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um üble Nachrede besorgt war, und sie sprach begütigend: „Das mit den Mägden sollte für die Fremden nur eine Warnung sein, damit sie das Hofrecht scheuen, es ist abgethan und wird in Zukunft vermieden, sorge auch du nicht weiter darum. Und was den Vetter betrifft, so weißt du ja, wie treu er dir gedient hat und daß er um deinetwillen seine Narben trägt." Und als es ihr gelungen war, den Herrn ein wenig zu besänftigen, fuhr sie fort: „Wie sorglos war vor wenig Monden der Blick in Hof und Flur, jetzt aber schwand der Frieden im Hause, die Eintracht im Lande und mit Schwerem bedroht der Zorn des Königs. Ein erlauchter Mann ist dein Gast, aber Unheil hängt sich an seine Fersen. Ich denke an deine Tochter, Herr, sie fleht, daß die Vermählung mit Theodulf gemieden werde. Wider den Willen der Eltern hebt sich begehrlich der Sinn des Kindes."

„Was hat Ingo mit dem Groll des Mädchens zu thun?" frug der Fürst ärgerlich.

Frau Gundrun sah ihn mit großen Augen an. „Wer zu Rosse dahinfährt, achtet wenig auf das Kraut am Boden. Merke, Herr, auf ihre Blicke und Wangen, wenn sie einmal mit dem Fremden spricht."

„Kein Wunder, daß er ihr gefällt," versetzte der Fürst.

„Wenn er aber an Vermählung denkt?"

„Das ist unmöglich," rief der Fürst mit mißtönendem Lachen. „Er ist ja ein Gebannter ohne Habe und Gut."

„Warm sitzt sich's am Herd in den Waldlauben," fuhr die Fürstin fort.

„Ein Fremder sollte so Unsinniges wagen, ein Mann, der gar nicht von unserm Volke ist und kein anderes Recht hat, als daß ihn die Landgenossen dulden? Unnöthig sorgst du, Gundrun, schon der Gedanke daran empört mir den Muth."

„Wenn du so meinst," sprach die Fürstin nachdrücklich, „dann freue dich nicht des Tages, an dem er unser Haus betrat, nicht des Sanges in der Halle und nicht der fahrenden Männer, welche jetzt bei uns einliegen, auf das Gastrecht pochend und das Gut meines Herrn verzehrend. Der König begehrt den Fremden, laß ihn ziehen, bevor er und sein Haufe Vielen unter uns Iammer bereitet."

„Weißt du mehr von Vertraulichkeit zwischen ihm und meinem Kinde als du mir sagst?" frug der Fürst vor sie tretend.

„Nur was sich dem ankündet, der sehen will," versetzte die Fürstin vorsichtig,

„Mit großem Geräusch lmd freudigem Herzen habe ich ihn empfangen," fuhr Herr Answald fort, „jetzt vermag ich ihn nicht als einen Ueberlästigen zu entsenden. Den Gemahl der Tochter zu wählen ist des Vaters Recht, und keine Vermählung gibt es für das Kind als durch den Vater, das weiß auch dein Kind, da sie nicht sinnlos ist. Ich gedenke des Eides, den ich deinen Freunden gelobt, du aber bändige, wenn du kannst, den Hochmuth deines Neffen, und sorge dafür, daß er sich unserm Kinde werther macht als er jetzt noch ist, damit nicht der Trotz der Jungfrau im nächsten Frühjahr aufbricht, wenn wir sie zur Vermählung schmücken."

Seit diesem Morgen war Herr Answald in seinem Gemüthe beschwert, so oft er den Fremden gegenübertrat; unmuthig erwog er die Vermessenheit, und achtete mißtrauisch auf Wort und Geberde des Gastes, und er dachte zuweilen selbst, daß das Lagern um seinen Herd im Winter eine Last sein werde. In diesen Tagen des Mißmuths ritt Held Sintram ein, als Unglücksbote vom König an den Häuptling und den Gau gesandt. Denn der König erhob helle Klage über das versteckte Hausen der fremden Schaar und forderte unter Drohungen ihre Auslieferung in seine Hände. Der Fürst erkannte, daß entweder dem Gaste oder ihm und den Landgenosfen eine nahe Gefahr drohe. Da er kein niedrig denkender Mann war, so gewann er seine Würde zurück, er trat vor Ingo und sagte offenherzig, daß er die Häupter des Gaues unter dem Vorwande einer Iagd zu stiller Berathung laden werde. Ingo neigte sich nach den Worten beistimmend und versetzte: „Die erste Rede gebührt hierbei den Wirthen, die zweite dem Gaste."

