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manchen Kämpfen von dem Legaten erlangt, daß das gewünschte Geleit den Protestanten zugesichert, 'und daß alle Entscheidung der vorliegenden Materien bis auf die Ankunft der Protestanten ausgesegt wurde. Und nach der Session sandte Toledo ten Doktor Vargas selbst an den kaiserlichen Hof, mündlich alle Schwierigkeiten der Lage darzuthun, Schwierigkeiten, aus denen Toledo auf ruhige Weise sich nicht zu retten wußte, die ihm unfehlbar einen neuen Bruch mit der päpstlichen Gewalt herbeizuführen schienen.

Noch von einer anderen Seite zeigte sich dies Scheitern des Cons ziles. Jene deutschen Kurfürsten, die hier als die Häupter der fatholischen Kirche von Deutschland aufgetreten waren, erfaßte in dieser jo qussichtslosen Lage Ungeduld und Mißmuth; sie wollten das Conzil chne weiteres verlassen und alle Hoffnungen auf Drdnung der Kirche durch dieses Conzil als unnüße aufgeben 18). Es war in denselben Tagen, als auch in Deutschland allerwärts Unruhen und Bewegungen die Oberfläche des Reiches zu erregen anfingen, als vor Allem Kurs fürst Morit sich in neuem und gefährlichem Lichte zu zeigen begann. Und die Gerüchte, die man von dem Geschehenen und dem Bevorstehenden in Trident hörte, gaben den Kurfürsten einen Vorwand und Anlaß, ihren Wunsch nach sofortiger Rückkehr in ihre Staaten zu äußern. Aber ebensowohl der Legat des Papstes als der Gesandte des Kaisers faßten diesen Vorsatz der Kurfürsten höchst übel auf. Man fragte bei dem Kaiser an und erhielt von ihm, wie vorauszusehen, den Bescheid, daß die Kurfürsten noch ferner in Trident auszuharren hätten 19). Aber sie ließen ihre Absicht nicht fahren. Der Kurfürst von Mainz sprach es jeßt unumwunden aus, daß nicht allein die Nachrichten aus Deutschland ihn wegriefen, sondern daß auch seine Ueberzeugung ihm nicht länger zu bleiben erlaube20): da ja doch alle Arbeit in Trident zu Nichts führen wolle, da nur ein neuer Skandal für Deutschland aus allen diesen Tridentiner Vorgängen erwachsen werde, so wolle er nicht länger sich bei diesen nuglosen Debatten betheiligen. Und diese seine Meinung scheute sich der Kurfürst nid)t auch dem Legaten und dem Präsidenten Pighino direct ins Gesicht zu äußern. Auch über diese Abreise der deutschen Kurfürsten stritten jich die Politiker eine Zeitlang. Man konnte jie endlich nicht verhindern, und der Kaiser war es zufrieden, daß sie ihren Weg über Innsbruck nahmen, dort mit ihm die allgemeine Lage zu besprechen21.) Es handelte sich ja bald für den Kaiser nicht mehr um die Fortsetung dieses Conziles und seiner friedlichen Verhandlungen mit den Protestanten, es handelte sich bald um Schuß und Vertheidigung seiner ganzen Stellung gegen den protestantischen Aufstand.

18) Anhang VIII. 4. 19) Karl 20. Dezember 1551. Toledo v. 18. und 20. Deze mber. 20) Anhang VIII. 7. 8. 9.

An dem kaiserlichen Hofe regte Vargas auseinander, auf welchen unbesiegbaren Widerspruch die Reformtendenzen gestoßen seien22): rundweg habe der legat erklärt, daß der Papst nie das Recht der Pfründenverleihung an eine andere Gewalt abtreten werde; von den bis dahin behaupteten Rechten seien die Römer entschlossen nicht das Geringste aufzugeben, sie hätten sogar ausdrückliche Bestätigung aller ihrer Prätentionen verlangt; und wenn erst zu diesem Bruche über die Reformfrage noch die Stürme des protestantischen Auftretens, die man voraussehen könnte, hinzufämen, dann, so ließ Toledo durch Vargas dem Raiser vortragen, sei nicht8 Gutes von dem Conzile zu erwarten. Aber auch diesmal beharrte der Kaiser noch auf seiner Meinung, auch diesmal wies er die gewünschte Suspension des Conziles zurück, und auch diesmal hoffte er durch konsequentes Drängen auf eine Reformation den Widerstand der römischen Geistlichkeit zu besiegen23). Toledo nahm es auf sich, diese faiserliche Entscheidung dem Legaten mitzutheilen24). Es war natürlich, daß die Beiden sich nicht einigen konnten. Toledo gewann aber aus den Aeußerungen des Legaten den Eindruck, daß Crescenzio in jedem Falle zu der Suspension des Conzileg greifen werde, um sich vor einer ernstlichen Erörterung mit protestantischen Theologen zu schüßen. Und wenn auch Karl dem päpstlichen Nuntius in Innsbruck freundlich zuredete und Versicherungen über Versicherungen ertheilte, daß es ihm nicht in den Sinn komme, an der Autorität des Papstes zu rütteln25), so trat die Differenz der beiden streitigen Anschauungen in Trident selbst desto schärfer an den Tag. Ohne mit Crescenzio sich zu überwerfen, war es Toledo nicht möglich, die Befehle des Kaisers auszuführen.

