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ein kalter Schweiß rann von seinem Antlitze; allein er hatte noch eine Minute zu überstehen, eine Minute, die ihm zur Ewigkeit werden konnte. Der ihn so sehr bemitleidende Gehülfe zählte die Sekunden, und den Blick bald auf den Chirurgen, bald auf den Leidenden gerichtet, dessen Muth er aufzurichten suchte, sagte er zu diesem: „Nur noch eine Minute!“ In der That, jetzt war der Moment der Säge gekommen, und bald vernahm man die kreischenden Töne des Stahles, der in den lebendigen Knochen dringend endlich das halbverfaulte Glied von dem Körper trennte. Allein der Schmerz war zu groß für diesen abgeschwächten und erschöpften Körper, die Klagen waren verstummt, der Verwundete war ohnmächtig geworden. Der Chirurg, der nicht mehr das Geschrei und die Klagen vernahm und fürchtete, daß diese Stille die Stille des Todes sei, sah den Operirten voll Ungeduld an, um sich zu vergewissern, daß er nicht ausgeathmet habe. Die bereitgehaltenen Stärkungsmittel vermochten nur mit Mühe die matten Augen, welche wie bei einem Todten regungslos geschlossen waren, wieder zu beleben; der fast Sterbende athmete wieder auf, zwar zerschlagen und kraftlos, aber doch waren nun die furchtbarsten Leiden vorüber. In dem benachbarten Spitale wendete man Chloroform an. Hier hatte der Patient, und besonders derjenige französischen Ursprungs, zwei wohl zu unterscheidende Perioden durchzumachen; von einer oft bis zum wüthendsten Delirium sich steigernden Aufregung verfiel er gewöhnlich in eine vollständige Lethargie, welche zur wahren Unempfindlichkeit wurde. Manche Leute, welche an den Gebrauch starker gebrannter Getränke gewöhnt waren, konnten nur mit großer Mühe in behandelt, allein die Brescianer vermochten es nicht über sich zu gewinnen, ihnen auch etwas Wohlwollen zu bezeigen. In dem Spitale, in welchem der Fürst von Isenburg untergebracht war, bewohnte derselbe mit einem andern deutschen Fürsten ein kleines, aber ziemlich gut eingerichtetes Zimmer. Mehrere Tage hinter einander theilte ich Tabak, Pfeifen und Cigarren in den Kirchen und Spitälern aus, wo der Geruch des von etlichen hundert Menschen gerauchten Tabakes sehr nützliche Dienste leistete gegen die giftigen Ausdünstungen, welche der Aufenthalt so vieler Kranken in diesen von drückender Hitze erfüllten Lokalitäten verursachte. Der in Brescia vorräthige Tabak war sehr bald aufgezehrt, und man war gezwungen, solchen von Mailand kommen zu lassen. Das Tabakrauchen war auch fast das einzige Mittel, welches die Besorgnisse der Verwundeten vor einer Amputation verminderte; an Mehreren wurde die Operation vorgenommen, während sie die Pfeife im Munde hatten, und Viele starben, während sie rauchten. Ein achtbarer Bewohner von Brescia, Herr Carlo Broghetti, führte mich mit äußerster Zuvorkommenheit in seinem Wagen von einem Spitale der Stadt zum andern und half mir meine Tabakgeschenke vertheilen, welche von den Kaufleuten in Tausenden von kleinen Düten zurecht gemacht worden waren; diese Düten wurden von freiwilligen Soldaten in großen Körben hinter uns hergetragen. Ueberall war ich wohl aufgenommen. Nur ein lombardischer Arzt, Graf Calini, wollte nicht gestatten, daß in dem seiner Leitung anvertrauten Militärspital von San Luca die Cigarrengeschenke ausgetheilt würden, während alle andern Aerzte im Gegentheile sich darüber ebenso erkenntlich zeigten, als die Kranken selbst. Dieser kleine Anstand schreckte mich übrigens nicht ab, und ich darf wohl sagen, daß dies das einzige Hinderniß und die einzige, wenn auch unbedeutende Schwierigkeit war, die mir begegnete; bis dahin war ich nirgends auf einen Widerstand dieser Art gestoßen und, was noch mehr erstaunen mag, ich war nicht ein einziges Mal genöthigt, meinen Paß oder meine Empfehlungen von Generalen an andere Generale vorzuweisen, und meine Brieftasche war von derartigen Briefen angefüllt. *) Ich hielt mich deßhalb dadurch nicht für geschlagen, und noch an demselben Nachmittage gelang es mir nach einem neuen Versuche in San Luca eine Menge Cigarren an die wackeren Kranken auszutheilen, welche ich unschuldigerweise die Qualen des Tantalus hatte erdulden lassen. Als sie mich zurückkommen sahen, stießen sie Ausrufe der Freude und des Vergnügens aus. Während meiner Wanderungen begab ich mich auch in eine Reihe von Zimmern in dem zweiten Stocke eines ausgedehnten Klosters, eine Art von Labyrinth, dessen Erdgeschoß und erster Stock mit Verwundeten angefüllt waren; in einem dieser obern Zimmer fand ich 4 oder 5 in Fieber liegende Verwundete, in einem andern 10 bis 15, in einem dritten etwa 20, alle in Betten untergebracht, allein ohne

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*) Namentlich von dem durch sein gutes und leutseliges Wesen und durch seine ausgezeichneten militärischen Eigenschaften so bekannten General Marquis von Beaufort d'Hautpoul. Er war Chef des Generalstabs in dem Armeecorps, welches Toscana besetzt hatte. Seitdem stand er als Oberkommandant an der Spitze der syrischen Expedition. – General de Beaufort ist der Neffe des verstorbenen Grafen de Budé, welcher Mitglied des Generalrathes des Aix-Departements war und im Juli 1862 in Genf starb, von Allen, die ihn kannten, tief betrauert.

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