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18.

In denselben Tagen, in welchen der Sieg der spanischen Staatsfunst dem Reiche und der Kirche von Deutschland dauernde Organisationen zu verleihen sich angeschickt hatte, waren auch schon die Elemente in Bewegung, die einen neuen Kampf gegen diese spanische Monarchie in Deutschland aufzunehmen sich vorbereiteten: und diesmal trat an die Spitze der antikaiserlichen Bewegung ein Fürst, der durch die politische Meisterschaft dieser Spanier selbst erzogen, gebildet, belehrt war. Kurfürst Moritz von Sachsen hatte Scharfblick genug, die wunde Stelle des Gegners zu erspähen, er hatte politische Erfahrung genug, sich in seinem Vorhaben nicht durch pedantische Bedenklichkeiten aufhalten zu lassen, er war rücksichtslos genug, eine jede Unterstüßung zu ergreifen, selbst wenn sie von dem deutschen Nationalfeind gebracht und theuer bezahlt werden mußte.

Aber wenn auch lange schon zum Angriffe auf den Kaiser entjdlosjen, so war Moriß doch nicht der Mann, ohne weiteres sich zu erheben und seinen alten Kriegsherrn ohne weiteres zu überfallen. Wie die einigenden Bande der Fürstenopposition die deutschen Fürsten immer enger zusammenfügten, wie ihnen auch auswärtige Hülfe gewis wurde, ließen im September 1551 die beiden Fürsten, die den Landgrafem in die Hand des Kaiser8 gebracht hatten, noch einmal eine nachdrückliche Aufforderung ergehen, endlich den Landgrafen frei zu geben. Aber der Kaiser war noch seiner Stellung zu sicher, als daß er die Zeichco

1) 12. September 1551. {anz Staatsp. 485.

des Sturmes beachtet hätte: dem Sachsenfürsten groûte er freilich schon lunge, er hatte es gefühlt, wie grade durd Morig sein Successionsplan gescheitert, er bewegte ichon lange Gedanken der Rache im Herzen. Aber auch er suchte einstweilen noch mit freundlicher Miene in üblicher Weise der Verhandlung den Gegner sicherer zu berücken; und so lud er jeßt die bittenten Fürsten zu einer gemeinsamen Besprechung nach Innsbruck ein. Da aber, im November, unterwarf endlich Morit Magdeburg, ein Ereigniß, das ganz geeignet war, in die deutsche Lage wieder Klarheit zu bringen. Mehr als ein Jahr hatte der sächsische Kurfürst Magdeburg belagert, hatte er mit dieser Stadt verhandelt, hatte er auch sich der Vermittelung der ihm neu verbündeten Fürsten bedient. Und wenn im Grunde die Stadt nur dieselbe Sade ver

theidigte, für die Moriß aufzustehen jetzt im Begriffe war, so war der Krieg, den er vor Magdeburg führte, ein graujames, blutiges Spiel gewesen; jetzt endlich erst ließ er die Maske fallen, die Stadt fapitulirte sich Moritz ergebend, und Moritz stellte völlig beruhigende Versicherungen über seine Absichten aus. Aber er entließ das Heer nicht, wie er gesout hätte; unter allerlei Vorwänden behielt er die Krieger um sich, dem faiserlichen Hofe zum Erstaunen, zur Besorgniß; und Dennoch wußte er auch jest noch einmal ein paar Monate den legten Schritt zurückzuhalten, er blieb mit dem faiserlichen Hofe auch jetzt noch in freundlicher Verbindung.

Die Ansicht bedarf heute keiner Widerlegung mehr, als ob der alte Raiser in rüchaltlosem, uneingeschränktem Vertrauen auf Moritz gerechnet, und als ob die Empörung des Sachsenfürsten wie ein Blig aus heiterem Himmel den vertrauensseligen Kaiser überrascht hätte: die Liebe Karls zu Morik und der jdwarze Undank, mit dem Moriş cieser Liebe gelohnt habe, eignen sich vortrefflich zu melodramatischer Verarbeitung; der geschichtlichen Wahrheit entspredien diese Dinge durchaus nicht. Wenn ichon in den lezten Jahren italienische und französische Diplomaten ziemlich genau über den Stand der Verhandlungen des sächsischen Kurfürsten mit den auswärtigen Mächten unterrichtet waren?), so müßte es geradezu ein Wunder genannt werden, wenn die kaiserlichen Räthe allein von diesen Dingen nichts gewußt oder gesehen hätten. Wie man aber auch am kaiserlichen Hofe darüber geurtheilt haben mag, jedenfalls in der Zeit, als Moritz mit den Franzosen zum

2) Pap. d'état III. 455. (Sept. 1550). 576 (August 1551) 612 (Ianuar 1552) vgl. Rante V. 184.