21) Karl 7. Februar 1552.

22) Toledo gab dem Vargas ein ausführliches_Memoire mit nach Insbrud : Lo que el Dr. Vargas del consejo de su md. y su fiscal le a de representar en las materias que aqui se tratan del concilio aviendole yo ordenado que vaya en mi nombre a hazer este oficio, es lo siguente; datirt vom 30. Januar 1552 (leg. 877 fol. 219.)

23) Karl'8 Antwort vom 17. Februar.
24) Toledo 26. Februar und 1. März.
25) Karl an Mendoza 27. Februar 1552 (leg. 648 fol. 42).

So haben sich die Verhältnisse bald in einer Richtung entwidelt, welche die siegreiche Stellung des Kaisers ganz bedeutend aufs Spiel seşte. Wie die Lage der deutschen Dinge, von Tag zu Tage in unruhigere Bewegungen gerathend, auf der einen Seite Karl's Position ins Wanken brachte, so ward auf der anderen Seite auch der Bapst ein ftets unsicherer, unzuverlässigerer Bundesgenosse. Denn auch in den italienischen Dingen hatte sich der Papst von dem Bunde mit dem Rais ser entfernt: die allgemeine Lage des Kaisers hatte sich in jenen legten Monaten wieder völlig gewendet.

Und unter dem Drucke dieser deutschen und italienischen Ereignisse fand sich zulegt auch der Kaiser veranlaßt, seine Conzilpläne für jeßt audzujeßen 26). Es war auch ihm, der bis dahin im Gefühle bes Siegers jegliche Meinungsänderung von sich gewiesen hatte, zulegt klar geworden, daß seine Absichten am Conzile jegt nicht mehr zu erreichen seien. Die Bewegungen der deutschen Protestanten nahmen ihm jetzt doch vollständig die Hoffnung, sie dem Conzile unterworfen zu sehen; und des Papstes Opposition entzog ihm alle Aussicht, die algemeine Kirche nach seinen spanischen Ideen neu zu gestalten. Besser war es demnach immer, das Conzil für einige Jahre zu suspendiren, als es total zu vernichten oder resultatlos zu Ende zu führen. Nach diesen Erwägungen ertheilte Karl am 5. März seinen Gesandten die Weisung, auf geschickte Weise die päpstliche Politik dahin zu bringen, daß sie die Suspension der Verhandlungen vorschlage, und dann diesem Vorschlage nicht mehr das kaiserliche Veto entgegenzustellen. Toledo griff auch diese neue Aufgabe an27). Er machte eine ganze Reihe von Anträgen und von Manövern, den Legaten Crescenzio in die Nothwendigkeit einer Bitte um Suspension zu verseken. Aber noch mehr als einen Monat haben die Parteien hin und her verhandelt über die Modalitäten der Suspension und zu dem Ende auch die auf den 19. März angesegte 16. Session auf den 1. April vertagt. Zulebt wurde am 15. April die wichtige Frage dem Consistorium der Kardinäle vorgelegt, ob die Tridentiner Versammlung sich selbst suspendiren oder ob der Papst dazu seinen Befehl erlassen solle28). Und als man nun in Trident den von Rom geschickten Entwurf der Suspensionsbulle vornahm, ergab sich wiederum heftiger Streit, ob man sich in die von den Aardinälen ge

26) Anhang VIII. 11.
27) Toledo. 10., 20. und 22. März 1552.
28) Mendoza'8 Depesdie vom 15. April 1552. (leg. 878. fol. 16,)

billigte Formel zu fügen habe29): es gab dort Bischöfe von so unabhängigem Sinne, daß sie in dem Defrete die Zustimmung des Papstes nicht besonders erwähnt wissen wollten; das Conzil als die höchste Autorität der Kirche habe selbständig über sich zu verfügen. Toledo und Pighino und Lippomano, — der Legat Crescenzio lag seit einigen Wochen auf den Tod krank darnieder, – mühten sich ab, eine Einigung aud dieser Dpponenten mit der Majorität zu erzielen, aber es blieb vergebens. Als man am 28. April die Session abhielt und die Suspens sion des Conziles auf unbestimmte Zeit dekretirte, gaben elf Bischöfe einen Protest zu den Akten, daß sie in dieses Dekret nicht eingestimmt hätten; doch haben auch sie nichts gegen die vorläufige Sistirung der Arbeiten einzuwenden gewußt.

