Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

in dieser Frage mußte eS ihnen genügen, einstweilen von ferne her nur die Waffen für den künftigen großen Schlag zu rüsten. Einstweilen brachten den Kaiser die gespaltenen Interessen der italienischen Mächte, des französischen Königs, des Papstes und der Farneses von dem Plane ab, an der Spitze des abendländischen Heeres dem Türken an dem Sitze seiner Macht zu begegnen. Unwiderleglich erschien den Staatsmännern am spanischen Hofe das Resultat aller Erörterungen und Verhandlungen zu sein, daß erst Deutschlands religiöse Zerwürfnisse geschlichtet und Deutschlands Kräfte geeinigt werden müßten, ehe man auswärtige Pläne in Angriff nehmen könne*).

Und auch in den Verhandlungen, die man mit dem französischen Hofe über die dauernde Nesiegelung des Einverständnisses und der Allianz beider Herrscher gepflogen, bemühte sich der Kaiser, freie Hand für die deutsche Frage zu gewinnen. Nachdem er in den Verabredungen des Herbstes 1538 zu diesem Ende die Abtretung einer Provinz an das Haus der Valois — sei es Mailand oder seien es die Niederlande — in Aussicht gestellt, nachdem man auch von einem Familienbande unter Karl's und Franz' Nachkommen geredet, sollte der Kaiser nach seinem Ermessen die Entscheidung treffen, welches seiner Länder und welches seiner Kinder er der französischen Politik opfern wollte. Es mag da auch heute noch gegründetem Zweifel unterliegen, für welche Seite im Grunde sich der Sinn des Kaisers entschieden"; aber den Versuch wenigstens durfte er wagen, die Sache in die Länge zu ziehen, um schließlich leine der Verheißungen zu erfüllen. Das imposante Schauspiel der Freundschaft zwischen dem weltgebietenden Kaiser und dem französischen Könige, die drohende Aussicht einer intimen Allianz beider Mächte trat jetzt zu Tage, als der Kaiser im Winter dieses Jahres von Spanien aufbrach und den Weg in die Niederlande und nach Deutschland durch das Reich des alten Rivalen nahm. Der Aufstand in Gent, der zu so gefährlicher Bedrohung für de« Habsburgers Stellung hätte werden tonnen, bot jetzt nur den erwünschten Anlaß, der Welt die herzliche Eintracht der hohen Herren in festlichem Prunke zu zeigen"). Nachdem Karl durch seine persönliche Erscheinung den Aufstand in den Niederlanden sofort zur Ruhe gebracht, ward im Frühjahr 1540 in Gent die allgemeine Lage der taiferlichen Politik nach allen Seiten hin einer gründlichen Berathung unterzogen. Und da hat der Kaiser zunächst in der französischen Sache einen vorläufigen Entschluß gefaßt. Nicht Mailand und die italienischen Länder, sondern seine Eibstaaten der Niederlande, ein Königreich der Niederlande, und die Hand seiner Tochter Maria bot er dem Könige der Franzosen für seinen zweiten Sohn an, allerdings so wohl verllausulirt und mit solchen Garantien versehen, daß Franz nicht die friedliche Erledigung des alten Streites, wohl aber eine neue Beleidigung seiner französischen Ehre darin sehen tonnte"). Durch diese Ablehnung seines Angebotes glaubte sich der Kaiser jetzt von allen Verpflichtungen gegen Franz befreit: wie er in richtiger Erlenntniß der Lebensbedingungen für die spanische Großmacht das ganze Italien in spanischem Gehorsam zu halten immer fester entschlossen war, so sann er von nun an darauf, auch die Niederlande für denselben Herrscher, seinen Sohn, den künftigen König von Spanien und Italien zu sichern").

«) Vgl, Quiiini II. pr. p, 287.

l5) Die Gründe und Gegengrünbe für eine jede der Alternativen finden sich in dem Codicil und bei Instruction sür den Thronfolger Philipp vom 5. Novem^ ber 1539, ?. ll'st, II. 542 und 549 ff.

«) Es ist eine« der beliebtesten historischen Mährchcn, daß der Genter Aufstand der Grund zu dieser so auffälligen Reise des Kaiseis gewesen. Die französischen Hi> steriler lassen sich natürlich die Gelegenheit nicht entgehen, mit der Loyalität und Großmuth ihres ritterlichen König« Franz I, zu prahlen. Die Atten der Geschichte aber zeigen, baß sofort nach der Begegnung in Aiguesmortes von einer neuen Zusammenkunft der beiden Monarchen die Rede war; und schon im Februar 1539 trug Granvella dem französischen Gesandten es vor, baß der Kaiser durch Frankreich nach Deutschland zu reisen wünsche. (Ribier I, p. 368.)