Abschluß fam, waren die faiserlichen Politiker genau von dem drohenden Gewitter unterrichtet. Und auch hier besprach man Gegenmaßregelni, die den durch faiserliche Gnade groß gezogenen Sachsen von der Machthöhe hinabstürzen sollten: man kam auf die sehr naheliegende Idee, den gefangenen Herzog Johann Friedrich gegen Morit zu gebrauchen, „den Bären“ loszulassen 3).“ Wie dem Widerstande des Kurfürsten gegen die weiteren Pläne seines Wohlthäters schon einmal durch diese Drohung, den Grol des Stammegvetters gegen seine Kurwürde zu erregen und zu gebrauchen, begegnet werden sollte, jo schien die faijerliche Politik jeßt diese frühere Absicht verwirklichen zu wollen. Nachdem daher Rurfürst Moritz dem Kaiser angezeigt hatte, er werde sich nädystens in Innsbruck einfinden, mit ihm selbst die Lage zu bereden, jo, glauben wir, war es eine wohlangebrachte Vorsicht von ihm, zuletzt Ausflüdjie zu suchen, nicht zu erscheinen; am kaiserlichen Hofe hätte ihm sicher nid, is Angenehmes gedroht 4). Morit kehrte unterwegs wieder um, er machte kein Fehl daraus, daß auch er mit seinen deutschen Verbündeten jett zu den Waffen greifen werde.

Des spanischen Kaisers Politik, die einstens jo meisterhaft den protestantischen Bund mit genau und richtig berechneten Schadyzügen mattgejegt hatte, sie hat in diesen ersten Monaten des Jahres 1552 nicht mit der früheren Einsidit die Verhältnisse durchschaut; sie hat diesen Aufstand dem Schmalkaldener Kriege gleich geadytet, sie hat nicht bedadt, daß diesmal nicht allein protestantischer Glaubensmuth, nein, auch politische Virtuosität den Rath der Gegner leite, - mit Einem Worte, sie hat sich in dem jungen Kurfürsten von Sachsen verrechnet. Karl selbst glaubte diesen Gegner mit Verhandlungen zu täuschen, wie er jo oft die Deutschen getäuscht, er wähnte ihn zum Aufichube des erit: scheidenden Krieges veranlassen zu fönnen, er dachte nicht daran, daß audi Moriß genau dasselbe Spiel gegen ihn, den politischen Meister, spielen könnte, mit dem er Moritz, wie einstens die Schmalkaldener, niederzi: werfen beabsichtigte: hier ist der große politische Künstler durch dieselben Künste, auf die er für seine Sache vertraute, selbst völlig geschlagen worden.

Im März 1552 brach König Heinrich gegen die deutschen Grenza lande auf, in prunkendem Manifeste der Welt verkündend, daß er

3) Maria an Karl 5. Oktober 1551. Lanz 3,78. Vgl. über die früheren GieDanfen Karl's lanz Staatsp. 477 und Anhang VII. 4. 5.

4) Dies erklärt 3. B. Maximilian ausdrüdlid. Lanz 3, 97.

Deutschlands Freiheit gegen den Kaiser Karl zu vertheidigen übernommen habe. Und in demselben März kamen auch die Heereshaufen der Hessen, des Sachsen, des Kulmbachers ins Feld. Auch diese Fürsten gaben ein Manifest an die deutsche Nation, in welchem sie Ursace und Ziele des Aufstandes cffen aussprachen: die deutsche Nation sehne sich nach Religionsvergleichung und Religionsfrieden, alle kaiserlichen Bemühungen auf ein Conzil und auf gewaltsame Erekution der neuen Religionsedikte aber hätten nur beigetragen den Zwiespalt zu vermehren; wider Recht und Billigkeit halte der Kaiser den edlen landgrafen von Hessen gefangen; um ihn zu retten seien diese Fürsten entschlossen, auch das Aeußerste zu wagen. Zulegt berührten sie noch die allgemeinen Beschwerden der deutschen Nation gegen die kaiserliche Regierung: fremde Näthe leiteten die Angelegenheiten des deutschen Reiches und fremde Truppen überschwemmten das deutsche Land: in allen Dingen seien die Rechte der deutschen Nation durch den Kaiser gefränkt und verlegt.

