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Aeit jenem Reichstag von Worms, dem der Kaiser noch selbst beigewohnt, hatte die Lage Deutschlands sich sicher nicht nach dem Sinne oder den Wünschen des Kaisers gestaltet^ jene Bewegung in der Tiefe der Nation, die in dem Auftreten der Reformatoren auf religiösem Gebiete ihren Ausdruck gefunden, hatte inzwischen sich über ganz Deutschland verbreitet, hatte allenthalben ihre Wurzeln eingesenkt, hatte von den wichtigsten Stellen des Reiches stets fester und fester Besitz ergriffen. Nachdem einmal auf dem Reichstage von 1526 die Freunde der Reformation den Rechtsboden zur Befestigung ihrer kirchlichen Neuerungen sich erobert hatten, wagten sie, die schon ein engeres Bündniß gegen die kriegerischen Gelüste der katholischen Stände auf» gerichtet hatten, sogar ihrerseits einen Angriff, dem gegnerischen Anfall, den sie vermuthet, zuvorzukommen; und als nun 1529 auf dem Reichstag die kaiserlichen Bevollmächtigten die Zugeständnisse von 1526 — eben jenen Rechtsbodcn der evangelischen Stände — aufzuheben entschlossen waren, erhob sich diese Partei der Reformation zu einem kräftigen Proteste gegen ein solches Verfahren. Diefe protestirendcn Fürsten wahrten energisch ihren Standpunkt, da« einmal erlangte Recht sich nicht wieder nehmen zu lassen: und so in Parteien gespalten, deren Jede ein anderes Gesetz als das rechtmäßige anerkannte — die Einen das von 1526, die Andern das von 1529 — sind die Stände von Speyer geschieden. Und auch in der politischen Lage durfte der Kaiser wenig Fortschritte seiner Politik sehen. Zwar da« Reichsregiment, das man ihm auferlegt, hatte er leicht abgeworfen, aber feine Macht und sein Einfluß war durch den Erzherzog Ferdinand durchaus noch nicht gekräftigt oder erhöht worden, ja es hatte oftmals von Versuchen und Intrigucn gegen das habsburgische Vorrecht verlautet, von geheimnißvollen Plänen dem Habsburger einen römischen König, der ihn eii'st «setzen solle, scbcn jetzt an rie Seile zu stellen. UlO

nanb endlich nach den Verträgen seine« Hauses 15^ sowohl. B^2i2l' als Ungarn ansprach, stieß er an beiden Stellen auf Hin«l»n»«: die ungarische Frage verwickelte ihn weiterhin in einen Türlcutriez, ir» der gewaltige Stoß, den Soliman eben in dem Jahre I5?9 anf «l Südosten des Reiches geführt, erschütterte das ganze Deutscht«! n der gefährlichsten Weise.

Auf allen Seiten ist so dem kaiserlichen Willen de« Siezers äb^ Frankreich und Italien rie Aufgabe erwachsen, auch in Deutschland mit aller Energie einzuschreiten, sowohl die religiösen Wirren mil naiter Hand zu schlichten und zu ordnen, als auch gegen den Türten die Grenze des Reiches zu schützen und zu schirmen. Und Karl war ^l neigt, die Waffen von Italien und Spanien auf diese neue Aufgabt zu richten.

Er selbst verließ Spanien und ging nach Italien, rort mit dem P.N'sie Clemens, dessen Abfall ihm noch eben sc viel zu schaffen gemacht, den er aber jetzt auf« Neue an sich geleitet zu haben glaubte, Abrede zu treffen, was zunächst geschehen solle. Karl« Sinn war voll von Entwürfen und Plänen-, auf die ganze ^age Europa« waren feine Ideen gerichtet. Er traf den Papst in Bologna: worüber die Beiden dort mit einander bcrathen und geplant, da« tritt doch nachher»! den Resultaten deutlich zu Tage. Und Karl sagte es dem Bruder in vertraulichem Schreiben '), was er in Italien und in Deutschland erstrebe: nachdem er zunächst Italien völlig beruhigt und die spanische Herrschaft auf der Halbinsel in alle» Einzelheiten gesichert nnd geordnet, wolle er auf die religiöse Frage in Deutschland seine ganze Aufmerksamkeit richten, wolle er auch die politische Zukunft des Reiche« durch die Erhebung des Bruders zum römischen Könige sichern, und wenn erst das religiösgeeinte und politisch fügsame Deutschland auf da« <^cbot seines Kaiser« und .König« Geld nnd Soldaten zur Verfügung gestellt, dann wolle er auch den Krieg gegen den Türken aufnehmen, er selbst, der Herr des Abendlandes, gegen den ungläubige» Herrscher de« Morgenlanrc«; unr das solle ein Krieg werden, nicht wie man ihn bis jetzt geführt zur Abwehr des Feindes, nein, nach dem großartigsten Plane, mit den großartigsten Mitteln, mit der vereinigten Macht aller christlichen Staate». So hoch waren die Hielt, die Karl seiner Politik für das Jahr 1530 gestellt. Von dem Boden solcher Projette aus konnte er

