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seidenem Gewand und der Krieger ist ein Herr der ganzen Pracht."

Vergebens erwartete der Wächter die Antwort des Fremden, sie schritten eine Weile stumm neben einander, endlich faßte der Iüngling das Roß beim Zügel: „Hier wird die Thalfahrt wegsamer, steig auf, daß wir vor Abend ans Ziel kommen." Der Fremde legte die Hand auf den Widerrist des Pferdes und sprang wuchtig in den Sitz, der Führer nickte zufrieden und psiff leise, das Roß trug den Reiter in großen Sätzen thalab, der Iüngling lief zu Fuß nebenher, feinen Speer schwingend und bisweilen dem Roß zujauchzend, welches dann den Kopf zu ihm wandte und zur Antwort wieherte.

„Wer sind die Weiber dort in hellen Gewändern?" frug der Fremde, als sie nahe der Lichtung auf einer Höhe anhielten und in das Gehege sahen. „Hui!" rief der Wächter, „die Mägde vom Herrenhofe sind gekommen, dort ist Frida's braune Kuh, hörst du die schöne Schelle, die ihr am Halse hängt, und dort ist das Mädchen selbst." Sein geröttetes Gesicht verrieth, daß ihm die Begegnung erfreulich war.

„Sieh die alten Hütten, in ihnen wohnt der Rinderhirt, im Sommer ziehen die Rinder des Dorfes auf Waldweide, und unsere Mädchen kommen und holen die Arbeit des Kellers nach dem Herrenhofe. Dort drüben aber im Buchenwalde haust der Schweinhirt mit seinem Volk, es gibt nicht schönere Mast im Lande, soweit die Sonne scheint." Sie betraten die Lichtung, der Wächter entfernte die Stangen, welche den Eingang zum Rinderpferch verlegten, und der Fremde ritt in den umhegten Raum, wo die Kühe brüllend umherliefen, während die Frau des Hirten mit ihren Mägden das Milchgeriith zum kühlen Keller trug, der aus Stein und Moos gefügt abwärts von der Sonne lange Reihen der Milchschüsseln bewahrte. „Gutes Glück, Fremdling," rief der Wächter, „unser Herrenkind, Irmgard, ist selbst hier, um nach der Herde zu sehen; wird sie dir hold, so kannst du guter Pflege gewärtig fein"

„Welche ist es, die du mit Namen neuust?" frug der Fremde.

„Dort besiehlt sie den Mägden, du kennst sie leicht heraus," Die Iungfrau stand bei dem Karren, der mit zwei Stieren bespannt den Gewinn der Mlchkammer zum Herrenhof fahren sollte: festgeschlagene Butter in Fässern vom Holz des wilden Pflaumenbaums und kümmelgewürzten Käse in grüne Blätter gepackt.

„Geh zu ihr, Gesell, und künde, daß ein Fremder bittend naht. Ich scheue mich, das Kind deines Herrn anzureden, so lange mir der Vater nicht den Herdsitz gestattet hat. Und da du freundlich gesinnt bist, sprich gut von mir, soweit du vermagst." Der Fremde sprang vom Pferde und neigte sich der Iungfrau aus der Ferne.

Frei ringelten die gelben Locken um ihre hohe Gestalt, sie umsäumten die kräftigen Formen des jugendlichen Antlitzes und wallten lang herab bis an die Hüften. Ein silberbeschlagener Gürtel hielt das weiße Linnengewand zusammen, darüber trug sie ein kurzes Oberkleid von feiner Wolle, zierlich mit der Nadel gestickt, über dem Handgelenk der nackten Arme goldene Ringe. Aus großen Augen sah sie nach dem Fremden hinüber und erwiederte mit leisem Kopfnicken den ehrerbietigen Gruß.

Der Wächter trat zu dem Herrenkind: „Der Fremde sucht eine Ecke an unserer Bank und eine Herdstelle für fein wegemüdes Haupt; ich geleite ihn zum Hofe, daß der Herr über sein Schicksal entscheide."

„Wir geben dem Wanderer Rast, den die Götter uns senden. Wer er auch sei, ob gut oder arg, der bittend unserem Herde naht, drei Tage hat er Gemach, dann frägt der Vater, ob er ein gerechter Mann ist und unseres Daches nicht unwerth. Denn du weißt es ja selbst, Wolf, viel wildes Volk zieht elend durch das Land und trägt den Fluch, der an feinen Schritten haftet, in das Haus des ehrlichen Mannes."

„Cr sieht aus, wie einer, der sich ehrlich hält gegen Freund und Feind," sprach der Wächter.

Die Iungfrau warf einen flüchtigen Blick auf den Fremden: „Wenn er sich so bewährt, wie du sagst, so mögen wir uns seiner Ankunst freuen. Reich ihm den Krug mit Milch, Frida!"

Der Fremde trank, und als er den Krug dankend an Frida zurückgab, sagteer: „Segen über deine milde Hand. Der erste Gruß im Lande war willig von warmherzigem Manne geboten, der zweite hier sei mir eine Verkündigung, daß ich auch im Herrenhause den Frieden sinde, nach dem ich mich leidvoll sehne."

Unterdeß hatte der Wächter für sich eins von den Rossen eingefangen, welche in besonderem Gehege sprangen. Während er sich anschickte aufzusitzen, trat die rothwangige Frida zu ihm: „Glück hattest du, Wolf, im Schlafe," spottete sie, „an dem Grenzdorn ist, da du ruhtest, ein fremder Vogel hängen geblieben. Wie war dein Schlummer, Wächter, auf dornigem Lager?"

