Abbildungen der Seite
PDF
[ocr errors][ocr errors]

Medole, Guidizzolo, Volta und in allen umliegenden Ortschaften eine große Menge Verwundeter untergebracht, allein der größte Theil derselben befand sich in Castiglione, wohin sich die minder schwer Verletzten bereits zu Fuße geschleppt hatten. Dahin zog nun eine lange Prozession von Wagen des Militair-Verpflegungsamtes, beladen mit Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren jeden Grades, bunt durcheinander, Cavaleristen, Infanteristen, Artilleristen: sie waren alle mit Blut befleckt, erschöpft, in zerrissenen Kleidern, bestaubt; dann kamen wieder Maulesel im kurzen Trabe, deren unruhige Bewegungen den unglücklichen Verwundeten mit jedem Schritte Ausrufe des Schmerzes entlockten. Dem Einen war ein Bein zerschmettert, das fast vom Körper losgetrennt zu sein schien, so daß jede leichte Erschütterung des Wagens ihm neue Qualen verursachte; einem Andern war der Arm gebrochen, und er stützte ihn mit dem noch unverletzten; einem Corporal war der Setzer einer Congrève'schen Rakete in den Arm gedrungen, er zog ihn selbst heraus und suchte sich dann, ihn als Stock benutzend, nach Castiglione zu schleppen; viele dieser Verwundeten starben unterwegs, und ihre Leichname wurden dann an dem Rande der Straße niedergelegt, wo man sie später begrub. Von Castiglione sollten die Verwundeten nach den Spitälern von Brescia, Cremona, Bergamo und Mailand gebracht werden, um endlich hier eine regelmäßigere Pflege zu finden und die nöthigen Amputationen zu erdulden. Da jedoch die Oestreicher bei ihrem Rückmarsche alle Fuhrwerke der Bewohner mit Gewalt requirirt hatten, und die Transportmittel der Franzosen im Verhältnisse der Menge Verwundeter nicht ausreichen konnten, so mußten sie 2–3 Tage warten, ehe man sie nur nach Castiglione bringen konnte, das mit Verwundeten bereits überfüllt war*). Diese ganze Stadt verwandelte sich sowohl für die Franzosen als auch für die Oestreicher in ein weites improvisirtes Spital; schon während des Freitags war hier das Lazareth für das Hauptquartier aufgeschlagen worden, Charpie-Kisten wurden geöffnet, Verbandapparate und chirurgische Instrumente zurecht gestellt; die Einwohner gaben alles, was sie an Bettdecken, Leinwand, Strohsäcken und Matrazen entbehren konnten. Das Spital von Castiglione, die Kirche, das Kloster und die Kaserne von San Luigi, die Kapuzinerkirche, die Gensdarmeriekaserne, sowie die Kirchen Maggiore, San Giuseppe und Santa Rosalia wurden mit Verwundeten angefüllt, die dichtgedrängt neben einander nur auf Stroh zu liegen kamen; man mußte nun auch auf den Straßen, in den Höfen und auf den Plätzen Stroh legen und hier überdeckte man die Lagerstätten mit Brettern oder spannte Tücher aus, um die von allen Seiten ankommenden Verwundeten gegen die Sonnenstrahlen zu schützen. Auch die Privathäuser füllten sich bald mit Verwundeten, Offiziere und Soldaten wurden von den vermöglicheren Eigenthümern aufgenommen, welche ihr Möglichstes thaten, um ihnen Linderung zu verschaffen; die einen suchten eifrig in den Straßen nach einem Arzte für ihre Gäste, andere verlangten, daß man doch die Leichname aus ihren Häusern wegtrage, die sie selbst nicht im Stande waren wegzuschaffen. Nach Castiglione wurden auch die Generale Ladmirault, Dieu und Auger, die Obristen Broutta, Brincourt und andere höhere Offiziere gebracht, welche von dem gewandten Dr. Bertherand gepflegt wurden, der von Freitag Morgen an fortwährend mit Amputationen in San Luigi beschäftigt war. Zwei andere Ober-Chirurgen, die Doktoren Leuret und Haspel, zwei italienische Aerzte und die Gehülfen Riolacci und Lobstein haten während 2 Tagen Verbände angelegt und setzten ihre mühsame Arbeit noch während der Nacht fort. Der Artillerie-General Auger, welcher zuerst nach der Casa Morino gebracht worden war, woselbst sich das Feldlazareth des Hauptquartiers von dem Corps des Marschalls Mac-Mahon befand, zu dem er gehörte, wurde dann nach Castiglione geführt; diesem ausgezeichneten Offiziere war die linke Schulter durch eine Kugel zerschmettert, welche während 24 Stunden in den Muskeln der Achselhöhle sitzen blieb; er starb den 29. an den Folgen der Operation, welche die Ausziehung der Kugel verursachte, nachdem schon der Brand eingetreten war. Während des Samstages waren die Convois der Verwundeten in so großer Zahl angekommen, daß das Personal der Militärverwaltung, die Einwohner und die in Castiglione gelassene Truppenabtheilung durchaus nicht hinreichten, um die nothwendigen Dienste zu versehen. Jetzt begannen noch weit traurigere Auftritte, wenn gleich anderer Art, als am vorhergehenden Tage; es waren wohl Wasser und Lebensmittel vorhanden, allein die Verwundeten starben dennoch

*) Das 6 Meilen östlich von Brescia gelegene Castiglione delle Stiviere zählt 5300 Seelen. Vorwärts desselben hatte, den 5. August 1796 und zwei Tage nach der Einnahme dieser Stadt durch General Augereau, General Bonaparte einen entscheidenden Sieg über den östreichischen Feldmarschall Wurmser erfochten. Ebenfalls ganz in der Nähe, an der Chiese, gewann den 19. April 1706 der Herzog von Vendome die Schlacht von Calcinato über den Marschall von Reventlow, der in Abwesenheit des Prinzen Eugen die Kaiserlichen befehligte.

[ocr errors]
« ZurückWeiter »