Gleichzeitig mit diesen Äerathungen über die allgemeine Lage wurden auch die weiteren Schritte für die deutsche Politik vorbereitet. Am Hofe des Kaisers war!, die Einheit von Kaiser und Papst zu erweisen, als päpstlicher Legat der eine der päpstlichen Enkel, der jugendliche Cardinal Alessandro Farnese, erschienen, von dem gebildeten und wohlgeschulten Theologen, seinem Erzieher, dem Bischof Cervino, begleitet. Denn noch hielt das Band, das der Kaiser um die Familie der Farneses und das väterliche Herz des alten Papstes geschlungen, auch die päpstliche Politik im kaiserlichen Bunde fest. Und wenn in den nächsten Monaten der eheliche Zwist zwischen dem Herzog von Camcrino, dem talentlosen und rohen Ottavio Farnese, und der ihm angetrauten Tochter des Kaisers, der Herzogin Margarethe, in Rom und in Brüssel «ine bedenkliche Verstimmung hervorrief, und wenn auch die Händel und Reibungen der kaiserlichen Beamten in Italien mit dem anspruchs« vollen Auftreten päpstlicher Diener in Brüssel und in Rom gewaltiges Aergerniß gaben, so bewiesen für die allernächste Zeit doch die Staatsmänner der beiden Höfe Geschicklichkeit genug, den allgemeinen Fragen über diese kleinen Interessen das Uebergewicht zu verschaffen"). Nach einigem Sträuben und Schwanken gelang eS doch, auch des Papstes und der römischen Theologen Beistand für die vom Kaiser gewollte Behandlung der deutschen Protestantenfrage zu erlangen. Fest und bestimmt hatte nun einmal der Kaiser, und hierin gewiß dem Rathc Granvella's folgend*), es sich zur Aufgabe gestellt, den Weg theologischer Erörterung mit den Protestanten zu betreten. Und daß man auch in protestantischen Kreisen den Wunsch einer durch gelehrte Verhandlungen herbeizuführenden Wiedervereinigung mit der alten Kirche deutlich gezeigt hatte, das konnte mehr und mehr in dem Kaiser die Idee befestigen, als lasse sich alle Differenz über Dogma und über Verfassung der Kirche bei redlichem Willen beider Theile durch eine freiwillige Übereinkunft beseitigen.

") Karl'« Erklärung vom 24, März in ?. cl'öt. II. 562 ff. und Franz' Rückäußerung vom 24. April 1540 bei Ribier I. 509.

«) Vgl. Karl'« «lodicil vom 28. October 1540 in r^I'et. II. 599,

So kam es nach einigen vorläufigen Bcredungen in Hagenau endlich zu den denkwürdigen Religionsgesprächcn (im Winter des Jahres 1540 und im Frühling 1541) in Worms und in Regcnsburg.

Die Politik des Kaisers hatte diese Religionsvcrhandlungen ermöglicht; den Theologen der beiden Parteien blieb es jetzt überlassen, in Rede und Gegenrede, in Beweis und Gegenbeweis die Wahrheit ihrer religiösen Bekenntnisse zu erhärten. Dem Kaiser war es kein inneres Bedürfnis; feines Herzens, daß dort eine Vereinigung der beiden Religionen oder die höhere Einheit, in welcher beide zusammenfallen, aufgefunden werde. Dem Kaiser war und blieb das Dogma und die Satzung der mittelalterlichen Kirche ein unerschütterlich fester Grund seines Glaubens. Mochten die Theologen beider Seiten in religiösem Gefühle, der weltgeschichtlichen Wichtigkeit dieses Momentes sich bewußt, ernstlich sich abmühen, durch Erörterungen und Debatten die christliche Wahrheit den beiden Religionspartcicn als die Eine und Ewige zu erschließen, für den Kaiser war das allein daß wünschenswerthe Resultat, durch irgend eine Erklärung, in irgend einem Schriftstücke die protestantischen Theologen wieder an die alte Kirche zu binden und den protestantischen Ständen des deutschen Reiches so den Grund ihrer Sonderling zu nehmen: durch irgend eine theologische Einheitsformel wünschte er die politische Einigung aller Deutschen unter seinen Banner wieder möglich zu machen.

!9) Vgl, über diesen drohenden Zwist die attcnmäszigcn Mittheilnngcn bciPllllavicino IV. 10, n»d die Depesche des französische» Gesandten aus Rom vom 24. April bei Ribier I. 516 fs.

*) Vgl. Rante Tx G. IV, 148 s.

