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fanden; unter diesen sogenannten Schuppen wurden auch noch Tische aufgestellt, welche mit Brod, Fleischbrühe, Wein und namentlich Wasser, sowie mit Charpie und Verbandbändern, an welchen es stets mangelte, beladen waren. Die von den jungen Leuten des jeweils berührten Ortes gehaltenen Fackeln verdrängten die Dunkelheit, und die Städter beeilten sich, ihren Tribut an Aufmerksamkeit und Dankbarkeit den Siegern von Solferino darzubringen; unter religiösem Schweigen verbanden sie die Verwundeten, welche mit väterlicher Sorgfalt aus den Waggons gehoben und dann auf die für sie bereit stehenden Lagerstätten gebracht wurden; die Damen des Ortes reichten erfrischende Getränke und Lebensmittel aller Art sowohl an sie, als auch an die in den Waggons Zurückgebliebenen, welche bis nach Mailand gebracht werden sollten. In dieser letztern Stadt, woselbst in jeder Nacht gegen tausend Verwundete ankamen*), wurden während mehreren Nächten die Märtyrer von Solferino mit der gleichen Bereitwilligkeit und Zuneigung aufgenommen, wie seiner Zeit die Sieger von Magenta und Marignano. Allein jetzt wurden nicht mehr Rosenblätter von den beflaggten Balkonen der prachtvollen Palläste der mailändischen Aristokratie aus den Händen der niedlichen und schönen, durch ihren leidenschaftlichen Enthusiasmus noch reizender gewordenen Patrizierinnen auf die glänzenden Epauletten und die von Gold und Edelsteinen funkelnden Kreuze her9; rend mehrerer Stunden vorzulesen. Alle Paläste hatten Kranke aufgenommen; der auf den Borromeischen Inseln enthielt deren allein 300. Die Superiorin der Ursulinerinnen, die Schwester Marina Videmari, stand einem Spitale vor, in welchem die größte Ordnung und Reinlichkeit herrschte, und das sie mit ihren Gefährtinnen bediente. Nach und nach sah man nun kleine Abtheilungen wiederhergestellter französischer Soldaten den Weg nach Turin nehmen; ihre Züge waren von der Sonne Italiens gebräunt, die Einen trugen den Arm in der Schlinge, Andere stützten sich auf Krücken, Alle ließen aber die Spuren schwerer Verwundungen erkennen. Ihre Uniformen waren zwar abgenutzt und zerrissen, aber prachtvolles Linnenzeug, mit dem sie die reichen Lombarden versahen, hatte ihre blutbespritzten Hemden ersetzt. „Ihr Blut ist für die Vertheidigung unseres Vaterlandes geflossen,“ hatten die Italiener zu ihnen gesagt, „wir wollen dasselbe als Andenken bewahren.“ Diese noch vor Wochen so starken und kräftigen Leute, jetzt eines Armes oder Beines beraubt oder mit eingehülltem, noch blutendem Kopfe, ertrugen ihre Leiden mit Gelassenheit. Aber sie waren ja von nun an nicht mehr im Stande, die Laufbahn des Kriegers länger zu verfolgen oder ihren Familien beizustehen, und Mancher dachte schon mit schmerzlicher Bitterkeit daran, Gegenstand des Bedauerns oder des Mitleids zu werden und sich und Andern zur Last zu fallen. Ich kann mich nicht enthalten, mein Zusammentreffen in Mailand, auf der Rückreise von Solferino, mit einem ehrwürdigen Greise zu erwähnen, dem Marquis Ch. de Bryas, ehemaligen Deputirten und Maire von Bordeaux, welcher, im Besitze eines großen Vermögens, nur deßhalb nach Ita

*) Gegen die Mitte des Juni's 1859 und somit vor der Schlacht von Solferino beherbergten die Spitäler von Mailand in Folge der vorhergehenden Kämpfe gegen 9000 Verwundete; das Spital Maggiore oder große Civilspital (im 15. Jahrhundert von Bianca Visconti, der Gemahlin des Herzogs Sforza, gegründet) hatte allein deren gegen 3000 aufgenommen. *) Die Bewohner von Mailand mußten zum größten Theile und bereits nach wenigen Tagen die bei sich aufgenommenen kranken Soldaten nach den Hospitälern bringen, weil man die ärztlichen Hülfeleistungen nicht nach so fao) 7 STÄ B 31.4ör- EK „Molés CHE

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*) Die Gräfin Justina Verri, geb. Borromeo, starb 1860 in Mailand, von Allen, die das Glück hatten, sie zu kennen, auf das Tiefste betrauert. – Die Magazine für Charpie und Verbandbänder 2c. in der Contrada San Paolo, welche von ihr mit wirklicher Intelligenz verwaltet wurden, erhielten ihren regelmäßigen Vorrath durch fortwährende Sendungen aus den verschiedenen Städten und Landestheilen, namentlich aber von Turin, wo die Marchese Pallavicino-Trivulzio sich in ähnlicher Weise, wie die Gräfin Verri in Mailand, der Sorge für das Wohl der Verwundeten hingab.

Von Genf und andern Schweizer-Städten, ebenso von Savoyen, wurden bedeutende Ladungen von Linnenzeug und Charpie durch die Vermittelung des Dr. Appia, der in Genf hiezu die Initiative ergriffen hatte, nach Turin gesendet. Bedeutende Summen Geldes waren außerdem dazu bestimmt, den Verwundeten ohne Rücksicht auf ihre Nationalität alle Arten kleiner Annehmlichkeiten zu verschaffen. Die Gräfin G. empfahl zu diesem Zwecke die Bildung eines Comité's, und dieser in Paris sehr günstig aufgenommene Vorschlag fand zuerst in Genf seine Ausführung. Von diesem neutralen Gebiete aus, in welchem die Sympathien sich natürlich zwischen den kriegführenden Parteien theilten, ließ man die Unterstützungen den offiziellen Comité's in Turin und Mailand zufließen, und diese vertheilten sie dann unparteiisch unter die Franzosen, Deutschen und Italiener.

Die so gute, großherzige und hingebende Marchese Pallavicino-Trivulzio präsidirte in Turin das Haupt-Comité (Comitato delle Signore per la raccolta di bende, flacce, a pro dei feriti) mit der Thätigkeit, welche eine so schwere Aufgabe verlangte. – Außerdem hatten sich in Turin noch andere Comité's gebildet, und die Bevölkerung zeigte sich daselbst sehr freundlich gegen die Opfer des Krieges.

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