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und wie sie in den Fragen der allgemeinen Politik nicht in der Einigung mit dem Kaiser zu verharren vermochten, da bot ihnen Frankreich die Hand, in französischer Allianz ihre Ziele zu erreichen und in die allgemeine Opposition gegen des Kaisers katholische Politik einzutreten.

So kam das merkwürdige Schauspiel zu Stande, baß der Papst noch im Bunde mit dem Kaiser, den er zu gemeinsamer Bekämpfung der deutschen Ketzer geschlossen, den Mächten die Hand reichte, welche diese Ketzer gegen den Kaiser aufrecht zu erhalten strebten.

Der Feldzug der beiden Heere im oberen Deutschland hatte zuletzt zu dem Vortheile des Kaisers geendet. Durch sein geschicktes Ausharren in der genommenen Position hatte er den Feind ermüdet und dann zum Rückzug gezwungen. Wenn da auch Spuren einer allgemeineren europäischen Opposition gegen ihn wiedererwachten, und wenn auch die Hülfsquellen, aus denen er zum Kriege die Kraft geschöpft, ihm zu versiegen drohten, so war er einstweilen doch noch in günstiger Lage. Nachdem die politische Kombination des Kaisers, ich meine den Rückenangriff des neuen Kurfürsten von Sachsen auf die Protestanten, den Rück« zug des protestantischen Heeres herbeigeführt hatte, war das ganze obere Deutfchland dem Kaiser freigegeben, und e« war ihm dadurch möglich gemacht, sich hier eine breite Basis für alle weiteren Operationen zu schaffen.

Karl hat nicht versäumt, diese Umstände zu benutzen. Sogleich nach dem Abzüge der Protestanten besetzte er die nächstgelegenen kleineren Städte und wußte auch mit den größeren sofort sich den Weg zu Verhandlungen zu bahnen. Kam es ihm wesentlich doch darauf an, chier seinen Gegnern allen Rückhalt zu nchmen.

Es ist wohl besonders Granvella's Verdienst zuzuschreiben, daß man von diesen Städten wirklich eine nach der andern unterwarf. Wie Granvella einst im Rathe des Kaisers stets eine solche Politik der Verhandlungen befürwortet, und wie er auch dem Kaiser jene deutschen Surften zu Bundesgenossen gewonnen und vor allem die Fäden gesponnen hatte, die den Herzog Moritz in des Kaisers Arme gefesselt; so bemühte er sich jetzt in Oberdeutschland durch Separatverträge mit den Städten die allgemeinen Zwecke der kaiserlichen Politik zu fördern. Die erste der Städte, die er in dieser Weise zur Unterwerfung gebracht, war Ulm. Der Stadtrath übergab sich hier in die Hand des Kaisers, er versprach Gehorsam in allen Reichsangelegenheilen, er übernahm eine starte Contribution (von 100,000 Gulden) zu zahlen und ließ in der Religionsfrage sich durch eine ähnliche allgemeine Versicherung beruhigen, wie sie auch Herzog Moritz und die Brandenburger Fürsten erhalten hatten').

Und ganz nach dem Muster dieser Ulmer Capitulation wußte man alle anderen einzurichten. Die Städte unterwarfen sich stets der Obrigkeit des Kaisers und versprachen insbesondere, den Anordnungen desReichsgerichts Folge zu leisten; sie zahlten stets eine größere oder kleinere Geldsumme in des Kaisers militärische Kasse und erhielten dafür jene allgemeine Zusage, „bei ihrer habenden Religion gelassen zu werden," eine Zusage, die in ihrer allgemeinen Fassung auch nicht die geringste Gewähr hatte gehalten zu werden- Das geschah im Dezember 1546 und im Januar des folgenden Jahres.