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allerdings leichten Sinnes dem Bruder rächen, einstweilen nur Waffen» stillstand zu schließen, wenn er sich des Feindes nicht erwehren könne — eine Nachgiebigkeit, ein Zurückweichen für den Moment, um sich zu dem kräftigeren Vorgehen erst besser zu rüsten.

Auch die geistliche Frage hat der Kaiser mit dem Papst in Bologna besprochen; sie ist für ihn doch Eins der Momente in dem Gefüge der europäischen Politik, das er durch direkte Verhandlung mit rem geistlichen Herrn in Ordnung zu setzen gedachte. Wenn er da dem Papste eine endgültige Erledigung der deutschen Wirren auf diesem Gebiete zusagte, wenn er sich anheischig machte, die „Ketzerei" der Neuerer nicht mehr zu dulden, für die „Pesttrantheit" Deutschlands jetzt da« radikale Heilmittel zu schaffen, fo gelobte der Papst auch von seiner Seite dem Unternehmen des Kaisers allen Beistand und Vorschub. Es faßten die beiden Häupter der Christenheit dabei auch das in's Auge, baß unter Umständen man zu einem allgemeinen Eonzile geuöthigt sein tonnte, und unter Umständen wollte man wirtlich dem Ruf der Deutschen nach einem Eonzil willfahren, man wollte die Autoritäten der gefammten Kirche zusammenbringen, die deutschen Ketzereien zu verdammen ^), Der Kaiser sah es jetzt deutlich ein, welche Bedeutung ein solches Eonzil, von ihm geleitet und geführt, für seine kaiserliche Stellung in Europa erhalten konnte: in einer solchen Versammlung der europäischen Christenheit, von den anderen geringeren Fürsten umgeben, tonnte Karl Äerathung halten mit dem Fürstencongresse über den Türtenzug des Abendlandes, welchen er selbst zu führen beabsichtigte, dort tonnte er durch die Stimme Europa'« Recht sprechen lassen über die Beleidigungen, die man ihm zugefügt, die Angriffe, die man gegen sein Haus erhoben'). Und wenn auf, derfelben Verfammlung die deutschen Neuerer durck die Wucht der ganzen abendländischen Kirchcneinheit überwältigt werden sollten, so war es gleichzeitig doch immer das Ziel des spanischen Herrschers, dem von allen Seiten erkannten Nedürfniß einer „Reformation" der Geistlichkeit hier Rechnung tragen zu lassen: man wollte ebensowohl der einzelnen Geistlichen Lebenswandel durch strengere Vorkehrungen bessern, als die Verfassung der Kirche, die Stellung der einzelnen Lande zu der römischen Curie nach festen Prinzipien neu ordnen.

2> Vgl. den Briefwechsel zwischen Kaiser und Papst von Ib30, dazu des Le» galen Campeggio Berichte (Bes. vom 29. Juli 1530 bei Lämmer« Uouu» meut» V»tio»u», p, 47 f.)

2) Außer dem citirten Brief an Ferdinand vgl. das Gutachten ter Eizherzo» gin Margaietha tei Lanz I. 341.

Den Sinn erfüllt mit so weitaussehenben Plänen trat Karl die Reise nach Deutschland an: auf dem Augsburger Reichstage sollte er es jetzt erproben, was seine Politik und seine Kraft zur Beilegung des Religionshabcr« in Deutschland vermöge.

