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Ingo aber führte die einzelnen Genossen dem Hofherrn zu und nannte die Namen. Vor den andern stand ein bejahrter Krieger, die Glieder wie aus Erz geformt, fest die Züge und kühn der Blick, lang hing ihm der graue Bart herab, ein Held, dem man ansah, daß er der Schlachten gewohnt war und hart gegeu jede Gefahr. „Dies ist Berthar, ein edler Mann. Er führte mich, da ich ein Knabe war, unter feinem Schild aus feinem brennenden Hofe, meinem letzten Zufluchtsort an der Landesmark — die Burgunden hatten ihn angesteckt, die damals mit meinem Oheim verbündet waren. Seitdem war er mein Lehrer in allem Waffenwerk; wie ein Vater hat er meine Iugend gehütet, ihm danke ich, wenn ich bisher meiner Ahnen nicht unwerth war."

Und als Herr Answald dem Helden die Hand bot, antwortete dieser: „Ich erinnere mich des Tages, wo mein Vater den deinen in seinem Hofe bewirthete, es war ein Herbsttag wie heut und es war gute Iagd in den Bergen, die wir die Riesenberge nennen. Ich erlegte damals den ersten Eber, und Herr Irmfried lud mich scherzend zur Iagd in die Waldhügel der Thüringe. Lange bin ich gereist, und weißer Reif siel auf mein Haar, bis ich in dein Gehege vordrang, aber jetzt bin ich hier, o Herr, und bereit, wenn du's gestattest, hinter dir auf den Wildpfad zu steigen."

Diese Rede freute den Fürsten, auch er nannte den Fremden die Würden seiner Bankgenosfen und mahnte beide Theile einander gute Gesellen zu sein. Darauf ritt er mit Irmgard voran, damit Ingo vertraulicher mit den Wiedergefundenen rede. Als die Vandalen gesondert wareu, erhoben sie noch einmal den Heilruf und ritten im Getümmel freudig durch einander. Wieder flogen Fragen und Antworten hin und her, bis Berthar die Schaar zum Hofe führte. Schwer war die Reihe zu erhalten, denn immer noch drängten die Treuen um ihren Herrn und ihr Geschrei schallte von den Bergen zurück. Ingo aber sprach auf dem Wege zu Berthar: „Wundergleich ist mir, daß ich deine Hand halte, mein Vater. Du aber berichte mir noch einmal Alles, wie ihr euch aus der Schlacht gerettet und mich gefunden." „Auf dem Pfad der Fische zog der Herr," begann Berthar lachend, „ihm folgte das Gesinde. Wir schlugen über unsere Fersen manchen Schwertschlag gegen die verfolgende Schaar, bis ich am Ufer eine Stelle zum Absprung erspähte; wie die Frösche hüpften deine Knaben in den Rhein — nicht alle, Herr, du gedenkst auch ihrer, die heut fehlen. Auf den Lindenschilden rangen wir abwärts in herber Noth, umschwirrt von den Pfeilen der Feinde. Da sandte uns ein freundlicher Gott die Hilfe. Ein Weidenstamm, durch die Fluth vom Ufer gerissen, trieb als gewaltiger Klotz mit Wurzel und Astwerk langsam den Strom entlang, er deckte die Müden, und ziehend richteten wir ihn abwärts vom Römerufer. So fuhren wir in dichtem Schwarme gemengt mit flüchtigen Kämpfern der Alemannen, gleich einem Volk Aale, welches um ein totes Wild wimmelt. Als wir gerettet ans Ufer der Landsleute stiegen, bargen wir uns im dichten Wald und forschten bei Nacht in den Thälern um Kunde nach dir. Den letzten Dienst dachten wir unserm Herrn zu erweisen und seinen Totenhügel zu umrennen. Aber vergebens war das Spähen und Fragen, keiner der Flüchtigen hatte dein Antlitz geschaut. Da schlugen wir uns kummervoll über den Schwarzwald bis in das Land der Burgunden, gedrängt von den Heerhaufen der Römer. Als wir von den burgundischen Wächtern vor das Angesicht ihres Königs Gundomar geführt wurden, war der Ruf von deinem Sprunge schon zu ihm gedrungen, auch er meinte dich hinaufgehoben in die Halle der Götter. Dir war er feindselig gewesen, jetzt aber smfzte er, da ich deinen Namen nannte, er gedachte deiner Tugend und fcheute sich, uns gebunden de n Römern auszuliefern. Er bot uns an, seinem Heere bei einem Zuge zu folgen, den er ostwärts gegen die Markleute an der Donau rüstete. Wir bedurften gar sehr Rosse und Gewand, denn wir waren wie Dohlen in der Mause und sehnten uns nach Raub. Darum zogen wir mit und es gelang uns wohl, deine Knaben kamen zu guten Rossen und ziehen stattlich einher mit gefüllten Säcken. Im vorletzten Mond lagen wir eines Abends am Ufer der Donau, die Burgunden trugen die Beute zusammen, tranken lustig und schwatzten, wie sie gern thun, mit römischen Händlern und Gauklern, die um Gewinnst und Gabe herangeeilt waren. Deine Knaben aber hatten trüben Muth und sahen zu, wie die dürren Blätter im Herbstwinde hinfuhren. Da trat ein fahrender Mann zu mir und begann grüßend: ,Gefällt dir's, Held, so will ich dir ein Räthsel sagen, ob du die Antwort darauf sindest: Wer schwenkte den Spielmann in das Schiff, wer tauchte unter Speeren wie ein wunder Schwank Ich erschrak und antwortete: König Ingo schwenkte den Volkmar in das Schiff, und der König verging im Strom wie ein wunder Schwan. Da antwortete der Fremde: ,Du bist es, den ich suche, und weit bin ich darum gewandert als Bote meines Genossen. Ietzt, weil ich dich gefunden, höre auch den zweiten Spruch, den dir Volkmar sendet: In Irmfrieds Halle sitzt der Hüter der Schwäne, am Herdsitz der Thüringe harrt er der Entflogenen/

„Da wurden wir froher als ich's sagen kann, denn wir verstanden, was der Name Irmfried bedeutete. König Gundomar wollte uns behalten, ich aber bat ihn uns die Heimfahrt zn gestatten. Ich sagte ihm nicht, daß die Heimat deiner Knaben da ist, wo der Leib ihres Herrn seinen Schatten wirft."