Ein bedeutenderer Schritt noch war es, daß auch der Herzog von Würtemberg in ähnlicher Weise zur demüthigen Unterwerfung gezwungen wurde. Der Herzog mußte sich zur Uebcrlieferung der wichtigeren Festungen an kaiserliche Truppen verstehen und in weniger als einen» Monate 300,000 Gulden baar auszahlen. Um diesen Preis ward ihm sein Herzogthum gelassen. Hier hätte es den eigentlichen Wünschen des Kaisers mehr entsprochen, den Herzog seines Landes zu entsetzen und Würtemberg in Habsburgische Hand zurückzubringen. Aber die Notwendigkeit zwang den Kaiser zu diesem Vertrage. War er doch in die Lage versetzt, ohne Eintreibung von Geldsummen in Süddeutschland seine Truppen nicht mehr bezahlen zu können^). Die finanziellen Weiterungen, in die er um jene Zeit mit dem Papste gerathen war, zeigen hier ihre Bedeutung für den Gang der deutschen Ereignisse: weil ihm die Geldmittel durch den Papst versagt wurden, war er zu Verträgen mit den Protestanten genöthigt, und weil er nicht in unbedingter Weise die Protestanten niederwarf, sondern ihnen wenn auch noch so kleine Concessionen gewährte, reizte er den Papst zu weiterer Verneinung der Subsidien.

In allen jcnen Verhandlungen mit den oberdeutschen Ständen halte der Kaiser ohne Zuziehung eines päpstlichen Nuntius gehandelt. Er war durchaus nicht gewillt, sich eine Einmischung der päpstlichen Politik in seine deutschen Maßregeln gefallen zu lassen') und hatte jede Erörterung mit dem päpstlichen Vertreter darüber kurz und scharf abgewiesen.

») Vgl. die detailline Darstellung ans den Alten des Ulm« Archive« bei Ranle D. G. IV. p. 354—361.

2) Karl gibt selbst diese Motivinmg in einem Schreiben an Ferdinand vom 9. Januar 154? bei Lan, II, p. 524 fj.

Wenn Karl überhaupt sein deutsches Unternehmen in der Weise eingeleitet hatte, daß er in allen öffentlichen Erklärungen nicht die religiöse Spaltung, sondern die reichsrechtliche Frage des Gehorsames der Stänoe gegen den Kaiser zum Ausgangspunkte genommen, so war es weiterhin nur eine Consequenz dieses Verhaltens, baß er auch in allen Abmachungen in Süddeutschlanb die religiöse Frage nicht berührte, sondern daß er sich nur die Unterwerfung unter die Anordnungen des Reichstages und unter die Gebote deS Kammergerichts ausmachte. Als er in jenen ersten Tagen des Jahres 154? sich so durch Einzelverträge die süddeutschen Stände unterworfen, warb im kaiserlichen Rathe wirklich noch einmal die Frage aufgeworfen und debattirt: ob man jetzt die MaSle solle fallen lassen und sofort zu der Entscheidung der allgemeineren Fragen auf eiilem zu berufenden Reichstage kommen, oder ob es besser sei, in der bisherigen Weife fortfahrend, auf Ordnung des Reichsgerichtes, auf Vereinigung einer größeren Streitmacht, auf Unterwerfung der noch nicht bezwungenen Gegner zu arbeiten'). Nach kurzer Frist entschied sich Karl für den letzteren Weg. Die Unterwerfung der beiden Häupter des gegnerischen Bundes und die Vereinigung Süddeutschlando zu einem Geld und Truppen liefernden kaiserlichen Bunde faßte Karl als die nächsten Aufgaben seiner Politik ins Auge und verschob die allgemeine Anordnung über die Herstellung der alten Religion in allen abgefallenen Gebieten auf den nächsten Reichstag, der erst nach der Vernichtung aller Gegner zusammentreten sollte^). Und dies Verfahren tonnte gewiß um so mehr auf Erfolg rechnen, wenn der Kaiser nach seines Bruders Vorschlag jetzt mit allem Ernste und allem Nachdrucke seiner Macht auf eine ernsthaft gemeinte Reformation der Kirche bestehen wollte^)