So ist also das Eine Resultat des faiserlichen Sieges in Nichts dahingeschwunden. Wenn die Augsburger Reichstage Karl zu der Ers wartung berechtigt hatten, den begonnenen Weg auf einem Conzile zu verfolgen und die angebahnte Einigung der deutschen Reßer mit der katholischen Kirche zu vollenden, so hatte auch sein Bündniß mit dem Papste ihm frohen Muth gegeben, die allgemeine Reformation der Christenheit, die in allen Ländern gewünschte, durch dasselbe Conzil zu versuchen. Aber ber Erfolg hat gezeigt, daß er keines dieser Ziele zu erreichen im Stande war. Die Protestanten hatten zwar die Miene angenommen, sich dem Conzile zu fügen, aber nach einem kurzen Vorspiele ihres Auftreteng hatten sie sich einem ernstlichen Eingehen auf die conziliaren Debatten sofort wieder entzogen. Und der Bapst hatte zwar in einen engen Bund mit dem Kaiser für die kirchliche und für die politische Frage sich eingelassen, aber auch ihn trieb die eingeborene Natur seiner Stellung wieder von diesem reformirenden Kaiser hinweg. Jene kurze Zusammenkunft des Conziles vom September bis in den April hinein hat zu Nichts besser gedient, als den Charakter der päpstlichen Stellung und die firchlichen Tendenzen der faiserlichen Politik in ihrem inneren Gegensaße recht scharf zu enthüllen.

Aber nicht allein die conziliaren Differenzen haben den kaiserlichpäpstlichen Bund erschüttert; nein, auch auf der Seite italienischer Fürstenpolitik sind tem weiteren Fortgange desselben ganz bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen. Der Entfremdung beider Mächte auf dem Conzile ging die Lođerung ihres politischen Bundes für die italienischen Angelegenheiten unablässig zur Seite. In dem Augenblice, als Frant

29) Bericht Toledo’8 vom 30. April 1552. (leg. 1198. fol. 274.)

reich und die Protestanten den faiserlichen Sieger überfallen, war ihm sein Alliirter schon in jeder Weise untreu geworden.

Ihren Höhepunkt hatte diese Allianz im Sommer 1551 erreicht. Da war der Kaiser in einen Kampf gegen die Farneses eingegangen, der doch den großen Krieg mit der französischen Krone nach sich ziehen mußte; und zwar im Auftrage und auf den Wunsch des Papstes hatte Gonzaga die Waffen ergriffen. Da hatte der Bapst von dem Kaiser 200,000 Dukaten erhalten, da waren auch des Papstes Neffen für Spanien gewonnen, Ascanio direct in spanischen Dienst tretend, und Giambattista Monte als Führer der päpstlichen Truppen unter dem Oberbefehle Gonzaga's. Da hatte auch der Papst dem Kaiser von der jpanischen Kirche die Hälfte alles geistlichen Einkommens bewilligt und ihm jogar Aussicht gegeben, umfassende Nardinalspromotionen vorzunehmen, die Karls Herrschaft über Rom sichern sollten 30). So eng schien damals der Bund von Kaiser und Papst zusammen zu wachsen. Aber es dauerte nur kurze Zeit _ und es zeigten sich schon kleine Risse in der Rette, die sie zusammenhielt. Das rücksichtslos scharfe Auftreten der französischen Krone, ihre Dpposition gegen das Conzil und ihr Verbot jeglichen Verkehres mit Rom, blieb doch nicht ganz ohne Eindruck auf den Papst. Und auf der anderen Seite hatten die verbün: deten Heere von Kaiser und Bapst kaum einen nennenswerthen Erfolg. Es fehlte vor Allem Gonzaga, dem Feldherrn dieser Verbindung, an den ausreichenden Geldmitteln. Karl hatte ihm ausdrücklich erklärt 31), daß er alle einzelnen Maßregeln seiner Einsicht überlasse, daß er aber so schnell als möglich Parma und Mirandola, diese Dornen im Fuße der kaiserlichen Macht, ausreißen müsse, und mit lebhaftem Bedauern hatte er hinzugesetzt, ihm zu diesem Kriege nicht viel Geld schicken zu können: alle überflüssigen Ausgaben vermeidend, solle er sehen die Kosten so viel als möglich herabzudrücken und sich nach den Gelegenbeiten einzurichten. Es waren das Instruktionen für einen Feldherrn, wie sie übeler nicht ausfallen konnten: militärische Erfolge wurden verlangt, aber die Mittel dazu wurden verweigert. So fand sich der

30) Den Höhepunkt der Eintracht von Papst und Kaiser finde ich in der Sendung des Don Juan Manrique de Lara ausgesprochen, der seine Instruktion vom 3. September 1551 datirt erbielt.

31) Karl an Gonzaga 26. Oktober 1551. Der ganze Briefwechsel zwischen Karl und Gonzaga, den ich eingesehen, ist für diese Verhältnisse äußerst lehrreich. (Leg. 1198 und 1199.)

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