Die Stellung, die er, der Kaiser, selbst zu der Bewegung in Deutschland eingenommen, ist innerlich fest, auch in dem Wandel der politischen Verhältnisse unwandelbar fest geblieben. An keiner Stelle hat es sich für Karl darum gehandelt, über die Bedeutung oder die Berechtigung einer neuen Lehre nachzusinnen; Karl ist nicht in der Lage gewesen, jemals Gründe und Gegengründe abwägend eine Entscheidung zu treffen zwischen dem Alten und dem Neuen; es ist auch eigentlich niemals Karl's Meinung gewesen, im Streite der neuen und der alten Religionspartei einen Schiedsspruch zu thun; nein, die Seele dieses Fürsten ist ganz erfüllt von dem religiösen Glauben feiner Ahnen, er hat in Spanien des spanischen Voltes katholischen Geist und Glauben mit vollen Zügen in sich aufgenommen. Weder die Auto rität der Kirche noch daS von ihr gelehrte Dogma sind für ihn durch die Erörterungen der deutschen Reformatoren erschüttert worden; und wenn er in Deutschland jetzt über religiöse Dinge verhandeln und die Theologen beider Theile immer und immer wieder über die controversen Fragen debattiren läßt, ja, wenn er dabei auch einmal Ton und Miene eines Richters über den Parteien anzunehmen für gut befindet: so ist das alles im Grunde seiner Seele nicht so gemeint gewesen, so zielt er damit ganz allein auf die Protestanten, seine Gegner: wie er selbst mit Herz und Seele für den Einen Theil schon Partei ergriffen, so bedeutet auch Vermittelung und Versöhnung der Gegensätze in seinem Munde nur Unterwerfung der Neuerer unter das Gebot der alten Kirche und Zurückführung der Ketzer in den Schooß der Alleinseligmachenden.

Den Kaiser begleitete als päpstlicher Legat nach Deutschland der Cardinal Eampeggio, der Kaiserlichste von allen dem Kaiser ergebenen Cardinälen'), derselbe, der 1524 allen seinen Einfluß geltend gemacht, den Papst von dem Bruch mit dem Kaiser abzuhalten, und in dessen

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Gutachten wir ohne Zweifel die Intentionen der kaiserlichen Politik selbst ausgedrückt finden ^). Schon ,auf der Reise hatte er dem Kaiser nachdrückliche, wohlmotivirte Vorstellungen gemacht, auf welche Weise die beabsichtigte „Reduktion der Ketzer" am einfachsten und sichersten geschehen tiwne: das Ziel fest im Auge, daß die Einheit der Kirche jetzt hergestellt werden müsse, solle Karl anfangs die weicheren Gemüther durch Güte zu gewinnen suchen, aus den hartnäckig widerstrebenden aber Einzelne mit Härte strafen und so sich den ,Weg durch eine geschickte persönliche Behandlung der Frage zu den allgemeineren Anordnungen eröffnen. Erst wenn durch solche Verhandlungen auf dem Reichstage der Boden wohl vorbereitet sei, erst dann wünschte Campcggio auch weitere Maß' regeln: eine unnachsichtige Beobachtung des Wormser Ediktes, eine strenge Aufsicht über alle Prediger, über die Geistlichkeit und die Mönchsorden, eine scharfe Eensur des Bücherdruckes, eine allgemeine Einführung der Inquisition im Reiche. Zuletzt, meinte er, werde es doch wohl dahin kommen, daß man mit Waffengewalt, „mit Eisen und mit Feuer", die Ketzer überziehen müsse; aber seine ganze Erörterung ging dahin, zunächst in diesem Augenblicke dem Kaiser jene zweiseitige Weise der Politik für den Reichstag zu empfehlen, und gleichzeitig ihn zu dem Entschlüsse zu treiben, baß er mit den katholischen Ständen die weiteren endgültigen Schritte unter der Hand schon vorbereiten lasse.

Und in der That, die Ideen der kaiserlichen Politik ebensowohl als die Erwartungen des päpstlichen Hofes waren auf einen guten Erfolg solcher Rathschläge gerichtet, Rathschläge, die von dem Standpunkt dieser kaiserlich-päpstlichen Anschauung aus ganz sachgemäß erscheinen mußten. Wenn der Wille des Kaisers den Ständen erst fest und bestimmt erklärt sei, dann würden von den Protestanten die Einen — so wagte man zu hoffen — durch gelindes Zureden, durch Freundlichkeiten und Belohnungen, durch alle die Einflüsse eines geschickt, freigebig, überlegt auftretenden Fürsten sich gewinnen lassen, und wer etwa dem Worte seines Kaisers noch widerstrebe, den dachte man leicht strafen und vernichten zu tonnen").

») .Siehe dieselben im Anhang I. 1. 2. Ranke hat au« römischer Covie dieses Stück schon gekannt,

«) Zu allem früher Bekannten über den Augsburg« Reichstag ist in denNerichten Camveggios jetzt «och vortreffliches Material hinzugekommen (Lammers v 34 — 63) Vgl. damit die von Heine edirten Briefe des kaiserlichen Beichtvaters; — man thut übrigens gut, auch die Ausgabe derselben in der Onleeoluu ä» «loci». m«nt°» w«<lito» noch zu Heine hinzuzunehmen, (Bd. XIV.)

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