Wir übersehen hier die Lage des Kaisers und begreifen die Gründe, die ihn zu allen Vorstellungen an dem Conzile bewogen, einstweilen das trennende Dogma der Rechtfertigung noch nicht zu publiciren. Sein Sinn war zunächst auf die Unterwerfung aller entgegenstehenden Deutschen gerichtet, so sich die Bahn eröffnend, Deutschland unter da« katholische Eonzil zu beugen. Und da mußte der Aufschub derjenigen Beschlüsse, welche jedem Protestanten diese Unterwerfung unmöglich machten, dem Kaiser doch als eine bedeutende Förderung seiner Politik erscheinen.

») Der Papst erhob Klage darüber. Vgl, die Depesche vom 11. Febr. 1547 im Anhang V. 11.

4) Vgl. in dem angeführten Schreiben bei Lanz p. 526.
b) Karl an Ferdinand vom 2, Februar bei Lanz II, p. 529 fi
«) Ferdinand an Karl vom 9. Februar bei Bucholtz IX. p, 407 fs.
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Freilich, daran ist tein Zweifel gestattet, mit dem Inhalte jenes Dekretes hegte der spanische Katholicismus dieses Karl die vollständigste Übereinstimmung''). Und nur jene Rücksicht auf die von ihm zu erzielende Unterwerfung der Protestanten wollte die Verkündigung des Beschlusses einstweilen beanstanden. Aber wie mußte es ihn tränken, daß er diese seine Anschauung nicht bei dem Papste durchsetzen tonnte! Wie mußte es ihn verletzen, daß der Papst, unbekümmert um des Kaifers Vorstellungen, zur selben Zeit diese Veröffentlichung des Iustifitationsdogma's vornehmen und zur selben Zeit das Hülfsheer aus Deutschland zurückmarschiren ließ. Beide Maßregeln waren geradezu gegen des Kaisers Willen und Interessen gerichtet').

Die Eapitulation zum Protcstanttnlriege, die man nur auf sechs Monate geschlossen, lief im Dezember 1546 ab. Aber der Legat in Deutschland, Kardinal Farnese, der in allen diesen Fragen sich bisher gut kaiserlich bewiesen, hatte dem Kaiser Hoffnung auf eine Ausdehnung des Vertrages, auf eine Verlängerung und Erneuerung des päpstlichen Hülfsheeres gemacht, und auch in der früher berührten Streitfrage über die Höhe der vom Papste bewilligten spanischen Steuern zu Gunsten der kaiserlichen Anschauung seinen Einfluß verwendet. Es ward in Rom auch mit der definitiven Antwort des Papstes auf des Kaifers Anträge gewartet, bis Farnese persönlich zugegen sein tonne. Die kaiserlichen Gesandten, Juan de Vena und der außerordentliche Bevollmächtigte Juan de Mendoza, verhandelten dann im Dezember und Januar mit dem Papste, mit allen einflußreichen Freunden des Papstes, mit den ihnen bezeichneten Cardinälcn. Von der Anschauung freilich tonnte man die römifchen Polititer nicht abbringen, daß die Summe von 300,000 Dutaten den eingegangenen Verpflichtungen entspreche, und daß jede weitere Auflage ein neues Gnabengeschent des Papstes bedeuten würde. Man stritt lange hin und her. Endlich compromittirte man auf 400,000 Dutaten. Und die kaiserlichen Ge°

') Trotz seiner Proteste gegen die Publication sagt Karl cs ausdrücklich an den Kardinal Pacheco am 12, Februar 1247: ei »nieulo 6e I», Justin'e^twu p»> r«8ce mu? e»tnolico 7 »«meto, (8>m. I_,eß, 644, toi, 55)

»1 Du Mortier, der französische Gesandte in Rom, vom 29, Januar 1547 bei Ribier I. p 602 u, 603.

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