Die Boten ritten; drei Tage darauf saßen die Edlen und Weisen des Gaues wieder am Herde des Häuptlings. Aber es war nicht mehr Sommerluft, wo der Sinn der Männer fröhlich über der Erde waltet, sondern harte Winterzeit, wo sich Sorge und Groll erheben. Diesmal war die Miene des Fürsten kummervoll, als er begann: „Eine zweite Botschaft sendet der König um den Helden Ingo und sein Gesinde und diesmal an die Gaugenossen und mich, nicht durch den Sänger, sondern durch den Helden Sintram. Der Volkskönig fordert die Fremden für seine Königsburg; ob wir seinem Gebot widerstehen oder unser Heil bedenkend nach seinem Willen thun, das frage ich." Darauf erhob sich Sintram und wiederholte die Drohung des Königs: „Mit Gewalt will er die Fremden holen, wenn wir sie nicht senden, seine Mannen toben laut und freuen sich des Zuges gegen unsere Höfe. Einst habe ich vordenkend gewarnt, jetzt droht uns nahe das Unheil. Hatten wir auch gelobt, den Fremden gastlich zu schützen, jetzt ist nicht er es allein, der auf dem Lande liegt, ein fremdes Geschlecht reitet durch unsere Thäler und lästig wird dem Volke das wilde Gesinde." Langes Schweigen folgte der Rede, bis Isanbart endlich die Stimme erhob: „Da ich alt bin, wundert mich nicht, wie leicht sich der Sinn der Menschen ändert; schon ehedem fah ich manchen Wirth, der fröhlich war einen Gast zu begrüßen, aber fröhlicher ihn zu entlassen. Darum mögest du, o Fürst, vor Allem den Landgenossen sagen: hat der fremde Held das Hofrecht verletzt und deine Ehre geschädigt, oder hat sein Gesinde Missethat geübt im Volke?" Zögernd versetzte Fürst Answald: „Ich klage nicht über Frevel, die der Gast verübt, doch ungefüge und fremdländisch ist die Art seiner Mannen und sie eint sich schwer unserm Landesbrauch." Da nickte Isanbart mit seinem grauen Haupt und sprach: „Dasselbe habe auch ich erfahren, da ich mit deinem Vater Irmfried im Land der Vandalen als Gast niedersaß. Auch wir waren, soweit ich gedenke, den Vandalen ungefüge und fremdländisch. Doch unsere Wirthe lachten freundlich darüber und verglichen den Zwist der Mannen, wo er ausbrach, immer haben sie uns gebeten länger zu weilen und mit reichem Gastgeschenk haben sie uns entlassen, als wir endlich heimritten. Darum meine ich, Vorsicht geziemt dem Wirth, bevor er fremde Gäste aufnimmt, und Nachsicht, solange sie unter seinem Schutze weilen." Und Rothari, den sie Bausback nannten, sprang auf und rief: „Bei jedem Volk der Männererde ist, soweit ich verstehe, ein Gesetz: zu seinem Herrn gehört das Gesinde. Wer den Herrn aufnimmt, kann seinem Gefolge den Frieden nicht weigern, wenn die Fremden nicht selbst sich durch Missethat friedlos machen. Wohl verstehe ich, daß die Zahl der Schwurgesellen deinem Hofe, o Fürst, zur Last wird, denn allzugroß ist die Zahl der Männer und Rosse für einen Hof. Du aber begehrtest, als sie kamen, die Ehre sie allein vor andern zu herbergen. Wären sie in den Höfen der Edlen und Bauern vertheilt je nach ihrer Geburt, dann hätten die Gäste Niemanden beschwert und hätten beim Abendfeuer am Herde Viele durch ihren Bericht aus fremden Ländern erfreut." Gekränkt antwortete der Fürst: „Ich habe den Rath nicht über das Lagern in meinem Hofe gefordert, sondern über das Gebot des Königs, welches uns hart bedrängt." Da sprach Bero, der Bauer ihm entgegen: „Noch Anderes bedrängt uns, Herr, mehr als die zwanzig und zwei Fremden. Der König sucht einen Vorwand um den Zehnten von unsern Herden für sich zu erhalten und die Garben von unsern Feldern, wir aber erkennen, daß Herde und Ackerland uns ohnedies zu klein werden für unsern Bedarf. Alle Dörfer sind mit rüstiger Iugend gefüllt, sie fordert Baugrund für neue Höfe, Ackerland, Wiefe und Waldweide. Wer foll es hergeben, Alles ist aufgetheilt und versteint, die Hirten klagen, daß die Herden der Grundherren zu groß werden und der Eckern und Eicheln zu wenig, dem

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Roden des Waldes widerstehen die Gemeinden und noch mehr die Häuptlinge. Darum meinen Viele, die Zeit sei gekommen, wo unser Volk wieder siedeln muß jenseit der Landesmark wie zur Zeit der Väter und der Ahnen. Und wir fragen in den Dörfern, wo ist leeres Land zum Besiedeln auf der Männererde? So herrscht Mißvergnügen im Volke und unsere Iungen werden dem zufallen, der ihnen freien Ackergrund bietet, selbst wenn es der König wäre. Das sage ich um zu warnen, denn gefährlich ist die Habgier der Herren, wenn sie die Waffen des Volkes für sich begehren. Dennoch rathe ich nicht, daß wir die Gäste dem König ausliefern. Will der König mit Gewalt sie entführen, fo möge er es versuchen. Auch mir erregt der Gedanke Grimm, daß die Knaben des Königs mir die Rinder wegtreiben und die Scheuer anzünden möchten, aber von unserem Recht lasse ich mich nicht abdrücken, Iedermann wird es für unrecht halten, wenn wir die Gäste im Schneesturm austreiben. Und lieber will ich mit meinem Hofe untergehen als ihnen aus Furcht das Gelöbniß brechen."

Wieder sprang Rothari auf, schlug vergnügt in die Hand des Bauern und rief: „So spricht ein wackerer Nachbar, hört auf seine Worte."

Endlich begann auch Albwin mit gewinnender Miene: „Was der Freie gesagt, dem falle auch ich zu. Ich rathe, wir halten den Eid, der uns vielleicht lästig wird, wenn die Gäste daran mahnen und sich unfern Schutz begehren. Wollen sie aber freiwillig aufbrechen, fo geben wir ihnen Förderung und Gastgeschenke, damit sie ungefährdet ziehen, wohin ihnen der Muth steht. Dem König aber liefern wir sie nicht in die Hand, außer mit ihrem freien Willen."

Da stimmte die Mehrzahl bereitwillig bei, auch der Fürst und Sintram. Aber Rothari rief zornig: „Ihr wollt handeln wie der Fuchs mit der Bäuerin, als er ihr sagte: ich gelte dir das Huhn, aber fordere nichts." Und Isanbart warnte: „Wie mögt ihr die Pflicht auf die Seele des Gastes legen,

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