„Arme Knaben," klagte Ingo sinster, „der Schatten ist klein geworden, er deckt nicht mehr die Spur eurer Füße."

„Auch dir geht wohl eine neue Sonne auf," tröstete der Alte, „die deinen Schatten über weites Land wirft. Ietzt gilt es, daß deine müden Knaben einen Unterschlupf sinden gegen den Wintersturm. Sobald die Knospen der Bäume schwellen, geleiten wir dich zu neuer Heldenfahrt. Sage mir, König, ob die Dächer, die ich vor mir sehe, uns wohl während des Winters beschirmen,"

„Mögen die Götter uns das gnädig fügen," versetzte Ingo ernst. „Mehr Glück fand ich hier als ich ahnte, geringere Sicherheit als ich hoffte,"

Das Thor des Herrenhofes war weit geöffnet, der Wirth empsing die Fremden und geleitete sie zur Halle; dort wurde ihnen das Begrüßungsmahl bereitet, und vertheilt zwischen den Mannen des Fürsten lagerten die Vandalen an den Bänken, Am nächsten Morgen begann ein emsiges Hämmern und Heben; aus dem Vorrath von Balken und Sparren, der hoch geschichtet im Hofe lag, wurde an Ingo's Haus ein Schlafsaal für seine Genossen gezimmert, dabei ein vorläusiges Gehege für die Rosse. Nach wenig Tagen stand der Bau gerichtet, denn groß war die Zahl der helfenden Hände. Auch die Nachbarn kamen, begrüßten die Fremden und musterten die starke Koppel lediger Rosse, sie kauften und tauschten und nahmen für Beuterosse, die sie behielten, andere in das Winterfutter. Um den stillen Herrenhof war jetzt lustiges Gewühl der Gauleute und Getümmel der Männer und Rosse; die hohen Gestalten der Vandalen schritten in ihrer fremden Kriegertracht zwischen den Häusern und lagen neben den Mannen des Fürsten auf den Stufen der Halle, sorglos lachend und gern erzählend, wie die Art ihres Stammes war, sie zogen mit den Hofleuten in den Wald und ritten als willkommene Gäste in die Dörfer des Gaues.

Aber die Herren im Hofe merkten nach wenig Wochen, daß es schwierig war unter ihrem Gefolge den Friede n zu erhalten. Denn die Iungen waren stolz und jäh im Zorn und die Alten achteten eifersüchtig auf die Ehre ihrer Herren. So kamen Radgais, der Vandale, und Agino, ein wilder Gefell des Hofes, miteinander in Zwist, weil der Vandale einem Mädchen des Dorfes, das ihm zulachte, eine Spange geschenkt hatte. Darüber wurde Agino unwillig und sprach höhnend: „Wir meinten sonst, daß der Schatz deines Herrn gering sei, jetzt aber sehen wir, daß ihr Gutes im Sacke bergt."

„Wer sein Leben im Kampfe wagt," antwortete der Vandale, „dem fällt auch Silber in die Tasche, wer auf der Tenne drischt wie du, dem wachsen Schwielen in die Hand."

Diese Reden hörten die Hofleute und als am andern Morgen Berthar mit seinen Mannen zu dem Speicher kam, um für die nächsten Tage den Rossen Hafer zu holen, da weigerte ihm Hildebrand, der in der Wirtschaft Ausgeber war, den gedroschenen Hafer und er sprach: „Habt ihr die schwieligen Hände unserer Knaben geschmäht, so mögt ihr die Garben auch selbst ausstampfen mit euren Füßen oder mit denen eurer Rosse, wie es euch gefällt; meine Gesellen weigern sich der Arbeit für euch, da ihr fo gröblich redet. Nehmt den Hafer in Garben und nicht in Säcken."

Begütigend antwortete Berthar: „Unrecht war es von meinem Gesellen, den Landesbrauch der Wirthe zu verachten. Aber du selbst bist ein bewanderter Mann und weißt, daß die Bräuche auf Erden verschieden sind. Anderswo heben die Bankgenossen eines Herrn nur die Garben in den Bansen, sie schneiden und schwingen das Futter und auf dem Felde reiten sie mit der Egge, aber es gilt ihnen für unrühmlich den Pflugsterz und den Flegel zu halten. Darum übe Nachsicht mit meinem Gefährten, weil ihn als fremden Mann eure Sitte wundert."

Aber Hildebrand versetzte unwirsch: „Wer unser Brot ißt, soll sich unserm Brauch fügen; darum nimm nur die Garben, denn fortan erhältst du nur diese."

Da mußten die Vandalen mit Garben bepackt zu ihrem Stalle ziehen und Berthar befahl grimmig: „Werft die Garben in die Futterbank und schneidet, bis das Eisen bricht."

Seit jener unweisen Rede des Radgais gab es manchen Streit unter den Mannen, aber beide Theile waren bemüht, ihn vor den Herren zu bergen. Beim Kampfspiel hatten sie

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