdings fest, daß in dem Sommer der Krieg ausbrechen werde 6).

Am 23. Februar gelangte diese Entschließung des Kaisers nach Rom. Und da erklärte der Bapst sid, mit den Erwägungen Karlsø einverstanden, wenn er auch jetzt schon die formelle Beendigung der Verhandlungen lieber gesehen hätte ?).

In denselben Tagen erschienen bei dem Kaiser in Mastricht die Gesandten der protestantischen Fürsten, sowohl von dem Kaiser eine Erklärung zu fordern, ob er wirklich, wie es heiße, gegen sie rüste, als auch in der Kölner Sache um Stilstand in dem Verfahren gegen Erzbischof Hermann zu bitten. Der Kaiser gab ihnen eine beruhigende Antwort, höflich und freundlich in der Form, nichtssagend im Inhalte. Aber die Protestanten begnügten sich damit, gern an dem Glauben der kaiserlichen Friedfertigkeit festhaltend 8). Und als der Kaiser nun aus den Niederlanden nach Regensburg reiste, traf er in Speier mit den Kurfürsten von Mainz und von der Pfalz und dem Landgrafen von Hessen zusammen. Auch diesen Fürsten, die auf Frieden und auf „Concordie der Religion“ drangen, gab der Kaiser dieselben Versicherungen seines friedlichen und gütigen und väterlichen Sinnes gegen alle die Deutschen, die den Frieden liebten 9).

5) Karl theilt diese Lage der Dinge Philipp mit am 30. Januar 1546. Die ausführlichen Darlegungen über die ganze Lage und seine Motivirung enthalten die Depeschen vom 16. Februar 1546 im Anhang IV. 1, 2, 3.

6) Vgl. besonders die Stelle im Anhang auf Seite 39.*
7) Depesche Vega's vom 30. März 1546. (Anhang V. 1.)
8) Vom 17. März im Anhang IV. 4 u. 5.
9) Vom 30. März im Anhang IV. 6.

Wir sahen, wie der Beschluß zum entscheidenden Kriege längst gefaßt, und der den Kaiser dazu bindende Vertrag mit dem Papste längst vorbereitet war: nichtsdestoweniger wurden in jenem Frühling 1546 nochmals im Rathe des Kaisers alle die früheren Erwägungen wiederholt. Von der Wichtigkeit des Momentes waren da alle Vinister durchdrungen; aber auch die Gefahren, die aus einem Kriege so leicht entstehen, konnten doch auf bedächtige und umsichtige Staatsmänner ihres Eindruckes nid)t verfehlen. Sogar der Herzog von Alba, besjen militärische Brauchbarkeit und vorsichtiges Feldherrutalent in manchen Diensten sich schon erprobt hatte, sogar er, der für die Leitung des Krieges in erster Reihe genannt werden mußte, hat, so scheint es, nicht sofort sich für den Beginn des Krieges erklärt. Und der Staatsminister, der in den letzten Jahren, wie überhaupt die Secle der kaiserlichen Politik, so ganz besonders in den deutschen Dingen selbständig und fast unumschränkt gewaltet hatte, der alte Granvella wiederholte wiewohl er im vorigen Jahre sich mit dem Vorhaben des Kaisers einverstanden erklärt hatte, jetzt häufiger nod) den Versuch, die Erledigung der drängenden Frage auf den Weg des Verhandelns, der Intriguen und diplomatischen Künste zu leiten. Auch von Spanien aus – ich denke, es wird Kobos Meinung darin sich aussprechen — madyte man auf die Gefahren und Schwierigkeiten eines solchen Krieges, auf die Unzulänglicykeit der Mittel, auf die schreckliden Folgen eines etwaigen Mißlingens aufmerksam. Aber allen diesen Erwägungen und diesen Einflüssen entgegen arbeitete stark und kräftig der Mann, der die verborgensten Regungen in der Seele des Kaisers kennen und im Geheimen unumschränkt das Dhr des Kaisers besitzen mußte. Diesen Posten des Beichtvaters bekleidete damals Pedro de Soto, ein spanischer Dominikaner, von dem ganzen katholischen Eifer des Spaniers durchglüht, ein Mann von gewaltiger Consequenz und rastloser Thätigkeit, der vielfach für den Aufbau des Natholicismus auch in unserem Vaterlande thätig gewesen ist: der Gründer und erste Lehrer der katholischen Universität Dillingen, der katholische Apostel für die englische Kirche, einer der einflußreicheren spanischen Theologen in der letzten Zusammenkunft des Tridentinums 10). Als ihm der Kaiser einmal alle die Schwierigkeiten und Gefahren eines sold)en Krieges darlegte, hielt Soto dem Kaiser

10) Eine gute Sammlung persönlicher Notizen über diesen Mann und ein Vers jeidyniß seiner zum Theil recht bedeutenden Schriften findet sich bei Quetif und Eccard II. p. 183 ff.

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