„Die Eule ließ mich nicht schlafen, sie stöhnte über Frida, die bei Nacht am Zaune steht und rüttelt, um zu erfahren, von wannen ihr ein Hausherr kommen wird."

„Ich aber sah einen Stieglitz auf dürrem Strauch, der sammelte alte Distelwolle zu einem Ehebett für den reichen Wolf."

„Und ich weiß eine Stolze," versetzte Wolf zornig, „welche die Veilchen zertrat, die sie suchen sollte, und dabei in die Nesseln siel."

„In die Nesseln deines Ackers nicht, du dummer Wolf!" rief Frida.

„Ich kenne eine, der ich den Ball nicht zuwerfe beim nächsten Reigen," antwortete Wolf.

„Wenn der Wolf tanzt, fliegen die Gänse auf den Baum und lachen," spottete Frida.

„Winde dir ein Kränzlein aus Haferstroh, Inngfer Gans," rief Wolf vom Pferde zurück und trabte abwärts mit dem Fremden, der sich zartfühlend auf die Länge eines Speerwurfes von diesem Wechselgespräch entfernt hatte.

„Er ist ein unartiger Knabe," klagte Frida der Herrin.

„Aus dem Walde schallte zurück, was du hineingerufen," antwortete diese lachend. Und dem fremden Reiter nachsehend fuhr sie fort: „Er sieht aus wie ein Herr über viel Volk."

„Und doch war sein Bundschuh zerrissen und die Iacke so reisemüde," sagte Frida.

„Meinst du, daß der Fels nur die Füße des armseligen Wanderers schneidet? Wer weit her kommt, von dem glauben wir, daß er viel gesehen hat und viel gewagt; es thut uns leid, wenn er ein arger Mann geworden ist aus Begehrlichkeit und Noth, und wir wollten ihm gern Frieden geben, wenn wir es vermöchten."

Die Sonne ging zur Rüste und die Bäume warfen lange Schatten auf den Weg, als die Reiter das Ende des Thalgrundes erreichten. An beiden Seiten wichen die Berge zurück, längs dem Bache breiteten sich helles Gras und bunte Wiesenblumen, ein rothhaariger Fuchs fuhr vor ihnen über den Pfad. „Der Rothkopf weiß, daß die Menschenwohnungen nahe sind," sagte der Wächter, „er schleicht am liebsten, wo er den Hofgesang der Hähne hören kann."

Vor ihnen lag im Abendlicht das Dorf, von Graben und baumbesetztem Wall umschlossen, durch die Lücken der Bäume sah man hier und da die weißen Giebel unter braunem Strohdach, und kleine Rauchwölkchen, die aus den Dächern aufstiegen. Seitwärts vom Dorfe erhob sich auf kleiner Anhöhe der Herrenhof, mit besonderem Pfahlwerk und Graben umgeben, über die zahlreichen Häuser und Ställe des Hofes ragte hoch das Dach des Saals, der First mit schön geschnitzten Hörnern.

Auf dem Wiesengrund vor ihnen übte sich eine Schaar Knaben im Kampfspiel, sie hatten ein hohes Gerüst gestellt und schwangen sich der Reihe nach hinauf und jauchzend wieder herab. Als die Reiter nahten, rannte der Haufe an den Weg und starrte trotzig auf den fremden Mann. Der Wächter rief einen Knaben und sprach leise zu ihm; der Knabe siog wie ein junger Hirsch in großen Sprüngen dem Herrenhofe zu, während die Reiter mit Mühe den Schritt ihrer unruhigen Pferde bändigten. Auf der Dorfstraße tanzten im Staube die kleinen Kinder den Ringelreigen, die Knaben nackt bis auf die Wolljacke, die kleinen Mädchen im weißen Hemde, sie stapften barbeinig im Staube und sangen. Der Ring löste sich, als die Reiter herankamen, an den Luken der Dorfhäuser wurden Frauenköpfe sichtbar, aus jeder Thür sprang eine Schaar blauäugiger Kinder; auch Männer traten an die Thür und musterten mit Falkenblick das Aussehen des Fremden, und der Wächter verfehlte nicht, seinen Begleiter zu ermahnen, daß er hierhin und dorthin schaue und die Hausbewohner vom Pferde grüße, „denn," sagte er, „freundlicher Gruß öffnet die Herzen und du magst die Gunst der Nachbarn bald gebrauchen." Unterdeß war der Knabe in den Herrenhof gelaufen. Fürst Answald saß in der Holzlaube, dem schattigen Vorbau des Herrenhauses; er selbst war ein hoher Mann, breitschultrig mit offenem Antlitz unter seinem grauen Haar, er trug die wollene Hausjacke über dem Hemde mit Biberfell besetzt, seine Lederstrümpfe mit bunten Riemen geschnürt, und nur die würdige Haltung und die Ehrfurcht, mit welcher die Anderen zu ihm sprachen, ließen erkennen, daß er der Wirth war. So saß er umgeben von seinen Bankgenossen und schaute zufrieden auf zwei wohlgenährte Stiere, welche von den Knechten vorbeigetrieben wurden, weil sie zu Opferthieren ausgewählt waren für ein bevorstehendes Festmahl der Landgenossen. Der Knabe drängte sich behend an einen alten Mann mit klugem Gesichte, der zur Linken des Häuptlings stand und den Worten des Herrn höflich Antwort zu geben wußte, und kündete leise seine Botschaft. „Der junge Wolf führt einen Fremden her," be

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