Dies Manifest der verbündeten Fürsten warf den leßten Funken in die Nation, aller Orten wurde die zurückgehaltene Unzufriedenheit gegen den Kaiser laut, aller Orten fanden die Tendenzen dieser Rebellion bereitwillig Eingang. Die Heere der Aufständischen wendeten sich zunächst nach Süddeutschland, sie beabsichtigten dort des Kaisers Macht aufzuheben, sie strebten, den Kaiser selbst zu fangen.

Die größte Gefahr lag in diesem Augenblicke für den Kaiser barist, taß er nirgendwo auf einen sicheren Beistand, auf eine sichere Hülfe zühlen konnte: seine Finanzen waren völlig erschöpft, es war ihm weder cin Heer zur Hand, niech hatte er die Mittel, ein solches rasch anzu: rrerben. Und was das Betrübendste für ihn war, auch seines Bruders Ilnterstützung war ihm nicht zweifellos ficher. König Ferdinands Haltung, die in diesen lezten Jahren schon mehr als einmal Zweifel und Aerger in dem Kaiser erregt hatte, war in diesen letzten Tagen noch verdächtiger geworden. Als der Kaiser bei ihm angefragt, was er von den verdächtigen Nachrichten, die aus Sachsen' einliefen, halte, hatte Ferdinand in fühlem, unfreundlichem Tone geantwortet, er wisse Nidots davon, der Kaiser möge sich an seine Commissare in Sachsen wenden, die ja aus eigener Anschauung ten besten Beidheid ertheilen fönnten“). Und wenn Karl mit dieser trockenen Antwort des Bruders alle die Freundschaftsbeweise zusammenhielt, die Ferdinand und Max mit Moritz

5) Ferdinand 2. Dezember 1551. Lanz 3, 85.

und August wechselten, so war gewiß der Gedanke bei ihm gerechtfers tigt, daß Ferdinand im Geheimen von den Tendenzen des Aufstandes unterrichtet, und über seine eigene Stellung von Moriy versichert sei 6). Die Spaltung, die das spanische Successionsprojekt unter die Brüder gebracht hatte, konnte in der That den Kaiser beunruhigen: es lag zu nahe, daß Ferdinand in gewisser Beziehung mit den antispanischen Tendenzen des Aufstandes sympathisirte. Aber wie sehr auch immer Ferdinands Haltung dem Bruder verdächtig geworden, so war Karl doch nicht in der Lage, bei seinen Maßregeln den Bruder zu umgehen: e8 blieb dem Kaiser Nichts übrig, als trop des geheimen Verdachtes fich an den Bruder zu wenden und von ihm Rath und Beistand gegen den Aufstand nachzusuchen 7).

Auch Ferdinands eigenthümliche Stellung gestattete ihm nicht, sich völlig von dem Bruder zu trennen. Gleich in diesen Tagen nahm er die Haltung an, die er bis zu dem Ende dieser Verwicklungen, ja bis zum Abschiede des Bruders aus Deutschland beibehalten hat: er versuchte zwischen den protestantischen Fürsten und dem katholischen Kaiser die Rolle des Vermittler 8 zu spielen. Das Interesse des Hauses Habsburg hat auch diesen König Ferdiriand geleitet; aber nicht für die spanischen Prinzen, sondern für die österreichischen Erzherzoge das tas deutsche Kaiserthum zu retten, den nicht zu vermeidenden Forderungen der Protestanten sich anzubequemen und die Majorität der deutschen Fürsten um sich und sein Haus zu vereinigen: das sind die Gejichtspunkte gewesen, die dieses deutschen Habsburgers Haltung in den folgenden Jahren bestimmt haben. Aus ihnen hat sich folgerecht die Tendenz entwickelt, den Friedstand in Deutschland auch um einen hchen Preis aufrechtzuhalten und die militärischen Kräfte der Nation nach Osten auf Ungarn gegen den Türken zu wenden. Alle diese Mos tive bewogen gleich jetzt, im März 1552, Ferdinand eine Vermittlung zwischen dem Kaiser und den Fürsten anzubahnen.

Karl selbst sah es ein, daß in jenem Augenblicke er nicht zur Gewalt schreiten fönne. Wenn unzweifelhaft auch ein bewaffnetes, selbstvertrauendes, energisches Einschreiten gegen die Sachsen und Beslen ihm als die angemessenste Antwort auf ihre Beschwerden erschienen, so verhehlte er es sich doch nicht, daß im Augenblicke seine Kräfte nicht hinreichten, mit Gewalt vorzugehen. Er entsdiloß sich für den

6) Karl'8 geheime Instruktion jiir de Rve. 3. März 1552. Lanz 3, 107. 7) Sendung de Nve's. ebd. 3, 98 ff.

senting

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