Das Eine hatte der Kaiser fest und deutlich betont, daß auch von päpstlicher Seite ein Legat mit unbeschränller Vollmacht zu der Verhandlung entsendet werde; und dabei war auf Einen jener Kardinäle sein Augenmerk gerichtet, die durch Freiheit ihrer Gesinnung, durch allseitige Bildung und gründliche Gelehrsamkeit ausgezeichnet, die Zuneigung, das Vertrauen, die Sympathie aller Richtungen in Europa besaßen: nicht nur einen Diplomaten, sondern auch einen frommen und gebildeten Mann verlangte der Kaiser in Deutschland zu sehen. Aber obwohl endlich der Papst dein Kaiser den Kardinal Contarini als Legaten zugestanden, so hatte er ihn doch nicht mit unbeschränkter Vollmacht ausgestattet; freilich in sehr weiten Grenzen gab er ihm die Befugnis;, mit den Protestanten verhandelnd, Unwesentliches Preis zu geben, wenn vor Allem nur das göttliche Recht der Kirche und in ihr die Stellung des Papstes gewahrt bleibe"').

Contarini, der wirtlich die Seele der Verhandlungen in Regensburg geworden, war gewiß, wie sonst Keiner, geeignet zu diesem Versuch theologischer Ausgleichung. Er selbst, auf's Tiefste ergriffen von dem religiösen Strome der Zeit, aber in keinem Moment die Berechtigung der Einen, allgemeinen Kirche! bezweifelnd, hatte die Heilslehrcn der Kirche zu vertiefen, von rem äußerlichen Ceremonienprunk und Werldicnst hinweg auf die Heiligung und Veredelung des Innern die Seele hinzuwenden gesucht; in der Rechtfertigungslehre war er der protestantischen Theologie sehr nahe gekommen. Und wie er nun in Regensburg erschien, in mildem Sinne die Verhandlungen zu leiten, hat er wirklich einen Augenblick eine Einigungsformel für das katholische und protestantische Dogma von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott gefunden; einen Augenblick hat es wirklich den Anschein gehabt, als ol> dort in Regensburg die deutsche Reformation jener italienischen Bewegung die Hand reichen, als ob des Kaisers politisches Streben die Einheit der allgemeinen Kirche zurückführen könne").

w) Die Instruktion für Contarini vom 2«, Januar 1511 theilt Quirini mit, III, i>mef. » 286 ff. Das Material für die vorhergehenden Verhandlungen ist in den Werten von Quirini, Hammers, Pallavicino zerstreut. Ich bemerke »och, daß in Rom die eifrige Partei (und auch in Deutschland wenigstens der Nuntius Moroni statt Eontarini lieber den strengeren Cerviuo nack Deutschland gc« sendet hätte,' ^ ,.^ ,..,^

MüUiendleHn, «orl V. 4

Aber wie wenig kam es im Grunde darauf an, wie geringfügig, war doch im Grunde eine solche Einigung in einer dogmatischen Formel! Die tiefe Verschiedenheit der ganzen Lebensanschauungen, bieder religiösen Parteiung zu Grunde gelegen, war doch in keinem Momente in eine einzelne Formel eingeschlossen!

Es dauerte in der That nicht lange, und von beiden Seiten, von dem römischen Papste und von dem sächsischen Mönche ward die Behauptung laut ausgesprochen, daß die vereinbarte Formel erst einer Interpretation bedürfe, ehe sich der Papst oder Luther ihr anschließen könne^). Und inzwischen war in Rcgensburg selbst die Verhandlung, an einer anderen wichtigen Frage auf nicht zu beseitigende Gegensätze gestoßen.

Das Regensburger Gespräch ist schließlich ohne bleibende Folgen gewesen.

Und dies Scheitern der Versöhnungsversuche in jenem Jahre 1541 ist beiden Theilcn das Zeichen geworden, sich noch weiter von einander zu entfernen, den Bruch noch endgültiger, noch unheilbarer zu machen.

Ganz besonders in Italien beginnt hier eine neue Epoche in der kirchlichen Bewegung. Wenn bisher die Männer milder Versöhnung mit den Eiferern mittelalterlichen Geistes in der Erneuerung der Kirche Hand in Hand gegangen, fo gewinnen jetzt die Freunde der Inquisition, die starten Geister eines herben Rigorismus, die unbeugsamen Vorkämpfer kirchlicher und päpstlicher Hoheit, die Alleinherrschaft in Rom. Diese Earaffa und Lovola, diese Schüler der mittelalterlichen Theologie, diese Anhänger unbeschränkter Hierarchie reißen die römische Kirche von jedem Versuche zurück, sich mit den neuen Vorstellungen und Ideen des Jahrhunderts auszugleichen; von dem starken Gefühle cr

") Außer den beiderseitigen Berichten über die Rcligionsverhandlungen in Regensburg hat uns i'ämmcis eine Reihe von Depeschen der römischen Diploma» ten und Agenten mitgcthcilt, die eine Mlle interessanter und lehrreicher Details über die Vorgänge sowohl als die Motive der Handelnden lenncn lehren,

2«) Die römischen Ablehnungen und Zurechtweisungen bei Quirini III. prasf. 231 und Lämmer« 37«: über den Eindruck der deutschen Nachrichten in Rom vgl. Quirini il>. p. 46.

« ZurückWeiter »